Aufarbeitung

Flüchten – oder Anpassen und Durchhalten

2.Station der Aufarbeitung


Nach sechs Wochen, endlich wieder zuhause: Ja, die Eltern, die Geschwister und Freunde, die Schule – alle(s) da. Von außen betrachtet fehlte mir nichts Vertrautes mehr. Doch ich war anders, innerlich war ein tiefer Riss in mir entstanden, den zunächst niemand zu bemerken schien. Meine Kurerlebnisse fanden im vollen Familienalltag keine Aufmerksamkeit; meine Oma hob abwehrend die Hände, als ich ihr “ehrlich” von der Kur erzählen wollte. Dankbarkeit und Gehorsam den Eltern gegenüber zeigen war ich von zuhause gewohnt. Die diesbezüglichen Belehrungen der “Tanten” während der Kinderkur steigerten dieses Pflichtgefühl. Dankbarkeit zeigen, dass mir m eine Eltern diese “gute Kur” ermöglicht haben, darauf sollte es also ankommen. Ich stellte mit der Zeit fest, dass meine neue innere Begleiterin namens Angst bei meiner Abreise nicht im Ort zurückgeblieben war, sondern in mir an Stimme gewonnen hatte. Gut hörbar war sie, wenn ich allein vor einer Gruppe zu sprechen hatte, Schwimmen lernte im tiefen Wasser, bei Kino und Fernsehen, bei Abschieden und Reisen. Bei diesen Gelegenheiten warnte sie meistens, dass vieles sehr sehr schwer für mich sei und ich das nicht schaffen würde. Im Laufe der nächsten Zeit passierte es ab und zu, dass ich stotterte – doch wer tut das nicht, wenn er oder sie mal was Aufregendes erzählt? Vielleicht saß ich gedankenversunken manchmal still herum – doch wer wird nicht ab und an mal angestoßne und gefragt: “He, träumst du? Ich hab dich was gefragt!” Ich konnte endlich wieder in meine geliebte Schule gehen und hatte gute Noten. Dann fiel ich doch auf, ganz einfach, weil die Häufigkeit dieser Momente offenbar stetig zunahm und sich noch steigerte. Jetzt brach ich plötzlich mitten im stotternden Satz ab, meine Augen drehten sich nach oben weg. Meine Mutter erkundigte sich bei einer älteren Nervenärztin, die Absencen (kurze Bewusstlosigkeiten) diagnostizierte und meinte, das verwächst sich in der Pubertät. Sie verordnete mir zweimal täglich Tabletten, Antiepileptika.Und Termine, um mein Gehirn regelmäßig zu untersuchen; dazu saß ich allein in einem Praxiszimmer auf einem zu großen Stuhl. Mein Kopf wurde “verkabelt” und die Untersuchung konnte beginnen. Die Ergebnisse waren zum Glück jedes Mal unauffällig, mein Gehirn organisch gesund.

Ich erinnere mich, dass es oft dieselben Menschen waren, die allein durch ihren Tonfall und ihr überdeutliches Auftreten eine starke Wehrlosigkeit in mir auslösten. Ich zwang mich, diesen Begegnungen nicht auszuweichen, doch mein Körper kapitulierte bei Sätzen wie :”Wir beide ziehn das jetzt hier durch”, “Stell dich nicht so an” u.ä. Dem darin vermittelten Druck plus der (unbewussten?) Erinnerung an erlebte Bloßstellungen im Kurheim konnte ich einfach nicht standhalten. Also “flüchten” oder mich der Situation maximal anpassen und irgendwie durchhalten – das wurden meine tief angelegten Strategien zum Überleben. Die Symptome verwuchsen sich trotz der Tabletten nicht und mir wurde eines Tages gesagt, dass ich chronisch krank sei.Die Neurologin verbot mir schlussendlich den Führerschein, jeden Tropfen Alkohol, Sport an Geräten und im Wasser nur unter Aufsicht. Ich hatte nicht ahnen können, dass ich spätestens von da an meinen Körper wie einen Apparat zum Durchhalten und Funktionieren behandeln würde. Er war mir total fremd.

22 Jahre nach der Verschickung begann ich Gespräche mit einer Therapeutin. Dort verstand ich, dass mir die Folgen der Angst den Kontakt zu mir und zur eigenen Gestaltung meines Lebens versperrten. Jetzt galt es herauszufühlen, herauszufinden: Wer bin ich selbst eigentlich, was brauche ich, was will ich nicht? Wo muss ich mich wehren? Die Sechziger Jahre waren leider eine ganz andere Zeit, im Umgang mit Gesundheit und im Umgang mit Kindern, als ca. 30 Jahre später, als bereits bekannte pädagogische uhd psychologische Überzeugungen sich endlich durchsetzen konnten. Da las ich dann vom Ansatz der ganzheitlichen Behandlung in der Medizin und dass Kinder in ihrer Individualität gefördert werden müssen, damit sie zu selbstbewussten Persönlichkeiten heranwachsen. Es gab Unterstützung verschiedenster Art,  z.B. kostenlose Beratungsstellen, vielseitig ausgebildete Ärzte und Heilpraktiker, Osteopathen, Selbsthilfegruppen, Kurse zu Muskelentspannung und Gewaltloser Kommunikation. Meine Eltern beließen es bei der ersten Diagnose, sie waren damit überfordert, hatten generell wenig Zeit und hofften, es würde schon alles irgendwie gut gehen. Für mich begann ein langer Weg des Informierens und innerer Arbeit. Ich habe dadurch nicht den Ausbildungs- und beruflichen Weg gehen können, der zu mir gepasst hätte. Ich habe es geschafft, selbständig zu werden und nach vielen Jahrzehnten langsam auf die Medikamente verzichten konnte. Als ich erfuhr, dass es psychogene-nichtepileptische Anfälle gibt, die wie echte Krampfanfälle aussehen (Bundesärzteblatt 2002), wirkte das wie eine Befreiung auf mich:Nun war ich kein verstörender Einzelfall mehr und die Angst als Verursacherin belegbar geworden.

Gela66

image_pdfPDF-Datei erstellenimage_printSeite drucken
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments