Verschickungserlebnisse

Auf dieser Seite schreiben Mitmenschen ihre traumatischen Verschickungserlebnisse, die sie als Kind in Kinderkurheimen erlebt haben.

Diese Berichte dienen in erster Linie dazu das wir alle zusammen ein Zeitdokument erschaffen, das die Grausamkeiten und Misshandlungen von damals dokumentiert.

Durch die geschilderten Erlebnisse und der Preisgabe an die Öffentlichkeit wollen wir einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit gewinnen und unsere Schilderungen können nicht als “Einzelfall” dargestellt werden!

Die hier geschilderten Erlebnisse können auf Wunsch auch anonymisiert werden. D.h. ihr müsst keinen Realnamen preisgeben!
Eure Daten werden keinesfalls an Dritte ausgegeben!!! Sollte jemand mit euch Kontakt aufnehmen wollen, fragen wir bei euch zuerst an und geben die Kontaktdaten nur an euch weiter. Somit könnt ihr selbst entscheiden, ob ihr Kontakt aufnehmen wollt oder nicht.

Ein herzliches Dankeschön an alle bisherigen 1302 TeilnehmerInnen, die uns ihr Vertrauen schenkten und uns somit auch im wissentschaftlichen Bereich unterstützten! Durch ihre Mitarbeit konnten wir zahlreiche Statistiken anfertigen, die ebenfalls eure Erlebnisse belegen können.


Die bisherigen Schilderungen und Berichte durften wir leider nur bis vor kurzem nutzen. Durch eine neue Vorgabe ist uns die weitere Nutzung der bisherigen Berichte nicht mehr möglich/erlaubt, was wir sehr schade finden.


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Marlies Hilgeland aus Willich schrieb am 21. Juni 2021
Ich wurde gezwungen Milchsuppen zu essen,saß
stundenlang vor meinem Teller,allein im großen Ess-Saal.Ich habe heute noch den gleichen Ekel vor Milch wie damals
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Jutta Sternberg aus Wuppertal schrieb am 17. Juni 2021
Ich wurde 1959 im August für sechs Wochen zur Kur geschickt, da ich leber- und gallenkrank war. Ich durfte selbst wählen, wohin ich wollte. Entweder in den Schwarzwald oder nach Bad Sassendorf. Aufgrund von Märchen stellte ich mir den Schwarzwald so vor, wie er in Hänsel und Gretel vorkommt: riesig groß und entsetzlich dunkel. Ich hatte fürchterliche Angst davor, und so entschied ich mich für Bad Sassendorf. Es war unterm Strich die Hölle für mich. Aufgrund meiner Krankheit vertrug ich nur bestimmte Lebensmittel. Das Interessierte die „Tanten“ aber nicht. Ich musste alles essen, was auf den Tisch kam. Wenn ich mich in meinen Teller übergab, musste ich das Erbrochene zusammen mit dem Rest der Mittag- oder Abendbrotmajlzeit aufessen.
Jeden Abend mussten einige Betten aufgebaut werden, weil es sonst tagsüber zu eng im Schlafsaal war. Ich half einen Abend einem
Jungen beim Zusammenbau seines Bettes. Dabei ging das kaputt. Zur Strafe wurde ich eingesperrt.
Überhaupt wurden wir Kinder oft eingesperrt oder mussten uns mit dem Gesicht zur Wand vor eine solche stellen, wenn wir uns nicht ‚brav‘ verhielten. Ich wurde oft in einen von außen sehr gut einsehbaren Raum gesperrt. Ich habe mich dann immer furchtbar geschämt und versucht, mich z. B. hinter einem
Kasperletheater zu verstecken, das in diesem Raum stand, damit mich die anderen Kinder nicht sehen konnten.
An dem Tag, als ich sechs wurde, war die Kur beendet und ich fuhr wieder nach Hause. Ich wurde alleine in einen Zug gesetzt und mir wurde gesagt, wo ich in Wuppertal aussteigen musste.
Meinen Eltern fiel auf, dass ich sehr verängstigt war. Aber wie es in den 50er Jahren üblich war, glaubten sie mir nicht. Im Gegenteil, sie nutzten meine Angst aus, um mich mit der Drohung „Wenn Du nicht lieb bist, schicken wir dich wieder nach Sassendorf“, unter Druck zu setzen.
Seitdem habe ich nie wieder eine Kur antreten können.
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Anonym schrieb am 16. Juni 2021
Ich war im Jahr 1962 in Berchtesgaden kurheim Landhaus Schönsicht. Besionders verletzend empfand ich die Essensituation: Essen müssen was nicht ging und erbrochenes persönlich zu beseitigen..... Dunkles Treppenhaus in dem ich stehen musste wenn ich nicht aufgegessen habe und großer innererDruck und Angst. Ich hatte mindestens 5 Aufenthalte in verschiedenen Heimen - Berchtesgaden ist mir sehr belastend in Erinnerung.
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Anonym schrieb am 14. Juni 2021
Mein Mann und ich gehören auch zu den Verschickungskindern.

