Verschickungserlebnisse

Auf dieser Seite schreiben Mitmenschen ihre traumatischen Verschickungserlebnisse, die sie als Kind in Kinderkurheimen erlebt haben.

Diese Berichte dienen in erster Linie dazu das wir alle zusammen ein Zeitdokument erschaffen, das die Grausamkeiten und Misshandlungen von damals dokumentiert.

Durch die geschilderten Erlebnisse und der Preisgabe an die Öffentlichkeit wollen wir einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit gewinnen und unsere Schilderungen können nicht als “Einzelfall” dargestellt werden!

Die hier geschilderten Erlebnisse können auf Wunsch auch anonymisiert werden. D.h. ihr müsst keinen Realnamen preisgeben!
Eure Daten werden keinesfalls an Dritte ausgegeben!!! Sollte jemand mit euch Kontakt aufnehmen wollen, fragen wir bei euch zuerst an und geben die Kontaktdaten nur an euch weiter. Somit könnt ihr selbst entscheiden, ob ihr Kontakt aufnehmen wollt oder nicht.



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202 Einträge
Inge Fahle aus Rabenholz schrieb am 29. Januar 2023 um 20:11
wir wurden zu allem gezwungen,zum Essen,zum Schlafen,zum vorgeschriebenen Brief,keinerlei Sympathie,nur ungl. Strenge.wir hatten solches Heimweh...Das Essen war fürchterlich,sofort danach mussten wir schlafen,damit wir zunehmen sollten..aber total ungesund.Ich bin erstaunt,dass,wenn ich die Jahreszahlen lese,das so lange möglich warMan hätte all den Kindern so viel Leid ersparen können.Wir durften 1x am Tag auf die Toilette:mit einem Blatt Papier.Meine Eltern waren geschockt über meine Unterwäsche.Da ich damals in Aachen wohnte,hatte sich der damalige Bürgermeister,dessen Tochter auch mit war,beschwert..aber alles wurde abgestritten.
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Christine Steuck aus 23746 schrieb am 26. Januar 2023 um 20:09
Mit 8 Jahren war ich für 6 Wochen auf der " Station Morgenstern".
Heute bin ich 50 Jahre älter und kann diesen Aufenthalt nicht vergessen.
Eine Mitbewohnerin hat unter das Kopfkissen ihren Stuhlgang hinterlassen, da sie nicht zur Toilette durfte.
Ein anderes Mädchen wurde durchgerüttelt, da sie Heimweh hatte.
Briefe wurden an einer Tafel vorgeschrieben und durften nicht verschlossen aufgegeben werden.
Unsere Päckchen zum Osterfest wurden uns weggenommen. Wir durften die Dinge behalten, die wir mit Nachhause nehmen konnten . Zum Beispiel ein Buch....Süßigkeiten haben die Erzieher für sich behalten. Meine Anziehsachen wurden gegen alte und fremde Kleidung getauscht...ich vermisste sehr meine eigenen Sachen. Zur Strafe mussten wir über einen sehr langen Zeitraum die Arme hochhalten. Oft wurde dies verlängert, da die Arme herunter Vielen...die Kraft fehlte.
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Anonym schrieb am 18. Januar 2023 um 00:02
Graal Müritz, 1985
Die zweite schlimme "Kur" für mich, damals war ich, w, 7 Jahre jung. Es startete recht "harmlos": Als das Heimweh auch am 2. Tag noch nicht besser wurde, drohte man mir, mir mein Plüschtier wegzunehmen.

Als ich mich erkältete kam nachts eine Erzieherin zum Fieber messen und rammte mir im Dämmerlicht des Schlafsaales das Fieberthermometer zwischen Vag. und Anus. Als sie es rauszog und Blut entdeckte meinte sie nur abfällig: oh, ein bisschen Fischblut.

