aus der Presse,  Forschung

Studie “Verschickungskinder in Nordrhein-Westfalen nach 1945”

Sozialminister Laumann: Expertise als gute Grundlage für die wissenschaftliche Aufarbeitung von Leiderfahrungen

Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) hat heute eine Studie zur Vorbereitung der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Kinderverschickung vorgelegt. Bis in die 1990er-Jahre hinein sind Hunderttausende Heranwachsende aus Nordrhein-Westfalen von staatlichen Stellen zu mehrwöchigen Aufenthalten in Kurheimen, insbesondere an Nord- und Ostsee, verschickt worden.

Ziel sollte dabei eigentlich sein, ihnen Erholung zu verschaffen und ihre Gesundheit zu stabilisieren. Viele dieser ehemaligen „Verschickungskinder“ berichten jedoch von Leiderfahrungen, Misshandlung, menschlicher Kälte und Traumatisierung.

Der nordrhein-westfälische Landtag hat in einem einstimmigen Beschluss am 26. November 2021 die Einrichtung eines Runden Tisches zum Thema Kinderverschickung angeregt. „Unser Land muss und wird sich auch mit den dunklen Kapiteln unserer Landesgeschichte auseinandersetzen. Das sind wir allen voran denen schuldig, denen Unrecht widerfahren ist. Die Studie ist eine gute Grundlage für die weitere wissenschaftliche Aufarbeitung. Wir werden in enger Abstimmung mit dem Verein der nordrhein-westfälischen Verschickungskinder den Runden Tisch einrichten, um ein Stück weit Licht ins Dunkel zu bringen“, erklärt Minister Karl-Josef Laumann.
 
„Nach vielen Jahrzehnten des Schweigens ist die Studie ein wichtiger Schritt in Richtung Wahrheitsfindung für alle Betroffenen“, sagt Detlef Lichtrauter.
 
Im Sozialministerium wurde im Oktober 2020 eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die die Aufarbeitung der Kinderverschickung vorantreibt. Die nun vorgelegte Basis-Studie „Verschickungskinder in Nordrhein-Westfalen nach 1945“ bereitet als ersten Schritt einer wissenschaftlichen Untersuchung die bisher bekannten Fakten auf und identifiziert weiteren Forschungsbedarf. Sie wurde von Prof. Marc von Miquel, Leiter der Dokumentations- und Forschungsstelle der Sozialversicherungsträger (sv:dok) in Bochum, erstellt.
 
Die Studie legt offen, dass die Organisation der Erholungs- und Heilkuren für Kinder in der Weimar Republik aufgebaut und in der NS-Zeit an die Ideologie des Regimes angeglichen wurde. Diese Ausrichtung hat in den Folgejahren nachgewirkt, so dass mentale und personelle Kontinuitäten fortbestanden. In der Nachkriegszeit etablierte das nordrhein-westfälische Sozialministerium Standards für die Erholungs- und Heilfürsorge. Die Anzahl der Verschickungskuren erreichte in den 1960er- und 1970er-Jahren ihren Höhepunkt, nachdem das neue Bundessozialhilfegesetz deren Finanzierung erleichterte. Die meisten Berichte ehemaliger Verschickungskinder über Misshandlungen beziehen sich auf Erlebnisse in diesem Zeitraum.
 
Laut Studie organisierten die sogenannten Kinderfahrtmeldestellen in Nordrhein-Westfalen zwischen 1949 und 1990 Fahrten für über 2,1 Millionen Kurkinder. Alleine im Jahr 1962 wurden fast 100.000 Kinder und Jugendliche aus Nordrhein-Westfalen verschickt.
 
Die Studie ist verfügbar unter https://url.nrw/Studie_Verschickungskinder .

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1968 verschickt in die Kinderkurklinik Bad Wildungen/Reinhardshausen Initiator & Webmaster dieser Seite

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Rainer L. Hil
Rainer L. Hil
18. Februar 2022 17:37

Seitdem das Thema “Heim-und Verschickungskinder” sehr breit in den Medien behandelt wird, wird vor allemvon den negativen Seiten des Verhaltens der Verantwortlichen die Rede und den Problemen, die eine Reihe von Menschen bis heute haben. Ich selbst bin 1941 geboren und zweimal zu Beginn der 50er Jahre verschickt worden. Das erste mal war Spiekeroog das Ziel, nach meiner Erinnerung war das Hindenburg-Heim unser Aufenthaltsort. Das einzige, was uns Kinder störte war, dass wir immer nach dem Essen in Liegestühlen im Freien Mittagsschlaf machen mussten- wir hätten lieber gespielt. Der zweite Aufenthaltsort ein Jahr später war Schillig im Wangerland – auch hieran habe ich nur gute Erinnerungen. Einmal gab es Blumenkohlsuppe zum Mittag, darin fanden wir jede Menge Maden und beschwerten uns sehr. Die Suppe wurde eingesammelt, niemand wurde gezwungen, sie zu essen.
Ich kann mir vorstellen, dass sich bei der negativen Berichterstattungüber die Heime in erster Linie Betroffene melden, die dort schlecht behandelt wurden. Ohrfeigen, Schläge auf den Hintern oder zur Strafe im Stehen essen müssen, das waren alles Erziehungsmethoden jener Zeit. Die finde ich auch heute nicht akzeptabel aber sie haben mir und vielen Freunden, denen zu Hause ähnliches passierte, nicht geschadet. Noch heute gibt es Regionen, in denen eine deutlich straffere Erziehung praktiziert wird als das gewünscht ist.
Mein Wunsch wäre, dass neben dem wirklich schändlichen Tun auch darüber publiziert wird, dass viele Heime und die verantwortlichen Erzieher positiv und mit viel Empathie den Kindern geholfen haben.