Wir mussten 6 Wochen zur Kur nach Wangerooge und können bestätigen, dass unser Willen durch Gewalt gebrochen wurde.
Wir waren 6 Jahre und mussten Essen was auf dem Tisch kam bis zum Erbrechen. Kinder die in der Mittagspauseeinen Muc ks von sich gaben wurden mit Schläge und Einsperren zur Ruhe gebracht.
Wir durften nicht mit unseren Eltern telefonieren und auch nur kontrollierte Karten nach Hause schreiben. Außerdem war wir in dem Glauben, dass das von unseren Elternso gewollt war. Kinder die ins Bett gemacht hatten, mussten darin schlafen.
Ich habe das erste mal mit meiner Mutter nach 25 Jahren über diese Kur gesprochen undihr vor geworfen, die Kur nie hinterfragt zu haben. Zur Antwort bekam ich, „Der Arzt hat das empfohlen und deshalb haben Papa und ich es für richtig gehalten.“
In der Schule ging es dann weiter. Ich hatte leider noch eine Klassenlehrerin, der die Hand ziemlich oft ausrutschte.
Die Klassenkameraden, die von ihren Eltern angehalten wurden Zuhause auf dem Hof zu helfen, anstatt lesen zu üben und ihre Hausaufgaben zu machen wurden regelmäßig geschlagen oder mussten in der Ecke stehen.
Meine Eltern sind auch mit Gewalt zu Disziplin gezwungen worden, deshalb kann man ihnen vielleicht auch keinen Vorwurf machen.
Ich hasse Gewalt und habe bis heute noch mit Ängsten zu kämpfen.
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Anonym schrieb am 14. Juni 2021
Es gab jeden Morgen Milchsuppe, die ich bis heute nicht essen kann. Die erste Milchsuppe habe ich erbrochen und sollte das Erbrochene essen, danach bin ich nach draußen gelaufen und habe dort erneut gebrochen. Für mich gab es dann nur noch sonntags Frühstück, da gab es Weißbrot mit Honig. So genau kann ich mich nicht an alles erinnern, aber ich hatte furchtbares Heimweh. Als wir mit dem Zug zurück kamen, hatten meine Eltern sich verspätet ( sie kamen mit dem BUS, hatten kein Auto und es hatte geschneit) ich saß alleine auf meinem Koffer in der Bahnhofshalle und dachte, ich werde nicht abgeholt. Ein Handy gab es damals noch nicht und meine Eltern konnten wohl telefonisch nicht erreicht werden, da sie ja bereits unterwegs waren. An mehr kann ich mich nicht erinnern, aber meine Mutter hat immer gesagt, wenn sie das alles gewusst hätte, hätte sie mich nicht zur Kur geschickt
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Greta aus Köln schrieb am 13. Juni 2021
Hallo ... ich war ebenfalls ( wie Katharina) im Haus Schuppenhörnle im Schwarzwald zur Kinderverschickung ....für elende nicht enden wollende 6 Wochen.
Erst durch den Bericht kürzlich konnte ich das meinige Schicksal mit vielen verdrängten Eindrücken aus dieser traurigen Zeit verknüpfen.
Drill .. ob das tägliche Betten machen mit korrekter Kellerfalte im Bettlaken( gab Belohnung für den perfekten Kniff ) oder die Qual der Essenzeit.. ich sollte, da ich zu dünn war ...Kalorien zu legen. Da ich nie gerne Wurst und Fleisch essen mochte ...war das die Hölle für mich ... neben mir saß allerdings (in fester Sitzordnung ) ein Mädchen das abnehmen sollte ... sie nahm die Wurst und das Fleisch ... in unbeobachteten Momenten.
In meiner Erinnerung war ich jedesmal sehr zittrig und froh gewesen, dass wir nicht entdeckt wurden.
Meine Erinnerung an die Dachboden SchlafsaalSituation ist auch sehr nachhaltig.., noch heute denke ich oft darüber nach ....wie gemein und hinterhältig die Schlafsaal Betreuung ablief ... dass war schon Tricky ... und hat ständig Heimweh- Weinanfälle ausgelöst.
Es wurden Rätsel gestellt für z. B. um sein Päckchen von der Mama oder von den Großeltern zu erhalten ... nur Pech wenn man das Rätsel vor lauter Angst und Aufregung nicht lösen konnte ... Pech ... dann blieb es noch einen oder zwei Tage länger unter Verschluss ... so dauerte es dann bis ich meinen geliebten Teddy in den Arm nehmen konnte. Das Rätsel wurde natürlich auf Kosten der Kinder gelöst um so mehr zerriss es mir & und den anderen Leidensgefährten das Herz.
Es gibt noch einiges in meiner Verdrängung der Erinnerung ... .. Ungerechtigkeiten die seelischer Natur waren ... mir & anderen Kindern gegenüber. Es wurde mit den Gefühlen ungespielt und die Stränge stand immer vor Freundlichkeit des Betreuers ...
Seitdem ist es mir immer ein großes Anliegen gegen Ungerechtigkeiten aufzustehen ... Sprachrohr sein für die die nicht für sich einstehen können ...
...
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Anonym schrieb am 13. Juni 2021
Es ist schon lange her heute bin ich 72 Jahre aber noch heute im Rückblick war es furchtbar. Anreise mit dem Zug, der Bahnhof ca.2km vom Heim entfernt. Alle Taschen und Koffer auf einen Pferdekarren und dann Fußmarsch. Bei der Ankunft mussten wir uns erst einmal ausziehen und wurden dann sortiert wer in die Große oder kleine Gruppe kommt.
