Verschickungsheime,  Verschickungsheime - Nordrhein-Westfalen

Kindersanatorium Haus Bernward – Bonn-Oberkassel

Kindersanatorium „Haus Bernward“, Bonn-Oberkassel, Bernhardstr. 25,

Tel.: 02221/441170

Gründerin: Frau Dr. Brinch-Toft, Ende der 30er Jahre

Privater Pächter und leitender Arzt ab dem 7.7.1960: Dr. Otto Heinrich Müller

Betten: 66

Belegung: hauptsächlich durch den Landschaftsverband Rheinland

Indikation: Infektionsschäden, Herz- und Kreislaufschäden, Rachitis und deren Folgen, inaktive Tuberkulose, Ernährungsschäden, Asthma-Erkrankungen, Ekzeme, neurotische Fehlhaltungen (Bettnässen)

Aufnahme: Jungen und Mädchen von 4-13 Jahren

Schließung: 6.8.1976

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Karola_Berlin geb. Langenhoefer
Karola_Berlin geb. Langenhoefer
8. April 2022 18:52

Hallo,
Weiß nicht mehr genau, ob es das Kinderheim war, in dem meine Schwester und ich
für fast ein halbes Jahr1954 waren. Aufgrund von einer Lungenerkrankung meiner Schwester.
Unsere Eltern haben regelmäßig Pakete geschickt, welche wir nie erhalten haben. Auch Geld für neue Kleidung und Schuhe wurden anderweitig verwendet. Die Erziehungsmethoden waren schlimm. Das Heim wurde von Nonnen geführt. Wenn man nicht das Frühstück mochte, wurde
mit einem Hund gedroht, der in einem Zwinger im Garten war. Wenn man sich abends nicht richtig gewaschen hatte, wurde der komplette Kopf in kaltes Wasser getaucht. Da meine Schwester sich wehrte, schlug sie mit der Hand in die obere Glasablage,; die Narbe hat sie heute noch.
Unsere Eltern haben von diesen Methoden nie etwas erfahren. Allerdings an unserem Verhalten.
Da dies schon so lange her ist, weiß ich nicht, ob noch irgendwelche Unterlagen existieren….
Ich weiß nur noch, dass unsere Eltern eine Beschwerde eingereicht haben.

Michael
28. Oktober 2021 17:34

Mein genaues Aufenthaltsjahr kann ich nicht mehr sagen. Ich denke ich muss so elf Jahre alt gewesen sein, also 1970 oder 1971.

Ankunft erster Tag, unvergesslich. So gegen Mittag, 13:00 schätzungsweise. Alle Kinder wurden in einen Spielkeller gesperrt. Ein Haufen Spielzeug, ein Klavier. Ein oder zwei gelangweilt wirkende Tanten, die ab und zu wechselten. Kein Essen. Hunger, Durst. Bis zum Abend immer mehr Ankömmlinge die dazu gesperrt wurden. Kein Essen. Hunger, Durst. Einteilung in Gruppen, Zuweisung der Betten.

In den nächsten Tagen, das immer sehr einfache und fast gleiche Essen. Als es mitten in der Aufenthaltszeit mal eine Weiße-Bohnensuppe gab, war das so ein Highlight, das verschiedene Kinder so oft Nachschlag nahmen, bis der Magen es rückwärts schickte. Kein Witz! Wir waren ja so froh, dass es mal “etwas Anständiges” gab.

Nachtisch grundsätzlich Wackelpudding. Oft war die “Götterspeise” mit Mehl gestreckt, trübe, mehlig und voller Klümpchen. Was für einen Ekel ich DAVOR empfand!

Jeden Abend Butterbrote mit Blutwurst aus dem großen Eimer. Sie schmeckte wie ich mir schlecht gewürztes Hundefutter mit Blut vorstelle. Auch davor hatte ich tiefen Ekel.

Irgendwann kam die erste Untersuchung durch Doktor Müller.