Die Atmosphäre dort war kalt und rau, eine Erzieherin war besonders "streng", also vertraute ich meine Probleme einem anderen Mädchen an, die wiederum sofort besagter Erzieherin davon berichtete. Ich musste mich vor der Gruppe rechtfertigen und zur Strafe sollte ich 2 Wochen länger allein dort bleiben. (eine DDR Kur dauerte 8 Wochen und es war kurz vor Ende des Schreckens) Man ließ mich in dem Glauben bis 1 Stunde vor der Heimfahrt, da durfte ich doch noch schnell meine Sachen packen und mit den Anderen abreisen. Meine Eltern hatten von alledem nichts mitbekommen, unsere Briefe nach Hause wurden auch kontrolliert. Fazit: Vor der Kur ging es mir besser. Ein Trauma mehr. Es verfolgt mich bis heute.
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Dr.Stefan Wenzel aus 65346 Eltville schrieb am 17. Januar 2023 um 22:26
war zweimal in diesem Heim über das Gesundheitsamt Frankfurt, Frankfurter Kinder mit Bronchitis und Asthma waren dort. Ich war jeweils 3 Monate dort im Heim, was mich wohl meinen Eltern entfremdet hat, ich wurde von einem aufgeweckten Kind zu einem schüchternen Kind. 5-Bett-Zimmer, Personal war nett, Verpflegung gut, viel Zeit zum Spielen und Herumtollen an frischer Luft. Blick auf den Hohen Ifen, große Wiesen und Kuhweiden, Wald, Walderdbeeren und Sauerklee. Viele Gesellschaftsspiele. Touch der Fünfziger Jahre. Insgesamt schön, aber durch den langen Aufenthalt entfremdend
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Michael Ricke aus Werlte schrieb am 13. Januar 2023 um 16:43
Als siebenjähriger für sechs Wochen über das Eisenbahnsozialwerk allein in die Schweiz geschickt.... ich habe das meinen Eltern bis zu ihrem Tod krumgenommen.

Es verfolgt mich bis heute..
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Sabrina Scharfenberg aus Nöda schrieb am 12. Januar 2023 um 20:45
Guten Abend an alle, die hier aktiv sind.

Ich habe meiner Tochter neulich von meinen Erinnerungen an meine beiden Kuraufenthalte berichtet und über die googleSuche zum Ort Bansin diese Seite hier gefunden.
Verschickungskinder, das trifft es ziemlich gut ☹️😭. Bisher wusste ich nicht, dass es dafür eine Bezeichnung gibt.

Beim Anblick des Fotos vom Kindererholungsheim Seebad Bansin kamen sofort wieder dieses schrecklichen Gefühle & Gedanken in mir hoch ☹️😭, unter welchen ich auch heute noch leide und welche ständig ein Thema bei meiner Psychologin sind (verletztes inneres Kind in mir), da mich diese Aufenthalte und Erfahrungen dort, schon mein Leben lang begleiten und geprägt haben ☹️😭.

Ich war 2 Mal im Kindererholungsheim im Seebad Bansin. Das 1. Mal 1985/86 im Alter von ca. 3/4 Jahren und dann nochmal 1988/89 im Alter von 6/7 Jahren.

Meine Busfahrt begann jeweils am Haupt- und Busbahnhof in Erfurt/Thüringen.

Wer sich mit mir austauschen möchte, kann sich gerne melden…
Ich habe noch ganz viele Erinnerungen an die Schlafräume, den Speiseraum, Badewannen, Arztvisiten usw…

Ps.: Kann man sich denn irgendwo hinwenden und sich auch heute noch über die dortigen Zustände beschweren, erstrecht wenn man einen bleibenden psychischen Knacks davongetragen hat?

Viele Grüße,
Sabrina
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Krause Barbara aus Lauffen am Neckar schrieb am 1. Januar 2023 um 10:08
War als Bettnässerin dort, mit Geschwister.
Kann mich nicht mehr an viel erinnern.
Hatte mich bei Leber übergeben, mußte es selbst weg machen , geschweige Bett neu überziehen. Als Fest war auch ausgeschlossen worden. Sorry mehr weiß ich gerade nicht.
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Eli schrieb am 26. Dezember 2022 um 17:32
Peter´s Kinderheimerfahrungen