Ich war bei den kleinen, ich kam ja wegen schlechter Ernährung dahin und sollte in 6 Wochen aufgepäppelt werden.
Es musste immer alles gegessen werden auch wenn man sich übergeben musste. Danach ging es in den Schlafsaal zum Mittagsschlaf. Es gab dort Sprechverbot. Hat sich jemand nicht daran gehalten dann gab es Ohrfeigen genau so wenn man eingenässt hatte. Hatte sich aber ein Kind eingekotet dann wurde er im Waschraum mit einen Gummischlauch abgespritzt. Es ar natürlich kaltes Wasser. Ist mir zum Glück nicht passiert aber ich habe es gesehen. Dafür habe ich wegen anderer Nichtigkeiten oft genug Ohrfeigen von den Nonnen bekommen. Vieles habe ich inzwischen verdrängt, aber als Kind ständig in Angst zu leben war wirklich nicht schön
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Kips Johanna aus Hennef schrieb am 13. Juni 2021
Ich würde am 7.1.66 nach Bonndorf Schwarzwald ins Heim Johnen verschickt.
Angeblich war ich nicht schulreif. Ich war 6 Jahre alt.
Ich musste aufessen, auch wenn ich es nicht mochte. Milchreis mit Zimt kann ich seit dem nicht essen. Zur Bestrafung (wofür auch immer) musste ich mit dem Gesicht zur Wand stehen. Alle anderen Kinder gingen an mir vorbei in den Saal zum Essen. Immer wieder standen auch andere Kinder dort. Ich hatte Heimweh.
Die Folge des Aufenthalts, ich kaute an meinen Fingernägeln und das Jahre lang. Heute passiert es auch schon einmal, dass meine Nägel bei zu viel Stress dran glauben
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Markus Brink schrieb am 13. Juni 2021
Im Vorschulalter wurde ich für 6 Wochen an den Timmendorfer Strand verschickt. Ich war zu diesem Zeitpunkt 5 Jahre alt. Trinkflasche um den Hals, ab in den Zug. Meinem jungen Alter geschuldet kann ich mich an die Dinge nur noch rudimentär erinnern. Es waren die schlimmsten Wochen in meinem Leben. Das Heim war Nonnengeführt. Ich habe in einem 50 Personen Schlafsaal mehr oder weniger geschlafen. Es gab Spinde; jeden Abend gab es antreten vor den Spinden. Und: Zwangswiegen. Ich musste zunehmen und das wurde akribisch kontrolliert. Auch wurde mir angedroht; wenn ich zunehme müsse ich länger bleiben was zu einem Essen bis zum Erbrechen geführt hat. Es gab in den 6 Wochen keinerlei Kontakt zu meinen Eltern. Man war total isoliert und das in dem Alter in dem ich nicht wusste, ob ich ev. oder kath. war. Es war schlimm. Ich darf nicht an die Wochen zurückdenken und versuche natürlich zu verdrängen. Was natürlich passiert. Der Schaden der Seele ist allerdings nicht messbar. Er begleitet mich durch mein ganzes Leben.
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mikelthebikel aus Köln schrieb am 13. Juni 2021
Das war unmöglich - Es musste das ekelhafteste Essen (billigste, stinkende) Leberwurst aufgegessen werden. Zur damaligen Zeit habe ich kein Fleisch gegessen, sondern habe versucht, dieses hinten wie ein Hamster zu bunkern. Das konnte ich dann ins Klo spucken - leider wurde das ganz schnell entdeckt, also musste es heruntergeschluckt werden und (wenigstens nicht das vom Klo) das ausgebrochene (sic) wurde wieder aufgetischt.
Wir konnten uns nicht wehren - es glaubte auch keiner!
Bis zum Alter von 35 verursachte mir allein der Geruch von Leberwurst einen extremen Brechreiz.
Sicher und geborgen habe ich mich seit dieser Zeit nie mehr gefühlt - Vertrauen in andere Menschen - nie mehr
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Anonym schrieb am 7. Juni 2021
Ich wurde als 5-Jährige sechs Wochen lang nach Sylt geschickt, da mir von der Kinderärztin Übergewichtigkeit attestiert worden war. In dem Heim herrschte ein beklemmendes Klima. Insbesondere bei der Zubettgeh-Zeit wurden Kinder mit Heimweh geschlagen, bis sie Ruhe gaben. Nach wenigen Tagen reichte meist die Drohung oder das Hören von Schlägen aus Nachbarzimmern, um gar nicht erst zu zeigen, wie man sich fühlte. Tagsüber wurde ich neben Kinder gesetzt, die zum Aufpäppeln da waren. Sie hatten randvolle Teller, meiner war höchst spärlich belegt. Entsprechende Kommentare der Betreuer machten mir klar, dass es meine Schuld war, dass dies so war. Nachdem sich ein Kind beim Toben den Arm gebrochen hatte, war allen anderen für die restliche Zeit Toben unter Strafandrohung verboten. Ich habe viel aus dieser Zeit verdrängt. Nach Hause "schreiben" ging nur, indem man einem Betreuer in die Feder diktierte. So war es unmöglich, das Erlebte den Eltern zu schildern.
Ich habe nie wieder Heimweh gehabt irgendwo, weil es nirgendwo annähernd so schlimm gewesen ist wie dort. Wenn ich Sylt höre, habe ich noch heute ein beklemmendes Gefühl.
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Andreas aus Bremen schrieb am 3. Juni 2021
Ich habe lange überlegt, ob ich öffentlich darüber schreibe aber ich denke, es gehört ein bisschen zu meiner Aufarbeitung.

