Schwarze Pädagogik

”’Schwarze Pädagogik”’ ist ein 1977 von der Essayistin Katharina Rutschky geprägtes Politisches Schlagwort, das im Diskurs der Pädagogik des deutschen Sprachraumes im 20. und 21. Jahrhundert populär wurde. Im engen Sinne bezeichnet der Ausdruck Pejorativum die Pädagogik der Aufklärung und des Philanthropismus. Im Zentrum der im ausgehenden 18. Jahrhundert entstandenen Aufklärungspädagogik hatte die Idee gestanden, dass der Mensch, um volle Selbstbestimmung und höchste Menschlichkeit zu erlangen, seine Natur hinter sich zurücklassen und zur Vernunft gelangen müsse.
Autor=Werner Sesink |Titel=Einführung in die Pädagogik |Verlag=Lit |Ort=Münster, Hamburg, London |Datum=2001 |ISBN=3-8258-5830-8 |Seiten=70 |Online={{Google Buch |BuchID=YY1DL6OAdqAC |Seite=70

Gegen die Idee der Ausmerzungsbedürftigkeit der Kindesnatur hatte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert mit großem Erfolg die Reformpädagogik Front gemacht. Viele Erziehungswissenschaftler, darunter besonders solche, die der Antiautoritäre Erziehung nahe standen, sahen die Pädagogik der Aufklärung auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch am Werke, darunter Rutschky, die 1977 eine Psychoanalyse Deutung des aufklärerisch-pädagogischen Gedankenguts nachlieferte, das sie als „schwarze Pädagogik“ bezeichnete.
Internetquelle |url=https://books.google.com/ngrams/graph?content=schwarze+Pädagogik%2Cschwarzen+Pädagogik%2Cschwarzer+Pädagogik&case_insensitive=on&year_start=1960&year_end=2008&corpus=20&smoothing=3&share=&direct_url=t4

In einem weiteren Sinne wird unter ”schwarzer Pädagogik” schlagwortartig auch jede Erziehung verstanden, die Erziehungsmittel wie Gewalt, Einschüchterung und Erniedrigung verwendet. Häufig wird dem Erziehenden die Absicht zugeschrieben, sich selbst persönlich zu erhöhen.

Prägung des Begriffs

Katharina Rutschky, die an der Freie Universität Berlin|FU Berlin als Sozialistischer Deutscher Studentenbund|SDS]]-Mitglied u. a. bei Klaus Mollenhauer und dem Psychoanalytiker Gerhard Maetze studiert und anschließend als Lehrerin gearbeitet hatte, gab 1977 unter dem Titel ”Schwarze Pädagogik” eine umfangreiche Anthologie mit kompilierten pädagogischen Schriften aus mehreren Jahrhunderten heraus, die sie ursprünglich für eine geplante Doktorarbeit gesammelt hatte.
Internetquelle |url=http://debatte.welt.de/mitglieder/2451/Katharina%2BRutschky |titel=Katharina Rutschky |archiv-url=https://web.archive.org/web/20071222124159/http://debatte.welt.de/mitglieder/2451/Katharina%2BRutschky |archiv-datum=2007-12-22 |zugriff=2018-11-21

Ihre Auseinandersetzung mit diesen pädagogischen Schriften ist als Beitrag zur Verteidigung der Antiautoritäre Erziehung ihrer Zeit gewertet worden.
Literatur |Autor=Elisabeth von Stechow |Titel=Rückkehr zur schwarzen Pädagogik? Von Super Nannys und anderen Erziehungsnotständen |Hrsg=Margret Dörr, Birgit Herz |Sammelwerk=„Unkulturen“ in Bildung und Erziehung |Verlag=VS Verlag für Sozialwissenschaften |Datum=2009 |ISBN=978-3-531-16088-7 |Seiten=135–149, hier S. 136

