Aufarbeitung

NS-Vergangenheit 1945-1954: Entlastungen und Entlassungen

8. Station der Aufarbeitung

Wie stand es ab 1945 um die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen, in den Jahren nach der Kapitulation? Ich hatte leider zuwenig zusammenhängende Kenntnisse, deshalb hier ein kurzer Überblick aus meiner Recherche:

Entnazifizierung 1945-1948

„Es ist unser unbeugsamer Wille, den deutschen Militarismus und Nationalsozialismus zu zerstören und dafür Sorge zu tragen, dass Deutschland nie wieder imstande ist, den Weltfrieden zu stören. Wir sind entschlossen, (…) alle Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen und einer schnellen Bestrafung zuzuführen (…) und alle nationalsozialistischen und militärischen Einflüsse aus den öffentlichen Dienststellen (…) auszuschalten. (…) nur dann, wenn der Nationalsozialismus und Militarismus ausgerottet sind, wird für die Deutschen Hoffnung auf ein würdiges Leben und einen Platz in der Völkergemeinschaft bestehen.“ In einer gemeinsamen „Erklärung über das befreite Europa“ gaben sich die Vertreter der drei Siegermächte gegenseitig das Einverständnis, für einen gewissen Zeitraum ihre Politik gleichzuschalten und Völkern auf ihren demokratischen Wegen beizustehen. Jedes Volk solle sich demokratische Einrichtungen nach eigener Wahl schaffen können.

1945, Auszug aus dem Abkommen von Jalta (1)

Ministerpräsident Churchill (GB), Generalsekretär Stalin (UdSSR) und Präsident Roosevelt (USA) haben in Jalta/Krim als Allierte Siegermächte die gemeinsame Besetzung Deutschlands beschlossen und Frankreich aufgefordert, sich daran zu beteiligen. Sie bildeten den Allierten Kontrollrat, der das in vier Zonen geteilte Deutschland und die geteilte Hauptstadt Berlin regierte. Der Website von „Lebendiges Museum Online“(2) entnehme ich, dass sich der nun beginnenden Entnazifizierung die Mehrzahl der Deutschen stellen musste, jedoch lief sie sehr unterschiedlich ab: Die Engländer und Franzosen gaben dem Aufbau von Wirtschaft und Verwaltung Vorrang vor der Überprüfung der NS-Vergangenheit der Deutschen. In der Sowjetischen Besatzungszone verloren bis 1949 ca. 500 000 Personen ihre berufliche Stellung, weil ihre Arbeitsplätze durch Kommunisten ersetzt wurden. NS-Verbrecher kamen in Lagerhaft. Die Entnazifizierung diente hier einem zügig begonnenen zentralistischen Aufbau eines vom Sozialismus geprägten Staatssystems.

Die Amerikaner waren anfänglich ebenfalls streng, weil sie die Deutschen mittels Fragebögen „in fünf Kategorien einstuften und in vielen Prozessen verurteilten: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete.“ Die Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesse fanden 1946 statt. Als die Entnazifizierung durch die Amerikaner 1948/49 beendet wurde, waren viele Verfahren gegen schwerer Belastete noch nicht abgeschlossen. Dadurch entgingen viele einer Strafe. (2) Schließlich verließen viele Deutsche, die „als Hauptschuldige oder Belastete vorgeladen wurden, ihr Verfahren zu 95% als Mitläufer oder Entlastete, worüber nicht nur das Ausland staunte (…)“ (3)

Reeducation 1945 – 1949

Die Besatzungsmächte begannen mithilfe von Bildungspolitik, die deutsche Gesellschaft umzuformen. Sie wollten das Fortleben nationalsozialistischer, ideologischer Überzeugungen in der Gesellschaft verhindern. Mit Hilfe von Medien wie Rundfunk, Filmen und Zeitungen, aber auch abschreckenden Begehungen von Konzentrationslagern versuchten sie ab 1945 eine innenpolitische Umerziehung zur Demokratie in Deutschland. Einige heutige überregionale Tageszeitungen und Zeitschriften wurden in diesen ersten Nachkriegsjahren gegründet, zum Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung und Der Spiegel. Presse- und Meinungsfreiheit waren den Siegermächten wichtig.

Aber: „Der ideologisch begründete Stillstand im Alliierten Kontrollrat führte zunehmend zu einer weitgehenden Autonomie der Zonen, auch wenn die Alliierten eine gemeinsame Richtlinie für die Umerziehung entworfen hatten.“ In der Sowjetischen Besatzungszone setzten generelle Antifaschismus-Proklamationen und Grundlagen des sozialistischen Staatssystems eigene mediale Schwerpunkte. Die USA setzten ihr Konzept einer Demokratie nach westlichem Muster plus dezentralisierter Marktwirtschaft Deutschlands bei den anderen Westallierten letztlich durch. Großbritannien und Frankreich hatten im Laufe der Jahre Probleme, die Kosten ihrer Besatzung zu tragen. Nach den beiden deutschen Staatsgründungen 1949 waren auch die Amerikaner in der deutschen Innenpolitik nicht mehr zuständig. Der mehrheitliche Wille der Deutschen, „die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen“, schwächte außerdem ihr politisches Interesse und den von den Siegermächten geplanten gründlichen Prozess der Reeducation. (4)

