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Peter Bachem
Peter Bachem
13. November 2022 09:29

Die schöne Zeit im „Kleinwalsertal“

Als Kind war ich gesundheitlich sehr anfällig. So kam ich auf Anraten meines Kinderarztes, Dr. Angenend, am 1. Mai 1952 zur Erholung in das Kinderheim „Sonnleiten“ nach Riezlern in das „Kleinwalsertal.“

Das Kleinwalsertal hat eine Sonderheit. Es gehört politisch zu Österreich, ist aber nur von Oberstdorf in Deutschland aus über eine Landstraße zu erreichen. Als Währung galt damals, obwohl Österreich die DM. Beim Kauf von Briefmarken bei der Post wurden ausschließlich österreichische Marken ausgehändigt. Diese so frankierten Briefe mussten im gesamten Tal in österreichische Briefkästen eingeworfen werden. Briefe, die hingegen mit deutschen Marken frankiert waren, mussten in einen Briefkastenschlitz, der sich an der Einstiegstüre der gelben Postbusse befand, eingeworfen werden. Auf diese Weise konnten sie nach Oberstdorf mitgenommen und in Deutschland abgestempelt werden.

Das Kinderheim war in einem wunderschönen, weit über zweihundert Jahre alten Walserhaus untergebracht. Es lag in einem liebevoll angelegten Garten, gegenüber dem Ort Riezlern auf der anderen Seite des Flusses Breitach. Im Haus wurden die Kinder auch unterrichtet, zumindest so lange sie noch am Volksschulunterricht teilnehmen mussten. Dieser Unterricht wurde von Frau Hörmann einer ausgebildeten Lehrerin abgehalten. Selbstverständlich gab es auch Schulaufgaben. Diese wurden unter Aufsicht von Frau Hörmann anschließend nach einer Pause erledigt, eine außerordentlich praktische Angelegenheit.  

Nach dem Mittagessen war die tägliche „Liegekur“ angesagt. Sie wurde in einer unweit gelegenen „Liegehalle“ bei jedem Wind und Wetter durchgeführt. Die Halle war an einer Seite bis auf eine Brüstung völlig offen, so dass die frische Bergluft uns je nach Wetter tüchtig um die Nase blies. Wir lagen alle jeweils auf einer Liege und in eine dicke Wolldecke warm eingepackt. Für uns Kinder war diese Mittagsruhe wohl sehr erholsam, aber furchtbar verhasst, weil sie so schrecklich langweilig war. Um die Zeit zu verkürzen wurde von der Erzieherin eine spannende Geschichte vorgelesen, bis die Kinder schließlich von der guten Luft müde wurden und einschliefen. Vor der Liegehalle war auf einer gepflegten Wiese ein Spielplatz mit einer Schaukel, einer Wippe und ein Sandkasten für die Kleineren eingerichtet. Im Anschluss daran standen, wenn die Witterung es zuließ, Spaziergänge auf dem Programm; sie dauerten meistens bis zum Abendessen. Gemeinsam mit den Erzieherinnen unternahmen wir unter Leitung von Hans Specht, einem Bergbauer und Schilehrer so manche Bergtour. Bei Regenwetter spielten oder bastelten wir im Haus in der Walserstube in der ein schöner großer Kachelofen mit einer Sitzbank in einer Ecke stand.

