Verschickungserlebnisse

Auf dieser Seite schreiben Mitmenschen ihre traumatischen Verschickungserlebnisse, die sie als Kind in Kinderkurheimen erlebt haben.

Diese Berichte dienen in erster Linie dazu das wir alle zusammen ein Zeitdokument erschaffen, das die Grausamkeiten und Misshandlungen von damals dokumentiert.

Durch die geschilderten Erlebnisse und der Preisgabe an die Öffentlichkeit wollen wir einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit gewinnen und unsere Schilderungen können nicht als “Einzelfall” dargestellt werden!

Die hier geschilderten Erlebnisse können auf Wunsch auch anonymisiert werden. D.h. ihr müsst keinen Realnamen preisgeben!
Eure Daten werden keinesfalls an Dritte ausgegeben!!! Sollte jemand mit euch Kontakt aufnehmen wollen, fragen wir bei euch zuerst an und geben die Kontaktdaten nur an euch weiter. Somit könnt ihr selbst entscheiden, ob ihr Kontakt aufnehmen wollt oder nicht.



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Manfred Voss schrieb am 25. Mai 2022
Ich war dort als 6 jähriger zur Erholung. Ich war dort sehr unglücklich und habe dort eine Nudelantipathie bekommen die bis heute angehalten hat. Der Aufenthalt war absolut keine Erholung. Ich war dort auch zum Bettnässer geworden. Ich hätte gerne nähere Informationen zu diesem Heim und eventuel ähnliche Erlebnisse
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Christina Debüser aus Köln schrieb am 22. Mai 2022
Ich war nach dem Tod meines Vaters über die Barmer in einem Kinderheim in Furtwangen/Schwarzwald. Ich war 6 Jahre alt. Ich habe traumatische Erinnerungen an diese Zeit:
- Ich wurde zum Essen gezwungen; wenn der Teller leer war, wurde dieser nochmals vollgeladen und ich musste diesen ebenfalls aufessen (Ziel war Gewichtszunahme).
- Postkarten nach Hause wurden vom Klinikpersonal für mich geschrieben mit fingierten Texten, wie gut es mir gehe und wie wohl ich mich fühle.
- Mittagsruhe: wenn ich oder andere Kinder nicht sofort ruhig waren, wurde uns unser Kopfkissen auf das Gesicht gelegt und wir durften es nicht wegnehmen. Ich erinnere mich, dass ich kaum Luft bekam.
-schlimmstes Erlebnis: ich hatte mir beim Mittagessen aus Stress und Angst in die Hose gemacht und wurde dazu genötigt, mit nasser Strumpfhose unter aller Augen und dem Spott aller durch den ganzen Speisesaal zu gehen, um diesen zu verlassen. Ich weinte und schämte mich fürchterlich, es war ein "Spießrutenlauf"!
- Die Kur war im Winter: Spaziergang über einen höhergelegenen, sehr schmalen, vereisten Pfad am Waldrand entlang. Wir hatten Angst, dort entlang zu gehen und abzurutschen, wurden aber gezwungen, weiterzugehen.
Insgesamt: die Kur war ein Horrorerlebnis für mich. Meine Großmutter erzählte mir später, dass ich meine Großeltern nach meiner Rückkehr angefleht hätte, sie sollten mir versprechen, dass ich NIE wieder weggeschickt würde. (Meine Mutter hatte die Kur über die Barmer für mich veranlasst).
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sabineausrems schrieb am 22. Mai 2022
Hallo zusammen. Ich war, bevor ich eingeschult wurde, in Norderney zur Kinderkur. Ich war immer sehr dünn, ich denke, man schickte mich zum aufpäppeln . Ich habe kaum Erinnerungen daran. Ich weiß aber noch genau, wie der Schlafsaal aussah. Wir wurden gezwungen, uns zum einschlafen auf die rechte Seite zu legen, und wir durften uns auch nicht mehr umdrehen. Samstags gab es eine komische Suppe, wie Milch mit einigen Hörnchennudeln. Ich mochte sie nicht und habe sie nicht gegessen. Das gab beim ersten mal Ärger. Meine Tischnachbarin hat sie geliebt, und so konnte ich ihr immer meinen Teller rüber schieben. Sonntags gab es einen langen Fußmarsch in die Kirche. Da ich nicht wusste, welcher Religion ich angehörte, schleppte man mich mit in irgend eine Kirche. Ohne Socken in den Schuhen. Ich hatte dicke Blasen die auf gingen. Aber ich hab mich nicht getraut, zu jammern. Meine Bettnachbarin hatte den Namen Eva. Sie und ich bekamen einen Tag vor Abfahrt nach hause, die Masern. Wir mussten in einen Raum, ich glaube wir waren sogar getrennt, zur Isolation. Es kam immer nur eine Nonne und brachte uns Essen. Sonst gab es nichts. Kein Spiel, keine Bilderbücher und aufstehen durfte man erst recht nicht. Ich bin heute 60 Jahre alt und habe erst vor kurzem , rein zufällig, von den Verschickungskindern gehört. Nun interessiere ich mich dafür, was denn da wohl los war, in den Jahren. Leider kenne ich nicht den Namen des Heimes. Aber es war ein altes Steinhaus, mit dicken Mauern. An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern. Vielleicht habe ich es auch verdrängt. Aber an Eva denke ich immer noch. Sie tat mir sehr leid, sie hatte viel geweint.
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Anonym schrieb am 21. Mai 2022
Ich bin 1978 mit 5 Jahren als jüngstes Kind einer Gruppe vom Bahnhof Frankfurt-West für 6 Wochen nach Klappholtal auf Sylt verschickt worden. Für eine schwere Neurodermitis-Erkrankung erschien das Reizklima an der Nordsee als willkommene Therapie.