In sämtlichen Berichten wurde immer nur bis in die 70er erzählt allerdings hat man die Ausläufer bis in die 80er zu spüren bekommen. Allerdings muss ich sagen, die Qual war zuvor wesentlich schlimmer, wie ich in Berichten gesehen habe.

Ich war selbst 1983 mit 8 Jahren 6 Wochen auf der Insel Borkum im Adolfinenheim untergebracht.

Ich habe über das Thema mit meinen Eltern gesprochen und ein paar Freunde habe ich da auch eingeweiht, allerdings habe ich immer nur bruchstückhaft darüber gesprochen.
Ich habe in den letzten Jahren in Foren recherchiert und mit Leidensgenossen gesprochen um zu erfahren, ob mich meine Erinnerungen nicht doch trüben aber ich habe von allen die gleichen Erfahrungen berichtet bekommen.

Nach nunmehr 38 Jahren habe ich mich dazu entschieden, alles soweit aufzuarbeiten, was damals passiert ist und besuche demnächst das erste Mal diese Insel wieder.

Wir waren 6 Wochen dort, getrennt von den Eltern. Es waren dort Zustände, die sich keiner ausmalen mag.
Die Erzieherinnen dort, waren herzlos, streng und haben nur mit Bestrafung gearbeitet.
Das Essen war grausam und man musste so lange sitzen bleiben, bis man aufgegessen hatte und wenn es den ganzen Nachmittag, Abend etc. gedauert hat.
Wir mussten Mittagsschlaf halten und wer Heimweh hatte, wurde bestraft. Wie oft habe ich im Bett gelegen und geweint, weil ich nach Hause wollte. Ich wurde zur Strafe in den Aufenthaltsraum gesetzt und musste den Rest der Nacht auf einem Holzstuhl sitzen.
Unsere Gruppenleiterin, weiter "Alte Hexe" genannt, patrouillierte nachts durch die Gänge, um zu schauen, ob auch alle schlafen und im Bett blieben.
Briefe durften wir nicht selbst schreiben, obwohl ich schon schreiben konnte. Die Inhalte haben sich immer wiederholt, mir gefällt es dort, es ist wunderschön und was wir alles erlebt haben.
Erhaltene Briefe wurden vorweg gelesen, Pakete geöffnet und dort enthaltene Süßigkeiten an die Allgemeinheit verteilt.

In den vielen Berichten, die ich gesehen habe, wurden vor meiner Zeit Kinder dort misshandelt und geschlagen. Ich kann mich daran nicht erinnern, ob die das mit uns auch gemacht haben. Ich glaube es zwar nicht oder ich habe es verdrängt.

Bei uns im Zimmer hatten wir einen, der fast jede Nacht ins Bett gemacht hat, wofür er jedes Mal bestraft wurde. Ein mal war es mehr als nur Flüssigkeit. Die alte Hexe, die dort das Regiment geführt hat, hatte ihn an einem Bein aus dem Zimmer gezerrt und er wurde von zwei Betreuerinnen eiskalt abgeduscht. Wir Kinder standen alle drum herum und haben ihn ausgelacht. Heute glaube ich, dass es auch so gewollt war, um ihm das Gefühl zu vermitteln, wie peinlich das ist.
Der arme Kerl hat geschrien wie am Spieß, als die ihn eiskalt abgeduscht hatten. Ich höre das Geschrei immer noch.
Ich fürchte, der hat sein Leben lang ein Trauma. Ich allerdings auch.

Heutzutage habe ich das Gefühl, ich habe damals einen Blick in die Hölle geworfen.

Nach 38 Jahren werde ich ende Juni das erste Mal wieder zum Ort des Schreckens zurückkehren. Einerseits ist mir etwas mulmig, weil ich angst habe, dass Verdrängtes zum vor scheinen kommt andererseits bin ich aber auch bereit, mich dem zu stellen und denke, ich werde einen Abschluss bzw. meinen Seelenfrieden finden.

Ich weiß, das dass Heim nicht mehr existiert. Es ist vor ein paar Jahren abgebrannt. Ein Schelm der Böses dabei denkt 🙂
Einerseits schade, ich hätte es gern noch mal gesehen andererseits bin ich froh, dass dieser Ort des Schreckens nicht mehr da ist.

Ich habe einige Jahre danach erst meinen Eltern von dem erzählen können. Habe ich so lange gebraucht aus Scham? Oder weil ich angst hatte, keiner würde mir glauben? Ich weiß es nicht.

Warum mache ich das jetzt öffentlich? Um denen Mut zu geben, die ggf´s das Gleiche erlebt haben und sich selbst nicht trauen, darüber zu sprechen und um ihnen zu sagen, JA es war so, das habt ihr euch nicht eingebildet.

Ein ARD Bericht beschreibt die ganze Geschichte der Verschickungskinder, ich habe "nur" die Ausläufer mitbekommen und es war lange nicht so schlimm, wie es meine Vorgänger abbekommen haben, zumindest glaube ich das oder ich habe einiges verdrängt.
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Wolfgang Kalthoff schrieb am 31. Mai 2021
Es ist sehr traurig. Traurig, mittlerweile zu wissen, dass nicht nur ein paar Kinder dieses Leid miterlebt haben (selbst das wäre ausserordentlich schlimm), sondern Hunderte oder vielleicht Tausende. Und wenn ich dann alle Berichte , auf dieser oder anderen Seiten lese....krank...einfach nur krank....was diese Menschen mit uns damals angestellt bzw. ausprobiert haben.
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ilzite aus stuttgart schrieb am 29. Mai 2021
ich kam als 5jährige nach kirchheim an der jagst.(AWO KINDERERHOLUNG) ich erinnere mich wir kinder bekamen oft s.g. lichtduschen waren splitternackt und die augenschutzbrillen kratzen schrecklich. ich weinte einmal und wurde geschlagen. es waren s. g. tanten meistens nonnen, grob,unfreundlich, angsteinflössend. mittagsschlaf wurde angeordnet, ohne mucks. zum essen gab es oft spinat den mochte ich gar nicht. ich würgte den hinunter, denn schon damals spürte ich besser den zu essen sonst geschieht schlimmes. zum trinken jeden tag pfefferminztee, den trinke ich seither gar nicht. bei den untersuchungen wurden wir oft gewogen, mir viel ein arzt auf der schaute immer, brutal, und grimmig und bösartig uns kinder an und griff uns immer heftig an den armen dass es wehtat.. ich hörte oft im grossen schlafsaal andere weinen, danach kamen die nonnen s.g. tanten herein und zogen einige kinder aus den betten. die kamen völlig verängstigt zurück und weinten nicht mehr. Prolog- als ich 2012 im krankenhaus lag wegen schwerer Lungenentzündung, hatte ich eine nachtschwester die mich an diese nonnen erinnerte, ich hatte immer angst als diese dienst hatte. ich wusste ich war ihr hilflos ausgeliefert und klingelte nie nach ihr. ( klar- das ist mein kindheitstrauma!!!) als ich damals nach der "supererholsamen" AWO Kur nach hause kam weinte ich nachts sehr viel und war ängstlich. ich erzählte niemanden davon, bis ich erst jetzt auf die verschickungskinder gestossen bin, kam meine erinnerung zurück.
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Wolfgang Kalthoff schrieb am 16. Mai 2021
Hallo Anonym! Diese Leute gibt es heute leider immer noch !
Früher hiessen sie Tanten...Heute ?...verstecken sie sich irgendwo und heissen jetzt vielleicht Onkel....
Ich kann nur an die Menschen appelieren, die das mitgemacht haben. Schämt euch nicht es in die Welt rauszutragen.
Dafür sind diese Seiten da.
Ob euere Familie euch damals geglaubt hat oder nicht...egal...scheissegal...!!!
Nicht nur "denken" und Menschen,die einem das sowieso nicht glauben bzw. nicht zuhören, alles erzählen.
Einfach nur machen...in Form dieser Berichte !
Wir wissen ja um was es geht.
Alles Gute !!!
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Anonym schrieb am 15. Mai 2021
Im August/September 1974, die 6 Wochen nach den Sommerferien nach Beirawies/Schwarzwald verschickt.