Einleitung
Ich musste zweimal an solchen Verschickungen teilnehmen. Das erste Mal als noch dreijähriger für 3 Monate im Kleinen Walsertal. Das zweite Mal als zwölfjähriger für 6 Wochen während der Schulzeit in Schwenningen.
Seit mindestens 9 Jahren (2014) spüre ich die psychischen Belastungen der Aufenthalte deutlich und die Bedeutung für mich wurde mir mehr und mehr bewusst. Insbesondere an den ersten Aufenthalt habe ich einige traumatische Erinnerungen. Den zweiten Aufenthalt dachte ich trotz schlechter Erfahrungen und erlebter Misshandlungen anderer Kinder und mir selbst emotional gut überstanden zu haben. Dies zeigte sich aber als offensichtlich widerlegt, als ich kürzlich (5.12.2022) die Gelegenheit einer Durchreise nutzte, um mir das verfallende Heim-Gebäude in VS anzuschauen, denn ich brach dort in Tränen aufgelöst zusammen. Ich entschloss mich deshalb meinen Beitrag in Verschickungskind.de einzustellen.
Über die Seite „verschickungskind.de“ ist es mir gelungen das Heim der zweiten Verschickung eindeutig zu identifizieren. Leider war das Ergebnis der Recherchen für die erste Verschickung nicht eindeutig. Ich hoffe, dass sich aufgrund meines Berichtes Hinweise auf den Ort ergeben.

Drei Monate im Kleinen Walsertal
Meine erste Verschickung ging ins Kleine Walsertal für 3 Monate (vermutlich Frühjahr/Sommer 1958). Ich war noch 3 Jahre alt. Sie erfolgte von der Stadt Frankfurt/Main aus. Ich war als kleines Kind häufig krank und der Aufenthalt in der Höhenluft sollte meiner Gesundheit gut tun, sagte man meinen Eltern.
Das Heim lag möglicherweise in Hirschegg, aber vielleicht auf woanders im Kleinen Walsertal. Das Gebäude müsste einen halbrunden oder halb ovalen Anbau haben, in dem sich die/eine Krankenstation befand.
An derselben Verschickung nahm auch der Sohn unserer Haushaltshilfe, Kurtchen W., teil. Er war wesentlich älter als ich. Meine Eltern sagten mir, er würde auf mich Acht geben. Das letzte Mal sah ich ihn auf dem Bahnhof in Frankfurt. Schon im Zug fuhr er ganz woanders mit und ich habe ihn auch im Heim nicht mehr gesehen. Vor einiger Zeit habe ich eine Postkarte in den Sachen meiner Mutter gesehen, die er aus dem Kleinen Walsertal an meine Eltern geschrieben hatte. Darin berichtete er, dass es mir dort sehr gut ginge. Das stimmte definitiv nicht. Was hätte er auch schreiben sollen/können, wenn man weiß, dass die Inhalte der Schreiben üblicherweise vorgeben waren und zensiert wurden.
An den ersten Aufenthalt habe ich wenige, dafür aber eher traumatische Erinnerungen:
1. Nach Aussage meiner Mutter gehörten Fischgerichte vor der „Kur“ zu meinen Lieblingsessen.
Als es dort einmal Fisch gab erwischte ich eine Gräte, die mich reizte und mich musste mich Erbrechen. Ich war stolz, dass ich es geschafft hatte, dass alles auf dem Teller landete und nichts daneben ging.
Anschließend wurde ich gezwungen den Teller vollkommen leer zu essen. Seitdem esse ich keinen Fisch mehr.
Bis vor wenigen Jahren brachte ich gar keinen Fisch herunter. Der Geruch ekelte mich. Inzwischen bin ich in der Lage den Geruch zu ertragen. Ich kann mich überwinden gelegentlich ein Häppchen zu probieren. Ich finde Fisch inzwischen wieder geschmackvoll aber mit Genuss essen geht nicht, schon gar nicht mehr als ein Häppchen.
2. Ich erinnere mich daran, dass wir morgens in einer langen Schlange in einem Gang warteten. Am Ende des Ganges war eine Art Podest, an das sich eine oder mehrere Toilettenzellen (ich glaube) mit Schwingtüren anschlossen. Ein Kind nach dem anderen sollte sein „Geschäft“ dort verrichten. Wenn ich dran war, setzte ich mich regelmäßig für eine Weile auf die Toilettenbrille. Üblicherweise ging ich dann – gedrängt oder freiwillig (?) – unverrichteter Dinge wieder hinaus.
Anschließend ging es nach draußen zum Spielen. Zum Schutz vor der Sonne bekam ich jeden Tag eine Mütze aufgesetzt. Das missfiel mir sehr!
Ich erinnere mich an keinerlei persönlichen, emotionalen Kontakt zu den „Betreuenden“. Das lag mir sehr auf der Seele. Ich empfand sie alle als roboterähnliche, seelenlose Personen.
Ich wollte sie bestrafen (für ihre Ignoranz). Daher versteckte ich jeden Tag die Mütze im Wald z.B. in einem morschen Baumstumpf. Und dann lief ich ziemlich ziellos in dem Waldstück umher.
Einmal kam ich dabei Stück für Stück in eine Art Trance. (Vielleicht ein Sonnenstich?) Aus der erwachte ich nackt in einer Badewanne stehend, wo mich eine Betreuerin recht ruppig abduschte.
Vor der Kur soll ich vollkommen „sauber“ gewesen sein; danach brauchte ich für einige Zeit wieder Windeln!
3. Während des Aufenthaltes habe ich verschiedene Kinderkrankheiten durchgemacht. Ich erinnere mich, dass ich einmal in der Morgendämmerung in der Krankenstation wach lag. Das war ein ziemlich heller Raum mit viel Glas. Ich habe ihn als halbrunden bis ovalen Anbau in Erinnerung. Die Betten standen mit dem Kopfende in Richtung der Fenster. Ich lag auf dem Rücken und hielt mein Kuscheltier in den Händen. Eine Frau kam aus dem angrenzenden breiten Gang direkt auf mich zu, nahm wortlos das Kuscheltier an sich, drehte sich um und ging wieder den Gang zurück.
Mein Kuscheltier habe ich nie wieder gesehen!
Meine Mutter erzählte mir, dass, als sie mich im Bahnhof in Ffm nach den 3 Monaten auf den Arm hochhob, ich mich von ihr abgewendet hätte. Eine ganze Zeit hätte ich noch gefremdelt.
Im meinem Leben habe ich immer wieder festgestellt, dass es mir deutlich an „gesundem Urvertrauen“ fehlt. Auch leide ich sehr unter Verlustängsten. Könnten da diese Kindheitserfahrungen eine Rolle spielen?

