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Hans Bandermann
Hans Bandermann
27. Februar 2022 15:57

1954 war ich elfjährig 6 Wochen in den Sommerferien im Haus Heckenrose untergebracht. Es war eine Baracke, was wir jedoch nicht sagen durften, offiziell war es ein Holzhaus. Es sollte dem damaligen Bürgermeister von Norderney gehören. Im angrenzenden Schuppen, in dem die Strandutensilien lagerten, war ein riesiges Hakenkreuz an der Wand. Wir wurden alle sofort nach der Ankunft gewogen, bis auf ein Kind (Heute würde man sagen es war bulimös) hatten wir alle zuzunehmen. Entsprechend ging es bei den Mahlzeiten zu: morgens Haferschleim ohne Ende, mittags meist wenig schmackhaftes Essen, zum Nachtisch oft Sagopudding (Froscheier genannt), der, da immer alles verzehrt werden mußte, viele zum Erbrechen brachte.
Abends Brot mit Wurst und furchtbar zähem Käse, der regelmäßig von uns heimlich in der Toilette entsorgt wurde, bis diese Verstopft war und der Klempner eine Menge Käse da herausholte. Zu den kleineren Kindern wurde immer ein älteres Kind als “Aufsicht” an den Tisch gesetzt. Wenn dann eines der Kleinen erbrach, mußte die “Aufsicht” das beseitigen, was bei mir regelmäßig ebenfalls zum Erbrechen führte.

Zum gemeischaftlichen abendlichen Duschen mußten wir uns komplett entkleiden, jeweils eines der “Fräulein” war im Badeanzug dabei. Bis ältere Jungen (15, 16 Jahre) meuterten, indem sie verkündeten, nur noch nackend zu duschen, wenn das Fräulein sich ebenfalls auszieht. Das war erfolgreich, bis auf die ganz Kleinen duschten wir fortan in Badehose.

Abgehende Post wude natürlich kontrolliert, bei unliebsamen Äußerungen über die Zustände im Heim bekam man den Brief zurück. An die Rückwand der Baracke grenzte ein Schulhof, dort waren regelmäßig Kinder, da sie noch keine Ferien hatten. Wir haben Briefe verfaßt und einigen dieser Kinder gegeben mit ein paar Münzen für Briefmarken und sie gebeten sie zu frankieren und einzuwerfen. Das hat so gut funktioniert, daß 3 Tage später mehrere Elternpaare auftauchten, um ihre Kinder in “Sicherheit” zu bringen.

Geschlagen wurden wir nicht, das hätte ich nicht vergessen. Schlimm war der Mittagsschlaf, alle mußten im Schlafsaal auf der selben Seite liegen, damit man sich nicht ins Gesicht sehen konnte. Nachts hatte jeweils ein Fräulein Nachtwache, sie befand sich in einem kleinen Raum neben dem Schlafsaal, wenn man zur Toilette wollte, mußte man sich bei ihr die Erlaubnis dazu holen. Eines abends bekamen wir mit, daß das Fräulein Besuch von seinem Freund hatte, das führte dazu, daß alle 5 Minuten ein Kind zur Toilette mußte und als kleine Rache das Schäferstünchen störte.

Positiv habe ich die sehr schönen Strandaufenthalte in Erinnerung. Eine sehr wichtige Erfahrung war für mich, daß man sich durch solidarisches Handeln auch als Kind ein wenig zur Wehr setzen kann.