Rezensionen

Die Akte Verschickungskinder vs. Das Elend der Verschickungskinder

Rezension – von Sabine Zeis

Die Betroffenen wollen nicht ‚beforscht‘ werden, sie wollen als Subjekte ihrer eigenen Geschichten wahrgenommen werden!“

Anja Röhl in: Das Elend der Verschickungskinder, S. 293.

An diesem Leitsatz entlang sollen zwei Bücher zum Thema, kürzlich im Abstand von nur wenigen Tagen erschienen, einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Werden sie diesem Anspruch gerecht?


1. Hilke Lorenz: Die Akte Verschickungskinder. Wie Kurheime für Generationen zum Albtraum wurden. Beltz 2021, gebunden, 304 Seiten.

Die Historikerin und Journalistin Hilke Lorenz hat sich bereits in mehreren Sachbüchern mit dem Einfluss von Kriegserlebnissen, Gewalt und totalitären Ideologien auf Kinder und nachfolgende Generationen beschäftigt. Sie ist Redakteurin der Stuttgarter Zeitung und wurde für ihren Verschickungskinder-Artikel „Ausgeliefert“ 2020 mit einem Journalistenpreis ausgezeichnet. So erfährt man im Klappentext des Buches.

Schon früh, noch bevor sich erste Verschickungskinder auf Sylt trafen, war Hilke Lorenz in das Thema eingetaucht, begleitete ein erstes Verschickungskind aus Baden-Württemberg bei seiner Spurensuche. Ab Januar 2020 lernte sie immer mehr Betroffene kennen, kämpfte sich gemeinsam mit ihnen durch Aktenberge, verbrachte viele Stunden mit ihnen, zu Hause, unterwegs und bei Heimbesuchen. Schon früh erschienen erste Zeitungsartikel darüber in der Stuttgarter Zeitung. Ein Jahr lang nahm Hilke Lorenz direkt Anteil an den Schicksalen von insgesamt sechzehn Interviewpartner*innen, erfuhr von Verschickungen an sechzehn verschiedene Orte zwischen Nordsee und Alpen.

Mit großer Behutsamkeit nähert sich die Autorin den Erlebnissen ihrer Protagonist*innen an, bezieht in ihre Betrachtung auch familiäre Hintergründe, weitere Lebenswege und ein Stück bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte mit ein. In jedem der zehn Kapitel wird der Geschichte eines, manchmal mehrerer Verschickungskinder nachgegangen, eingebettet in jeweils unterschiedliche Schwerpunkte und Hintergründe des Systems Kinderkurverschickung. Sehr einfühlsam, mit Detailwissen und Einblick in interessante Aktenbestände, wird hier immer wieder die Verbindung hergestellt zu der Person, deren Geschichte im Mittelpunkt des jeweiligen Kapitels oder Abschnitts steht.

Aus vielen Passagen kann man die große Empathie, mit der die Autorin ihre Interviewpartner*innen begleitet hat, herauslesen. Allein das ist lesenswert. Dieser Eindruck wird auch nicht getrübt durch eine kreative neue Wortschöpfung auf S. 69: Aus einer unangenehmen Hautkrankheit namens Skrofulose (früher auch Skrophulose) war durch einen Buchstabendreher gleich zweimal eine “Skorphulose” geworden… Wie zu hören war, haben alle Interviewten ein Exemplar des Buches, als Dankeschön für das gewährte Vertrauen, als Geschenk erhalten.

Und bis heute, so Andrea Weyrauch, die Vorsitzende des Vereins Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg e.V., sei Hilke Lorenz immer noch bei fast jedem Selbsthilfetreffen dabei.

Und das Buch? Wird es dem oben formulierten Anspruch gerecht? Aus Sicht der Rezensentin ohne Wenn und Aber: Die Betroffenen stehen in diesem Sachbuch ohne Zweifel als mit großem Respekt und Einfühlungsvermögen wahrgenommene Subjekte ihrer Geschichten im Vordergrund.