Sechs Wochen im Kinderheim Kurhaus Schönblick in Schwenningen
Das zweite Mal war die Verschickung vom Landkreis Erbach (Odenwaldkreis) organisiert. Ich stieg in Beerfelden/Hetzbach in den Zug. Diese Verschickung fand vermutlich im Herbst 1966 während des laufenden 1. Kurzschuljahres statt; ich war 12 Jahre alt. Es gab dort keinerlei Schulunterricht. Deshalb begünstigte der Aufenthalt meine Chancen das Schuljahr noch zu schaffen sicher nicht. Obwohl ich damals in einem anerkannten Luftkurort lebte, war ich wieder häufiger erkältet und man glaubte, dass ein Luftwechsel meiner Gesundheit zu Gute käme.
In Schwenningen trafen wir Kinder aus ganz verschiedenen anderen Regionen Deutschlands. Ich erinnere mich z.B. an Hamburg und Idar-Oberstein.
Die Kinder wurden in mehrere Gruppen aufgeteilt, wobei Mädchen und Jungen getrennt wurden. Ich meine, meine Gruppen-„Tante“ heiß Dietlinde, bin mir aber nicht ganz sicher. Ich fand sie im Großen und Ganzen ganz nett.
Gefürchtet war dagegen eine Aufsicht, die regelmäßig während der Mittags- und Nachtruhe eingesetzt wurde. Sie schlich immer auf leisen Sohlen durch die Schlafsäle. Sobald sie ein Kind mit offenen Augen liegend entdeckte prügelte sie immer vehement auf es ein. Das auch, wenn das Kind vollkommen ruhig wach da lag und nur die Decke anstarrte. Selbst wenn es auf dem Bauch lag und sie irgendwie noch offene Augen erkennen konnte gingen die Prügelsalven los. Diese Person fuhr mit einer VW-1500-Limosine vor. Dies konnte ich vom Fenster im Schlafsaal sehen und so war ich zumindest manchmal vorgewarnt. Trotzdem erwischte es auch mich ein paarmal. Ich schützte mich indem ich meine Hände über meinen Kopf faltete. Ich glaubte, die Schläge hätten mir eigentlich so nichts angehabt. Das gilt möglicherweise für den physischen Einfluss. Allerdings habe ich bei dem Besuch des Gebäudes nach 56 Jahren doch deutlich gespürt, wie mich diese Schläge psychisch getroffen hatten.
Beim Anblick des Gebäudes heute kommt in mir deutlich das Gefühl des Gefangenseins, des Unfreiseins hervor. Ich habe den Tagesablauf vor Augen:
Vormittags gingen wir in Reih und Glied immer den Treppenweg hinunter in die Siedlung und wieder zurück. Tagsüber wurden wir meist in einem Saal im Erdgeschoß beschäftigt. Ich erinnere mich an verschiedene Bastelarbeiten die mich teilweise (Streichholzbilder) sogar erfüllt haben. Ich glaube gesungen wurde auch gelegentlich. Nach dem Mittagessen war strenge Mittagsruhe angesagt, worüber die oben erwähnte Aufsicht immer strengstens wachte. Manchmal gingen wir nachmittags geschlossen in den Hof, wo dann jeder sich selbst beschäftigen konnte.
Ich kann mich an zwei Ausflüge erinnern. Einer ging zur Neckarquelle. Mich hat das damals beindruckt wegen der Landschaft mit dem lichten Birkenwald und auch weil die Quelle irgendwie eine Verbindung nach Hause darstellte, da der Neckar nicht weit von meinem Heimatort fließt. Der andere fand vermutlich an einem Sonntag statt. Da gingen wir ins Schwenninger Fußballstadion (unweit des Heimes). Das fand ich toll, denn ich hatte noch nie eine richtige Fußballmannschaft spielen sehen, außer im Fernsehen.
Dass wir in dem an das Heim angrenzenden Wald etwas unternommen hätten, daran kann ich mich nicht erinnern.
Die meisten Kinder wogen weniger als das Normgewicht für ihr Alter vorgab. Es war deshalb Ziel, dass diese Kinder an Gewicht zunehmen sollten. Sie mussten dazu bei den Mahlzeiten immer einen Nachschlag nehmen; sie wurden sogar dazu gezwungen. Regelmäßig wurden wir gewogen. Mir kam es beinahe vor wie in einem Schweinemastbetrieb. Die Kinder wurden auch psychisch unter Druck gesetzt. Ich erinnere mich daran, dass ich Mitleid mit Mädchen empfand, die deswegen und wegen Heimweh weinten.