Die Liegehalle im Winter mit den Kindern beim Anschnallen der Schier

Während der Sommerferien war ich bei meiner Mutter in Bonn. Dort traf ich mich regelmäßig mit meinem besten Freund Lothar Behrendt, um mit ihm im Garten und im ehemaligen Hühnerstell, der inzwischen mit einem kleinen Klapp Mein Freund Lothar und sein Detektor  tisch und einer Bank versehen war, zu spielen. Gemeinsam bastelten wir aus einer hölzernen ausgedienten Zigarrenkiste für jeden einen Detektor. Dieser bestand aus einem Drehkondensator, einer Spule und einem Kristall auf dem Deckel, sowie einer Antenne wozu ein dünnes Kabel diente und einem Kopfhörer. Das Ganze funktionierte ohne Strom und man konnte damit tatsächlich einen einzigen rauschenden Radiosender empfangen. Meine Kusine Heidemarie Zapke, die uns ab und zu besuchte staunte nicht schlecht über unsere Konstruktion und erzählt heute noch gerne davon. Viele Stunden beschäftigten wir uns mit meiner elektrischen Eisenbahn die von Jahr zu Jahr zu Weihnachten von meiner Mutter ergänzt wurde. Die Anlage war auf zwei großen Holzplatten montiert, sodass man diese auseinandernehmen und verstauen konnte. Doch immer, wenn die Ferien zur Neige gingen, freute ich mich schon wieder auf meine neue Heimat in den geliebten Bergen.

Neben dem Kinderheim stand eine Scheune, in die ein Bauer im Frühsommer und im Herbst mit seiner Frau und seinen Kindern die Heuernte einbrachte. Auf den Hügeln und Hängen war reine Handarbeit angesagt. Das hohe Gras wurde ausschließlich mit einer großen Sense, die regelmäßig mit einem Schleifstein geschärft werden musste, geschnitten. Anschließend wurde das gemähte Gras gleichmäßig verteilt und mit einem breiten Holzrechen von Zeit zu Zeit gewendet. Das so entstandene Heu wurde anschließend von Hand auf Holzständer (Heumandel) gehängt, die jeweils zuvor in die Wiese gesteckt werden mussten. Schließlich wurde das Heu mit Seilen und handgefertigten Holzösen zusammengebunden und auf dem Rücken in die Scheune getragen. Für mich war es immer eine große

Freude dem Bauern und seiner Familie bei seiner Arbeit helfen zu dürfen. Auch im Kuhstall gab es reichlich Arbeit, wenn er ausgemistet, das frische Heu hineingetragen, oder die Kühe gemolken werden mussten. Manchmal durfte ich mit in den Wald, wenn Tannen gefällt werden mussten und es darum ging, die Rinde von den Stämmen zu lösen. Im Winter mussten die Holzstämme mit Pferdeschlitten durch den Wald und über verschneite Wege abtransportiert werden. Im Herbst 1952 war für mich das vierte Schuljahr beendet und es stellte sich nun die Frage, ob ich nach Bonn zurückkehren sollte. Wein Wunsch war es unbedingt in den Bergen bleiben zu wollen. Allerdings nur, wenn ich an den nachmittäglichen Liegekuren und den langweiligen Spaziergängen nicht mehr teilzunehmen hatte. Mein sehnlichster Wunsch wurde schließlich nach Absprache zwischen meiner Mutter und der Heimleitung, bestehend aus „Tante Sönnchen“ und „Tante Olga“ erfüllt.

Am Ende des Ortes Riezlern in Richtung Hirschegg stand direkt hinter der Breitachbrücke ein einzelnes Haus, in dem in der ersten Etage ein „Zwerggymnasium“ untergebracht war. Die Schule befand sich in der Privatwohnung des Lehrers Herrn Engels. Dieser

                 Das Zwerggymnasium          hatte einen kleinen Raum als Schulklasse eingerichtet. Dort befanden sich in der Mitte ein rechteckiger Tisch mit fünf Stühlen und davor eine große Tafel. Die vier Schüler Jutta, Hans, Kai und ich waren die einzigen Schulkinder im Kleinwalsertal, die die Sexta im „Gymnasium“ besuchten. Es gab sechs Schulfächer: Deutsch, Englisch, Mathematik, Biologie, Erdkunde und Musik. Häufig fand der Musikunterricht im Wohnzimmer des Lehrers Herrn Engels statt, weil dort sein Klavier stand.