2. Anja Röhl: Das Elend der Verschickungskinder. Kindererholungsheime als Orte der Gewalt. Psychosozialverlag 2021, kartoniert, 305 Seiten.

Die Sonderpädagogin und Autorin Anja Röhl hatte sich viel vorgenommen: Ihr Buch über Verschickungskinder sollte das erste umfassende wissenschaftliche Werk zu diesem Thema sein.

Der wissenschaftliche Anspruch wurde auf der Webseite verschickungsheime.de über einen langen Zeitraum offensiv beworben und weckte hohe Ansprüche. So interessiert bei diesem Buch nicht nur die Umsetzung des im obigen Leitsatz formulierten Anspruches, sondern auch ein Blick auf Ansprüche wissenschaftlichen Arbeitens:

Etwa, dass die Herkunft eines Gedankens, eines Begriffs, einer Behauptung, einer empirischen Zahl benannt werden muss. Dass Quellen angegeben werden müssen. Dass sämtliche Recherchen, unter die man seinen Namen setzt, eigenhändig und selbständig erfolgt sind. Dass Recherchen, Quellenstudium und Arbeiten, die durch Dritte erfolgt sind, vollständig als solche zu benennen und kenntlich zu machen sind.

Schon beim ersten Durchblättern fallen jedoch zahlreiche Nachlässigkeiten und Fehler auf. Eine Auswahl:

