Forschung,  Zusammenarbeit

Aufruf an alle Betroffenen aus Seehospiz Norderney und Borntal / Bad Sachsa

Wir, Betroffene aus den obigen Heimen führen zurzeit Gespräche mit der Diakonie Niedersachsen bzgl. der beiden Heime. Die Diakonie möchte die Geschehnisse in den Heimen abschließend aufarbeiten, daher wurde nun zur Vermittlung zwischen dem ehemaligen Betreiber, dem Diakonissen-Mutterhaus Bad Harzburg und uns eine pensionierte Richterin eingesetzt, die mit beiden Seiten sprechen und Einsicht in die noch vorhandenen Dokumente bekommen wird. Sie hat uns gebeten, bis zum nächsten Treffen alle Fragen von Betroffenen zu sammeln und wird dann versuchen, diese für uns zu klären.
Wenn Ihr selbst betroffen seid, meldet Euch bitte spätestens bis zum 10.04.2022 unter: verschickung-badsachsa@gmx.de bzw. verschickungseehospiz@gmail.com
Sabine Schwemm Landeskoordinatorin Niedersachsen


Dieser Aufruf erfolgt in Zusammenarbeit mit verschickungsheime.de auf Anfrage vom 31.03.2022

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Bruno Toussaint
Bruno Toussaint
7. Juli 2022 01:40

Zum Thema der beauftragten Richterin zitiere ich jetzt eine Ehemalige mit Kürzel M. D. aus dem Borntal.

“Solange wir Betroffenen aus den Diakonie-Einrichtungen, insbesondere Seehospiz Norderney und Kinderklinik Im Borntal (in Trägerschaft des Diakonissenmutterhauses Bad Harzburg) es nicht schaffen, unsere vorhandenen Informationen zu sammeln und GEMEINSAM darzustellen, wird die Oberin Renate Kätsch weiter ihr Spiel spielen: “…. wir haben von nichts gewusst, unsere Diakonissen haben zum Wohle der Kinder gehandelt, wir haben keine Krankenakten, wir haben keine Personalakten der Ärzte, der Schwestern, der anderen Mitarbeiter, usw. …” 

Wir haben mit einer kleinen Gruppe von Betroffenen aus dem Borntal und Birgit L vom Seehospiz. einen Fragebogen erarbeitet. Diese Fragen wurden von einer pensionierten Richterin (als Mediatorin) vorgelegt und das Mutterhaus befragt, und die Oberin Renate Kätsch und eine Diakonisse, die anonym bleiben möchte, haben die Fragen beantwortet. Tenor, siehe oben: “wir haben von nichts gewusst”. 

Wer sich aber die Mühe macht, die Auswertung der Diakonie-Dokumentation vom 20.08.21 zu lesen, wird erkennen, dass die Oberin des Mutterhauses Sr. Renate Kätsch sehr wohl um die vielen Verfehlungen der Schwestern zumindest im Seehospiz wusste. Dies ergibt sich auch aus dem vergleichbaren Interview der “Historikerin” Dr. Nicole Schweig mit der Oberin. Doch ähnlich unvorbereitet wie Nicole Schweig sowohl in die Archivrecherche als auch in das Interview mit ihr gegangen ist, hat die pensionierte Richterin den ihr erteilten Auftrag ebenso dilettantisch ausgeführt. Zumindest bei mir hatte sie sich nie gemeldet oder Unterlagen angefordert. Alles hier nachzulesen: https://350928.forumromanum.com/member/forum/entry_ubb.user_350928.2.1137217409.1137217409.1.auswertung_diakonie_niedersachsen_am_veroeffentlichten_dokumentation_zum_seehospiz_norderney-ehemalige_kurkinder_des.html?onsearch=1

Bruno Toussaint
Bruno Toussaint
19. Juni 2022 03:56

Liebe Sabine,

Drei Monate sind bereits vergangen und bisher wurde nichts über die gesamte Untersuchung in den Archiven veröffentlicht. Was war überhaupt das Ziel der Aktion, hatte sich die pensionierte Richterin auch mit den historischen Gegebenheiten der jeweiligen Heime vertraut machen können? Eigentlich gibt es viele unbeantwortete Fragen zu dieser Aktion, zumindest bei mir hatte sich die Dame nie gemeldet, obwohl ich mehrfach darum gebeten hatte. 

Grüße, Bruno

Bruno Toussaint
Bruno Toussaint
3. April 2022 19:31

Man sollte sich durchaus auch mit den Hintergründen des Aufrufs beschäftigen, damit eine rationalere Bewertung der beabsichtigten Archivrecherche durch eine ehemalige Richterin möglich ist. 
 

Die Unterschriften der früheren niedersächsischen Sozialministerin Dr. Carola Reimann sowie die der Berliner Autorin Anja Röhl mit Valerie Lenk und die von Diakonie-Vorstand Hans-Joachim Lenke zierten Ende 2020 ein Pamphlet, das sich “Letter of Intend” für die Aufarbeitung von nicht weniger als sieben Kinderheimen nannte. Die ersten Ermittlungen zum Tode von drei Kindern im Kinderheim Waldhaus in Bad Salzdetfurth war zwar spektakulär, sie brachten aber keine weitere Erhellung der Faktenlage aus

Sicht der Betroffen. Deshalb kann man hier nur von einer “Aufarbeitung light” sprechen.