Der Unterricht begann morgens um 8 Uhr und endete bereits um 11 Uhr. Um den gesamten Stoff zu vermitteln, waren wegen der geringen Anzahl der Schüler täglich nur drei Unterrichtsstunden mit je drei Fächern erforderlich. Eine Unterrichtsstunde dauerte jeweils 55 Minuten, gefolgt von einer fünfminütigen Pause. Das war für uns Kinder eine super Sache, denn dadurch hatte ich anschließend nach Erledigung der Schulaufgaben im Kinderheim viel Freizeit.

Im Erdgeschoß des Hauses hatte der Wagenbauer Herr Matt seine Werkstatt. Er betrieb ein Handwerk, das heute fast ausgestorben ist. Ich besuchte ihn fast täglich nach dem Unterricht. Gerne schaute ich ihm zu, wie er geschickt ein Wagenrad reparierte, einen kompletten Heuwagen oder einen Hörnerschlitten aus Tannenholz baute.

Da Lehrer Engels protestantisch und sein Sohn Pfarrer in Hirschegg war, fand der katholische Religionsunterricht in der Dorfschule in Riezlern bei Kaplan Roderich Milchner statt. Schnell war dadurch der Kontakt zur Dorfjugend hergestellt, wobei peinlichst darauf geachtet wurde, dass auch alle Kinder sonntags zum Hochamt in der Kirche erschienen. Streng voneinander getrennt, saßen die Mädchen auf der linken und die Jungen auf der rechten Seite der zweireihigen Kirchenbänke. Zu Beginn der Messe standen die Männer des Ortes vor der Kirche und diskutierten bis schließlich die Predigt beendet war. Erst danach gingen sie zum Leidwesen des Priesters zur Messe, um anschließend die gemütliche Wirtshausstube im Riezlerhof aufzusuchen.

An besonderen Feiertagen wie Ostern, Pfingsten oder Fronleichnam trugen sowohl die einheimische Jugend als auch die Erwachsenen eine wunderschöne Tracht, wobei die unverheirateten Frauen eine glitzernde, goldfarbene Krone und die verheirateten Frauen eine große Kopfbedeckung aus Biberpelz trugen. Witwen trugen einen schwarzen Hut. Auch ich ging regelmäßig in der dort üblichen Tracht mit einer ledernen Kniebundhose, den passenden Trachtenschuhen und einer Trachtenjacke zur Kirche. Nach der heiligen Messe spielte die Dorfkapelle vor der Volksschule zur Freude der damals noch wenigen Touristen.

Hans Specht stammte von einem Bauernhof im Zwerwald. Hans leistete, wenn er auf dem Hof seine Arbeit beendet hatte, im Kinderheim hilfreiche Dienste. Er kümmerte sich um die Heizung, führte Anstreicherarbeiten durch, reparierte Zäune und hackte Holz für den nahenden Winter. Sobald ausreichend Schnee lag war er zusätzlich für die Kinder als Skilehrer und für mich als Trainer tätig. Da es zu jener Zeit im gesamten Walsertal nur drei Skilifte gab und die Pisten nicht präpariert wurden, durften wir Schüler, wenn Neuschnee gefallen war, zunächst mit unseren Schiern die Übungshänge treten. Als Gegenleistung gab es zu unserer Freude Freikarten für den Pasenlift.

Es dauerte doch eine geraume Zeit, bis ich so gut Skilaufen konnte, dass ich mit der Dorfjugend mithalten konnte. Die Besten wurden besonders gefördert, gab es doch im Tal große Vorbilder wie Gebhard Schuster und Gebhard Hildebrand. Aus einer Jugendgruppe stammten auch die Brüder Hias und Luggi Leitner aus Hirschegg, die einige Jahre später über die Grenzen hinweg sehr bekannte Schirennläufer wurden. Neben dem Skilaufen erlernte ich auch auf der „Köpfleschanze“ das Schispringen, die fast unmittelbar neben dem Bauernhaus von Schilehrer Hans im „Zwerwald“ stand, an der auch zusätzlich eine Jugendschanze vorhanden war.