Die Texte stammen überwiegend aus dem Zeitraum von 1748 bis 1908.
Literatur |Titel=Schwarze Pädagogik: Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung |Hrsg=Katharina Rutschky |Verlag=Ullstein |Ort=Berlin |Datum=1977 |ISBN=978-3-548-35670-9
Internetquelle |autor=Eberhard Hübner |url=https://www.zeit.de/1977/23/schwarze-paedagogik/komplettansicht |titel=Schwarze Pädagogik. Dokumente zur Geschichte der Erziehung |werk=Die Zeit |datum=1977-06-03 |zugriff=2018-11-21 |kommentar=Rezension}} {{Internetquelle |url=https://d-nb.info/880070021/04 |titel=Katharina Rutschky (Hrsg.): ”Schwarze Pädagogik” |zugriff=2018-11-21 |kommentar=Inhaltsverzeichnis


Das von ihr ausgewählte Schrifttum setzt an der Wende zur Moderne ein, zu einem Zeitpunkt, an dem Erziehung sich zu einem Thema herausbildete, das in Journalen und Büchern für die breite Öffentlichkeit behandelt wurde.
Literatur |Autor=Werner Sesink |Titel=Einführung in die Pädagogik |Verlag=Lit |Ort=Münster, Hamburg, London |Datum=2001 |ISBN=3-8258-5830-8 |Seiten=69 |Online={{Google Buch |BuchID=YY1DL6OAdqAC |Seite=69

Den Begriff „schwarze Pädagogik“ definiert Rutschky in ihrem Buch nicht. In der Einleitung beschreibt sie die Absicht der Textauswahl:

Die schwarze Pädagogik ist der tendenziöse Versuch, die Folgen und Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit zu dokumentieren, der Heranwachsende seit dem 18. Jahrhundert ausgesetzt sind.Rutschky: ”Schwarze Pädagogik”, XV.

Erziehungshistorischer Kontext: Pädagogik der Aufklärung

Erziehung erfolgte im Bürgerliche Gesellschaft nicht mehr urwüchsig, sondern als bewusste und zielgerichtete Formung des Menschen, die – dem Geist der Aufklärung entsprechend – darauf ausgerichtet war, den Menschen der Natur zu entreißen, ihn von schicksalhaftem Verhängnis zu emanzipieren und zum ”Menschen” zu machen, damit er die Welt aus eigener Kraft zu gestalten vermöge.
Literatur |Autor=Werner Sesink |Titel=Einführung in die Pädagogik |Verlag=Lit |Ort=Münster, Hamburg, London |Datum=2001 |ISBN=3-8258-5830-8 |Seiten=69f, 78 |Online={{Google Buch |BuchID=YY1DL6OAdqAC |Seite=69
Die Aufklärer gingen davon aus, dass Vernunft nicht direkt durch Erziehung, sondern nur durch Bildung erworben werden könne. Erstere ist vom Lehrer geleitet, letztere vom Schüler selbst. Um den Menschen bilden zu können, muss nach Auffassung der Aufklärung seine Natur aber diszipliniert, unter Kontrolle gebracht werden.
Literatur |Autor=Werner Sesink |Titel=Einführung in die Pädagogik |Verlag=Lit |Ort=Münster, Hamburg, London |Datum=2001 |ISBN=3-8258-5830-8 |Seiten=87 |Online={{Google Buch |BuchID=YY1DL6OAdqAC |Seite=87
Damit das Kind bildbar wird, müsse ihm zunächst seine „Wildheit“ und „Rohigkeit“ ausgetrieben werden.Immanuel Kant: ”[[s:Über Pädagogik|Über Pädagogik]]” Die aufklärerische Pädagogik zielte auf [[Naturbeherrschung]]. ”„Ein Hauptmoment der Erziehung ist die Zucht, welche den Sinn hat, den Eigenwillen des Kindes zu brechen, damit das bloß Sinnliche und Natürliche ausgereutet werde. Hier muss man nicht meinen, bloß mit Güte auszukommen; denn gerade der unmittelbare Wille handelt nach unmittelbaren Einfällen und Gelüsten, nicht nach Gründen und Vorstellungen“”, schrieb [[Georg Wilhelm Friedrich Hegel|Hegel]] 1820 in seinen ”[[Grundlinien der Philosophie des Rechts]]”.{{Literatur |Autor=Georg Wilhelm Friedrich Hegel |Titel=Grundlinien der Philosophie des Rechts, oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse |Verlag=Duncker und Humblot |Ort=Berlin |Datum=1833 |Seiten=236 |Online={{Google Buch |BuchID=2IG_8u8SRmAC |Seite=236 }}}}

