Verschickungsheime,  Verschickungsheime - Niedersachsen

Tilemanns Privatkinderheim – 2983 Juist

Tilemanns Privatkinderheim

Hugo-Droste-Straße 1-2

Träger: Elisabeth Tilemann

Betten: 70

Aufnahme: Knaben und Mädchen von 3-11, ganzjährig; nicht aufgenommen werden psychische und infektiöse Kranke

Preis: DM 14.- bis 16.- .

Ärztliche Behandlung

Unterricht: Volksschule, Mittelschule

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Julchen
24. Juli 2022 18:24

Ich bin mit ca. 4 oder 5 Jahren mit meinem 41/2 Jahre älteren Bruder bei Tilemann`s gewesen. Es muss vor meiner Einschulung gewesen sein, ca. 1974/75 vielleicht. Unsere Eltern wollten wahrscheinlich wie viele andere Eltern auch uns etwas Gutes tun. Reizklima, Meer, usw. Für mich war es die Hölle. Leider habe ich nur noch bruchstückhafte Erinnerungen an die Zeit. Mein Bruder leider auch. Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine Mutter schon Wochen vorher Namensetiketten mit der Hand in unsere Wäsche einnähte. Wie mein Bruder und ich zum Kinderheim kamen, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur daran erinnern, dass meine Mutter an einem für mich damals riesigem Holz- oder Wikingerboot stand und weinte. Es war wohl ein Spielplatz. Meine Mutter musste sich dort verabschieden und ich sah ihr mit meinem Bruder zu, wie sie gehen musste. Sie weinte und ich weinte auch. ich habe den gesamten Aufenthalt dort geweint. Ich konnte nichts essen und weinte mich jede Nacht in den Schlaf. An das Abendessen kann ich mich noch soweit erinnern, dass es einen großen Saal gab mit einer Treppe. Wenn wir zum Abendbrot die Treppe herunter kamen, stand dort auf einem riesigen Tisch oder zusammen geschobenen Tischen ganz viele Teller mit jeweils einer Scheibe Brot: Die eine Hälfte mit Gurke, die andere mit Leberwurst. Gurke auf dem Brot esse ich bis heute nicht. Damals habe ich mich beim Geruch schon geeckelt. Ob ich es trotzdem essen musste, kann ich nicht mehr sagen. An die Gänge mit den vielen Gummistiefeln und den “Friesennerzen” an den Hacken kann ich mich auch noch erinnern. Und dass ich geweint habe, viel geweint. Mein Bruder meinte, wir hätten immer nur Sonntags von den Eltern gehört, dann wäre über Wochen nichts mehr gekommen und schließlich ein großes Päckchen von ihnen. Mit einer Puppe für mich darin, die ich damals ziemlich häßlich fand. Mein Weinen hörte nicht auf. Schließlich legte man mich in das Zimmer meines Bruders (?). Das schaffte wohl etwas Ruhe in meiner Seele. Bis heute weiß ich nicht, wie mein Bruder und ich diese Zeit überstanden haben. Heimwehgefühle begleiten mich bis heute. Nun bin ich 52 Jahre alt und möchte Licht in diese dunkle Zeit bringen. Wer war auch Anfang der 70er auf Juist bei Tilemann’s und kann mir davon berichten?!

Dr. Albert Schnelle
Dr. Albert Schnelle
25. Januar 2022 20:03

Im Alter von sieben Jahren, das war im Mai/Juni 1960, verschickten mich meine Eltern, da ich oft kränkelte und wenig Kontakt zu anderen Kindern hatte, nach Juist in Tilemanns Privatkinderheim. Meine Mutter und ihre Zwillingsschwester waren selbst schon dort gewesen, als sie 12 Jahre als waren (1938). Die ganze Zeit über wurde das Heim von Frau Elisabeth Tilemann geleitet. Ich habe sie als eine gütige, sehr fürsorgliche ältere Dame in Erinnerung. Drastische Erziehiugsmaßnahmen gab es nicht, wohl aber eine gewisse Strenge, die damals – wie auch in der Schule – üblich war.

Ich weiß noch, dass kleinere Kinder anfangs durchaus auch Angst hatten (nicht alle), die sich aber mit der Zeit legte, als sie im Heim, mit den Kindern und den Tanten, vertrauter wurden. Die Angst gründete sich aber nicht, wie gesagt, in gewissen drakonischem Maßnahmen, wie sie aus anderen Heimen berichtet werden. Gewiss – bei den Mahlzeiten wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Es wurde alles aufgegessen, “damit morgen die Sonne scheint”. Und wer zuerst fertig war, wurde zum Kaiser ernannt (“Kaiser, König, Edelmann, Bürger Bauer, Bettelmann”).
Die Sauberkeitserziehung war fdamals noch so, dass es ein gewisses Drama war, wenn ein Kind sich mit zwei oder drei Jahren noch nassmachte(so wie es einem Mädchen mal in den Dünen passierte …). Damals, gerade 15 Jahre nach dem Krieg, achtete man eben auf reichliche nahrhaftes Essen, das unter keinen Umständen verschmäht werden durfte. Und mit Waschmaschinen und Windeln für größere Kinder war es noch nicht weit her.