Es war für mich einfach ideal nachdem Unterricht und nach Erledigung meiner Schulaufgaben den ganzen Nachmittag mit den Freunden Skilaufen und Schispringen zu können, oder im Sommer durch die herrliche Natur und die Wälder zu streichen.

Bis einschließlich zur Quarta durfte Lehrer Engels den Unterricht in Riezlern erteilen. Danach musste entschieden werden, ob ich jeden Tag mit dem Postbus nach Oberstdorf zum Gymnasium zu fahren hätte. Dies wäre ein langer Schultag gewesen, wenn man bedenkt, dass der Unterricht nun sechs Stunden dauern würde und anschließend mit dem Bus wieder zurück nach Riezlern gefahren werden musste. Hinzu kam, dass zusätzlich noch die Hausaufgaben zu erledigen waren. Da dies keine ideale Lösung war, traf meine Mutter für meinen weiteren Werdegang eine wirklich gute Entscheidung.

 

 

D.P.
18. Juli 2022 18:58

Hallo,
ich glaube ich war dort im Januar/Februar 1989. Für mich war es keine schöne Zeit dort. Ich weiß noch, dass lebhafte Kinder nachts aus dem Zimmer gezerrt wurden und die Nacht dann im kalten Waschraum auf einem Hocker sitzend verbringen mussten.
Man wurde wg. Kleinigkeiten ausgeschipft. Geschlagen wurde ich nicht. Mir wurde aber selbige angedroht, da ich Fingernägel gekaut habe.
Mit grausen erinnere ich mich an diese Waschräume und die Mehrbettzimmer mit den “Gefängnisbetten”. Diesen Kuraufenthalt bzw. das Kurhaus habe ich später immer als meine Zeit im Kindergefängnis bezeichnet.

Oli
Oli
27. Dezember 2021 14:10

Hallo Elisabeth,
bei mir war es im Winter, vermutlich 1968. Das Schlimmste waren der Zwang das Erbrochene wieder aufessen zu müssen, die Strafen beim Bettnässen (eine Nacht auf einer Holzbank ohne Unterlage) sowie das eiskalte Abduschen bis die Kinder umkippten.
Es war die reinste Demütigungs- und Horrorveranstaltung.
Ich würde mich gerne mit weiteren Betroffenenn des ehemaligen Hauses Sonnleiten austauschen. Aufmerksam auf die Aufarbeitungsvereine wurde ich durch einen Artikel in der Rheinischen Post in diesem Jahr. Offenbar gibt es im Einzgugsgebiet NRW keine Verschickungskinder ins Kleinwalsertal, Haus Sonnleiten.
Ich freue mich daher auf Antworten auf dieser Plattform.
Viele Grüße
Oliver
PS: ich hatte schon einmal vor ca. 4 Wochen einen Kommentar geschreiben, leider ist der nicht im System gespeichert worden.

Elisabeth
Elisabeth
28. Oktober 2021 16:48

Ich war im Oktober 1957 als 4 1/2 Jährige 6 Wochen lang im Kinderheim “Sonnleiten”. Gibt es noch weitere Frauen/Männer die in diesem Heim waren.

luigi
luigi
Reply to  Elisabeth
28. September 2022 20:11

hallo jederman,
ab 1963 bis 1970 hab ich mindestens 3 wochen im august im kinderheim sonnleiten verbracht. hab aber ganz andere erinnerungen. tante liese, tante emilie, onkel uli, arwid, eine wunderbare dagmar, wolfgang.jella, schoene spaziergaenge, ein theaterspiel von uns kinder erarbeitet und aufgefuehrt. es wat nicht leicht fuer mich, kleiner 4-jaehriger italiener, deutsche kinder kennezulernen, aber es hat sich sehr gut entwickelt.