Wie man sich eine Musterung im Arbeitslager vorstellt! EINMAL erklärte Doktor Müller, dass man ihn nicht anschauen dürfe. Tat man es in der Folge doch, gab es eine saftige Ohrfeige.

Stattdessen hatte man einen älteren Mitinsassen an zu schauen der seitlich mit einer Hotelklingel ausgestattet, auf einem Stuhl saß. Man hatte ihm in die Augen zu starren. Verlor man den Augenkontakt, drückte er die Klingel und es wurden Striche beim Namen des Patienten gemacht. – Ob daraus später Repressalien resultierten, weiß ich nicht mehr.

Wie oft wir untersucht wurden weiß ich nicht, aber ich meine es war so einmal die Woche. Der Arzt wird sich kaum übernommen haben.

Irgendwann ging es zum ersten mal in einen Teil des Kellers, den ich heute als Kammer des Schreckens bezeichnen würde. Jungen und Mädchen mussten in einer Reihe stehend und die Hosen bereits bis auf die Knie herunter gelassen, sich auf eine Liege zu bewegen, auf welche wir uns bäuchlings legen mussten. Dann bekamen wir Injektionen unbekannten Inhalts ungefähr auf Beckenhöhe links und rechts neben die Wirbelsäule gesetzt. Eins zwei drei vier Stiche links, eins zwei drei vier Stiche rechts. Diese Injektionen gab es in der Folge jedes mal wenn man wie ich ins Bett gemacht hatte. Vor lauter Angst versuchten wir nachts wach zu bleiben und nicht ins Bett zu machen.

Auf Schamgefühl wurde keine Rücksicht genommen. Als die Prozedur zum zweiten mal anstand, bat ich die Jungs aus der Gruppe sich ein wenig zurück zu ziehen, damit die Mädchen sich mit ihren herunter gelassenen Hosen nicht so vor uns schämen mussten. Dafür wurde ich natürlich zusammen geschissen, aber dann ließ mich die „Tante“ doch gewähren.
Schließlich waren wir die Spritzen gewöhnt und die Angst nicht mehr so groß. Aber trotzdem würde ich heute gerne mal wissen was drin war und welche Art von Therapie das wohl gewesen ist.

Eine Tante war recht beliebt. Sie hatte immer Nachtdienst, aber irgendwie mochten wir sie alle gern. Eine sympathische Ausstrahlung hatte sie für uns. Aber sie war die welche nachts, wenn sie meinte daß jemand gestört habe, ihre Schuhe auszog und damit die Kinder verprügelte. Sie machte wohl auch die Notizen bezüglich erwischter Bettnässer.

Die Laune der Tanten war allgemein nicht gut. Vermutlich waren sie mit den Umständen auch nicht zufrieden, aber sie brauchten den Job.

Als mein Papa mir eine Riesenfreude machte und mir ein Geschenkpaket samt Briefchen schickte, Inhalt eine Tüte Gummibärchen, eine Tüte Katjes und noch ein paar Kleinigkeiten, wurde dieses sofort von einer Tante geöffnet, der Inhalt in eine große Kiste oder Glas entleert und ich bekam den Brief und die Gummibärchen. Als ich protestierte und einwandte dass es sich um MEINE Sachen handele hieß es, das geht nicht daß ein paar Kinder etwas bekommen, und die anderen nicht. In den kommenden Tagen sah ich die selbe „Tante“ sich an dem Glas bedienen. Meine Katjes hatten es ihr angetan! – Kinder beklauen, anstatt sich selbst Katjes zu kaufen!

Ich durfte nach hause schreiben. Dort sprach ich Klartext und berichtete dass ich am ersten Tag hungern musste usw. Mehrmals ging ein Lachen über das Gesicht der Tante, die den Brief zensierte. Sie war, so denke ich heute, völlig meiner Meinung. Trotzdem musste ich den Brief so oft neu schreiben, bis er den Bedingungen der Zensur entsprach.