Ich und ein anderer Junge aus meinem Ort hatten das Glück damals übergewichtig gewesen zu sein. Wir blieben deshalb von solchem Zwang verschont. Die Essensqualität war allerdings auch so, dass wir beiden eher sehr selten Lust auf Nachschlag gehabt hätten.
Um etwas mehr an Kalorien zu verbrennen waren wir als einzige und für jeden Tag ohne Ausnahme zum Küchendienst eingeteilt. Diesen haben wir immer sehr ausgiebig und übergründlich absolviert; das Ende hinausgezögert soweit es nur ging. So konnten wir die Zwangsmittagsruhe für uns verkürzen; mussten uns nicht mehr solange schlafend stellen, um nicht noch in die prügelnden Klauen der Aufsicht (siehe oben) zu gelangen.
Für uns beide war das Übergewichtigsein also nur von Vorteil.
An einem Tag hatte ein Junge mich als Opfer auserkoren. Er hänselte und ärgert mich während des ganzen Tages immer wieder. Als wir am Abend vor dem Essen vom Hof geschlossen die Treppe zu den Schlafräumen hochgingen zupfte er mich durch das Treppengeländer greifend laufend am Hosenbein und versuchte mich festzuhalten. Als ich mich dessen erwehrte, identifizierte mich die Betreuerin sofort als Aggressor. Zur Strafe wurde ich vom Abendessen ausgeschlossen. Das traf mich umso mehr, da es an diesem Abend ausgerechnet etwas gab, was ich recht gerne aß, was sehr selten vorkam. Ich musste die Zeit alleine im Schlafsaal verbringen. Als die Kinder zurückkamen ärgerte mich der Junge weiter. Auch noch am nächsten Tag reizte er mich fortlaufend. Erst als es schließlich zu einer Rauferei kam (- als gerade keine Aufsicht da war -) gelang es mir Respekt zu verschaffen, der glücklicherweise bis zum Ende des Aufenthaltes anhielt. Es gab wohl keine Möglichkeit mit Hilfe der „Tanten“ die Sache zu regeln.
Regelmäßig gab es für alle Kinder gleichzeitig Gelegenheit unseren Eltern, Freunden, Schulkameraden etc. schreiben zu dürfen/sollen/müssen. Natürlich wurde vorgegeben, was wir bzw. was wir nicht schreiben sollten/durften. Die Briefe mussten unverschlossen abgegeben werden. Ob Briefe, die wir erhalten haben, bereits geöffnet waren, weiß ich nicht mehr. Mein Vater hat in der Zeit mehrmals angerufen. Ich wurde dann ins Büro gerufen, wo der Telefonhörer bereit lag. Da sich immer Heimpersonal im selben Raum aufhielt, wäre es wohl kaum möglich gewesen, etwas Negatives über das Heim oder den Aufenthalt dort zu sagen. Dies lag mir allerdings auch vollkommen fern. Nicht, weil es vielleicht gar nicht so schlimm war, sondern weil ich es als Scheitern empfunden hätte, die Zeit nicht tapfer durchzustehen. Ich hätte/habe das nicht zugegeben.
Ich selbst habe während der Zeit im Gegensatz zu vielen anderen Kindern kein starkes Heimweh empfunden. Dennoch zählte ich die Wochen und dann die Tage bis zur Heimreise. Ich gab mir immer wieder Durchhalteparolen.
Zum „Kurende“ wurde eine Abschiedsfeier initiiert. Ein Souvenirhändler hatte im Heim Waren aufgestellt, damit wir Andenken erwerben konnten. Offenbar hatten wir Taschengeld dabei, das man uns nun zu entlocken versuchte. Ich kaufte mir ein Schwarzwald-Wetterhäuschen, das noch jahrelang in meinem Zimmer (nicht funktionierend) herumstand. Ich erinnere mich nur noch dunkel daran, dass an dem Abend auch verschiedene Spiele gespielt wurden. Ich musste vor der Tür warten und hatte Angst (mehr als nur gespannt sein!) was auf mich wartete, wenn ich hereingerufen würde. Ich erinnere mich dann an das Gefühl blamiert zu gewesen zu sein. (Späßchen machen auf Kosten anderer!?)
Die Zugfahrt am nächsten Tag kam mir ewig lang vor. Ich meine es war ein Sonderzug und es fuhren vielleicht auch Kinder aus anderen Heimen mit. Der Zug stand oft und wartete und ich meine, er hielt sehr häufig.
Ich war sehr froh und fühlte mich geborgen, als ich endlich wieder bei meinen Eltern war. Mir viel ein Stein vom Herzen!
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Martin schrieb am 18. Dezember 2022 um 00:28
Hallo Z´samme.