Rezeption der Aufklärungspädagogik und des Philanthropismus

Im Zentrum der Kritik, die Rutschky und andere an der Erziehungsphilosophie der Aufklärung und des Philanthropismus geübt haben, stehen die anthropologische Prämisse vom Bösen im Kind und der Anspruch der Vertreter dieser Erziehungsphilosophie, dass die Grausamkeit gegen die kindliche Natur der ”Vernunft” diene.
Literatur |Autor=Theresa Hauff |Titel=Schwarze Pädagogik. Das Schreckensbild des “Verwöhnens, Verzärtelns, Verziehens” im zeitlichen Vergleich |Datum= |Kommentar=Studienarbeit, 2014}}
Literatur |Autor=Werner Sesink |Titel=Einführung in die Pädagogik |Verlag=Lit |Ort=Münster, Hamburg, London |Datum=2001 |ISBN=3-8258-5830-8 |Seiten=82 |Online=Google Buch |BuchID=YY1DL6OAdqAC |Seite=82

Rutschkys und Millers Auseinandersetzung mit der Pädagogik der Aufklärung waren Schriften von Michel Foucault vorausgegangen. In ”Überwachen und Strafen” hatte Foucault 1975 die These entwickelt, Disziplinarinstitutionen hätten an der Schwelle zum 19. Jahrhundert eine neue „Ökonomie der Züchtigung“ gewählt und die Dressur des Leibes in eine der Seele überführt.
Internetquelle |autor=Hendrik Werner |url=https://www.welt.de/print-welt/article257615/Gelehrige-Koerper-geschmeidiger-Geist.html |titel=Gelehrige Körper, geschmeidiger Geist |werk=Die Welt |datum=2003-09-05 |zugriff=2018-11-29

Katharina Rutschky

In den Kommentarabschnitten ihrer 1977 erschienenen Anthologie unterzog Rutschky die historischen Texte einer Deutung, bei der sie sich der Begrifflichkeit der Psychoanalyse Sigmund Freuds bediente. Sie ging davon aus, dass Erziehung ein Phänomen der Neuzeit sei und erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden sei.
Literatur |Hrsg=Katharina Rutschky |Titel=Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung |Verlag=Ullstein |Datum=2001 |ISBN=978-3-548-35087-5 |Seiten=XL |JahrEA=1977
Im Lichte der psychoanalytischen Theorie ist im Seelenhaushalt der vergesellschafteten Individuen das Über-Ich der Sitz der Moral; die Funktion des Erziehers (Eltern, Lehrer), der ja für die moralische Entwicklung des Kindes zuständig sei, besteht nach Rutschkys Deutung darin, beim Kind das Über-Ich zu etablieren. Dies setze voraus, dass das Kind dem Erzieher ”unterworfen” werde.
Literatur |Hrsg=Katharina Rutschky |Titel=Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung |Verlag=Ullstein |Ort=Frankfurt/Main |Datum=2001 |ISBN=978-3-548-35087-5 |Seiten=102, 148 |JahrEA=1977

