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Gerhard Schmitz
Gerhard Schmitz
23. November 2021 00:33

Mit 6 Jahren war ich von Januar bis März 1960 in diesem Kinderheim zur “Kur”. Fairerweise muss ich sagen, meine Erinnerungen an die diese Zeit sind nicht nur schlechte, immerhin habe ich damals Skilaufen gelernt und denke heute gern zurück an das winzige Dorf Balderschwang, wie es noch vor der Eröffnung der Riedberg-Passstraße aussah und in dem bei der ersten Schneeflocke der Strom ausfiel, so dass wir beim Dorfkrämer regelmäßig Petroleum kaufen gingen für die Lampen im Haus.

Auch wenn in diesem Heim keine körperlichen Bestrafungen vorkamen, herrschte doch ein Klima der ständigen Einschüchterung und Furcht. Frau Löffler muss panische Angst davor gehabt haben, dass ein Kind krank wurde (und andere ansteckte). Mithilfe des Heizungssystems im Haus (Lüftungskanäle) konnte sie die Schlafzimmer im Dachgeschoss abhören. Beim geringsten Husten in der Nacht erschien Frau Löffler sofort im Zimmer, leuchtete den Kindern mit ihrer Taschenlampe nacheinander ins Gesicht und fragte in herrischem Ton, wer gehustet hatte. Meldete sich ein Kind, musste es mitkommen und im Privatzimmer von Frau Löffler schlafen. Für uns Kinder war das die schlimmste Strafe, die wir uns vorstellen konnten. Das Verschlussgitter der Lüftungskanalöffnungen in den Zimmern zu schließen war selbstredend bei Strafe verboten.
Toilettenbesuch war in der Nacht ebenfalls verboten, Begründung: Ein Kind hat eine Nacht ohne Toilettengang durchschlafen zu können! Wer doch musste, schlich auf Zehenspitzen in die Toilette und versuchte danach, die Spülung lautlos zu betätigen, denn Urin in der Schüssel hätte am nächsten Morgen sofort ein Gruppenverhör mit Strafe zur Folge gehabt.
Beim geringsten Abweichen von der Hausordnung und vom Gehorsam wurde man isoliert und für den Vor- oder Nachmittag von den Gruppenaktivitäten ausgeschlossen. Die Generalstrafe war Bettruhe. Wer nach dem “Licht aus” noch flüsterte, wurde zur Strafe in die enge dachschräge Wäschekammer geschickt und musste dort die Nacht auf einer Pritsche verbringen.
Morgens wurde sich am Laufbrunnen auf der Terrasse mit nacktem Oberkörper im eiskalten Wasser gewaschen (Abhärtung!). Wer dabei etwas auf den Boden verschüttete, wurde sofort bestraft. Logischerweise gefror das verschüttete Wasser schnell, so dass andere Kinder auf dem Eis ausrutschen und sich verletzen konnten. Auch hier sehe ich wieder die Angst, den betroffenen Eltern erklären zu müssen, warum ihrem Kind etwas passiert war. Unter dem Aspekt der persönlichen Haftung der Leiterin kann ich die strengen Verhaltensvorschriften heute zwar nachvollziehen, sie haben uns Kindern aber den Aufenthalt zu einer Quelle ständiger Furcht gemacht.
Als sprechende Anekdoten zum Schluss: Meine Eltern holten mich ab und verbrachten mit mir noch einige Tage in Balderschwang. Eines Abends erschien Frau Löffler plötzlich im Gasthof, in dem wir wohnten, weil meine Eltern sie zum Abendessen eingeladen hatten. Meine Reaktion war panischer Schrecken, weil ich davon überzeugt war, jetzt wieder ins Heim zu müssen. Erklärt wurde einem sechsjährigen Kind damals ja nichts. Noch ein Jahr später, wieder im Winterurlaub mit meinen Eltern in Tirol, saßen wir in einem Gasthaus beim Essen, als ich (so erzählten meine Eltern in späteren Jahren immer wieder) plötzlich unter den Tisch kroch und nicht wieder hervorkommen wollte. Was war passiert? Ich hatte im Lokal eine Frau gesehen, die Frau Löffler ähnlich sah und ähnlich gekleidet war. So viel zu “Spätfolgen”.