Als ich ein Junge von etwa 6 Jahren war – wahrscheinlich im Sommer 1970 – war ich mit meinem 2 Jahre älteren Bruder für 6 Wochen in einer Erholung für Kinder von Angehörigen der Post. Wir waren im katholischen Kindererholungsheim Ratzenried bei Argenbühl im Allgäu. Geführt wurde das Heim von katholischen Nonnen.

Damals hatte ich sehr „Heimweh". In der Nacht hatte ich das Bett mehrmals nass gemacht.
Zuerst waren die Nonnen freundlich und verständig. Ich wurde getröstet, die Nonnen zeigten Verständnis. Alles wurde wieder frisch gemacht.
Beim 2.ten mal waren die Nonnen schon nicht mehr so nett.
Beim 3.ten mal schimpften und drohten sie mir. Sie sagten, warte auf morgen früh. Die Frau Mutter Oberin wird sich dir annehmen ...

Am Morgen stand ich dann im Essenssaal in einer Schlange derjenigen, die am Vortag etwas „ausgefressen" hatten.

Vor mir war ein größerer Junge. Was auch immer er angestellt hatte. Die Mutter Oberin schlug ihm zur „Strafe“ mit einer Gerte mehrmals fest in die Handfläche.

Danach kam ich an die Reihe. Ich wurde wegen meines Bettnässens in der Nacht über das Knie gelegt und mit dieser Gerte mehrmals kräftig auf den Po geschlagen. Leider war das Ergebnis nicht wie gewünscht. Ich schrie nicht vor Schmerzen ...
ich hatte eine Lederhose an ... die fing das meiste der Hiebe gut ab ...

Die Mutter Oberin erkannte das. Sie zog mir die Hose bis in die Knie, und versohlte meinen blanken nackten Hintern solange bis ich vor Schmerzen lautstark schrie ...