Eine zentrale Rolle spielt nach Rutschky in dieser Erziehung die Triebtheorie. Die Sexualität werde, weil sie auf ein instinktiv ablaufendes Verhalten dränge, in der schwarzen Pädagogik als besonders gefährlich eingeschätzt; der junge Mensch müsse durch strenge Erziehungsmaßnahmen von ihr abgelenkt werden.
Literatur |Hrsg=Katharina Rutschky |Titel=Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung |Verlag=Ullstein |Ort=Frankfurt/Main |Datum=1984 |ISBN= |Seiten=LVI, 299–375 |JahrEA=1977
Rutschky ging davon aus, dass der Erzieher selbst Narzissmus gestört sei, unter dem grausamen Über-Ich selbst massiv leide und vor dem noch ungezügelten Kind Angst habe. Um diese Angst zu überwinden und seine eigenen quälenden Triebe abzuwehren, unterziehe der Erzieher das Kind einer „pädagogischen Initiation“, gefolgt von instrumentalisierten Todesdrohungen, physischer und psychischer Gewalt, Schmerz, Strafe, Kontrolle, Überwachung, Abhärtung und dem Tabu der Sexualität.
Literatur |Hrsg=Katharina Rutschky |Titel=Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung |Verlag=Ullstein |Datum=2001 |ISBN=978-3-548-35087-5 |Seiten=3–24, 158ff, 184ff, 250–298 |JahrEA=1977
Erziehung diene hier als Alibi und als Rationalisierung (Psychologie), mit der der Erzieher seinen Sadismus verschleiere.
Literatur |Hrsg=Katharina Rutschky |Titel=Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung |Verlag=Ullstein |Datum=2001 |ISBN=978-3-548-35087-5 |Seiten=376ff |JahrEA=1977
Die Mutterliebe werde im Kontext der schwarzen Pädagogik als „Affenliebe“ verächtlich gemacht und als Ursache jeder Charakterlosigkeit und Dummheit des Kindes gebrandmarkt.
Literatur |Hrsg=Katharina Rutschky |Titel=Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung |Verlag=Ullstein |Datum=2001 |ISBN=978-3-548-35087-5 |Seiten=24 |JahrEA=1977

Alice Miller

Alice Miller hatte ihre Laufbahn als Psychoanalytikerin begonnen, sich aber später von der Psychoanalyse distanziert, um sich nunmehr als „Kindheitsforscherin“ zu betrachten. Sie erkannte die von Rutschky mit den Mitteln der Psychoanalyse benannten Mechanismen der „Schwarzen Pädagogik“ in ihrer ersten Theorieheimat wieder, die sie als „Schwarze Psychoanalyse“ bezeichnet, und wandte sich in einem Prozess theoretischer Umbesinnung schließlich entschieden ab (Miller 1979, 1980, 1983).

Im Mittelpunkt ihrer Kritik stand zunächst eine Erziehung, die darauf abzielt, das Verhalten des Kindes einseitig an elterliche Bedürfnisse anzupassen. Miller nahm an, dass eine solche Erziehung beim Kinde zur Ausbildung eines „falschen Selbst“ führe.
Literatur |Autor=Alice Miller |Titel=Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst |Verlag=Suhrkamp |Ort=Berlin |Datum=2013 |ISBN=978-3-518-73925-9 |Online={{Google Buch |BuchID=qdk7CgAAQBAJ
Das ”falsche Selbst” ist ein Konzept, das der englische Psychoanalytiker Donald Winnicott 1960 in den psychoanalytischen Diskurs eingeführt hatte, um das Verhalten von Personen zu kennzeichnen, die keine Authentizität erkennen lassen, weil sie zu ihrem Selbstschutz anscheinend eine Fassade um sich errichtet haben.
Literatur |Autor=Donald W. Winnicott |Titel=Ego Distortion in Terms of True and False Self (1960) |Sammelwerk=The Maturational Process and the Facilitating Environment: Studies in the Theory of Emotional Development |Verlag=International UP Inc. |Ort=New York |Datum=1965 |Seiten=140–152

Stand das „Drama des begabten Kindes“ (1979) noch im Zeichen psychoanalyse-interner Schulstreitigkeiten (Triebtheorie vs Selbstpsychologie nach Heinz Kohut, so zitiert sie in „Am Anfang war Erziehung“ (1980) ausführlich Rutschkys Textsammlung und übernimmt deren Begriff der „Schwarzen Pädagogik“, den sie mit ihren Erfahrungen als Therapeutin und den Fallgeschichten aus ihrer ehemaligen Praxis abgleicht. Sie eignet sich Rutschkys Terminus als ideologiekritischen Grundbegriff an und geht zugleich über Rutschkys psychoanalytisch fundierte Kritik hinaus