Das ‚Kurheim‘ war damals an den Hochtaunuskreis verpachtet und von dort kam ich.

Meine alleinerziehende Mutter hatte kurz vorher einen „Nervenzusammenbruch“ – wie es damals hieß und war das voll „igitt“: über so etwas sprach man damals nicht – und ich musste wohl irgendwie aus den „Füßen“, damit sich die Erwachsenen ein bisschen sortieren konnten.
Ich war und bin es auch heute noch: „ein Strich in der Landschaft“ und so bot es sich an, mich auf die „Kur zu schicken“ …
Viele andere haben es schon berichtet: die verzweifelten Briefe nach Hause wurden kassiert und nur solche a la „mir geht es gut, wie geht es Euch?“ zugelassen – solche Briefe mussten aber wöchentlich geschrieben werden.

Ich wollte nur wissen, was mit meiner Mutter wirklich los war, darüber gab es keine Auskünfte. Ich wurde nach meinem ersten Brief zur Heimleiterin ‚gebeten‘, die mir mitteilte, dass sie mit meinem Onkel gesprochen habe, es meiner Mutter soweit gut ginge, ich aber weder jetzt noch in absehbarer Zeit wieder mit meiner Mutter zusammenleben können. Im Übrigen dürfe ich meine Mutter überhaupt nicht danach fragen, was los ist. Warum durfte ich weder mit meiner Mutter, noch mit meinem Onkel direkt reden?

Ich wurde in der Zeit des Aufenthaltes 12 Jahre alt. Wahrscheinlich gab es eine kleine Aufmerksamkeit bzgl. meines Geburtstags – ich erinnere mich nicht!

Meine österreichige Tante hat damals angefangen mir so etwas wie „Care Pakete“ zu schicken: mit allerlei, vom Mund abgesparten, Süßigkeiten drin. Ich habe nur einen Teil des Inhalts bekommen – die edelsten Sachen waren schon weg, Einen Großteil musste ich wahllos verteilen, ein bisschen verblieb mir und meinen Freunden

Einige Zeit danach fragte meine Tante, was ich bekommen hatte – ich antworte wahrheitsgemäß – alles blieb ohne Folgen.

Im Speisesaal waren ‚Große und Kleine‘ und ‚Dicke und Dünne‘ gemischt.

Das einige Konzept die ‚Dicken‘ abzuspecken und die ‚Dünnen‘ aufzupäppeln bestand daran, die Einen auf ‚FDH‘ und die anderen auf ‚doppelte Portion‘ zu setzen. Viele der Dickeren sind hungrig aufgestanden. Die Dünneren haben die Speisen in sich hineingewürgt. Ein paar Mal habe ich es geschafft, meinen übervollen Teller unbemerkt an meine Nachbarin weiter zu geben. Ein paar mehr musste ich aber noch größere Portionen in mich hineinschaufeln.

Ich war ursprünglich nach vorne raus, in einem wahrscheinlich 6 Bettzimmer untergebracht. Wie die Kleinen habe ich jede Nach in den Schlaf geheult. Nun, ich war damals schon inmitten der Pubertät und habe in der Zeit meine „Tage“ bekommen. Unvorbereitet wie ich war, musste einige Beweise vorlegen, um an selbstbezahlte Hygieneartikel zu kommen. Danach durfte ich in ein 4-Bett Zimmer nach links raus umziehen und wurde auch ein bisschen freundlicher behandelt

Nichtsdestotrotz wurden wir zur Körperpflege einfach in einem großen Waschraum zusammengetrieben.

Ich hatte damals schon die „Anwandlung“, dass die Leute, die uns das antun, auch bereit waren, Männer/Frauen/Kinder jüdischen oder muslimischen Glaubens bis zum Tod zu schikanieren.