Das ist meine Geschichte von Ratzenried.

Leider kann ich mich fast an nichts Anderes mehr erinnern. Bis heute geblieben sind mir eigentlich – außer der obigen Geschichte – nur drei weitere Dinge.
1. Ich wusste immer, dass ich in Ratzenried war.
2. Draußen im Garten verbrachte ich die meiste Zeit im Wipfel eines sehr hohen Baumes.
3. Sehr häufig gab es Rhabarber zum Nachttisch. Den mochte ich überhaupt nicht. Meine Aversion gegen Rhabarber hat Jahrzehnte gehalten. Mittlerweile esse ich es ganz gerne.

Zu Hause habe ich nicht mit meinen Eltern darüber geredet. Unsere Eltern hatten immer viel zu tun und nicht wirklich Zeit für uns Kinder. Eine innige oder herzenswarme Beziehung zu meinen Eltern hatte ich nicht. Auch gab es bei uns in der Familie körperliche Züchtigungen. Wir hatten keine Gerte, aber einen Stock.
Damit hatte die Strafe der Mutter Oberin für mich erst einmal etwas „Normales“ …

So kam ich wieder nach Hause und war nicht so traumatisiert wie so viele andere Kinder. Im Alter von 13 bzw. 14 Jahren realisierte ich dann schon, dass meine Erlebnisse in Ratzenried rückblickend sehr schlimm und traurig waren.

Mein älterer Bruder war mit nach Ratzenried. Bilder von ihm aber habe ich keine vor Augen. Erst letztens habe ich ihn – erstmalig – angesprochen auf Ratzenried.
Er kann sich an Nichts erinnern. Nicht an die Erholung im Kinderheim, nicht an die Nonnen, nicht an Ratzenried, nicht an meine Geschichte, an rein gar nichts.
Interessant ist, dass ich ein sehr schlechtes Verhältnis zu meinem Bruder habe. Neuerdings frage ich mich, ob Ratzenried seinen Teil dazu beigetragen hat?

Wie der Zufall es wollte, waren meine Frau und ich jetzt zufällig in der Nähe von Ratzenried zu Besuch.
Damals war das Kindererholungsheim im Schloss Ratzenried untergebracht.
Heute befindet sich das Humboldt-Institut da drin.
Als ich das Schloss sah, konnte ich mich aber an Nichts erinnern. Alles war mir fremd. Nichtssagend.

Ja - das ist meine Geschichte von Ratzenried.

Und jetzt?
Jetzt habe ich sie aufgeschrieben. Ich teile sie gerne. Mir geht es ganz gut damit.

Auch glaube ich für mich, dass die „Gerte“ der Mutter Oberin mir keinen bleibenden Schaden zugefügt hat, im Gegensatz zum „Stock“ in unserer Familie.

Wer immer einen Kommentar schreiben möchte. Oder eine Frage hat. Bitte gerne!

Mit freundlichen Grüßen

Martin
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Kathrin aus Frankfurt schrieb am 14. Dezember 2022 um 19:45
Ich wurde für 6 Wochen in ein Kurheim , ins Kleinwalsertal geschickt.
Ich erinnere mich noch an den Tag meiner Ankunft. Es gab Fischsuppe, die ich nicht essen konnte, mir wurde übel.
Ein Junge namens Alfred erbarmt sich meiner und aß sie für mich auf. Somit entging ich der Sanktionen, in Form von Strafe durch hungern.
Da ich sehr lange Daumen gerutscht habe, wollte ich 3s mir in der Kur abgewöhnen, denn ich schämte mich vor den anderen Kindern. Das Einschlafen fiel mir schwer und so habe ich ganz leise im Bett gesungen. Dies missfiel der Aufsichtsperson. Sie zog mich am Ohr aus dem Bett und ich musste, mit dem Gesicht zur Wand, in einer Ecke des Treppenhauses stehen, es war Winter und ich trug nur mein Nachthemd.
Das Ritual wiederholte sich, wenn die gleiche Person Dienst hatte.
Die Krönung ihrer Misshandlung, an meiner Person war ,dass ich wieder am Ohr aus dem Bett gezogen worden bin und in den Waschraum geführt wurde. Dort musste ich mich auf eine schmale Holzbank legen. Sie hatte vorgesehen, dass ich im ungeheizten Waschraum, auf der Holzbank ohne Decke schlafen sollte. Wie lange ich dort gelegen habe weiß ich nicht mehr.
Glück, wer nicht im Bett gesungen hat.
Ich habe auch mitbekommen wie Kinder geschlagen worden sind. Mit der Hand und dem Gürtel.
Teller leer essen war auch eine der Nettigkeiten.
Ich habe tatsächlich noch 3 Fotos aus dieser Zeit. Auf den Fotos sind Kinder und eine der Betreuer. Würde auch gerne wissen welches Heim es ist.