Meine Erlebnisse an die Zeit sind verschwommen und für sich wohl wenig stichhaltig. In dem gemeinsamen Schlafsaal war ich der mit Abstand jüngste, der unter Hänseleien zu leiden hatte, weil ihh nächtens das Bett einnässte und unter schrecklicjem Heimweh litt. Die Briefe indessen, die für mich hach Hause geschrieben wurden, liessen meine Eltern im Glauben, es gehe mif gut. Das war allerdings zu keinem Zeitpunkt der Fall.
Ich erinnere mich an einige Ausflüge barfuß durch die Dünen und das Wattenmeer, sowie einen Ausflug ins Legoland.
Bei meiner Rückkunft war ich ein verstörtes, verängstigtes Kind, das meine Eltern nicht wieder erkannten. Als ein solches Kknd wurde ich auch eingeschult und blieb es die Schulzeit hindurch. Ob es neben der deutlich zu früh erfolgten sechs-wöchigen Trennung von zu Hause, die insbesondere meine Mutter sich vorwarf, weitere traumatische Erlebnisse gegeben hat, die diese von jedermann bemerkte Veränderung hervorriefen, kann ich nicht sagen. Ich erlebte die sechs Wochen jedoch als ein Martyrium, was auch den Betreuerinnen nicht hat entgehen können.
Trotz der erkennbaren Symptome von Einnässen über häufigem Weinen, Heimweh und Traurigkeit, die über eine vorzeitige Heimreise zumindest Nachdenken hätte hervorrufen müssen ... unter Einschluss der davon nichts ahnenden Eltern, wurden diese statt dessen in den Briefen informiert, alles sei in bester Ordnung.
Wer hat ebenfalls Erfahrungen in Klappholtal gemacht ?
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Roy aus Berlin schrieb am 11. Mai 2022
An das an was ich mich erinnern kann ist das ich im Zug saß bei einer Fremden Frau die mir erzählte das meine Mutter mit kommt und im anderen Abteil sitzt. Als der Zug los Rollte und ich meine Mutter draußen stehen sah und zu mir Winkte war meine letzte Erinnerung. Keine Erinnerung an die Zugfahrt bzw. Ankunft. Ich wurde wahrscheinlich so oft ruhig gestellt das ich nur noch weiß :Ärztliche Untersuchen grundsätzlich Nackt und ich wurde unten angefasst. Dass andere Kinder mit im Raum waren kann ich ausschließen, zumindest habe ich keine Erinnerung das mehrere gleichzeitig untersucht wurden.
Außerdem weiß ich das ich damals noch viel in die Hose gemacht habe und man mich vor anderen Kindern so vorgeführt wurde mit dem Satz der Roy hat wieder in die Hose gemacht. Ich stand auch in irgendeinem Keller und hab aus dem Fenster gekuckt und ich war auf der Suche nach einem WC im Schlafanzug und alle anderen Kinder waren komplett angezogen mit Bommel Mütze und sind raus gegangen.
ich habe gefühlt jede Nacht Erbrochen. 1 mal Sauna und ein Eiskaltes Wasserbecken ..... ich bin der Meinung das Wasser war Salzig. Wir haben Nackt an irgend einem Licht sitzen müssen und man mußte sich gegenseitig mit einer Büste den Rücken bürsten. Dafür das ich 6 Jahre war kann ich mich an viel zu wenig erinnern kein Essen keine Zimmer kein Draußen sein, aber das was ich im Kopf habe war alles, nur nicht schön. Ich kam von der Kur mit 40 Grad Fieber und man hat mich vom Zug aus mit der MSH ins Krankenhaus gefahren wurde
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Baldian Loth schrieb am 21. April 2022
Eine weitere Begebenheit zu dem Heim "Caritashaus Feldberg/Schw." fällt mir gerade noch ein.
Wie UNVERANTWORTLICH diese sog. "Kindertanten" handelten wird an folgendem Beispiel deutlich:
Wir gingen eines Nachmittags beim Spaziergang den sog. "Felsenweg" (vielleicht kennt jemand diesen Weg). Der Weg war nicht sehr breit, aber... direkt neben dem Weg herrschte akute Absturzgefahr (auf die auch ein Schild am Weg hin wies!) wo eine steile Felswand mehr als 100 Meter in die Tiefe ragte und unten war ein kleiner See (der "Feldsee").
Hier sieht man deutlich, wie unverantwortlich das Personal gewesen ist.
Zum Glück ist nichts paasiert, aber
man stelle sich vor, ein Kind wäre bei der Wanderung abgestürzt....
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Baldian Loth schrieb am 20. April 2022
Wie ich kürzlich in Erfahrung bringen konnte:
Der Amtsarzt der mich beim ersten Mal verschickt hatte, war von 1946...1961 Amtsarzt in einem Landkreis in Oberhessen. Vor seiner "Dienstzeit" war er Militärarzt. Das kann nur im sog. "Dritten Reich" gewesen sein. Folglich mußte er wohl "linientreuer" Nazi gewesen sein, sonst hätte er diesen Posten nicht bekommen.
Mir wurde gesagt, daß er mit Kindern überhaupt nicht umgehen konnte. Das hat man auch bei den Reihenuntersuchungen in den Schulen gemerkt... wie er die Kinder angeschrieen hatte - wie auf dem Kasernenhof. Ich konnte ihn nicht leiden - es war ein Schweinehund ! - und ich verzeihe ihm heute auch nicht, auch wenn ihn längst das Zeitliche gesegnet hat.
Es war der typische "Halbgott in weiß" !!
Wenn man all dies vorher weiß, wundert es einen nicht, wenn die Kinder dann Angst hatten vor dem Doktor, oder auch vor den Ärzten in den Verschickungsheimen. DIe können nicht besser gewesen sein. Wer weiß wieviel Alt-Nazis da noch ihr Unwesen trieben...
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Anonym schrieb am 20. April 2022
Ich war im Alter von 11 Jahren in Bad Sachsa in einem Heim an der Steinaer Straße. Am ehesten passt von der Topologie (Ortsauswärts mit weiteren Gebäuden, unter anderem ein Kinderheim für "Dauergäste", bergabwärts) das Haus Warteberg. Es könnte aber auch das Haus Bergfrieden gewesen sein.

