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Juliane Breinl
3. Mai 2022 10:00

Ich war dort. Muss so 1982 gewesen sein, dem einzigen Foro nach zu urteilen, dass ich von dieser Zeit besitze. Ansonsten nur sehr schemenhafte Erinnerungen, weil das für mich eine wirklich traumatische Zeit war. Man schickte mich dorthin, weil ich zunhemen sollte und zu oft Angina hatte. Andere Kinder waren z.B. dort, weil sie abnehmen sollten und allein das führte schon zu grottesken Situationen. Ich wurde erwischt, wie ich meiner Tischnachbarin, die auf Diät gesetzt worden war, etwas von dem, was ich alls essen sollte, rüberschob. Dann musste ich die Leberwurst ohne Brot aufessen und trotz Brechreiz. Konnte jahrlang keine Leberwurst mehr essen. Überhaupt waren alle Mahlzeiten für mich angstbesetzt, weil wir “Dünnen” gezwungen wurden, aufzuessen. Der Schlafsaal war mein größter Horror. Ich konnte nie schlafen. Draußen rauschte der Bach, so dass ich ständig das Gefühl hatte, aufs Klo zu müssen, was ich mir aber nie getraute. Ich hatte Angst, mich weg von meinem Bett zu bewegen in dieser Burg. Und dann hatte ich Angst, dass ich entdeckt wurde von der Aufsicht, die regelmäßig mit Taschenlampe durchging, um zu schauen, ob wir auch schlafen. Also vor lauter Angst, dass entdeckt wird, dass ich nicht schlafe, konnte ich nicht schlafen.
Ich bekam bei all den “Wettkämpfen” – ob das nun Fleiß – oder Betragen war oder sportliche Leistung… nie einen Wimpel, auch wenn ich mich noch so anstrengte. Ich fühlte mich als Aussätzige die ganze Zeit, was sicher daran lag, dass ich aus einer Familie stammte, die unter Stasibewachung war – einige Tanten und Onkels im Westen, Opa ein hoher Kirchenmann, Eltern nicht bei der Partei, großer Bruder nicht in der FDJ. … Trotzdem fand ich Anschluss bei zwei Freundinnen, aber das half nicht wirklich gegen das Gefühl der Aussätzighen. Auch weil die beiden sich natürlich auch dachten, dass mit mir iregndwas nicht stimmen kann und mich also mit einem Auge misstrauisch beäugten.
Uns wurde gleich am Anfnag, bei der Burgführung, die durch den geheimen Gang ging, auch die Sage von dem Grauen Männlein erzählt. Hochdramatisch. Ich hatte also ständig auch Angst in diesem Gebäude zu sein und das hat mich noch unbewusst jahrelang verfolgt. Ich war damals 10 oder 11 Jahre alt und ein kind mit viel Fantasie.
Der Gruppendruck empfand ich als enorm und er wurde, wie ja auch in der Schule, extra benutzt, um uns zu angepassten sozialistischen Bürgern der DDR zu erziehen. Seither wollte ich nie wieder mit Gruppen wegfahren. Klassenfahrten ein waren für mich eine Horrorvorstellung und ich habe da auch immer gelitten, weil ich ja nicht mitwollte, aber musste.
Ih habe noch ein Gruppenbild aus dieser Zeit. Das hat mir ermöglicht herauszufinden, dass ich auf Burg Rauenstein war.
1984 bin ich dann mit meinen Eltern aus der DDR ausgreist und habe das tatsächlich als Flucht empfunden – weg aus diesem Land, in dem ich mich ohnmächtig fühlte und ausgegrenzt. Dass mich nicht zu einer Erwachsenen heranwachsen lassen wollte, die sich ein eigenes Bild von der Welt machen kann, die sich entfalten kann in der einer Gemeinschaft, die von demokratischen Werten getragen wird und Verantwortung für ihr Handeln übernimmt, sondern zu einem angepassten Bürgerin, die in Angst lebt, dass ihr Vater Staat nicht vertraut und sie bestraft, wenn sie beginnt, eigenständig zu denken…

Juliane
Juliane
Reply to  Juliane Breinl
3. Mai 2022 10:37

Das sind leider einige Tippfehler in meinem Kommentar. Bitte einfach drüber weglesen. 😉