Gibt es LeidensgenossenInnen?
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Wolfgang Kalthoff schrieb am 14. Mai 2021
Hallo Edith Mattissen !
es tut mir leid, dass du (wie soviele Andere) dieses Leid erleben mussten. Viele andere junge Menschen,genauso wie ich, waren nicht in Aprath....haben aber das Gleiche...in sogenannten Verschickungsheimen... erlebt.
Deiner Schwester kann ich nur raten, sich mal diese Seite...oder auch viele andere Seiten, anzuschauen. Dann wird sie dir hoffentlich glauben.
Ich hoffe, deine Therapie glückt und deine Depressionen lassen nach bzw. verschwinden.
Zig tausend Menschen glauben dir mehr als deine Schwester.....weil sie es selbst erlebt haben.
Alles Gute !!!
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Anonym schrieb am 14. Mai 2021
Ich war wegen Tuberkulose fast 22 Monate in der Kinderheilstätte Aprath in Wülfrath. Eltern durften mich alle 2-3 Monate besuchen. Ich wurde mit ca. 3 Jahren von einer Frau vom Gesundheitsamt, abends zuhause abgeholt. Sie sagte, sie zeigt mir draußen, beim Autofahren die Lichter und bringt mich gleich zurück! Ich erinnere mich an die Autofahrt und die Lichter im Dunklen. An die Ankunft und Aufnahme habe ich keine Erinnerung. Ich erinnere ich mich an den großen Schlafsaal. Und dass ich nicht Essen wollte und ich deshalb beschimpft und geschlagen wurde. Ich habe auch wieder in die Hose bzw.Bett genässt und musste dann lange auf einen Topf sitzen. Wenn ich weinte wurde ich geschlagen und beschimpft. Wenn meine Eltern zu Besuch kamen, dachte ich sie holen mich endlich ab. Wenn sie nach 2 Stunden gehen mussten, habe ich gedacht sie gehen für immer weg und ich schrie und weinte. Dann haben sie mich geschlagen und mir die Geschenke weggenommen. Sie sagten, dass mich niemand mehr mag, weil ich böses Kind sei und ich keine Geschenke verdiene. Dann wurden die Süßigkeiten an die anderen Kinder verteilt und ich bekam nichts. Mein Teddy wurde mir auch weggenommen. Wenn ich nicht ins Bett machen, alles aufessen und nicht mehr weine, würde ich ihn zurück bekommen..Ich habe ihn nicht mehr zurückbekommen. Da ich immer schwächer wurde, wurde der Aufenthalt ständig verlängert. Nach einem halben Jahre erkannte ich meine Eltern nicht mehr und sagte Tante und Onkel zu Ihnen und wollte aber trotzdem immer mit Ihnen nachhause..nur weg von da! Zuhause habe ich kaum gesprochen und musste immer in der Nähe meiner Mutter oder Vater sein. Sobald meine Mutter z. Bsp nur kurz in den Garten ging, hatte ich Panik, dass ihr etwas zustößt und sie nie wieder kommt. Ich habe jahrelang kaum essen wollen und war sehr untergewichtig, obwohl ich gesund war. In der Pubertät war ich Magersüchtig und Suizid gefährdet. Verlassensängste und Bindungsängste begleiteten mich mein ganzes Leben. Sowie wiederkehrende Depressionen und Ängste vor Ärzten bzw. Krankenhäuser. Da ich nur Bruchstücke meiner Erinnerung später geschildert hatte, haben meine Eltern es nicht wirklich glauben können. Meine 13 Jahre ältere Halbschwester beschimpfte mich als Kind oft, weil ich weinte wenn meine Mutter kurz wegging und sagte dann, ich würde nur Aufmerksamkeit erregen wollen oder ich würde nur spinnen! Meine Erlebnisse wurden weiterhin totgeschwiegen. Gestern teilte ich meiner Halbschwester mit, dass es nun aufgearbeitet wird und ich mich dadurch besser fühle. Sie sagte, dass sie das Thema nicht interessiert und sie nichts davon hören will und, dass sie weiterhin nichts von alledem glaubt!!! Dass war wie ein Schlag in mein Gesicht!!Aber meine Freunde und Therapeutin stehen zu mir und die Gewissheit, dass ich nicht allein bin mit diesen Erfahrungen! Ich wünsche mir sehr, dass jemand, der auch in Aprath war, seine Erfahrungen mitteilt, damit vielleicht meine Puzzle Stücke der Erinnerung ein vollständiges Bild ergeben und ich weis, dass ich keine Spinnerin oder ähnliches bin. Alles Liebe und viel Kraft an Alle.
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Anonym schrieb am 5. Mai 2021
Epilog:
Mit 4 Jahren wurden mir Mandeln und Polypen entfernt. Dafür war ich 3 Wochen im Krankenhaus. Meine Mutter durfte mich an Werktagen (Mo-Fr) für jeweils eine Stunde besuchen. Das war eine der ersten traumatischen Erfahrungen mit Heimweh und Verlassensein in meinem Leben.

Kinderkur:
Im Jahr 1976 oder 1977 wurde ich für sechs Wochen ins Kloster Langweiler (Marienhöh, 55758 Lanweiler) zur Kinderkur verschickt. Ich war damals 5 oder 6 Jahre alt und mein Kinderarzt fand mich zu dünn. Eine Kur würde mich aufpäppeln und wäre eine gute Erholung, bevor ich in die Schule käme.

Meine Mutter meinte zwar, dass auch sie und ihre Schwestern als Kinder eher dünn waren, es also in der Familie liege, dass ich nicht allzuviel wiege. Jedoch erinnerte sie sich an ihre eigene Kinderlandverschickung nach Bayerisch Gmain, was sie als unheimlich schön empfunden und in Erinnerung behalten hatte. Daher stimmte sie zu - um mir etwas Gutes zu tun.

Ich erinnere mich an Listen, auf denen mein Gepäck vermerkt war, dass ich mitbringen sollte und dass meine Eltern eine Trinkflasche zum Umhängen besorgten, hunderte von Schildchen in jedes Wäschestück einnähten und ich so auf "die schöne Reise" vorbereitet wurde. In meiner Erinnerung stand ich dem Ganzen zu dem Zeitpunkt neutral gegenüber, also weder Vorfreude noch Angst.