Die Heimleiterin war damals eine korpulente Frau so um die 50. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich nicht im Kleinkindalter dort war.

Es gab keine direkte körperliche Gewalt der "Erzieherinnen", zumindest nicht bei uns älteren Jungen. Das Prinzip war mehr "Teile und herrsche". Beispiel: Ein Junge musste mittags den Sättigungsbrei wieder erbrechen. Ein Teil landete auf dem Teller, ein Teil auf dem Tisch und ein Teil auf dem Fußboden. Alle sollten solange sitzen bleiben, bis der Teller wieder leer gegessen war. Für das Saubermachen des Fußbodens wurde ein älterer halbstarker Junge ausgesucht, der das Säubern währenddessen erledigen sollte. Der obligatorische Mittagsschlaf fiel aus, dafür war die obligatorische Wanderung um den Ravensberg umso länger und härter. Dass der Junge, der das Essen verweigerte, von dem älteren Jungen mit anderen Mittätern dabei verprügelt wurde, wurde von den Erzieherinnen "ignoriert", d.h. gezielt gewollt.

Manchmal hörte man tagsüber kleiner Kinder aus dem Waschraum im Keller schreien. Nach den Schilderungen anderer "Kurgäste" hier weiß ich nun, weswegen.

In den ganzen 6 Wochen gab es keinen Schulunterricht. Der Tagesablauf war folgendermaßen:
Aufstehen, Anstehen, Frühstücken, Anziehen, Wandern, Anstehen, Mittag essen, erzwungener Mittagsschlaf (Bei 10 bis 14jährigen Jungen!), Wandern, Anstehen, Abend Essen, Frühes Schlafen gehen.

Das Essen war wortwörtlich zum Kotzen. Die hygienischen Zustände waren so schlecht, das ich mit einigen anderen Mitinsassen die Röteln bekam. Das hieß dann noch längere Bettruhe, aber man hatte Ruhe vor den Erzieherinnen, die mit dem Rest wanderten. Gelegentlich kam dann die Heimleiterin und sah nach dem Rechten. Sie tat etwas freundlicher. Das wird aber eine Fassade gewesen sein, denn letztendlich war sie verantwortlich dafür und machte damit ihr gutes Geschäft.

Ich hatte vieles von dem Erlebten lange verdrängt. Durch eine Reportage im TV kamen einige Erinnerungen wieder hoch.
Ich würde nicht behaupten, dass mich das nachhaltig traumatisiert hat. Die Konsequenzen waren ein Absacken der schulischen Leistungen danach und ein vorzeitiges Ende der Kindheit. Ich war nach der "Kur" einfach nur saumäßig wütend auf meine Mutter.

Die 6 Wochen sind aber ein verlorener Teil meiner Jugend.
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Andreas schrieb am 16. April 2022
Nachtrag:
Auszug aus aus den AGB des Heimes.
Kinderkurheim St. Josef
Stationsberg 32
Telefon: 2716
Höhe: 340 m
Träger: Missionsschwestern vom Kostbaren Blut e.V.
Betten: 160
Aufnahme: Knaben und Mädchen von 4-14, ganzjährig, kath.; nicht aufgenommen werden Bettnässer, infektiöse Kinder, Kinder mit Hauterkrankungen
Preis: DM 8.-
Kurmittel: Solebäder, Trinkkuren, Gurgeln, Inhalationen, Heilgymnastik, Liegekuren, Bürstenbäder, Höhensonne, Leberschonkost
Ärztliche Behandlung durch Facharzt für Kinderkrankheiten
Indikation: Chronische Erkrankungen der Atemorgane, abklingende Hilusdrüsentuber kulose, Magen-, Darm-, Kreislaufstörungen, Neuropathien, Anämien, Erschöpfung, Milieuschäden, Haltungsschwächen, lymphatische Diathesen, Hepatopathien
Gegenanzeige: Asthma
Kindergärtnerin, Jugendleiterin; Spielwiese, Planschbecken, Bastelzimmer, Wanderungen; Mindestaufenthalt 6 Wochen: ruhige, sonnige Lage.
Quelle: verschickungskinder.de