  • Der Autor eines grundlegenden Werkes, auf das sich vielfach bezogen wird (Sepp Folberth) wird mal mit, mal ohne „h“ geschrieben (S. 14/15).
  • Über die Kinderärzte Viethen und Catel wird gesagt: „Beide wurden kurz nach 1945 Leiter von Kinderheilstätten, bevor sie wieder in die Universitätslaufbahnen zurückkehrten.“(S. 15). Auf Viethen trifft weder das eine noch das andere zu: Viethen war bis 1947 interniert. Erst im September 1948 wurde er nach einem Berufungsverfahren als Entlasteter eingestuft. Und erst im Mai 1949 begann seine Tätigkeit als ärztlicher Leiter von Kinderheilstätten in Berchtesgaden. Seine Hochschullaufbahn konnte er nicht fortsetzen.
  • Auf S. 252 wird für Catel sogar noch einmal präzisiert, dass er „von 1945 bis 1954“ die Tuberkulose-Kinderheilstätte Mammolshöhe leitete. Das ist nachweislich falsch. Catel verließ Leipzig erst 1946. 1947 musste er sich einem Spruchkammerverfahren stellen. Erst im Februar 1947 ging er an die Mammolshöhe.
  • Der nächste Kinderarzt, Dr. Hans Kleinschmidt (1885 – 1977), erfährt noch gravierendere Änderungen in seiner Biografie: Hier werden gleich zwei Ärzte gleichen Namens zu einem einzigen gemacht (S. 254). Diesen Fehler, immerhin, räumt der Psychosozialverlag inzwischen auf seiner Webseite ein.
  • Auf S. 37 findet sich unter „Diagnostik im Sinne des Geschäftsmodells“ ein ganzer Absatz mit Daten einer Kleinen Anfrage im Deutschen Bundestag von 1977. Dort geht es allerdings nicht um Diagnostik, sondern um Beförderungskosten für Fahrten mit der Deutschen Bundesbahn. Warum dieser Absatz unter der Diagnostik-Überschrift auftaucht, erschließt sich aus dem Text nicht. Auch sind die dort genannten Prozentzahlen (60%/55%) falsch, da die zitierte Berechnung sich auf das Jahr 1977 bezieht, die Prozentzahlen aber aus dem Vorjahr stammen. Auf S. 288f. findet sich dieselbe Rechnung aus identischer Quelle noch einmal. Diesmal unter der Überschrift „…Ökonomie und Rendite“. Diesmal passt die Überschrift, und auch die zur Berechnung für das Jahr 1977 passenden Prozentzahlen (55%/50%) sind diesmal korrekt.
  • Auf S. 42 erfährt man, dass „weit über 1.600 komplett ausgefüllte, anonymisierte und standardisierte Fragebogen“ von Verschickungskindern vorliegen. Auf Seite 189 sind es plötzlich „3.348 Betroffene“, die „den Fragebogen vollständig ausgefüllt“ haben. Eine Erklärung für diesen bemerkenswerten Zahlenunterschied findet sich nirgendwo.
  • Der ehemalige SS-Untersturmführer und Kinderarzt Werner Scheu wird mit zwei verschiedenen Geburtsjahren ausgestattet. Ein Grund wird nicht genannt. Sein Borkumer Kindersanatorium „Mövennest“ wird im Buch zu „Möwenblick“ (S. 82).
  • Auf S. 124 ist zu lesen, dass es laut Folberth 1964 in Bad Rothenfelde 14 Kinderheime und –heilstätten gab. Auf S. 131 wird für das gleiche Jahr aus der gleichen Quelle ohne Begründung eine 17.
  • Auf den Seiten 131 bis 155 ist von dem Heimkurort Bad Sachsa die Rede. Dass maßgebliche Recherchearbeiten hierfür von der Rezensentin geleistet wurden, scheint der Autorin entfallen zu sein. Zumindest findet sich nirgendwo ein Hinweis dazu. Weiterhin wird eine Heimleiterin falsch geschrieben (Krüsmannd statt Krüsmann), bei der Aufzählung von Heimen wird eines irrtümlich doppelt gezählt. Ohne ersichtlichen Grund folgen danach über zwanzig Seiten hinweg 22 (!) aneinandergereihte Zeitzeugenberichte aus unterschiedlichen Quellen, u.a. Übernahmen aus ZEIT online, ohne dass eine Zuordnung zu den Quellen oder eine Erklärung für die Menge erfolgt. Selbst ein Bericht, der mit den Verschickungskindern nichts zu tun hat, findet sich, von einem Jungen, der 11 Jahre in einem Heim der Jugendhilfe lebte.
  • Ab S. 155 wird Berchtesgaden mit seinen Verschickungsheimen vorgestellt: Die Vorstellung beginnt mit einem geschichtlichen Abriss. Die dazu gehörige Überschrift steht versehentlich nicht über, sondern unter dem Text. Im nächsten Abschnitt erfährt man, dass es 1964 in Berchtesgaden fünf Kindererholungsheime gab. Vier werden namentlich genannt, das fünfte sucht man vergeblich. Weiterhin werden zwei Heime im nahegelegenen Schönau genannt. Das ist mehr als erstaunlich, denn die Autorin hätte sich schon ein Jahr vor Drucklegung ihres Buches auf ihrer eigenen Homepage darüber informieren können, dass es allein in Berchtesgaden und Schönau zwölf Verschickungsheime gab, weitere drei im Nahbereich. Alle 15 Heime prangten sorgfältig gelistet mit Namen, Adressen, mehrfach kommuniziert und unübersehbar auf der Webseite. Verwirrend auch die darunter gelisteten Erlebnisberichte: Da wird ein alter Bericht eines Betroffenen abgedruckt, der damals noch nicht wusste, in welchem Heim er war. Das weiß er inzwischen längst, ebenso wie zahlreiche weitere Details. Eine Gelegenheit, seinen damaligen Bericht zu aktualisieren, hätte er womöglich gerne wahrgenommen. Leider hatte es die Autorin versäumt, ihn danach zu fragen, ebenso, ob er mit einem Abdruck seines Berichtes in einem Buch überhaupt einverstanden ist. Nicht anders erging es jemandem, der versehentlich einen falschen Heimnamen genannt hatte, es inzwischen aber längst besser weiß. Auch hier wurde nicht gefragt, nicht verbessert. Ein weiteres Verschickungskind hatte, ebenfalls nicht mit der Absicht, dieses unabgesprochen in einem Buch zu lesen, zweimal zu unterschiedlichen Zeiten einen Bericht ins Netz geladen. Die Berichte unterschieden sich in der Textgestaltung, nicht jedoch im transportierten Inhalt. Offenbar ohne die Berichte noch einmal zu lesen, hat die Autorin ein- und dieselbe Geschichte eines einzigen Verschickungskindes gleich zweimal hintereinander abgedruckt. Das sind peinliche Fehler, die hätten vermieden werden können, wenn man mit den Betroffenen gesprochen hätte.