Zitat| (…) mit dem Ziel, eine Haltung zu charakterisieren, die nicht nur in der faschistischen, sondern in verschiedenen Ideologien mehr oder weniger offen zutage tritt. Die Verachtung und Verfolgung des Lebendigen, Kreativen, Emotionalen im Kind und im eigenen Selbst durchziehen so viele Bereiche unseres Lebens, daß sie uns kaum mehr auffallen. Mit verschiedener Intensität und unter verschiedenen Sanktionen, aber fast überall findet sich die Tendenz, das Kindliche, d.h. das schwache, hilflose, abhängige Wesen so schnell wie möglich loszuwerden, um endlich das große, selbständige, tüchtige Wesen zu werden, das Achtung verdient. Begegnen wir diesem Wesen in unseren Kindern wieder, verfolgen wir es mit ähnlichen Mitteln, wie wir es mit uns bereits taten, und nennen das Erziehung.|Alice Miller (1980)Alice Miller (1980), ”Am Anfang war Erziehung”; hier [Suhrkamp Verlag|Suhrkamp], Bd. 951 (1992), S. 76 f.}}

Für Miller war ”Schwarze Pädagogik” nicht eine pädagogische Position, die an einen bestimmten Geistesgeschichte Kontext (Aufklärung, Philanthropismus, Herbartianismus, Nationalsozialismus) geknüpft und aus diesem heraus zu erklären sei, sondern vielmehr eine außerhalb der Geschichte stehende Erziehungssituation, die sich allein aus dem Machtmissbrauch von Erziehenden ergibt, die aus einer prekären seelischen Verfassung heraus handeln:
Zitat|Unter der ‚Schwarzen Pädagogik‘ verstehe ich eine Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, den Willen des Kindes zu brechen, es mit Hilfe der offenen oder verborgenen Machtausübung, Manipulation und Erpressung zum gehorsamen Untertan zu machen.|A. Miller|Evas Erwachen, 2001}}

In der Konsequenz führte sie diese Kritik zu einer dezidiert Antipädagogik Haltung in der Tradition Ekkehard von Braunmühls. Es gibt, so Miller, auch keine gute, „weiße Pädagogik“, wie der Terminus Rutschkys impliziert. Das Problem sei die pädagogische Haltung überhaupt, die nur den Bedürfnissen der Erwachsenen diene und deren problematische Sozialisation tradiere, indem sie im Wiederholungszwang etwa die “…einst erlittenen Demütigungen anderen weitergeben”.
Aus Erziehungsopfern werden Erziehungstäter: „Erzieher – nicht Kinder – brauchen die Pädagogik.
“Alice Miller (1980), ”Am Anfang war Erziehung”; hier [Suhrkamp Verlag|Suhrkamp], Bd. 951 (1992), S. 117 ff.

In ”Du sollst nicht merken” (1983) arbeitete Miller heraus, wie Kinder dazu gebracht werden, nicht zu ”merken”, wenn ihnen im Namen der „Erziehung“ Formen von Gewalt bis hin zum Sexueller Missbrauch von Kindern angetan werden. Miller wies auf, wie Menschen die Misshandlungen, die sie als Kinder erlebt haben, später Idealisierung (Psychologie) und als Eltern an die nächste Generation weitergeben.
Literatur |Autor=Carola Kuhlmann |Titel=Erziehung und Bildung: Einführung in die Geschichte und Aktualität pädagogischer Theorien |Verlag=Springer |Ort=Wiesbaden |Datum=2013 |ISBN=978-3-531-19386-1 |Seiten=84 |Online={{Google Buch |BuchID=L_Ht_WNsh1oC |Seite=84

Alice Miller: ”Du sollst nicht merken”, Frankfurt am Main 1981, S. 29ff u. a. Die Verklärung und Vertuschung von elterlicher Gewalt sah Miller auch in der Psychoanalyse am Werke, die sie in diesem Zusammenhang als „Schwarze Psychoanalyse“ bezeichnete.Miller: ”Du sollst nicht merken.” Frankfurt am Main 1981, S. 29.