Es ist vermutlich so, dass ich erst nach der Kur zum Bettnässer wurde, weil die Anstalt keine Bettnässer aufnahm. Meine Mutter schweigt zu den Vorfällen und warum ich dorthin abgeschoben wurde... 🙁
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Anonym schrieb am 15. April 2022
Schwarzes Loch. Seit Jahrzehnten. Eine alte Postkarte ist das einzige Zeugnis, daß ich überhaupt"dort war" - in irgendeinem Kinderkurheim der BEK oder DAK, in 1972 oder 1973 (da war ich 10/11 und meine Schwester 8/9). Diese Postkarte habe ich in eigener Schrift erstellt, das weiß ich; aber der Inhalt, die Worte : das war nicht ich.
Meine Mutter verweigert sich (noch lebt sie....); wir wären dorthin geschickt worden, damit sie in Ruhe den Umzug (nach der Scheidung) vollziehen konnte. Mehr kommt nicht von ihr, Unterlagen alle nicht mehr vorhanden.
Aber dieses tumbe, diffuse und erbärmliche Gefühl von Verlassen sein, heimatlos, entrissen (meine Schwester, 2 Jahre jünger, war zur selben Zeit in einem anderen Kinderkurheim im Allgäu) und vor allem KEINERLEI Erinnerungen zu haben - das ist das Schlimmste !!!!!
Ich fahre in ein paar Tagen nach Borkum, zufällig. Spurensuche sinnlos und dennoch wüsste ich gerne, WO ich da eigentlich für 6 unendlich lange Wochen gewesen bin - mit all den Anderen, von denen ich per Zufall gelesen habe. War noch jemand dort um diese Zeit und kann berichten ???
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Andreas schrieb am 14. April 2022
Hallo an alle "Kurkinder".

Ich musste im Jahre 1971 als 6-jähriger Junge aufgrund von Einnässen und Untergewicht in die Kuranstalt.
Ich weiß noch, dass ich damals von Zuhause mit einem VW-Bus (T2) vermutlich eingesammelt wurde.
Als der Bus vor dem Haus stand und meine Mutter mich dorthin begleitete, fing ich an jämmerlich zu weinen.
Mein Weinen war so extrem, dass der Bus nicht abfahren konnte.
Ich verstand nicht, warum ich alleine von der Mutter getrennt, mitgenommen werden sollte.
Erst nach längerem heulen und betteln nicht mitfahren zu müssen, fuhr der Bus los.

Dort angekommen wurden wir aus dem Bus genommen und an die Heimleiterin abgegeben.
Wir mussten übles "Heilwasser" trinken und bevor das Glas nicht leergetrunken war, gab es kein Essen. Das konnte schon den ganzen Tag dauern. Nachts wurden wir im Schlafsaal eingesperrt und wehe dem der ins Bett gemacht hatte.
Ich weinte 6 Wochen und 2 Tage dauerfaft jeden Tag, jede Minute und jede Sekunde und konnte deswegen kaum an "Freizeitveranstaltungen" (auf den Kurspielplatz und auf dem Kurgelände rumlaufen), teilnehmen.
Deshalb musste ich die meiste Zeit im Heim bleiben.
Ich fragte ununterbrochen, warum ich hier sein muss und wann ich wieder zurück zu meine Mama kommen werde.
Eine Antwort darauf gab es nicht.
Ich wusste nicht, was 6 Wochen bedeutet, wie lange 6 Wochen dauern und so glaubte ich niemals mehr zurück zu kommen.
Weil ich nicht lesen und schreiben konnte, durfte ich mehrmals mit meiner Mutter telefonieren und fragte immer mit Tränen in den Augen, wann sie mich den abholen kommt. Eine Antwort darauf bekam ich nicht.

An Details der Verschleppung kann ich mich heute nicht mehr errinnern. Im meinem Kopf ist aber hängen geblieben, dass die Duschtante reges Interesse an meinen Genitalien hatte und nach dem Ausziehen mehrmals daran heimlich herumgespielt hatte.

Nach einer unvorstellbar langen Zeit , wurde ich wieder zuhause abgegeben. Mein Vater war nicht da und meine Mutter zeigte keine Gefühle sich zu freuen, dass ich wieder zurück war. Nicht mal ein Geschenk habe ich bekommen.
Ab diesem Zeizpunkt war ich ein anderes Kind.
Ich machte jede Nacht mehrmals ins Bett und meine Mutter war auch ab und an genervt, nachts öfter aufzustehen , um mich trocken zu legen.
Dieser Kuraufenthalt hat mich mein Leben lang geprägt. Ich bin heute, nach 51 Jahren, wieder in Psychotherapie und habe nie ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern aufbauen können.
In der Schule war ich immer der Angsthase und hatte immer panische Angst, wenn ich vom Lehrer drangenommen wurde.
Die Klassenfahrten mit Übernachtungen waren für mich grauenhaft.
Ich hatte ca. 40 Jahre lang danach kein Selbstwertgefühl und war gegen jeden und alles sehr skeptisch und zurückhaltend.
Heute leide ich unter psychischer Hypertonie und muss jeden Tag Tabletten dagegen nehmen...

Viele herzliche Grüße an alle, die auch sowas mitmachen mussten!
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Anonym schrieb am 8. April 2022
Ich konnte wegen körperlicher Mängel im Alter von 6 Jahren nicht eingeschult werden und wurde zur Erholung nach Schalksmühle geschickt. Ich werde nie vergessen wie unmenschlich und herzlos da mit Kinder umgegangen wurde.Wer z.B sein Mittagessen nicht auf gegessen hat musste sitzenbleiben bis der Teller leer war, selbst erbrochenes musste gegessen werden. Wer im Schlafraum Unsinn machte musste ohne Decke im Flur nachts auf einer Holzbank ohne Decke schlafen.Es war der reinste Horror und ich habe oft vor lauter Heimweh geweint und nicht schlafen können.Von Zuneigung und Verständnis seitens des Personals keine Spur.
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Baldian Loth schrieb am 28. März 2022
Liebe MitLEIDENDE !

