Aufarbeitung

Kurort als Erholungs- und Tatort

4. Station der Aufarbeitung

Ein Wohnort kann durch seine besonders idyllische, ruhige Lage Kurort werden. Zuerst leben dort nur die Einwohner mit ihren Gewerbebetrieben, Straßen, Grünflächen und ihrem Bürgermeister; hinzu kommen mit der Zeit immer mehr Kurgäste, Kurgebäude, Kurpark, oft eine dafür veränderte Verkehrsführung und der Kurdirektor, jedenfalls, wenn dieser Wohnort als „Bad“ oder „heilklimatischer Luftkurort“ anerkannt wurde. Zur nötigen offiziellen Überprüfung der Ortsstruktur spielt die Gesamtzahl der Kur-Übernachtungen eine wichtige Rolle. Mindestens alle 10 Jahre wird durch eine offizielle Ortsbegehung festgestellt, ob die Kurkriterien des Ortes weiterhin erfüllt sind. Wegen stets anfallender Kosten, die z.B. für den Erhalt der neu entstandenen Kur-Arbeitsplätze und Kur-Gebäude zu bezahlen sind, ist finanzielle Unterstützung nötig. Darum bezahlt damals wie heute jeder Kurgast eine Übernachtungsgebühr pro Tag: die Kurtaxe. Im Jahr 1963 hat der Kurort Bad Sachsa/Harz eine Kurtaxensumme von ca. 21.000.- DM nur durch junge Kur-Gäste aus sieben Kinderheimen erhalten.(1)

Außerdem beteiligen sich Wirtschafts- bzw. Gesundheitsministerium durch „Bäderpfennig“ genannte staatliche Förderung an den Kosten für einige Kurorte ihres Bundeslands. Der Hessische Heilbäderverband schreibt dazu, dass ab 2016 der Bäderpfennig für die Kurorte Hessens „…auf 13 Millionen Euro angepasst“ wird. Um von diesem Geld etwas zu erhalten, muss ein Kurort u.a. „mindestens 5000 kurtaxpflichtige Übernachtungen“ nachweisen. (2)

Kurorte stellen also ein umfangreiches wirtschaftliches Geflecht verschiedener Interessen dar. Der Dachverband aller Kurorte sowie die Ministerien für Wirtschaft und Gesundheit als oberste Dienstbehörde sind in dieses Geflecht mit eingebunden. Von den Fünfziger bis in die Achtziger Jahre hinein waren die ganzjährigen, sechswöchigen Kuren der Verschickungskinder eine feste Einnahmequelle für die Ortskasse. Die Abrechnung des Kinderheims über persönliche Einkäufe für mich von 1966 habe ich noch. Von 20,00 DM zugeteilter Gesamtsumme wurden hauptsächlich Ansichtskarten und Briefmarken für meine Eltern gekauft. Auffallende Ausnahme: ein „Andenken“ für 4,00 DM. Nach sechs Wochen waren 11,65 DM übrig. Ich erinnere mich, dass ich am Kur-Ende im Heim vor große Tische mit Geschirr geführt wurde. Dort musste ich für meine Eltern ein Geschenk kaufen. Ich nahm eine blaue Schale mit, ich nehme an, für 11,65 DM…. Hochgerechnet auf 50 Kinder alle sechs Wochen… Der örtliche Einzelhandel kam vermutlich gerne in dieses Heim!

Dass ein Heilbad geografisch gesehen eher abseits liegt, hat auch anders wirtschaftlich Interessierte angelockt, solche, die etwas zu verbergen hatten. Die Historikerin Dr. Olga Kurilo gab 2014 einen Sammelband mit dem Titel „Kurort als Tat- und Zufluchtsort“ heraus. Darin finden sich wissenschaftliche Beiträge zu vielen Kurorten Europas. Auf S. 8 wird gefragt: „Gewalt als Teil der Kurort-Identität – wie wird sie bearbeitet und bewahrt?“ Während der NS-Diktatur gab es z.B. in der Mittelgebirsglandschaft des Harzes besonders viele Rüstungsbetriebe mit geheimgehaltener Waffenproduktion, eine unterirdische Stollenanlage zur Herstellung von V1 und V2-Raketen, ein KZ, viele Zwangsarbeiter, Sippenhaft der Kinder der Militärs des Hitlerattentats vom 20. Juli 1944. Nur die Ortsbewohner bekamen davon etwas mit und lernten zu schweigen. (3) Dem Verein Spurensuche Harzregion e.V. und allen anderen zeitgeschichtlich Informierenden ist zu danken, dass regelmäßig öffentlich über Strukturen gelebter NS-Gewalt in Kurorten informiert wird. Nur durch Weitererzählen und Ausstellungen können wir Zusammenhänge aus der Geschichte lernen, über das, was sich nie wieder entwickeln darf.

(1)https://www.heimatmuseum-bad-sachsa.de/heimatmuseum/haeuser-erzaehlen-geschichte-n/

(2)https://www.hessische-heilbäder.de/pressemitteilungen/baederpfennig-angepasst-gemeinschaft-profitiert

(3)https://www.spurensuche-harzregion.de/?publikationen/136

 

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