Aufarbeitung

Kurkinder und der Verdacht von Medikamenten

3.Station der Aufarbeitung

Am 16.01.2021 wurde bekannt, dass der Chefarzt und Leiter des DRK-Kindersolebads Bad Dürrheim, Dr. Hans Kleinschmidt (*1905 in Fürth) Medikamententests an Kurkindern durchgeführt hat. Im Hauptstaatsarchiv Stuttgart wurde eine mit seinem Stempel versehene neunseitige Liste aus Bad Dürrheim gefunden. Sie soll viele Hinweise zu verschiedenen Medikamentenversuchen in Kooperation mit einigen Pharma-Unternehmen enthalten.

Quelle: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stz-feierabend-podcast-das-schicksal-der-verschickungskinder.19d7e2d1-bed3-4e92-9045-b32191b8651c.html
Quelle: https://verschickungsheime.de/medikamentenversuche-mit-verschickungskindern/?highlight=Bad%20D%C3%BCrrheim

Der Lörracher Kinderarzt Dr. Sepp Folberth gab 1956 bzw.1964 in neuer Auflage das Buch „Kinderheime, Kinderheilstätten in der Bundesrepublik Deutschland“ heraus. Er und zwei weitere Kinderärzte beschreiben ausführlich die pädagogischen und medizinischen Grundlagen der damaligen Zeit für einen Heimaufenthalt. Für mich und meine Kur-Spätfolgen ist folgender Satz (S.35) daraus sehr wichtig: Es sei…“sinnvoll, in der ersten Zeit einer Klimakur ein leichtes Schlafmittel am Abend zu geben und über Tag ein niedrig dosiertes Sedativum.“ Das wurde zur besseren Eingewöhnung für alle Kinder und vor allem für heimwehkranke Kinder im Sinne einer erfolgreichen Kur geraten.

Habe ich Beruhigungs- und Schlaftabletten wegen meinem ständigen Heimweh und meiner Angst bekommen? Und wenn ja, wie lange? Ich erinnere mich dunkel, dass ich farbige „Bonbons“ als Betthupferle auf Kopfkissen liegen sah. Auch lag ich mal allein in einem Krankenzimmer im Kurheim, weiß aber nicht, warum und wie lange. Geben der 6-Wochen-Rhythmus mit fester Kinderanzahl und die Abgeschiedenheit der Kurorte geeignete Parameter für Testungen ab?

Schließlich lese ich in der Dissertation von Dr. Sylvia Wagner, dass der Träger „meines“ damaligen Kindererholungsheimes, Innere Mission, es zuließ, dass Neuroleptika an den Schutzbefohlenen seines Kinderheimes in Niedersachsen getestet wurden. Mein Kinderkurheim in Bad Sachsa, ebenfalls Niedersachsen, wird in Dr. Folberths Buch mit dem Zusatz betont, dass „ein Arzt im Haus“ ist. Durch Nachforschungen weiß ich, dass dieser Mann während meines Aufenthalts parallel als Arzt und Bürgermeister des Kurorts tätig war, also von Amts wegen mit wirtschaftlichen Interessen zu tun hatte. Ich werde misstrauisch und will es nicht wahrhaben: Kann ich mich möglicherweise deshalb an keine Gesichter, Namen und Räume erinnern, weil ich sediert wurde? Können meine Krampfanfälle möglicherweise auch Langzeitfolgen der Wirkstoffe von diesen Tranquilizern sein? Und: Könnte ich als Kurheimkind auch Testobjekt gewesen sein?

Die Pharmaindustrie gehört zu den profitabelsten Branchen Deutschlands. Bis heute darf sie die Preise für ihre Medikamente allein festlegen, hat durch Apotheken und Ärzte einen verlässlichen, strukturierten Absatzmarkt. Die Krankenkassen regeln den kletternden Preisanstieg durch unser aller Beiträge. Der Contergan-Skandal zeigte mehreres auf: Medikamente wurden öffentlich beworben und ohne Zulassung verkauft (danach,1961,wurde endlich ein Arzneimittelgesetz verabschiedet). Contergan konnte als Beruhigungsmittel frei verkauft und zuvor auch an Heimkindern getestet werden.

Quelle: https://www1.wdr.de/fernsehen/planet-schule/videos/video-akte-d–die-macht-der-pharmaindustrie-100.html

Quelle: Sylvia Wagner: Arzneimittelversuche an Heimkindern zwischen 1949 und 1975.    Link: https://socialnet.de/rezensionen/27464.php

Quelle: Sylvia Wagner/Burkhard Wiebel: Verschickungskinder – Einsatz sedierender Arzneimittel und Arzneimittelprüfungen. Ein Forschungsansatz.

Link: https://sozialgeschichte-online.org/2020/08/01/verschickungskinder-einsatz-sedierender-arzneimittel-und-arzneimittelpruefungen/

Ich habe durch die Aufarbeitung verstehen lernen müssen, dass durch, während und nach meiner unnötigen Kinderkur mehrere Beteiligte Geld verdient haben. Mehrwöchige Kuraufenthalte und Antiepileptika kosten richtig Geld. Ich war vor Kurantritt gesund, wurde ärztlich als „erholungsbedürftig“ eingestuft, war nicht untergewichtig. Ich hätte hinterher eine längere psychologische Betreuung oder einfach nur einen Menschen in der Nähe gebraucht, der mir ernsthaft zugehört und mich getröstet hätte. Warum spielt das Geld/der Umsatz bei uns Kurkindern eine Rolle? Fragen, Fragen, Fragen – die mir hoffentlich noch beantwortet werden.

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