Ich habe diese Seiten zufällig entdeckt, als ich in YouTube Berichte des SWR und des NDR über "Verschickungskinder" gesehen habe. Ich habe darauf hin mal näher im www recherchiert und bin auf das Forum hier gestoßen.
Nachdem ich einige Erlebnispostings gelesen habe - ich bin ja selbst betroffen als "Verschickungskind" - kann ich nur sagen:
Es ist kaum zu glauben, daß es in unserem demokratisch regierten Land noch lange Zeit solche "Heime" gab - oder sollte man besser sagen: "Kinder-KZ's" - mit derart despotischer, sadistischer und verbrecherischer Gesinnung !
Was geht nur in einem Menschen vor, der andere Menschen - dazu noch die wehrlosesten, nämlich KINDER in solch schrecklicher Weise drangsaliert???
Solche Menschen müssen doch ein krankes Hirn haben !! Haben sie etwa Minderwertigkeitskomplexe die sie verdrängen wollen?
Haben sie aus der Nazi-Zeit nichts gelernt?
Die Berichte der betroffenen hier sind erschütternd! Man glaubt direkt, es würden KZ-Überlebende berichten !
Nur schade, daß heute viele von diesen Verbrechern - ja man muß sie so nennen - nicht mehr leben und daß viele Taten juristisch verjährt sind.
Ich denke daß viele die hier schreiben heute eher den Mut fassen, über ihre Erlebnisse zu berichten, auch angesichts der Tatsache, daß die ganzen Mißbrauchsskandale der Kirchen BEIDER Konfessionen immer mehr ans Tageslicht kommen.
Hoffentlich landen noch viele Täter/-inner da wo sie hingehören: Im Gefängnis !
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Baldian Loth schrieb am 28. März 2022
Ich war in dem o.g. Zeitraum auch als "Verschickungskind" in diesem als "Erholungsheim" deklarierten Heim. Es war keine Erholung sondern ein 6-wöchiger Horrortrip! Für jeden "Furz" den man lies mußte man die Gruppen"tante" fragen ob man auf's Klo gehen darf. Was soll sowas? Nachts war Toilettengang verboten. Vor lauter Langweile wußten die Gruppen"tanten" nicht wohin sie mit uns am Nachmittag spazieren gehen sollten. Mindestens 90% der ganzen "Kur" liefen wir die selbe Wegstrecke.
Das Essen war ein Fraß, den man eher Schweinen vorsetzen konnte als uns Kindern.
Mir ist dieses Heim in äußerst schlechter Erinnerung. Ich nannte es als ich wieder zu Hause war, "Klein Auschwitz"...!
Mich würde mal interessieren, ob der damalige Heimleiter Nazi-Vergangenheit hatte.
Ich vermute fast, daß in vielen Heimen dieser Art die Leitung eine solch unrühmliche Vergangenheit hatte. Wundern würde mich das nicht.
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Anonym schrieb am 21. März 2022
Ich war zur Erholung nach Bischofsried verschickt worden, da ich in keinem guten psychischen Zustand war, während einer Scheidungskrise meiner Eltern. Mein Vater tyrannisierte die ganze Familie und war sehr gewalttätig. In dem Heim war ich sechs Wochen, eine gefühlte Ewigkeit, da ich noch kein Gefühl für Zeiträume hatte. Ich war sehr in mich zurückgezogen und fühlte mich dort isoliert. Es gab strenge Regeln. So musste jeden Tag drei Stunden Mittagsschlaf gemacht werden, ob wir müde waren oder nicht spielte keine Rolle. Störte ein Kind wurde es vom Essen ausgeschlossen oder wurde ins Gemeinschaftsbad eingesperrt. Das galt auch für die Nacht. So habe ich mehrere Nächte im Bad in meinem Nachthemd verbracht. Einmal aß ich Kinderzahnpasta mit Beerengeschmack, davon wurde mir natürlich schlecht. Das meiste habe ich vergessen, es sind nur einzelne Erlebnisse die durchbrechen. Schläge waren für mich normal, das kannte ich aus dem Elternhaus. Von daher kann ich nicht sagen, ob es auch Ohrfeigen o.ä. gegeben hat. Ich hätte mich nicht darüber gewundert, sondern bin davon ausgegangen, dass das zur Erziehung von Kindern dazugehört. Ich weiß nur noch von dem nagenden Heimweh und dass ich dort keinen Trost fand. Meine Mutter beschrieb mich als verstört, als ich wieder nach Hause kam und andere Mütter berichteten ebenfalls von den Erlebnissen der Kinder. Das Heim wurde daraufhin geschlossen
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Anonym schrieb am 19. März 2022
Jahrelang hatte ich alle Erinnerungen an eine der schlimmsten Zeiten meines Lebens verdrängt. Erst durch die Berichte in den letzten Jahren ist mir klargeworden, dass ich keineswegs allein war mit meinem Erleben und dass das ganze einen Namen hat: „Verschickungskind“. Mit den Veröffentlichungen, die ich gehört und gelesen habe, kamen auch bei mir die Erinnerungen wieder. Und als ich das alte Bild des Caritashauses Feldberg auf einer Internetseite entdeckt habe, empfand ich Enge im Brustkorb, Gefühle, kaum und nur unter Schmerzen atmen zu können.