Zu einer anderen Gelegenheit bekamen wir eine Postkarte ausgehändigt, welche das wunderschöne Nachbargebäude zeigte. Den Wohnsitz des Doktors.

Darauf stand: „Haus Bernward“. Ich habe gar nicht erst versucht zu schreiben, um welche dreiste Lüge sich das handelt, sondern es den Eltern später erzählt. Mit dem Bau in welchem wir hausten, hatte diese herrliche Villa NICHTS zu tun!

Ich wurde krank. Fieber, Magen-Darm. Ich kann es nicht anders beschreiben, ich habe um mich geschissen. Die dreckige Wäsche wurde nicht etwa der Reinigung übergeben, sondern einfach zum Eintrocknen zwischen die saubere Wäsche in meinen Koffer gelegt. Dort durfte sich vor sich hin gammeln, bis meine Mutter den Koffer ein paar Wochen später wieder auspackte.

Der Doktor sah mich in der Zeit nicht einmal an.

Ich wurde wieder krank. Furchtbare Halsschmerzen und blutige Stücke die ich nachts ausspuckte. In meiner Not schmierte ich sie hinter dem Bett an die Wand. Ein Glück, dort hing so eine Bastmatte, die man sicher irgendwann entsorgt hat.

Der Doktor sah mich in der Zeit nicht an.

Irgendwann wurden wir vor eine riesige „Höhensonne“ gestellt. In besagtem Folterkeller. Alle Kinder ausziehen, Nivea-Creme ins Gesicht, eine Sonnenbrille auf und zu fünft oder zu sechst vor den riesigen Quarzstrahler.

Die Prozedur wurde ein paar Mal wiederholt, dann ging es nach Hause.

Die Eltern bei der ersten Begegnung entsetzt. Ein spindeldürres Kind stand vor ihnen, welches in der Zeit des Kinderheimes furchtbare, blutrünstige Lieder aus der sogenannten „Mundorgel“ zu singen gelernt hatte. – Ich denke, da ließ die Nazizeit noch mal so richtig grüßen!

Der kopfschüttelnden Kinderärztin vorgestellt, die bemerkte dass ich in den sechs Wochen ein paar Kilogramm abgenommen hatte.

Ich hab´s gut hinter mich gebracht. Ich denke ich habe keine Schäden davon getragen, wenn ich auch mein Leben lang immer wieder diesen Namen „Haus Bernward“ geträumt habe. Bis ich anfing zu recherchieren. Ich war ein paar mal in den letzten Jahren dort und ich wundere mich jedes mal was für eine zauberhafte „Location“ das heute ist. Ich würde das Haus gerne mal begehen. Leider von einem hohen Zaun umgeben und nicht sehr gut einsehbar.

Das Potenzial wäre da gewesen, um ein paar arme Kinder mit Problemen eine glückliche Zeit zu bereiten und sie gut erholt zu ihren Eltern heimkehren zu lassen.

Aber wenn man Kinder in die Hände solcher „Lagerärzte“ gibt, muss man sich über das Ergebnis nicht wundern!

Was haben sich die damaligen politisch Verantwortlichen nur dabei gedacht, so etwas zu genehmigen? Wo war die Aufsicht? Wer gab das Geld für so etwas aus ohne wirksam zu kontrollieren wie es verwendet wird beziehungsweise ohne Rechenschaft zu fordern?

Alles Gute für Euch!

Herzlichst Michael

H.Sobek
4. Mai 2021 21:54

Ich war auch 1966 dort, und welche Hilfe bieten Sie an? War 6 Jahre alt! Die einzige anständige Person war Schwester Edith als unsere Betreuerin. Der Arzt war ein gelernter Sadist und soll in der Hölle schmoren.
Haus Bernward 1966!

Michael
Reply to  H.Sobek
2. November 2021 19:23

Es tut mir sehr leid, Deinen Bericht zu lesen, aber ein bisschen mehr Sachlichkeit in der Schilderung hätte unserer Sache mehr geholfen!