Die Hinreise geschah mit der Bahn. Ich erinnere mich daran, mit mehreren Kindern in einem Abteil gesessen zu haben. Ich meine, dort saß auch eine Betreuungsperson. Bei der Hälfte der Fahrt bekam ich furchtbaren Durst. Ich sagte das und bekam als Antwort, dass ich meine Spucke sammeln solle und sie dann schlucke. Das würde gegen den Durst helfen. Hat nicht funktioniert. Nochmaliges Fragen nach einem Getränk wurde überhört.

Im Kurheim wurden wir in einem Randgebäude untergebracht. Hier wurden die "Kleinkindergruppen" betreut. Es war ein zweigeschossiger Flachbau mit einem abschüssigen Wiesengrundstück hinter dem Haus. Auf der Wiese verbrachten wir bei schönem Wetter die Nachmittagspause. Unsere Schlafzimmer, der Aufenthaltsraum und die Duschen/Toiletten befanden sich im ersten OG.. Meinen Schlafraum teilte ich mir mit mindestens drei anderen Kindern, ich erinnere mich jedoch nicht mehr genau. Direkt neben unserem Zimmer befand sich der Aufenthaltsraum, in die andere Richtung ging es zu den Toiletten.

Der Tagesablauf war fast jeden Tag der selbe. Wir wurden geweckt und die Betreuer (Nonnen und (?)Mädchen aus dem Dorf) legten uns die Kleidung heraus, während wir im Bad waren. Danach gingen wir in den Aufenthaltsraum, wo wir zusammen beten mussten. Wir wurden dazu um eine Marienfigur geschahrt und lernten verschiedene Mariengebete. Dann bekamen wir unser Frühstück, danach gingen ein oder zwei Mädchen mit uns Spazieren. Danach gab es Mittagessen und einen Mittagsschlaf. Nach dem Mittagsschlaf versammelten wir uns erneut um die Marienfigur, um zu beten. Danach gab es Streuselkuchen mit rotem Tee. Bei gutem Wetter schloss sich eine "Pause" auf dem Wiesengrundstück hinter dem Haus an. Bei schlechtem Wetter blieben wir im Aufenthaltsraum. Dort konnten wir entweder malen, mit Bauklötzen oder mit Stofftieren spielen. Als letztes das Abendessen, ein weiteres Gebet und danach das Zubettgehen.

Das alles war für mich ungewohnt und ich fühlte mich durchgehen sehr unwohl und alleine. Kleidung hatte ich mir zu Hause immer selber heraussuchen dürfen. Auch habe ich damals schon selber entschieden, ob ich Kleidung als dreckig ansehe und deshalb nicht noch einmal anziehen würde. Hier wurde das für mich bestimmt und ich durfte auch nicht widersprechen. Ich erinnere mich, dass ich mich manchmal für die fleckige Kleidung geschämt habe, in der ich nun herumlief.

Auch die Fingernägel wurden uns geschnitten. Das machte ich zu diesem Zeitpunkt zu Hause schon selber, da es weniger wehtat, als wenn es jemand für mich machte. Durfte ich nicht. Dafür erduldete ich jetzt Schmerzen, wenn das weniger feinfühlig geschah.

Auch habe ich mir meine Essensportionen immer selber genommen, da wir zu Hause die Abmachung hatten, dass wir lieber nachnehmen sollten, anstatt etwas übrig zu lassen. Hier wurden mir die Portionen vorgesetzt und ich musste sie aufessen. Das galt sowohl für die Menge als auch für des "was". Die Portionen waren mir viel zu groß. Aber ich sollte ja zunehmen. Daher wurde mir während jeder Mahlzeit schlecht und ich hatte den Eindruck, ich bekomme nichts mehr hinein. Auch gab es immer wieder Speisen, die ich nicht mochte, z.B. abends die Scheiben Brot mit Teewurst. Fand ich vorher schon ekelig, danach habe ich sie gehasst: Haarige Pampe, die mich an Ohrschmalz erinnerte! Bis nicht alles aufgegessen war, durfte ich nicht aufstehen. Nach jeder Mahlzeit saßen also ein Häuflein heulender Kinder vor ihren Tellern. Wir wurden so lange beschimpft, bei wir fertig waren.

Die Mädchen aus dem Dorf haben vermutlich ihr Taschengeld aufgebessert. Jedenfalls hatten sie vermutlich keine pädagogische Ausbildung. Sie gingen den Nonnen zur Hand und nahmen uns zum Spazierengehen mit. Eines der Mädchen hat dabei immer Gruselgeschichten erzählt. Jedenfalls wurde ich immer verängstigter. Für ein Kind unverständliche Szenarien wie "ein Meteroid schlägt ein und die Erde kippt um" geisterten dann im meinem Kopf herum. Ich kann nicht mehr sagen, was genau ich gehört hatte und was ich mir vorstellte. Jedenfalls weinte ich mich seitdem aus Angst, dass wir vom Meteroiden getroffen würden, in den Schlaf.

Ein anderes Mädchen fand im Wald einen Salzblock, der als Leckstein für das Wild ausgelegt worden war. Sie erklärte uns, was das ist, brach einige Stückchen heraus und gab sie uns zum probieren. Wieder zu Hause, wurde sie dafür zuerst von den Nonnen ausgeschimpft, weil wir jetzt alle die Tollwut hätten. Dann wurde der Kurarzt gerufen, der das ebenfalls mit den Nonnen und dem Mädchen aufgeregt besprach und überlegte, was nun zu tun sei. Wir Kinder standen verängstigt daneben, alle haben geweint. Der Arzt entschied, dass wir alle zur Toilette gehen sollten, damit wir das Salz und die Erreger wieder ausscheiden. Ich konnte jedoch nicht und war so verzweifelt, weil ich dachte, dann muss ich sterben. Als ich nicht zu weinen aufhören konnte, wurde ich dafür gescholten. Ich versuchte zu erklären, wovor ich Angst habe, wurde aber nicht ernst genommen. So fürchtete ich mich in den folgenden Wochen, Tollwut zu bekommen und zu sterben.