Ja, auch ich war ein "Verschickungskind" im Caritashaus auf dem Feldberg. Es war 1965, ich war gerade 6 Jahre alt geworden und lebte in Hessen. Nach einer Keuchhusteninfektion kam ich nicht mehr richtig auf die Beine und wurde deshalb vom zuständigen Gesundheitsamt dorthin geschickt - meine Eltern wollten mich zwar nicht gehen lassen, konnten sich aber gegen die von ihnen als "Anordnung" empfundene Verschickung nicht wehren. Am Bahnhof in Frankfurt wurde ich ihnen weggenommen, bekam einen Zettel umgehängt und wurde in einen Zug Richtung Schwarzwald gesetzt. Noch nie war ich zuvor von meiner Familie getrennt gewesen.
Im Heim erlebte ich dann das, was hier schon wiederholt berichtet wurde: einem schrecklichen System ausgeliefert sein, Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühle. Auch 1965 wurde ein sehr strenges Regime geführt, alle Teller mussten leer gegessen werden, auch ich habe erlebt, dass andere Kinder Erbrochenes wieder essen mussten. Bei Tisch durfte nicht gesprochen werden, sonst gab es Strafen. Baden (ich glaube, das fand ein- oder zweimal wöchentlich statt) war ein Albtraum: im Keller gab es einen eiskalten Baderaum. Wir mussten in Reih und Glied anstehen, standen wartend auf den kalten Fliesen, zu diesem Zeitpunkt schon nur noch spärlich gekleidet, und froren entsetzlich. Wenn wir dann endlich an der Reihe waren, wurden wir mit kaltem Wasser abgesprüht und gewaschen. Weinen war nicht gewünscht, zog ebenfalls Sanktionen nach sich. Also lernte ich sehr schnell, mich möglichst unauffällig und ruhig zu verhalten, nicht zu widersprechen, Tränen herunterzuschlucken.
Damals gab es im Heim eine "Tante", die anders war, die Wärme und Zuneigung ausstrahlte und uns manchmal sogar tröstete. Wir liebten sie sehr. Etwa nach der Hälfte meines Aufenthaltes verließ sie das Caritashaus. Sie durfte sich nicht einmal von uns verabschiede. Es gelang ihr aber noch, uns zu sagen, dass sie es in diesem Haus einfach nicht mehr aushalte und deshalb gehe. Sie weinte und wir versuchten heimlich, ihr aus dem geschlossenen Fenster noch zuzuwinken. An diesem Tag weinten wir praktisch alle und die im Haus verbliebenen "Tanten" waren noch biestiger als sonst, verteilten fleißig Strafen für alles und nichts.
Besonders schlimm war für mich, dass ich noch nicht schreiben konnte. Und so musste ich einer der Erzieherinnen an dem Tag, an dem die Postkarten an die Eltern geschrieben wurden, meinen Text diktieren. Da ich einfach gar nichts sagte, legte sie mir letztendlich die Worte, die auf dieser Karte standen, in den Mund: „mir geht es sehr gut. Im Schwarzwald gibt es viele Bäume...“. Dazu muss man wissen: meine Mutter stammt selbst aus dem Schwarzwald und wir haben oft ihre Verwandten dort besucht. Dass der Schwarzwald viele Bäume hat, wußten sowohl sie als auch ich sehr gut und es hätte nicht auf dieser Karte stehen müssen. Viel später hat mir meine Mutter erzählt, dass sie in dem Moment, als sie die Karte gesehen hat, wusste, dass es mir nicht gut geht. Sie hat wohl mit meinem Vater überlegt, ob sie einfach losfahren und mich dort herausholen sollten, haben dies aber dann nicht gewagt.
Von meiner Lieblingstante Dora, die wohl auch ahnte, dass es mir schlecht ging, erhielt ich ein Paket mit einer schönen Karte und Süßigkeiten geschickt. Als die Post verteilt wurde, erhielt aber ein anderes Mädchen, das zufällig den gleichen Namen wie ich trug, dieses Paket. Ich wusste sofort, dass es eigentlich mir gehörte und meldete mich deshalb. Auch die „andere Gabi“ hat dann sehr schnell gesagt, dass sie gar keine Tante Dora habe. Die Süßigkeiten wurden dann aber an alle verteilt und weil ich mich beschwert hatte, erhielt ich nichts davon. Wenigstens ließen sie mir die Karte, die ich zwar nicht lesen konnte, die ich aber wie einen Schatz hütete - eine Verbindung nach zu Hause.
Nach meiner Rückkehr haben sich meine Eltern beim Jugendamt unserer Stadt beschwert: in meinem Koffer fanden sie zwei Drittel meiner mitgegebenen Kleider noch unbenutzt, dafür waren zwei Unterhosen und ein Waschlappen so verschmutzt und vergammelt, dass sie diese nicht einmal mehr gewaschen, sondern weggeworfen haben. Auch über die sonstigen Verhältnisse, die ich ihnen geschildert habe, haben sie berichtet. Von der Ärztin des Gesundheitsamtes seien sie aber rasch mit den Worten: "das kann nicht sein, dort ist alles in Ordnung" abgewiesen worden.
Ich habe diese Zeit überstanden - geprägt hat sie mich aber sehr wohl. Viele meiner Verhaltensmuster und Bewältigungsstrategien, von denen ich einige so gern ablegen würde, sind wohl in diesem Lebensabschnitt entstanden.
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Irene Heimann aus Brixen/Italien schrieb am 16. März 2022
