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Petition mit der Nummer 03291/88/18 an den Landtag Niedersachsen.

Hier handelt es sich um eine bereits im Januar 2022 eingereichte Petition zum Seehospiz, die wir in der Langfassung bei der AG Verschickungskind schon veröffentlicht hatten. Es wurde aber um eine kürzere Version gebeten, die auch in den Amtsblättern veröffentlicht werden kann. Der Petitionsausschuss wird sich nach der Landtagswahl in Niedersachsen, also ab November 2002, endgültig damit befassen.

Hier ist die aktualisierte Version der Petition, gekürzt auf 31/2 Seiten, hier zum PDF 1:

Trotz ihrer Kürze gibt diese Version die Geschehnisse im Seehospiz fast noch genauer wieder und wirft neue Fragen auf, insbesondere mit Bezug auf das Neuroleptikum und H1-Antihistaminikum Atosil, ohne das eine solche auf Asthma spezialisierte Massenheilstätte wohl kaum hätte betrieben werden können.

Aus heutiger Sicht ist das Thema der Neuroleptika mit einem auf Naturheilverfahren spezialisierten und von einem religiösen Träger betriebenen Kurheim unvereinbar. Die Gefährlichkeit des Atosil wird durch den Bericht des Berliner Forschers Dr. phil. h.c. Peter Lehmann ausgiebig erhärtet, hier zum PDF 2:

Außerdem wurde die Zahl der vielen Sexualdelikte unter Jungen nochmals durch mindestens zwei unter Mädchen ergänzt. Nur eine tatsächlich forensische Forschung in Kooperation mit der Diakonie und den Schwestern in Bad Harzburg kann die noch offenen Fragen zum Umgang mit schutzbedürftigen Kindern klären. Beide Institutionen verweigern jedoch schon seit langem jede Aufklärung zu den Geschehen.

Die Bewertung der Kinderverschickung von den 1960er bis zu den 1980er Jahren im Vergleich zu den anerkannten Opfern aus den Sozialheimen, ein Statement zur aktuellen Gesellschaftspolitik.

Die Verschickungskinder sind die letzte große Nachzügler-Gruppe der gescheiterten Heimpolitik in der alten BRD, die mit ihrer gewaltigen Zahl von rund 10 Millionen Verschickten zunächst sprachlos macht. Jedoch wurde das Thema seit 2019 durch verschickungsheime.de und nicht zuletzt durch die ständige Medienpräsenz Anja Röhl’s emotional aufgeheizt, anstatt es einer tieferen Betrachtung zu unterziehen.

Bemerkenswert ist auch, dass die anfangs vom Spiegel für ihr Buch “Das Elend der Verschickungskinder” hoch gelobte Anja Röhl auf exzentrische Weise das Thema unbedingt zu ihrem Lebensinhalt machen musste und wohl auch deshalb am 22.07. bei den Fachreferenten des BMFSFJ aufgelaufen ist: https://verschickungsheime.de/schwere-enttaeuschung-bund-verweigert-unterstuetzung-der-aufarbeitung-kinderverschickung/
Einer der Nebeneffekte ist aber auch, dass die Medien nunmehr das Interesse am Thema verloren und die Reißleine gezogen haben, sie warten auf belastbare Fakten (Aussage NDR-Redakteur Florian Breitmeier).

Man muss es also offen sagen: Das Thema Verschickung mit seiner einseitigen Fixierung auf die Nazi-Herkunft der Heime und den allgegenwärtigen Schlagwörtern wie schwarze Pädagogik und Sack über dem Kopf hat letztlich zu einer massiven Verpuffung der Solidarität mit den Betroffenen geführt, obwohl es eigentlich für große Teile der heutigen Elterngeneration und der älteren Generation insgesamt steht.

Die Verschickungskinder als größte Nachzügler-Gruppe der sozialstaatlichen Hegemonie aus alter BRD-Ära fallen eher durch den Nimbus der “Weinerlichkeit” auf; ihnen fehlt die “Aufmüpfigkeit und Rebellion” der Gruppe der Sozialheimkinder, die schon rein äußerlich und politisch in ihrer Entrechtung greifbarer ist; sie scheinen nun mit ihren oft eher verborgenen Traumata und den daraus resultierenden Amnesien allein gelassen zu werden. Die Gefahr ist also real, dass sie sich mit ihrem Schicksal abfinden müssen.