So veröffentlichte die Diakonie eine vermeintlich wissenschaftliche Dokumentation auf Grundlage einer rein zufälligen Archivrecherche, deren Aussagewert niemand verstand. Das Team der Historiker Stefan Kleinschmidt und Dr. Nicole Schweig ging im einseitigen, parteiischen Auftrag der Diakonie und ohne jede wissenschaftlich abgesicherte Vorarbeit an die Recherche. Auch für die Betroffenen wurde keine weitere Absprache getroffen; sie sind bis heute außen vor geblieben.

 

https://www.diakonie-in-niedersachsen.de/pages/presse/presseinfo/dokumentation_kinderkurheime/index.html

 

Diese fehlende Zielformulierung zu Gunsten der Betroffenenarbeit lastet leider auch auf der namentlich nicht genannten Richterin, was aber offen und ehrlich gesagt werden muss. Dennoch hat der Aufruf meine Unterstützung, soweit man seitens Initiative verschickungsheime.de bereit ist, die Beschränktheit solcher Recherchen durch Fachfremde zu akzeptieren. Die Frage ist also: Wem wird geholfen, was soll erreicht werden, wer sorgt für die Unabhängigkeit der angestrebten Arbeit, wie wird es publiziert.

 
Eine einzelne beauftragte Richterin ist daher weit davon entfernt, eine unabhängige Untersuchungs-kommission verschiedener Disziplinen ersetzen oder gar vertreten zu können. Die Richterin kann auch nur Auswertungen aus Akten vornehmen, und zwar nach Prinzip Zufallsfunde. Diesbezüglich hatte ich Sabine Schwemm auch gebeten, dass sich die Richterin mit den Personen in Verbindung setzen sollte, die bereits eine Petition auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses für das Seehospiz gestellt haben. Von der Richterin gab es dazu nie eine Anfrage. Wo bleibt also der partizipative Charakter der Arbeit?
 
Diese Petition zum Seehospiz wird ab der nächsten Legislaturperiode – d.h. nach der Wahl im Oktober – im niedersächsischen Landtag in Hannover verhandelt werden. Ziel ist eine “große Lösung” zugunsten der Betroffenen zu finden, aber nur am “Modell Seehospiz”, da hier aufgrund der Aktenlage und noch lebender Zeitzeugen und vor allem durch das digitale Archiv “Seehospiz Forum” eine umfassende Auswertung der historischen Umstände durch ein interdisziplinär besetztes forensisches Team möglich ist. Die Petition, inklusive Dokumentation über das Seehospiz kann hier nachgelesen werden:
 
https://verschickungskind.de/petition-zur-veroeffentlichung-der-diakonie-dokumentation-vom-august-2021/  Eine vorangehende Auswertung der Diakonie-Dokumentation wird hier im Detail behandelt: https://350928.forumromanum.com/member/forum/entry_ubb.user_350928.2.1137217409.1137217409.1.auswertung_diakonie_niedersachsen_veroeffentlichten_dokumentation_zum_seehospiz_vom-ehemalige_kurkinder_des.html?onsearch=1
 
Letztlich geht es auch um die Frage, ob/wie die Aussagen der Betroffenen überhaupt zusammengeführt werden können. Ich selbst habe lange Interviews geführt und Recherchen angestellt. Letztlich müssten für weitere Auswertungen u. a. auch Tiefeninterviews von Psychologen geführt werden, auch eine Kommission von Ärzten und Pharmakologen müsste zugezogen werden, da sowohl im Seehospiz und damit auch in allen Heimen betriebsbedingte notorische medizinische Fehlbehandlungen vorliegen – bis hin zu vorsätzlichen Schein(pseudo)heilungen auf der Basis von Psychopharmaka (jetzt noch als Hypothese). Ebenso sind einige Heime durch Vergewaltigungen aufgefallen, was im Nachhinein eine kriminologische Untersuchung erfordert, neben Bad Sachsa betrifft dies vor allem das Seehospiz.
 
Um überhaupt etwas mehr Ordnung in das Wirrwar von Aussagen über die Geschehen in den „Kinderkurheimen“ zu bringen, sollte man sich die fundierten Aussagen von Prof. Marc von Miquel in seiner Studie zu den Heimen in NRW genauer durchlesen:
 
https://www.mags.nrw/sites/default/files/asset/document/studie-verschickungskinder_nrw.pdf
 
Ab Seite 34 geht er ausführlich auf das Thema „Verschickungskuren und Gewalt“ ein, wobei diese Aussage am wichtigsten ist: „Bezeichnend für die Schwäche der Studie ist jedoch der Umstand, dass die Autorin Nicole Schweig die zahlreichen Berichte ehemaliger Verschickungskinder nicht auswertete, obwohl darin die Gewaltanwendung von Seiten des Personals und Gleichaltriger detailliert geschildert wird“. Und dann weiter:
 
„Erst empirisch sorgfältig erarbeitete Fallstudien zu einzelnen (repräsentativen) Verschickungsheimen können die skizzierte Variationsbreite unpädagogischen und gewaltförmigen Handelns konkretisieren und im institutionellen Handlungskontext erschließen ……“.
 
Auch wenn mein Kommentar einigen Lesern zu lang erscheint, beschreibt er doch das Problem einer Archivrecherche durch einseitig beauftragte Personen, in dem Fall durch eine ehemalige Richterin. Andererseits sollte der Kommentar Ansporn sein, in dieser Sache überhaupt aktiv zu werden, solange kein Alleinvertretungsanspruch als “Bundesinitiative” für alle “Betroffenen/Opfer” erhoben wird, verbunden mit teilweise üblen Verleumdungen einzelner Teilnehmer im politischen Umfeld, was sich inzwischen bei allen Medien und Politikern herumgesprochen hat.
 
Grüße aus Berlin, Bruno Toussaint 
 
Antwort an: nc-toussabr@netcologne.de