H.Sobek
Reply to  Michael
2. November 2021 20:23

Welche Sachlichkeit? Die roten Pillen aus der silbernen Dose, die Spritzen in den Rücken, der Familienbesuch, der nicht zu mir durfte, den ständigen Durst, den man erleiden musste, die elterlichen Geschenke, die einbehalten wurden??

Also, was wäre da noch dran zu ändern, oder was soll eine detaierte Beschreibung eines damals 6 jährigen bewirken?

sobek-h@web.de

Holger Sobek
Reply to  H.Sobek
22. Juni 2022 19:20

Ich kann mich als 6 jähriger sogar noch an das Fahrzeug erinnern, mit dem wir vom Bahnhof abgeholt wurden: Ein roter Ford Transit, 1. Generation. Wie geschrieben war als menschlich – nur – Schwester Edith einzustufen. Schön war nur der Ausflug ins Siebengebirge, da wusste man, man ist hier eher frei, wenn auch nur für kurze Zeit.
Ich war im Sommer 1966 für 6 Wochen in dieser Einrichtung, hatte dort Windpocken bekommen, Spritzen im Rücken, besonders wenn man sich eingenässt hatte, jeden Morgen die roten Pillen aus der grossen silbernen Dose und Schläge mit dem Holzschuh. Hunger und besonders Durst waren ständiger Begleiter, das ich in der Nacht sogag die Waschlappen der Mitleidenden aussaugte.

Michael
Reply to  H.Sobek
3. November 2021 07:52

Dankeschön!
Das meinte ich, ein paar der schrecklichen Dinge nennen, damit man weiß worüber zu Recht geklagt wird.
Darum habe ich alles was mir im Gedächtnis geblieben ist berichtet. Als ich meiner Ehefrau zum ersten Mal davon erzählte sah sich mich an und meinte, sie müsse in einer anderen Zeit geboren worden sein. So etwas könne sie sich nicht vorstellen.
In der Tat war sie zehn Jahre jünger und mit völlig anderen Vorstellungen aufgewachsen als ich.
Das Leben hat mir mit meiner jetzigen Ehefrau noch einmal ein Kind geschenkt. Eine zweijährige Tochter, die ich hüten werde wie meinen Augapfel! Niemals wird ihr so etwas zu stoßen wir uns damals! Nicht so lange ich lebe.
Alles Gute für Dich!

Birgitt Schlangen-Heikamp
Birgitt Schlangen-Heikamp
Reply to  H.Sobek
19. Oktober 2021 21:28

Ich war 1976 dort, 8 Jahre alt und völlig verängstigt. Dort alleine bleiben zu müssen. Essen Haferschleim und nudeln mit Zucker oder Ketchup. Sonst nichts. Unsere Post wurde geöffnet und durfte nur unter Aufsicht beantwortet werden. Grausame Leitung, strenge Schwestern. Kinder wurden eingesperrt, weil sie vor Hunger die Pakete der anderen aufbrauchen. Kein kleiderwechsel, Toilette alle zusammen und ein völlig verwirrter Arzt. Ich werde die Zeit nie vergessen. Meine Eltern haben mich nach drei Wochen da raus geholt. Danach war das Ding zu. Das viele Geld mal abgesehen. Ich wurde danach sehr krank. Sowas darf und durfte nie geschehen

H.Sobek
Reply to  Birgitt Schlangen-Heikamp
2. November 2021 20:39

Unser Luxus waren Schmalzbrote und rote Pillen, vermutlich um uns ruhig zu stellen. Aber im großen und Ganzen ist es mir genau so ergangen. Später zu Hause habe ich gedacht, ich wäre in einer ausgetauschten Welt, eben als 6 jähriger.
Heute bin ich Frührentner wegen Rücken-OP´s. Woher das wohl kommt?

Gruß aus Krefeld