Entlassungenwegen Straffreiheit 19491954

Die anfänglich konsequente Entnazifizierungspolitik hatte eine politische Zurückhaltung überzeugter Nazis in den ersten Jahren bewirkt, aber auch große Lücken in den deutschen Verwaltungsapparat gerissen. Viele Ämter in Politik, Justiz und Wirtschaft konnten daher wegen eines Fachpersonalmangels im neuen Staat nicht besetzt werden. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer begann deswegen ab 1949 eine ‚Integrationspolitik‘ genannte Gewährung von Straffreiheit: Der Artikel 131 des Grundgesetzes fand in allen Fraktionen große Zustimmung, so dass er „Berufsbeamten und Soldaten, die während der allierten Besatzungszeit ihren Posten verloren hatten, die Rückkehr in den deutschen Staatsapparat ermöglichte. Inhaftierte Beamte des NS-Staates mit Vermerk ‚Hauptschuldiger‘ oder ‚Belasteter‘ kamen häufig nach Fürsprache vorzeitig aus der Haft. Parteimitglieder und Funktionäre bis in mittlere Ebenen der NS-Bewegung wurden in den 50er Jahren in die deutsche Gesellschaft, oft auch in hohe Positionen der Politik, wieder eingegliedert.“ (5)

Diese „Wohltat des Gesetzgebers betrifft (…) einige Zehntausend NS-Täter (…) und 160 000 Beamte. (…) Das zweite Straffreiheitsgesetz von 1954 erweitert nochmals den Kreis der Begünstigten. Der Wunsch Konrad Adenauers – der großen Mehrheit der Bundesbürger aus dem Herzen gesprochen – geht damit in Erfüllung:„Ich meine, wir sollten jetzt mit der Nazi-Riecherei Schluss machen.“ (3)

Der Geschichtsblog geschichte-lernen.net meint: Die damalige Regierung stellte damit das Ziel eines zügigen, effizienten Wiederaufbaus und die Wiedererlangung der deutschen Souveränität über moralische Bedenken und gründliche Entnazifizierung. „Anfänge einer bewussteren Vergangenheitsbewältigung liegen Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre. Maßgeblich vorangetrieben durch Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, fanden sie ab 1963 Höhepunkte in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen.“ Öffentlich bohrende Fragen zur NS-Vergangenheit und deren Aufarbeitung stellten später Student:innen der Nachkriegsgeneration Ende der 60er Jahre. (5)

Fazit: Ich schließe mich der Einschätzung von Christian Bommarius, Korrespondent beim Bundesverfassungsgericht, seit 1998 Redakteur und Kolumnist verschiedener überregionaler Tageszeitungen, an. Hier Ausschnitte aus einem Interview des Deutschlandfunks mit ihm: Die Entnazifizierung sei laut Bommarius gescheitert. „Das konnte nichts werden, das war zuviel, was die Amerikaner sich vorgenommen hatten. Es sei einfach zu früh für die Menschen gewesen, sich angemessen mit ihrer ‚ungeheuren‘ Verantwortung auseinanderzusetzen. Sie hätten sich (…) mit einer geradezu verzweifelten Euphorie der Arbeit zugewandt“, so der Publizist. „Es gab eine Anhänglichkeit an den NS-Staat und die Vorstellungen, die sich damit verbanden: Obrigkeitsstaat, autoritäre Erziehung. Das war alles noch in den Köpfen – kein Wunder vier Jahre nach dem Krieg – und es blieb auch noch lange.“ Außerdem: Durch den Kalten Krieg der beiden Supermächte USA und UdSSR hatte „die gesamte westliche Welt einen anderen Blick auf Westdeutschland: es wurde nicht mehr als Täter begriffen, sondern als Partner im Kampf gegen den Bolschewismus.“ Das habe eine Beschäftigung mit der Schuldfrage und auch der Haftungsfrage verdrängt…. „Das eigentliche Wunder sei deswegen nicht das Wirtschaftswunder gewesen, sondern dass aus Deutschland eine gut funktionierende Demokratie wurde – nicht nur in den Institutionen, sondern auch in den Köpfen der Menschen.“ (6)

(1)http://www.forost.ungarisches-institut.de/pdf/19450211-1.pdf

(2) https://www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre/entnazifizierung-und-antifaschismus/entnazifizierung.html

(3) Bommarius, Christian: 1949-Das lange deutsche Jahr, 2018, S.23; S.301- 302

(4) de.m.wikipedia.org/wiki/Reeducation

(5) https://www.geschichte-lernen.net/aera-adenauer-umgang-ns-vergangenheit/

(6) https://www.deutschlandfunk.de/70-jahre-grundgesetz-das-wunder-der-verspaeteten-demokratie.694.de.html?dram:article_id=437589

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