Als ich ca. 1958-1959 für 6 Wochen nach Weilmünster kam, war ich 7-8 Jahre alt.
Es war sehr befremdlich für mich und ich hatte ständig Angst vor den strengen Erzieherinnen, einige Kinder wurden grob misshandelt. Ich erinnere mich, dass ein Mädchen das ungenießbare Essen erbrach und das Erbrochene wiederholt aufessen musste.
Die Unterwäsche wurde nur selten gewechselt und abends musste man sie vor allen vorzeigen, ob sie beschmutzt war, wehe wenn ja.
Man wurde zum Essen gezwungen. Nachdem ich krank geworden war, habe ich das zugenommene Gewicht wieder verloren, auch das wurde kritisiert.
Den Inhalt der Päckchen von zu Hause teilten sich die Erzieherinnen unter sich auf. Inzwischen ist meine Erinnerung etwas verblasst. Ich weiß nur, dass ein Alptraum war.
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Andrea BAuer-Lecher aus REutlingen schrieb am 25. Februar 2022
Ich muss im Spätherbst des Jahres 1967 ins Allgäu verschickt worden sein, weil ich zu mager war.
Ich war auf alle Fälle über den Nikolaustag in der Verschickung, da ich, weil ich "nicht brav" war, nur eine leere Rute bekommen habe.
Ich war wenig zuvor erst eingeschult worden und konnte so gut wie noch nicht schreiben. Bis vor wenigen Jahren existierte eine Postkarte von mir, die nicht zu entziffern war. Leider hat meine Mutter diese inzwischen weggeschmissen. Ich erinnere mich an einen Brief, den ich diktieren sollte, und meine Angabe "ich habe Heimweh" wurde nicht geschrieben. Von diesem Brief weiß ich allerdings auch nicht, ob er jemals meine Eltern erreicht hat. Ich erinnere auch, dass andere Kinder ihre geschriebenen Briefe nach der Korrektur wieder zurück bekamen, weil sie "falsche Dinge" drin geschrieben hatten, wie z.b. Heimweh oder das Essen schmeckt nicht.
Ich weiß auch noch, dass wir Pakete von den Eltern erhalten haben, aber der Inhalt wurde sicher durchgesucht. Vom Nikolaus Paket habe ich dann nachträglich etwas erhalten.
Neben unserem Heim war ein Heim für adipöse Kinder, die uns über den Zaun hinweg um Essen angebettelt haben. Ich erinnere mich noch, das diese Kinder ihre Äpfel gegen unsere Nikolausschokolade eintauschen wollten.
Meine Mutter hat mich auf den Bahnhof in Reutlingen gebracht, von dort aus wurde ich dann mit dem Zug verschickt. Ich erinnere mich noch daran, dass mein Koffer nicht zusammen mit mir angekommen ist und ich zunächst einmal Notkleidung tragen musste, die mich angeekelt hat.
Ich meine mich auch zu erinnern, dass Schnee lag als wir ankamen, und es furchtbar kalt war.
Zur gleichen Zeit war ein Mädchen mit einer relativ frischen Blinddarmoperation mit mir untergebracht. Das weiß ich noch, weil sie einmal auf der Treppe nach oben in den Schlafsaal direkt vor mir zusammengebrochen oder gestolpert ist, und man mir die Schuld daran gegeben hat. Am Abend wurde mir daraufhin der nackte Hintern öffentlich versohlt.
Im Bett neben mir schlief eine Cordula, die "im Balett war" und mir deswegen immer ihren Fuß ins Gesicht gestreckt hat, weil sie Spagat konnte. Ich habe natürlich versucht mich zu wehren, und wurde wiederum bestraft....
Wenn ich an diese Zeit denke, habe ich nicht viel mehr, als die hier geschilderten Erinnerungen, aber ein Gefühl der Angst, des Ausgeliefert und Verlassen-seins legt sich wie ein dunkler Mantel über mich. Jedes Detai, das an die Oberfläche steigt löst Übelkeit und Trauer aus.
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Anonym schrieb am 20. Februar 2022
Im Jahr 1955 wurde ich als 13jährige in ein katholisches Kinderkurheim in Bad Sassendorf verschickt. Der Name des Heims ist mir nicht erinnerlich. Es wurde von katholischen Nonnen geführt. Ich selbst war protestantisch. Die Kinder befanden sich in einem Alter von ca. 6 bis 15 Jahren. Neben den Nonnen gab es noch 2 oder 3 Aufsichtspersonen, die Zivilkleidung trugen und offenbar keine Ordensschwestern waren. Am Tag unserer Ankunft wurde uns in einem großen Schlafsaal mit bestimmt 50 Betten jeweils ein Bett und ein Schrankfach zugewiesen. Wir mussten unsere Sachen in das Fach einräumen, wobei wir genau kontrolliert wurden. Es waren z.B. weder Fotografien von der Familie noch Bücher erlaubt, lediglich, was auf einer Liste stand, durfte eingeräumt werden, alles weitere wurde "in Verwahr" genommen. Am ersten Abend mussten wir alle neben unseren Betten im Nachthemd warten, bis wir einzeln aufgerufen wurden, um in einer abgeteilten Ecke des Schlafsaals unsere "Entlausung" über uns ergehen zu lassen. Manche der Kinder weinten hinter der mit Laken abgeteilten Ecke, einige kamen dann mit umwickelten Köpfen wieder heraus und waren den Blicken aller