Rezeption

Harald Wölfel-Schramm hat den Begriff „schwarze Pädagogik“ 1991 im Rahmen seiner Verteidigung einer Antipädagogik aufgegriffen.
Literatur |Autor=Harald Wölfel-Schramm |Titel=Das Schattenreich der Anti-Pädagogik |Verlag=Lang |Ort=Frankfurt am Main |Datum=1992 |ISBN=3-631-44442-7 |Kommentar=Diss. Gießen 1991

Der Erziehungswissenschaftler Friedrich Koch (Universität Hamburg) hat 1995 versucht, die „schwarze Pädagogik“, die Rutschky und Miller ahistorisch und strikt psychoanalytisch gesehen hatten, in einem sozial- und geistesgeschichtlichen Kontext zu verorten. Koch sah die schwarze Pädagogik als eine mehr oder weniger geschlossene Erziehungsphilosophie, mit der die bürgerliche Gesellschaft Kinder und Jugendliche seit dem 18. Jahrhundert auf ihren Tugendkanon hin auszurichten versuchte.
Literatur |Autor=Friedrich Koch |Titel=Der Kaspar-Hauser-Effekt. Über den Umgang mit Kindern |Verlag=VS Verlag für Sozialwissenschaften |Datum=1995 |ISBN=978-3-8100-1359-0 |Online={{Google Buch |BuchID=z-iFBwAAQBAJ}} |DOI=10.1007/978-3-322-99376-2

Armin Bernhard, Professor für Pädagogik an der Universität Duisburg-Essen, gab Rutschkys und Millers Überlegungen in einem Zeitschriftenartikel noch 2008 Rückendeckung, bedauerte allerdings, dass die Auseinandersetzung mit der schwarzen Pädagogik während der „antiautoritären Revolte“ ein „Strohfeuer“ geblieben sei. Anstatt zu einer nachhaltigen Implementierung der antiautoritären Prinzipien in die Gesellschaft sei es zu einer partiellen Absorption der Kritik durch das kapitalistische System gekommen, das sie für eine wirtschaftlich funktionale Liberalisierung der Erziehung genutzt habe. Die schwarze Pädagogik – als „massive Verleugnung und Unterdrückung kindlicher Entwicklungsbedürfnisse“ – bestehe indes unvermindert weiter: in veränderter, subtilerer, und damit unangreifbarer Form.
Literatur |Autor=Armin Bernhard |Titel=Die Permanenz der Schwarzen Pädagogik und das Prinzip des Antiautoritären in der Erziehung |Sammelwerk=Jahrbuch für Pädagogik |Datum=2008 |Seiten=71–90 |DOI=10.3726/59064_71

Kritik

Das Konzept der „schwarzen Pädagogik“ wurde in der Fachliteratur vielfach als wissenschaftlich nicht haltbar eingestuft. So hat Zvi Lothane bereits 1992 eine umfassende Kritik der entsprechenden Brandmarkung Moritz Schrebers, des Vaters von Daniel Paul Schreber, vorgelegt; Rutschky hatte Schreber als einen der Hauptvertreter der „schwarzen Pädagogik“ eingestuft.
Zvi Lothane: ”In defense of Schreber : soul murder and psychiatry”. Hillsdale, NJ [u. a.] : Analytic Pr. 1992 ISBN 0-88163-103-5.

Von anderer Seite wurde Rutschky und Miller eine verengende Sicht auf die Pädagogik der Aufklärung und des Philanthropismus vorgeworfen. Wie 2013 Christian Grabau (Universität Tübingen) ausgeführt hat, war Strafe für den Philanthropismus weder das erste Mittel noch war sie einfach Instrument zur Unterdrückung. Die vorrangigen Erziehungsmittel dieser Pädagogik waren das Beobachten und Zuhören, erst danach die Übung und der Befehl.
Literatur |Autor=Christian Grabau |Titel=Leben machen: Pädagogik und Biomacht |Verlag=Wilhelm Fink |Ort=München |Datum=2013 |ISBN=978-3-8467-5579-2 |Seiten=9f |Online={{Google Buch |BuchID=GmB4DwAAQBAJ |Seite=9

