Verschickungsheime,  Verschickungsheime - Schleswig-Holstein

“Kinderkurheim Blinkfüer” – “2252 St. Peter/Nordsee”

Kinderkurheim Blinkfüer oHG., Nordseeheil- und Schwefelbad

Telefon:330

Träger: Schwester Erna Thurow und Herbert Strege prK

Betten: 60

Aufnahme: Knaben und Mädchen von 4-12, ganzjährig; nicht aufgenommen werden psychische und infektiöse Kranke

Preis: DM 10.- bis 12.-

Kurmittel: Seebewegungsbad, Schwefelbäder

Ärztliche Behandlung:

Indikation: Konstitutionsschwäche, Appetitlosigkeit, chronische Lymphdrüsenschwellungen, Asthma, chronische Bronchitis, Rekonvaleszenz

Unterricht: Volksschule, Mittelschule, höhere Schule

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samoes
samoes
1 Monat zuvor

Im Sommer 1976 war ich fast 8 Jahre alt. Aufgrund ärzlicher Verordnung wurde ins Kinderkurheim Blinkfüer, St. Peter-Ording, “verschickt”.
Angeblich war ich zu dünn und deshalb wohl häufig kränklich.

Ich erinnere mich an wenige Ereignisse / Ich hatte so schlimmes Heimweh.
Wir sollten Ansichtskarten an unsere Eltern schreiben. Die Postkarten wurden kontrolliert. Einer von uns Jungen schrieb in die Postkarte, dass er von seiner Mutter abgeholt werden wollte, weil er nicht bleiben wollte, er hatte Heimweh.
Die Erzieherin hat seine Karte als schlechtes Beispiel laut vorgelesen und uns befohlen, soetwas nicht zu schreiben.
Sie hat die Karte zerrissen und dem Jungen vor der gesammten Versammlung zusammengefaltet.
Daraufhin habe ich nur noch “schöne” Postkarten geschrieben. Ein größerer Junge half mir dabei, denn ich hatte gerade die 1. Schulklasse hinter mir.

An einem Abend unmittelbar vor der Abendbrotzeit stand ich hinter draußen hinter dem Haus, einfach nur so, wahrscheinlich weil ich draußen spielte.
Eine Frau vom Küchenpersonal (sie war weiß gekleidet mit Schürze und Kopftuch) kam aus dem Haus auf mich zu und herrschte mich an, was ich hier mache! Dann hat Sie mir eine Ohrfeige gegeben und mich ins Haus geführt.

Ich erinnere mich an einen Ausflug zum Strand. Wir sind eine gefühlte Ewigkeit durch die sengende Hitze gelatscht. Es gab nur sehr wenig zu trinken (wasserlösliche Limonadenplörre).
Als wir den Strand erreichten, mußte ich dringend zur Toilette. Die “Tante” ist mit mir hinter die Dünen gegangen und dort mußte ich das Geschäft verrichten, unter Beobachtung und ohne WC-Papier.
Ich konnte zu dem Zeitpunkt noch nicht schwimmen und war eher “wasserscheu”, trotzdem mußten wir uns alle an den Händen fassen und bis zum Hals ins Wasser hinein. Überall schwamm dieser gelblich-weiße Schaum auf dem Wasser. Es war eklig und ich hatte sehr große Angst, aber das wurde einfach wegignoriert, ich mußte da mit rein, auch wenn ich nicht wollte.

Zum Nachtisch gab es oft so eine Art Schokoladensuppe, die ich gar nicht mochte. Mit einem Jungen, der unbedingt abnehmen sollte habe ich heimlich Essen getauscht – er bedam immer meine Schokosuppe und ich im Tausch dafür seinen leeren Teller; ich war so erleichtert!

An einem der letzten Tage sollten wir uns Andenken aussuchen, die wir in dem Kurheim kaufen konnten. Wir standen oder saßen dazu hinter dem Haus. Alle die mit mir dort saßen, haben kein Andenken gekauft, wer will sich schon an so einen Aufenthalt erinnern.

Ich kann mich nur noch bruchstückhaft erinnern. Ich habe vor allem mitbekommen, wie andere erniedrigt und angemeckert wurden, da habe ich mich angepaßt soweit es ging, um bloß nicht aufzufallen oder irgendwie anzuecken.

Als ich mit dem Zug wieder in Hamburg-Altona ankam und meine Mutter mich auf dem Bahnsteig in ihre Arme nahm, bin ich in Tränen ausgebrochen, das erinnere ich noch deutlich. Ich habe sehr kräftig geweint

Diese 6 Wochen haben Spuren hinterlassen…..

Leider habe ich mich damals nicht getraut, meinen Eltern davon zu erzählen.

In meinen 20ern habe ich Postkarten wiedergefunden, die meine Oma mir dorthin schickte … ich habe sie alle weggeschmissen, weil die Bilder dieser Karten mich immer wieder in dieses unerträgliche “Alleingelassen-sein” und extreme Heimweh-Gefühl zurückkatapultierten.

Ich habe meinen Eltern längst erzählt, wie schlimm das war, wie schlimm sich das anfühlte, was das an Ängsten so losgetreten hat.

Bereits seit 20 Jahren recherchiere ich hin und wieder, ob ich dieses Heim irgendwie finden könnte und und heute komme ich zufällig nach langer Suche auf diese Seite. Der Kurheim-Name “Blinkfüer” hat mich paralysiert …. das war das Heim!

Als ich dann irgendwann vor einigen Monaten die Erlebnisberichte anderer las und ich immer wieder Parallelen zu meinen Erlebnissen erkannte, war ich echt erschrocken, denn ich hätte nie gedacht, daß das damals so vielen anderen gleichfalls so erging wie mir und den Kindern, die mit mir im Kurheim “Blinkfüer” waren.

Wir sind also nicht allein!