Die Spaziergänge waren ansonsten langweilig und freudlos. Ich war meistens traurig, die Mädchen oft unfreundlich.

Ich hatte oft Heimweh, jedoch wurde jeder Kontakt nach Hause unterbunden. Als ich meine Mutter einmal besonders vermisste, saß ich schluchzend beim Mittagessen und bekam keinen Bissen herunter. Die Nonne, die uns beaufsichtigte, schimpfte, ich solle zu weinen aufhören und essen. Als ich das nicht sofort tat, wurde ich mit meinem Teller auf Klo gezerrt, wo ich den Rest der Mahlzeit verbringen musste. Irgendwann setzte sich die Nonne dann zu mir und fragte, warum ich weine. Ich sagte, weil ich meine Mama so sehr vermisse. Und sie sagte: "Ich bin jetzt deine Mutter." Ich war fortan überzeugt, nie wieder nach Hause zu kommen.

Schlafengehe: Wir mussten uns mit dem Gesicht zur Wand drehen. Wer sich in Richtung Raum drehte, wurde ausgeschimpft. Das war für mich neu und ein Eingriff in meine Freiheit. Einige Kinder nässten ein (ich zum Glück nicht). Morgens wurden deren Matrazen zum Lüften auf den Flur gestellt - eine Blosstellung.

An einem Tag gab es einen Ausflug in einen Tierpark. Jedes Kind bekam ein Päckchen mit Tierfutter. Die Ziegen, die dort herumliefen waren daran gewöhnt. Einer Ziege ging es wohl nicht schnell genug. Jedenfalls biss sie mich in die Hand. Ich schrie. Daraufhin wurde ich ausgeschimpft und bekam das Futter abgenommen.

Einmal pro Woche wurden wir gewogen. Ich nahm jede Woche ein Kilo ab. Am Ende der Kur hatte ich Augenringe und sechs Kilo Gewicht verloren. Ich habe Vorher-/Nachher-Fotos, die mich immer noch erschrecken.

Der Sonntag war eine Abwechslung zum sonst (in meiner Erinnerung) immer gleichen Tagesablauf. Sonntags gingen wir nach dem Frühstück in die Klosterkapelle. Das war zwar auch langweilig und freudlos, aber es schimpfte niemand mit mir und ich musste auch nichts aufessen obwohl ich keinen Hunger hatte. In meiner Erinnerung waren die Kirchgänge die einzigen Lichtblicke. In der restlichen Zeit fühlte ich mich unwohler, unbehaglicher, trauriger, allein.

Auf der Rückfahrt bekamen wir einen Schokoriegel und unsere Trinkflasche mit Tee als Wegzehrung. Die Betreuerin verbot mir, den Rigel zu essen, weil ich auf der Hinfahrt ja so einen Durst bekommen hatte und sie das nicht noch einmal erleben wolle. So hatte ich auf der Rückfahrt Hunger.

Auf dem Bahnsteig wartete meine Familie. Als ich sie sah, fing ich an zu heulen und konnte mich nicht mehr beruhigen. Meine Eltern waren entsetzt mich so zu sehen. Ich wollte meine Mutter nicht mehr loslassen. Sie erzählt heute noch, dass ich in den Monaten danach nicht von ihrem Rockzipfel gewichen wäre.

Ich habe angefangen zu stottern. Ich habe die Ängste, die ich in der Kur entwickelt hatte, verinnerlicht. Besonders, wenn ich schlafen gehen sollte kamen die Ängste. Ich habe verzweifelt gebetet, so wie es uns die Nonnen beigebracht hatten. Wenn meine Eltern fragten, warum ich weine und nicht schlafen wollte, traute ich mich nicht von den Ängsten zu erzählen, weil ich "die Erde wird umkippen" nicht erklären konnte und auch die anderen difusen Ängste nicht. Ich sagte dann "Ich habe Bauchschmerzen". Deshalb brauchten mich auch meine Eltern oft zum Arzt, weil sie nicht mehr weiterwussten.

Wenn wir abends ins Bett gebracht worden und meine Eltern noch eine Runde spazieren gingen, war es furchtbar. Ich habe geweint von dem Moment, in dem sich die Haustür schloss, bis zu dem, wo sie zurückkamen. Und ebenfalls exessiv gebetet. Meine Angst war nie, sie könnten meinen Bruder und mich mutwillig verlassen, sondern ich habe mir unzählige Dinge ausgemalt, wie sie verunglücken und nicht zurückkommen können. Ich hatte immer die Angst, sie könnten unterwegs sterben.

Mein Selbstbewustsein war geschrumpft. Ich hatte zwar immer Freunde, jedoch wurde ich mit zunehmendem Alter zum Aussenseiter in der Schule. Widersprach mir jemand, begann ich an mir zu zweifeln. Ich musste Mobbingerfahrungen machen. Ich wurde mit 12 Jahren von einem Freund meiner Eltern missbraucht. Ich hatte als Jugendliche Depressionen. Ich hatte als Heranwachsende und junge Erwachsene unzählige problematische Beziehungen und Freundschaften. Ich hatte Kontakt mit Drogen und mit Sekten.

Inzwischen habe ich die dritte Psychotherapie hinter mir, entdecke jedoch immer wieder Baustellen, die ich direkt oder indirekt auf die Traumata in der Kindheit und Jugend zurückführe. Wäre ich nicht in Kur gefahren, wäre mein Leben anders verlaufen, da bin ich sicher.
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