Bruno Toussaint
Bruno Toussaint
5. Februar 2022 07:15

Um Peter, dem zweiten Kommentator, zu antworten: Leider ist die Studie kein wichtiger Schritt. 

Wenn man genau liest, stellt man fest, dass Prof. Marc von Miquel nur aus früheren Studien und Texten zitiert, wodurch das immer wiederkehrende Nazi-Thema unweigerlich immer weiter kolportiert wird. Die vielzitierte Frage nach der NS-Kontinuität der Häuser wird jedoch – anders als in der überspitzten Berichterstattung der DPA im Spiegel oder der Skandalautorin Anja Röhl – bis auf markante Einzelfälle tatsächlich nur am Rande gestreift. Er sagt ausdrücklich, dass es hier noch viel Untersuchungsbedarf gibt, zumal 1/3 der Häuser in kirchlicher Hand waren und von diesen wiederum 2/3 der evangelischen Kirche gehörten. Er versteht es aber, die Dinge verständlich zu formulieren und spricht auch das Thema Gewalt gegen Kinder an. 

Zum Thema Gewalt ist dieser Satz aus seiner Studie der wichtigste: “Nur empirisch erarbeitete Fallstudien zu einzelnen (repräsentativen) Verschickungsheimen können die hier skizzierte Variationsbreite unpädagogischen und gewaltförmigen Handelns konkretisieren und im institutionellen Handlungskontext erschließen” Eigentlich hätte er es aber so formulieren müssen: 

“Gleichzeitig müssen die Aspekte der Gewalt unter medizinischen und psychologischen, vor allem aber unter ökonomisch-operativen Bedingungen genauer analysiert werden. Letztlich kann nur eine sorgfältige Prüfung der permanenten – oft zwanghaften – Unterordnung aller pflegerischen Maßnahmen und Heilmethoden unter Aspekte der betrieblichen Wirtschaftlichkeit zeigen, mit welchem Gewaltpotenzial tatsächlich auf die Kinder eingewirkt hatte. Als Konsequenz aus diesen Ereignissen sollten daher auch die notwendigen Untersuchungen der Betroffenen auf Langzeit-/Spätschäden erfolgen”.

Letztlich ist aber dieser unscheinbare Satz in der Studie aus Sicht der Betroffenen wichtiger: “Erst empirisch sorgfältig erarbeitete Fallstudien zu einzelnen (repräsentativen) Verschickungsheimen können die hier skizzierte Variationsbreite unpädagogischen und gewaltförmigen Handelns konkretisieren und im institutionellen Handlungskontext erschließen”.

Auch hier hätte er konkreter formulieren können: “Ohne eine wirklich tiefgreifende und damit qualitative und interdisziplinäre Forschung über alle internen und externen Strukturen eines einzigen repräsentativen Kinderkurheims wird es keine wirklichen Fortschritte in der Frage der Verschickung von Kindern geben.” Hier geht es darum, dass es gar nicht möglich ist, das gesamte Spektrum der Kinderverschickung zu untersuchen. In Westdeutschland wären mindestens zwei oder mehr größere repräsentative Häuser in der Trägerschaft religiöser, privater und kommunaler Organisationen erforderlich, die eine vollständige empirische Analyse eines ganzen Querschnittsprofils ermöglichen würden. 

Der Nachteil dieser von öffentlichen Institutionen in Auftrag gegebenen Studien ist also, dass es immer noch keine empirische Forschung gibt und auch, bezogen auf NRW, das “Material” zur Forschung fehlt, weil Unterlagen über die Häuser nicht mehr auffindbar sind. Es hängt auch immer noch davon ab, was Politiker bzw. Historiker wirklich unter Forschung verstehen. Handelt es sich um eine “forensische” Untersuchung im juristischen Sinne, bei der die Täterorganisation und ihre Täter und deren “Straftaten” genau beschrieben werden – einschließlich der Ansprüche auf Wiedergutmachung? Oder ist es am Ende nur ein Gerede ?

Ein “vorläufiger” Ansatz für eine solche umfassende forensische Untersuchung auf allen Ebenen ist jedoch bereits hier beschrieben: 

https://350928.forumromanum.com/member/forum/entry_ubb.user_350928.2.1137292721.1137292721.1.petition_zur_erneuten_aufarbeitung_des_seehospiz_norderney_an_fraktionen-ehemalige_kurkinder_des.html?onsearch=1

Gleiches Thema etwas verkürzt hier bei AG Verschickungskind: https://verschickungskind.de/petition-zur-veroeffentlichung-der-diakonie-dokumentation-vom-august-2021/

Matthi
Matthi
17. Januar 2022 16:31

Ja liebe Leser es ist grausam, und endet leider nicht mit der hier dargestellten Zeitperiode. Vergesst das bitte nicht. Wer so aufwuchs und diesen Umgang für „normal“ hielt, war später als Elternteil auch nicht einfühlsamer. Diese Art der Erziehung wurde vielen Kindern auch noch in den 80er und 90er Jahren – vielleicht sogar noch heute- zuteil. Wer kennt es nicht? …die Ohrfeigen mit der flachen Hand ins Gesicht, …den Hintern versohlt bei schlechten Noten, …ohne Abendessen ins Bett!

Peter.M
17. Januar 2022 13:54

Ein sehr wichtiger Schritt zur Aufarbeitung des Thema Verschickungskinder.