Literatur,  Rezensionen

Kinski…über seinen Heimaufenthalt

In seiner Biographie “Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund” schreibt Klaus Kinski über seine Zeit in einem Kinderkurheim…

Sicherlich ist Kinski ein Streitobjekt. Vor allem, da er ein bekennender Pädophiler war und es auch bekannt ist das er junge Mädchen bevorzugte. In seinem Buch schildert er auf Seite 45 bis 47 seine Erlebnisse, die allerdings von seinen älteren Brüdern angezweifelt werden.
Es wird gemutmaßt das er diese “Erinnerungen” eher aus der russischen Literatur übernommen hat. Ebenfalls ist seine Aussage über seine Eltern falsch….keine Familie am unteren Rand der Gesellschaft, sondern die Mutter eine Lehrerin und der Vater ein ehemaliger Apotheker der durch die Wirtschaftskrise arbeitslos war.

Jedoch sind seine Zeilen zur “Kinderhölle” für viele von uns Verschickungskinder nicht unbekannt. Wir haben sie teilweise ähnlich erlebt….

Kinderhölle

Ich werde in ein Heim verschickt, weil ich noch nicht zur
Schule gehe und damit die anderen mehr zu essen und mehr
Platz zum Schlafen haben. Vor allem aber, weil meine Mutter
so naiv ist und glaubt, daß ich in dem sozialen Kinderheim
endlich genug zu essen kriege. Dieses sogenannte Heim, das
sich 50 Kilometer außerhalb Berlins befindet und das in Wirk—
lichkeit so etwas wie ein Zuchthaus für kleine Kinder ist, nenne
ich die Kinderhölle.

Die Folterknechte, die uns »betreuen«, sind unbefriedigte
sadistische Weiber. Sie schlagen uns mit Rohrstöcken auf die
Hände und über den Kopf, wenn wir den Fraß nicht
herunterwürgen können. Ich werde nie begreifen, was diese
entmenschten Menschenschinder dazu treibt, uns zu zwingen, Fettstücke
zu schlucken, deren penetranter Geruch oder bloßer Anblick
mich schon zum Erbrechen bringt.

Eine schmierige Vettel stellt einen vollen Teller vor mich
auf den Tisch. Sie hat den Daumen bis zum Handgelenk in
der grauen Suppe, in der weiße, wabblige Fettstücke herum-
schwimmen. Der Teller ist bis zum Rand gefüllt und die Suppe
schwappt über. Ich muß mich übergeben und kann nichts essen.

Wir müssen so lange sitzen bleiben, bis wir aufgegessen ha-
ben, und wenn es darüber Nacht wird. Ein Kind ist die ganze
Nacht an dem Tisch draußen im Freien sitzengeblieben. Heute
morgen ist es tot. Ich erfahre nicht, warum. Es hatte schon
Fieber, als es sich weigerte aufzuessen und nicht vom Tisch
aufstehen durfte.
Ich schlucke die Fettstücke nicht herunter. Ich kann es gar
nicht. Ich hebe die Stücke stundenlang in meinen Backen-
taschen auf, wie ein Eichhörnchen. Ich schlucke nicht einmal
den Speichel runter, der sich in meinem Mund ansammelt, da-
mit ich auf keinen Fall den Geschmack oder Geruch dieser
Fettstücke spüre. Ich bewege mich kaum. Jeder leiseste Wind
Zug, den eine Bewegung verursachen würde, kann dazu führen,
daß der Brechreiz zu stark wird und ich den ganzen Scheiß-
dreck auskotzen muß.

»Na, ist der kleine Teufel gezähmt? Haben wir seinen Wider-
stand gebrochen ?«

Ich kann nicht einmal antworten, daß ich diese Bestie zur
Hölle wünsche, weil ich den Mund voll habe.

»Du sagst gar nichts? Hast du vielleicht noch nicht auf-
gegessen? Hast du noch nicht runtergeschluckt? Zeig mal her.
Mach den Mund auf!«

Das ist zuviel für mich. Ich kotze ihr direkt in die Fresse.
Ich kotze alles aus, auch das, was ich schon im Magen habe.
Wie aus einer Jauchepumpe kommt dieser Schweinefraß stoß-
weise aus meinem weit aufgerissenen Schlund herausgeschos-
Sen, bis mein Magen völlig leer ist und der Ekel nichts mehr
hochpumpen kann. Ich winde mich in Krämpfen und stürze
davon, während diese Zuchthaussau an meiner Kotze fast er-
stickt und mich keifend verflucht, bis ihre Stimme überschnappt
und sie keinen Ton mehr herausbekommt.

Jetzt schwärmen diese Weiber wie Schweißhunde aus, um
mich wieder einzufangen. Ich schreie und schreie. Ich glaube,
daß ich den Verstand verliere. Was haben diese Kanaillen da-
von, uns so zu quälen? Nichts als Gewalt und Bedrohung. Nie-
mals ein Lächeln, wenn wir verstört sind. Kein Trost, wenn wir
traurig sind. Kein liebes Wort, wenn wir nach unseren Müttern
schreien. Ich schreie und schreie, bis alle Angst vor mir haben
und die Oberschinderin meine Mutter kommen läßt, Ich schreie
ununterbrochen. Ich höre überhaupt nicht mehr auf zu schreien.
Als meine Mutter endlich da ist, bin ich halb verrückt. Ich
kralle mich an ihr fest, als wollte ich in ihren Mutterbauch
zurück.
Meine Mutter bricht in Tränen aus, Auch sie hat unter un-
serer Trennung schwer gelitten und jede Nacht im Traum nach
mir geschrien. Aber sie hatte keine Ahnung, daß ich in der
Kinderhölle bin.

Die Oberschinderin holt schnell einen Riegel Schokolade,
den sie von einer Tafel abbricht, die in einer Schublade ein-
gesperrt ist. Der Riegel ist weiß angelaufen und ranzig. Ganz
bestimmt bekommt nie ein Kind ein Stück von dieser Schoko-
lade. Als sie mir den Riegel reicht, beiße ich ihr in die Hand.

Meine Mutter und ich halten uns die ganze Zeit so fest um-
schlungen, daß wir wieder zu einem Leib werden und es kör-
perlich weh tut, als wir uns voneinander lösen und ich an ihrer
Hand aus der Kinderhölle gehe.

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