Wie die Rezensentin inzwischen erfahren hat, ist offenbar niemand vorher gefragt worden. Es herrscht Fassungslosigkeit über diesen offensichtlichen Mangel an Empathie.

Und es stellt sich die Frage, was schwerer wiegt:

Die zahlreichen handwerklichen und sachlichen Fehler, die auf Überforderung schließen lassen?

Oder die Reduzierung von unendlich vielen betroffenen Verschickungskindern auf austauschbare Objekte einer Autorin, die sich an Geschichten von Menschen bedient, als seien diese Milchtüten in einem Supermarkt. Die die Autorin nicht einmal bezahlen musste, weil die vielen Verschickungskinder ihre Geschichten, ihre eigenen Recherchen aus ganz anderen Gründen, keinesfalls zur ungeprüften, unabgesprochenen Füllmasse für ein Buch, frei Haus lieferten.

Während die Betroffenen, sich in echter „Bürgerforschung“ vernetzend, austauschend, recherchierend, Puzzlestein um Puzzlestein ihrer Heimgeschichten zusammenfügend, ihre gemeinsamen Kenntnisse Stück für Stück erweitern, auf Augenhöhe zusammenarbeiten, gemeinsames Schwarmwissen in Wikipedia-Manier sammeln, müssen sie nun feststellen, dass all das in einem Buch über sie überhaupt keine Rolle mehr spielt. Ihre Erkenntnisse sind zwar vielfach Teil des Buches. Die Ergebnisse gemeinsamer Recherchen, Spurensuche und Aktenstudien sind ja vertrauensvoll, selbstlos und natürlich kostenfrei kommuniziert und weitergereicht worden.

Aber ein gemeinsames Buch war gar nicht gemeint. Die ehrgeizige Autorin wollte alles alleine machen. Was sie ganz offenbar überforderte.

Und die Verschickungskinder nahmen staunend wahr, dass die gemeinsame Bürgerforschung in der Öffentlichkeit flugs von einem „Wir“ zu einem „Ich“ mutierte.

Und sie, die Betroffenen, schon wieder vom Subjekt zum Objekt ihrer Geschichten geworden waren: Ungläubig vernahmen sie, wie die Autorin in einem dlf-Interview am 18.02.21 von ihnen sogar sprach, als seien sie ihr persönliches Eigentum: Da war die Rede von zwangsweiser Einfütterung und Gewalt. Besitzergreifend verkündet die Autorin hier: „Einen habe ich gehabt, wo sich das die ganze Nacht durchzieht.“ Und: „Eine habe ich, deren Zöpfe wurden am Stuhl festgebunden.“ „Da habe ich sehr interessante Akten gefunden.“ „Ich habe acht Kurorte beforscht.“ Als seien nicht zahlreiche Verschickungskinder eingebunden gewesen, darunter diverse Akademiker*innen, die forschten, Aktenstudien betrieben, die Unterlagen zu ihrer, zur gemeinsamen Geschichte ausfindig machten…

Und so schließt sich der Kreis. Zurück zur eingangs gestellten Frage:

Die Betroffenen wollen nicht ‚beforscht‘ werden, sie wollen als Subjekte ihrer eigenen Geschichten wahrgenommen werden.“ Wie wahr!

Ist das vorliegende Buch diesem Anspruch gerecht geworden?

Leider nicht. Wie schade.


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Verschickungsbücher-Rezension. Das war für uns sehr wertvoll.

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