Juliane Kühn hat 2014 beanstandet, dass Rutschky keine Definition des Begriffes „schwarze Pädagogik“ formuliert habe. Rutschky bezeichne als „schwarze Pädagogik“ unterschiedslos alles, was nach heutiger pädagogischer Theorie und Praxis dem humanen Sinn der Erziehung – der Führung des Kindes zur Mündigkeit – widerspreche. Die in ihrem Buch kompilierten Quellentexte habe Rutschky aus dem Korpus des pädagogischen Schrifttums der Aufklärung und der Philanthropen so ausgewählt, dass sie repräsentieren, was sie selbst „schwarze Pädagogik“ nenne.
Literatur |Autor=Juliane Kühn |Titel=Ziele und Methoden in der Schwarzen Pädagogik |Verlag=Bachelor Master Publishing |Ort=Hamburg |Datum=2014 |ISBN=978-3-95820-015-9 |Seiten=5 |Kommentar=Bachelorarbeit, Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden, Juni 2012 |Online={{Google Buch |BuchID=9ClnCgAAQBAJ |Seite=5

2016 haben auch Michael Milburn und Sheree Conrad kritisiert, dass Miller in ihren Analysen so vorgehe, als finde Erziehung in einem Vakuum statt, ohne historischen Kontext: ”„Wie wir unsere Kinder behandeln, spiegelt wider, wer wir sind und was wir als Gesellschaft glauben. Unsere sozialen und politischen Einstellungen, unsere Institutionen und unsere Erziehungspraktiken bringen die nächste Generation von Bürgern hervor, die durch ihre gesellschaftlichen Institutionen und durch ihr politisches Verhalten wiederum die Welt erzeugen, in der ihre Kinder leben werden.“
Literatur |Autor=Michael A. Milburn und Sheree D. Conrad |Titel=Raised to Anger. The Politics of Anger and the Roots of Authoritarianism |Verlag=The MIT Press |Ort=Cambridge, London |Datum=2016 |ISBN=978-0-262-53325-6 |Seiten=5 |Online={{Google Buch |BuchID=gvzlDAAAQBAJ |Seite=5

Literatur

  • Alice Miller: ”[[Am Anfang war Erziehung]]”. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-37451-6.
  • Katharina Rutschky (Hrsg.): ”Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung”. Ullstein, Berlin 1977; Neuausgabe ebd. 1997, ISBN 3-548-35670-2.

== Auswahl der von Rutschky kompilierten Texte ==
=== Pädagogik der Aufklärung ===
*{{Internetquelle |autor=[[Johann Friedrich Herbart]] |url=http://www.teachsam.de/paed/schwarzpaed/schwarzpaed_txt_1.htm |titel=Zwei Gebete für Kinder (1796) |zugriff=2018-12-11}}
*{{Internetquelle |autor=[[Immanuel Kant]] |url=https://books.google.com/books?id=724uAAAAYAAJ&pg=PA383&#v=onepage&q&f=false |titel=Durch Erziehung tut die Natur einen Schritt näher zur Vollkommenheit (1803) |zugriff=2018-12-11}}

=== Philanthropismus ===
*{{Internetquelle |autor=[[Johann Bernhard Basedow]] |url=http://www.teachsam.de/paed/schwarzpaed/schwarzpaed_txt_4.htm |titel=Kinder und Erwachsene (1773) |zugriff=2018-12-11}}
*{{Internetquelle |autor=Johann Bernhard Basedow |url=http://www.teachsam.de/paed/schwarzpaed/schwarzpaed_txt_3.htm |titel=Eine nützliche Sprachregelung (1783) |zugriff=2018-12-11}}
Außerdem wurden Texte von [[Karl Friedrich Bahrdt]], [[Johann Heinrich Campe]], [[Friedrich Gedike]], [[Johann Christoph Friedrich GutsMuths]], [[Friedrich Gabriel Resewitz]], [[Friedrich Eberhard von Rochow]], [[Christian Gotthilf Salzmann]], [[Ernst Christian Trapp]], [[Peter Villaume]] und [[Christian Heinrich Wolke]] aufgenommen.

=== Anonym ===
*{{Internetquelle |url=http://www.teachsam.de/paed/schwarzpaed/schwarzpaed_txt_2.htm |titel=Affenliebe. Handwörterbuch für den deutschen Volksschullehrer (1874) |zugriff=2018-12-11}}

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