ausgesetzt. Die meisten von jenen weinten und schämten sich. Nach dieser Prozedur mussten alle Kinder auf dem Boden knieen, bis eine Litanei von Gebeten heruntergerasselt war, von denen mir als Protestantin nur „das Vater unser“ bekannt war. Als eine Schwester bemerkte, dass ich nicht laut mitbetete, wurde ich gerügt und aufgefordert, laut allein zu beten. Auf meine Erklärung, dass das "Gegrüßest seist du Maria" in der evangelischen Kirche nicht gebetet würde, wurde ich als gottlos geschimpft und aufgefordert, es auswendig zu lernen. Gleich am nächsten Tag wurde ich abgefragt und konnte es daher sagen. Es gab täglich vier Mahlzeiten, die wesentlich aus einem dicken Haferbrei bestanden. Nach einem zweiten Frühstück um 11 Uhr mussten alle Kinder - egal welchen Alters und ob müde oder nicht - wieder in den Schlafsaal und eine Stunde Ruhe halten. Sprechen oder Lesen war nicht erlaubt, zumal es auch nichts zu lesen gab. Die Teller mussten leergegessen werden; an jedem der langen Tische saß eine Nonne oder eine der Aufsichtspersonen und schaute, ob jemand versuchte, sein Essen der Nachbarin zuzuschieben, die mehr Appetit zu haben schien als man selbst. Das war verboten und wurde mit Strafe belegt: Bettruhe statt Spaziergang am Nachmittag. Als mehrere von uns diese Tatsachen nach Hause schrieben, (Briefe schreiben durften wir nur an bestimmten Tagen) wurden wir an jenem Abend aus dem Bett geholt und zur Oberin gebracht. Dort wurden wir als undankbar beschimpft und zwei oder drei Mädchen bekamen eine Sonderstrafe. Sie mussten eine Stunde neben ihrem Bett knieen und Abbitte tun für ihr sündiges Verhalten. Wir wussten jetzt also, dass unsere Briefe vor dem Absenden gelesen wurden und vermieden es, uns noch einmal zu beschweren. Diese sechs Wochen waren eine reine Psychofolter für mich. Vom Nudeln mit Haferbrei und den täglichen Liegekuren hatte ich an Gewicht zugenommen, aber ich erinnere mich, dass ich daheim in den ersten Tagen stundenlang durch die Wälder gelaufen bin, die den kleinen Ort im Sauerland umgaben, in dem ich damals lebte. Das hat meiner Seele gut getan. Meiner Mutter habe ich nicht viel vom Heim erzählt; sie war , wie viele Kriegswitwen damals, alleinerziehend und musste in einer Fabrik schwere Arbeit tun, um meine Schwester und mich durchzubringen. Und ich war ja wieder zu Hause und glücklich darüber. Meine sonstige Kindheit war aber trotz dieses Heimerlebnisses und der Armut im Nachkriegsdeutschland sehr schön,was ich auch meiner Mutter zu verdanken habe, die mit uns Kindern in der wenigen freien Zeit viele schöne Dinge unternahm.
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amant20025 aus Wuppertal- Elberfeld schrieb am 20. Februar 2022
Ich , Carina , war damals 4-5 Jahre und wurde verschickt, weil ich so dünn war.
Am Frühstückstisch fing es schon an, wir mussten alles aufessen was aufgetischt war. Man musste das essen, was für einen auf dem Teller angerichtet wurde.Egal ob man dies mochte oder nicht.
Das Mittagsessen musste auch komplett aufgegessen werden, tat man dies nicht, musste man solange sitzen bleiben , bis der Teller leer war. Dauerte es zu lange, bekam man den Teller mit dem Mittagsessen zur nächsten Mahlzeit wieder serviert.
Abendb rot musste ebenfalls vollständig aufgegessen werden. Meine Tischnachbarin , sie war älter, behielt Essen im Mund,was sie nicht mochte, meldete sich um
Pipi machen zu müssen und spuckte dies dann im WC aus. Wurde sie erwischt, gab es Strafen.
Ich musste einmal zum Abendbrot einen Rollmops essen , den ich überhaupt nicht mochte. Den habe ich in der Nacht erbrochen ins Bett und eine grosse,schlanke,junge, blonde mit Kurzhaarschnitt
-die immer forsch und ungehalten war - riss mich aus dem Bett und schimpfte mit mir. Ich war starr vor Schreck.Ich musste wegen des Essens öfters in der Ecke lange stehen, weil ich das Essen nicht mochte bzw.auch nicht aussuchen durfte.
Frl. Schiele, eine rundliche Dame mit Brille, war als einzige liebevoll , die aber unter der jüngeren Frau zu leiden hatte. Frl.Schiele hat immer versucht liebevollen Ausgleich zu finden, was die jüngere Frau unterband.
Viele Dinge von damals habe ich verdrängt, es war für mich ein Albtraum.
Folgen: Kuren bis heute versucht abzulehnen aus Angst, ich komme wieder in solche Situationen.
Einmal gelang mir dies nicht, ich musste 5 Wochen zur Kur und mir ging es bis zum Antritt der Kur sehr, sehr schlecht wegen der Erfahrungen in Simmersfeld.
Bis heute esse ich kein Brot, keine Butter, Margarine, Wurst,Fisch , weil ich mich davor ekel, ich kann es nicht mal riechen seit Simmersfeld.
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