Und selbstverständlich gab es regeln: Man durfte zu den Erwachsenen nicht frech sein, vor den Mahlzeiten wurde gebetet, während des Essens (wie in den meisten Familie und auch im Schullandheim) keine Getränke, der Mittagsschlaf war regelmäßig, außer an sehr heißen Tagen, vorgesehen, und abends ging es pünktlich zu Bett. Es kam aber wohl vor, dass Tante Elisath (Frau Telemann) ihr Akkordeon hervorholte. Wir durften uns auf die Treppenstufen setzen, und gemeinsam wurden Lieder gesungen.

Damals war es nicht vorgesehen, dass Kinder Erwachsene einfach mit Vornamen anredeten. Es gab eben keine solche “Augenhöhe” , aber auch keine so kalt funktionelle Betitelung als “Erzieherin”, wie sie heute in der Kita vorherrscht … Wir sagten “Tante”, durchweg, und das schuf ein persönliches familiäres Umfeld für uns Kinder.

Außer Tante Elisabeth, der Leiterin, die im Alltag wenig in Erscheinung trat, gab es noch eine ältere Kindergärtnerin, die meine Mutter mit “Frau Béron” ansprach, deren “Tantenname” mir aber entfallen ist. Aber daneben betreuten uns auf den Spaziergängen, den Wegen in die Dünen und an den Strand, jüngere Mädchen im Alter vielleicht zwischen 16 und 20. Die Tanten Regine (aus Berlin), Karin (?) und Ute sind mir noch in Erinnerung. Tante Ute war allerdings etwas strenger als die anderen. In die kesse Tante Regine aus Berlin hatte ich mich mit meinen sieben Jahren regelrecht verliebt. Von den anderen Kindern habe ich noch Imke, Eilert, Stefan und Henning in Erinnerung, des Weiteren ein kleiner Junge aus Rheine, dessen Name mir auch längst entfallen ist.

Unvergessen ist die gute Juister Ärztin Dr. van Lessen (eine liebe Freundin meiner Tante aus Ostfriesland, ebenfalls Ärztin), die einmal in der Woche kam und uns kurz untersuchte.

Nein, ich lasse auf “Tilemanns Privatkinderheim” nichts kommen. Alle gaben sich große Mühe mit uns Kleinen, betreuten uns gut, sorgten für unsere Gesundheit und erzogen uns mit der damals üblichen liebevollen Strenge. Daher bedaure ich den sehr viel negativeren Erlebnisbericht von Frau Brunke. Hatten sich die Zustände wenige Jahre später so sehr geändert?

Inka Brunke
Inka Brunke
4. Mai 2021 22:40

Ich war Heim Tielemann auf Juist im Jahr 1967. Ich war 5 Jahre alt, meine ältere Schwester war 8. Wir verbrachten die Sommerferien im Heim. Meine Eltern dachten, Sie bescheren uns einen schönen Aufenthalt am Meer. Ich habe mich aber sehr geängstigt und die drastischen Erziehungsmassnahmen nicht verstanden. Obwohl ich schon schwimmen konnte (Freischwimmerabzeichen) durfte ich nur bis zu den Knöcheln ins Wasser. Zu meiner Schwester hatte ich nur selten Kontakt, wir waren die meiste Zeit getrennt. Ich hatte auch Angst vor den vielen Kindern, die nachts im Schlafsaal tobten. Wir waren Mädchen und Jungen gemischt in diesem großen Saal mit den Gitterbetten. Als ich vor Heimweh geweint habe, musste ich die restliche Nacht im Waschsaal verbringen. Ich saß dort auf einem Schemel und musste gegen Morgen die Zahnpasta für alle Kinder auf deren Zahnbürsten verteilen. Ich kam dort kaum heran, die Zahnbürsten waren oberhalb der Waschtröge auf einer Ablage abgestellt. Also wurde ich wieder bestraft. Ich wurde später von einer Wespe in den Fuß gestochen. Der schwoll stark an, so dass ich nicht mit den anderen Kindern Anden Strand gehen durfte. Mir wurde der Spielplatz neben dem Haupthaus zugewiesen. Den dufte ich nicht verlassen sondern sollte da bis abends alleine spielen.
Am schlimmsten finde ich es noch heute, dass ich aus Angst vor den strengen Kinderschwestern mit ihren gestärkten Hauben, am Esstisch mein Erbrochenes erneut aufessen wollte, um weiterer Strafe zu entgehen.
Meine Schwester, die schon schreiben konnte, schrieb einen Brief an meine Mutter, „im Kinderheim ist es nicht schön“. Wir wussten, dass das nicht erlaubt war, deshalb benutzte sie eine „Geheimsprache“, die wir zu Hause mit meiner Mutter sprachen. Leider war sie leicht zu entziffern und wir mussten zur Heimleitung, die unseren Brief abgefangen hatte.
Aus heutiger Sicht erscheint mir all das unvorstellbar. Ich bin entsetzt, dass das keine Ausnahmen waren, sondern dass offensichtlich die damaligen Erziehungsvorstellungen diesen Umgang mit kleinen Kindern gedeckt haben.