Der Rückblick ins Jahr 2006, wo es noch genau andersherum ausgegangen ist.

Umgekehrt gelang es aber im Jahr 2006 dem bekannten Buchautor und Filmemacher sowie Spiegel-Redakteur Peter Wensierski, mit der vorangehenden Veröffentlichung seines Buches: “Schläge im Namen des Herrn” https://de.wikipedia.org/wiki/Schläge_im_Namen_des_Herrn sukzessive eine Lawine gesellschafts-politischer Solidarität auszulösen, woraufhin den Gruppen ehemaliger Sozialheimzöglinge ab etwa 2008 bis auf Bundesebene hinauf Gehör verschafft werden konnte, was zu der bekannten Gesetzgebung des Runden Tisches Ost/West und Anerkennung als Opfergruppe führte. Peter Wensierski hatte mir noch in knapper Form beschrieben, wie sich die einzelnen Akteure und Gruppen damals in der Öffentlichkeit profilieren konnten und warum sie so viel Solidarität erfuhren. Hier ein Auszug aus seinem Schreiben:

es hat lange gedauert, viele Jahre, von der ersten Veröffentlichung im Spiegel und dann im Buch bis zur Behandlung des Themas durch die Institutionen Kirche und Staat. Anders als bei den Verschickungskindern gab es eine unglaublich starke öffentliche Resonanz in den Medien.

insbesondere die katholische Kirche hat versucht, eine Behandlung durch staatliche Stellen zu verhindern. Auch Kräfte in der CDU haben versucht, das Thema vom Familienministerium fern zu halten. Frau von der Leyen war dagegen und es gab deswegen keine Debatte im Bundestag.

Noch bevor der Petitionsausschuss zu Stande kam, gab es verschiedene Versuche von Betroffenen, Heimkinder-Vereine zu gründen, die sich allerdings schnell zerstritten.

neben einer wirklich breiten Öffentlichkeit war das Wichtigste an Unterstützung, dass einzelne Politiker im Bundestag, genauer gesagt zwei, (Marlene Rupprecht, Antje Vollmer) damals sich des Themas annahmen. Beide sind allerdings heute in Rente.

es brauchte dazu außerhalb der Betroffenen – jedoch in Zusammenarbeit mit diesen – externe Kräfte, auch Fachkräfte, Wissenschaftler und auch insbesondere Menschen aus dem Täterkreis bzw. deren Nachfolger, die sich dazu öffentlich selbstkritisch bekennen.

Die Bedeutung der Kinderkurheime der Diakonie in Niedersachsen für ganz Deutschland.

Der Aufarbeitung der Kurheime der evangelischen Diakonie in Niedersachsen kommt darum historisch als auch gesellschaftspolitisch große Bedeutung zu, da dieses Bundesland die höchste Dichte solcher Heime aufweist, gleichzeitig existieren noch Rechtsvertreter und Zeitzeugen. Dabei unterscheidet sich das Bild der erlittenen psychischen und körperlichen Traumata in diesen Heimen nur wenig von dem der Ehemaligen in den sozialen Kinderheimen – es ist zumindest für Fachleute durchaus vergleichbar. Hierzu gibt es hier ein PDF 3 von “Unser Haus Berlin”, das demnächst verlinkt wird und in dem ab Seite 20 die Spätschäden von Aufenthalten in ähnlich totalitär geführten Heimen detailliert aufgelistet sind.

Die Diakonie selbst hatte bereits am 20.08.2021 eine Studie zu sieben ihrer Kinderheime veröffentlicht, die aber teils nichtssagend oder nur schwer zu entschlüsseln war. Für das Seehospiz war sie dennoch ergiebig, ab S. 120: https://www.diakonie-in-niedersachsen.de/pages/presse/presseinfo/dokumentation_kinderkurheime/index.html

Die Problematik der Studie – ab Seite 120 – liegt in ihrer Auswertung und insbesondere in der Befragung der Oberin des Mutterhauses in Bad Harzburg. Gegenüber der “Forscherin” Dr. Nicole Schweig, in Wahrheit eine Prüfungskoordinatorin für das Fach Deutsch an der VHS Hamburg, hatte sie ungewollt von medizinischen “Querschlägern” und Misshandlungen im Seehospiz “gesungen”. Nur, solche Interna des Seehospiz kann kaum jemand nachvollziehen, außer dem Autor selbst, der in den 60er-Jahren 4 x zu je drei Monaten dort war, davor 2 x anderswo, dazu ausgestattet mit filmischem Langzeitgedächtnis.

Eine weitere Quelle für die Forschung ist ein einzigartiges Archiv, das seit 2005 besteht und mehr als 600 Seiten umfasst, der Blog “Seehospiz Forum”. Hierin auch zur Auswertung der Studie der Diakonie:

https://350928.forumromanum.com/member/forum/entry_ubb.user_350928.2.1137217409.1137217409.1.auswertung_diakonie_niedersachsen_am_veroeffentlichten_dokumentation_zum_seehospiz_norderney-ehemalige_kurkinder_des.html?onsearch=1

Die Gerechtigkeitsfrage.

Hinter der gesamten Problematik der rund 10 Millionen Verschickungskinder stellt sich damit verstärkt die Frage nach der Gerechtigkeit, da viele Kinder Langzeitaufenthalte auf sich nehmen mussten und auf unterschiedliche Weise geschädigt wurden. Auch die Schwere ihrer damaligen Entrechtung ist durchaus vergleichbar mit der der Opfer aus den Fürsorgeheimen, die oft willkürlich aus ihren Familien entrissen wurden. Die Gewaltaspekte der Verschickung sind jedoch schwieriger zu verifizieren, u. a. weil sie nach dem Krieg bis in die 80er-Jahre hinein von einem breiten soziokulturellen Konsens getragen wurden.

In den über 600 Berichten im „Seehospiz Forum“ kann man jedoch deutlich lesen, dass die Menschen heute noch an ihrer absurden Deportation hinter die dunklen Seehospizmauern verzweifeln, wo sie von streng gekleideten Diakonissen der Gewalt ausgesetzt waren. Die Sprache dieser Gewalt im Nach-hinein zu entschlüsseln, offensichtliche von systemischer und externer Gewalt zu unterscheiden, sie wiederum mit medizinischer Behandlung zu verbinden, dazu auch das Psychogramm der Diakonissen zu analysieren, das wäre tatsächlich ein Auftakt, um im Nachhinein ein Stück Gerechtigkeit zu schaffen.

Insofern können diese Themen nur in einem konkreten Kontext erörtert werden; die Verschickungsfrage lässt sich auch nicht generalisieren, sie kann nur durch den konkreten Blick auf einzelne Regionen und Heime gelöst werden. Zwar hat die Initiative verschickungsheime.de viel mehr Material aus hunderten Heimen gesammelt, sie schafft es aber nicht, die Besonderheiten des Geschehens zu bündeln und auf einen gemeinsamen Nenner oder gar auf ein einzelnes Heim zu beziehen. Leider ist diese “vorläufige” Studie zum Seehospiz nun die bislang einzige in Deutschland – samt Studie zum Thema Neuroleptika !!

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Anonym
Anonym
5. Oktober 2022 19:14

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Editiert: Dieser Kommentar wurde wegen Unsachlichkeit und beleidigenden Inhalt von uns gelöscht. Bleibt bitte sachlich beim kommentieren!

Bruno Toussaint
Bruno Toussaint
Reply to  Anonym
7. Oktober 2022 00:14

Danke dem Moderator und Seitenbetreiber Jens!

Obwohl ich selbst von all den Querelen innerhalb der Berliner Initiative betroffen war, habe ich mich bewusst bemüht, so methodisch wie möglich zu schreiben, damit es auch von den Medien und dem politischen Umfeld verstanden wird. So bitte ich auch alle anderen Kommentatoren, so konstruktiv wie möglich zu schreiben. Ebenso hoffe ich, dass das Beispiel der Aufarbeitung eines einzelnen Kinderkurheims Schule machen wird, denn das hat bisher völlig gefehlt, es sollten nun wirklich mehr folgen. Grüße aus Berlin, Bruno