aus der Presse

Praktikumsberichte als Quellen zu „Verschickungsheimen“ und Kinderheimen – ein Schulbestand im Stadtarchiv Lemgo

Im Jahr 2016 konnte das Stadtarchiv Lemgo aus den Kellerräumen des örtlichen Marianne-Weber-Gymnasiums mehrere Kartons mit Aktenmaterial des ehemaligen Lyzeums bzw. der höheren Töchterschule bzw. der Marianne-Weber-Schule übernehmen. Darunter befanden sich auch überraschenderweise mehrere Kisten mit handschriftlichen Praktikumsberichten, teilweise mit Korrekturen der Lehrkräfte versehen, in vielen Fällen lagen auch noch die Praktikumszeugnisse bei. Eine erste Durchsicht ergab, dass sich die Einsatzorte der Praktika über ganz Westdeutschland/BRD und Westberlin erstreckten, wobei der Schwerpunkt natürlich auf Lemgo und dem Gebiet des heutigen Kreises Lippe lag. Die Einrichtungen, in denen die Mädchen und jungen Frauen eingesetzt waren, erstreckt sich von Kindergärten, Krankenhäusern (Kinder- und Säuglingsstationen) über Kinderheime und Kindererholungsheime (v.a. an der Nordsee) bis zu kommunalen Fürsorgestellen und Gesundheitsämtern, insgesamt also der soziale-karitative Bereich, darunter auch Durchgangs- und Aufnahmelager für „Ausländer“ bzw. Flüchtlinge aus der DDR. Der zeitliche Schwerpunkt liegt v. a. auf den 1950er und 1960er Jahren, vereinzelt auch aus der Zeit des Nationalsozialismus von 1937 – 1945. Die Berichte sind teilweise durch Fotoaufnahmen, Zeichnungen und Bilder ergänzt. Inhaltliche Stichproben ergaben aufschlussreiche Hinweise zum Aufbau und der Personalstruktur der Einrichtungen, zum Tagesablauf, zu Fragen der Erziehung und auch zu Konflikten zwischen den Betreuerinnen vor Ort (umgangssprachlich und wohl auch im Gebrauch der Kinder so genannte „Tanten“), den Praktikantinnen und den Kindern. Teilweise zeigen die Praktikumsberichte auch durchaus einen hohen Reflektionsgrad der Schülerinnen hinsichtlich dessen, was sie während des Praktikums machen mussten oder machen sollten. Auch hinterfragten sie häufig ihre Beobachtungen, die fast ausnahmslos in den Berichten dargestellt wurden. Die Berichte zeigen im Ganzen keinen ausschließlich schematischen Aufbau, sondern sind individuell gestaltet und aufgebaut. Der Gesamteindruck dieser umfassenden Berichtssammlung, auch vor dem Hintergrund mentalitätsgeschichtlicher und Gender-Fragestellungen, bewog mich, die Praktikumsberichte im Ganzen als Archivgut zu übernehmen.

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