Aufarbeitung

Angst gehabt haben

1.Station der Aufarbeitung: Ein ehemaliges Verschickungskind erzählt von seinem Aufarbeitungsprozess

Heute will ich mal beginnen zu schildern, welche konkreten Spuren die Verlassenheitsangst bzw. Verlustangst wegen der Verschickungserlebnisse bei mir hinterlassen hat. Im Schlechten wie im Besseren. Nämlich welche Dinge mir geholfen haben, die Angst zu erkennen und zu bearbeiten. So dass ich mich heute freier, ruhiger und belastbarer fühle als früher. Vielleicht kann sich die eine oder der andere in diesen Schilderungen wiederfinden und nimmt etwas Hoffnung oder Anregung mit. Wir müssen wegen unserer Erlebnisse ja viel Energien in die Verarbeitung investieren und vielleicht lässt sich davon was teilen?
So geht es mir vor allem darum, zu beschreiben, dass Angst gefühlt wie eine Krake arbeitet. Durch bekannte psychosomatische Symptome wie Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Krämpfe, Verstopfung, Durchfall zeigt sie sich körperlich und bleibt nicht “nur ein Gefühl”. Hat scheinbar mit vielerlei “Armen” verschiedene Bereiche in mir fest im Griff. Durch Stress-Symptome wie panische Gedanken, Heißhungerattacken, Suchtmomente oder Suchtverhalten verschiedener Arten, Schlafstörungen, inneres Getriebensein, schwer kontrollierbare Wutausbrüche zeigt sie sich auch innerlich, seelisch. Die Reihe ließe sich noch weiterführen…. Entscheidend war für mich, dass Ängste seltener neutral oder sachlich sind, sondern oft übertreiben. Und dass sie wieder “verlernt” oder “verabschiedet” werden können. Das passiert meist in einer Psychotherapie. Weil ich dort nochmal im Gespräch Kontakt habe zu meinen Erlebnissen, kann ich sie -wenn es ein vertrauensvolles Verhältnis zur Therapeutin/zum Therapeuten gibt- nochmal betrachten, fühlen und dann begrenzen oder beenden. Das furchtbare Verlassenheitsgefühl seit diesen frühen Kindertagen sitzt tief und hat Vertrauen in Beziehungen stark beschädigt. Zuerst die Beziehung zu mir selbst, zu meinem Selbstvertrauen. Ich konnte wesentlich besser pausenlos funktionieren und die Wünsche anderer erfüllen, als mir selbst helfen. Als könnte mein eigenes Herz und mein eigener Verstand nicht gut durchdachte Entscheidungen alleine treffen. Es verging viel Zeit, bis ich die panische Angst in Schranken weisen konnte, da ich endlich erlebt hatte, dass mein Selbstvertrauen ausreicht und weiter ausbaufähig bleibt. Von da an ist das Zutrauen langsam gewachsen, wieder in längere Beziehungen zu gehen.
Gefühle und Mitgefühl gehören zum Alltag. Wenn wir darüber sprechen, kann die Angst sie nicht mehr einfach überdecken, verstecken usw. Der Kontakt zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen und zu denen meiner Alltagsbegegnungen wurde mir das Wichtigste. Schließlich sind die Entspannungsmomente im Alltag Kraftquellen. Ich musste sie überhaupt erst für mich entdecken und für meinen Alltag gut einbauen. Damit ein persönliches Alltagsgerüst entsteht, was mich ausgeglichener durch den “täglichen Wahnsinn”gehen lässt. Ich bin nicht gezwungen, ewig Opfer meines Schicksals zu sein. Das dachte ich aber lange. Jetzt bin ich wieder Handelnde in meinem Leben, weil ich einiges verstanden habe und ändern konnte. Zum Beispiel kann ich endlich auch mal Grenzen ziehen und Nein sagen, was früher ein riesiges Problem war. Natürlich wird dies ein lebenslanger Prozess bleiben, immer wieder innezuhalten, Fehler einzugestehen, neue Schritte zu gehen.
Um zu bestätigen, dass Blockaden, Panik und Angst nicht die letztlich Herrschenden in unserer Seele sind, schreibe ich. Dazu nenne ich mittendrin auch mal ein Buch oder Texte, die mir ganz praktisch geholfen haben. Der Hirnforscher Prof. Gerald Hüther hat z.B. erforscht, dass in der Kindheit erlebte tiefe Ängste wie ein Trauma zu verstehen sind. Dies hinterlässt Spuren in der kindlichen emotionalen Reifeentwicklung. Das wochenlange Heimweh prägt einen innerlichen Alarmzustand aus. Der kann danach, später, leicht “getriggert” werden, wenn wieder mal Verlassenheit erlebt wird, egal wo und wie. Denn die Erfahrung, dass Verlassenheit eine begrenzte und erträgliche Angelegenheit sein kann, fiel erstmal ersatzlos aus und wurde innerlich nur mit Alarmstufe ROT als einzige Reaktionsmöglichkeit abgespeichert. Ohne dieses starke Verlust- und Verlassenheitserlebnis wären es vermutlich z.B. meine Klassenfahrten gewesen, die Trennungserlebnisse langsam gesteigert hätten, ohne gleich quasi das Alarmsystem des Babys zu aktivieren. Das wäre dann aber im Verbund mit Freunden gewesen, also vertrauten Menschen und etwas netteren Umständen als im schutzlosen Kinderkur-Zwang. Panik &Co wäre mir erspart geblieben…
Der Artikel von Herrn Prof. Hüther dazu lautet: “Die Folgen traumatischer Kindheitserfahrungen für die weitere Hirnentwicklung”, Universität Göttingen, 2002.
Link: http://www.agsp.de/html/a34.html
Wie schon beschrieben, das Thema Beziehungsfähigkeit wurde überlebenswichtig. Da hat mir das Buch von Stefanie Stahl “Jeder ist beziehungsfähig” in vielem praktisch (!) weitergeholfen. Es gibt inzwischen auch ein Arbeitsbuch dazu von ihr mit dem Titel “Das Kind in dir muss Heimat finden”. Stefanie Stahl, Dipl. Psychologin und Psychotherapeutin, geht es darum, unser inneres Kind mit all seinen Schwächen und Stärken zu erkennen. Dazu kann man Schablonen heraustrennen und mit den eigenen Gedanken beschriften. Mithilfe von ihren Übungen und kleinen Aufgaben konnte ich verstehen, dass und wie mein inneres Kind getröstet werden muss; und dass ich jetzt als Erwachsene handlungsfähiger als damals bin. Sie schreibt sehr kompetent, humorvoll und anschaulich.Ich fand es leicht, mir selbst auf die Schliche zu kommen. Ich wünsche es uns allen, dass die Lasten der Vergangenheit sich verändern lassen und wieder Kräfte frei werden.

Gela66

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