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Anonym schrieb am 12. Dezember 2022 um 20:13
Hallo, auch ich bin ein Verschickungskind. Ich habe dabei leider nur ein Problem, ich selbst kann mich nicht mehr so genau erinnern. Meine Mutter hat auch keine Unterlagen über diese Zeit, sie erzählte immer das ich 1957 verschickt wurde. Dann wäre ich aber erst 3 Jahre alt gewesen, ich glaube aber es war 1959 denn da wäre ich 5 Jahre alt gewesen und 5 Wochen verschickt. denn ich glaube die Heime gab es erst ab 5 Jahre. auf jeden Fall wurde ich vom Bezirksamt Berlin-Reinickendorf, nach St. Peter Ording geschickt wurde, um etwas zuzunehmen, was ich mittlerweile auch geschafft habe, und stand dann wohl mit so vielen anderen mit dem Schild um den Hals in einem Kinderheim in den Dünen. Meine Erinnerungen an die Zeit sind mittlerweile sehr verblast, aber was ich nicht vergessen kann, das sind die Tage an denen ich vor meinem Frühstück (Tomatenbrot) bis zum Abend gesessen habe. Seit dieser zeit sind Rohe Tomaten ein Greul für mich. Auch erinnere ich mich schmerzhaft an die morgen an denen alle Kinder des Schlafsaales an meinem Bett vorbeigeleitet wurden mit dem Hinweis... der hat wieder ins Bett gemacht. Ansonsten blieb mir nur der Frühsport in den Dünen und der Geruch von dem Seegras in Erinnerung. Bei der Heimreise hatte ich merkwürdige rote Punkte am ganzen Körper. Meinen Eltern wurde dann erzählt, dies seien Mückenstiche, in Wirklichkeit waren es die Windpocken. Durch ihre Internetseite und die Berichte im Fernsehen wurden diese wieder in Erinnerung gebrach. Wenn ich das früher in der Familie erzählte, glaubte mir keiner. Erinnerungen habe ich auch an die Eltern-Post, da ich noch nicht schreiben konnte hatte ich gemalt, eine Eisenbahn und Mama und Papa mit der bitte, holt mich nach Hause. Gott sei Dank habe ich sonst keine Erinnerungen und zum Glück habe ich auch nicht die Erfahrungen vieler andere von Schlägen und strafen gemacht. Auch weiß ich nicht mehr wie das haus ausgesehen hat, denn leider habe ich keine Bilder aus dieser Zeit. Ich fühle mit allen die hier ihre Erinnerungen hier niederscheiben mit.
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Anonym schrieb am 4. Dezember 2022 um 14:08
Ich bin als "Hauskind" dort aufgewachsen. Hauskind bedeutet, dass ein Elternteil dort arbeitete und die Kinder eben dort aufwuchsen.

Als Hauskind habe ich - im Gegensatz zu den Kurkindern - nur selten Prügel bezogen. Die Kurkinder wurden wie Vieh behandelt.

Wer das Redeverbot brach bekam dann eine schallende Ohrfeige. Es ist jetzt viele Jahrzehnte her aber die Erinnerungen kommen immer wieder hoch.
Grauenhaftes Essen, furchteinfllößender Bau, herzlose "Tanten" und Druck, Druck, Druck und nochmals Druck.
Pakete, die Kurkinder erhielten wurden "solidarisch" verteilt.
Zwangweises Sitzenbleiben, bis der Teller leer war.
Insgesamt war ich dort ca. 5 Jahre "Hauskind"
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Michael Rabba aus Bremen schrieb am 30. November 2022 um 10:09
Hallo, ich bin Anfang der 70er Jahre von Bremen aus zur Kur verschickt worden. Leider weiß ich nicht mehr, wohin. Es war eine Fahrt mit dem Zug und es war nicht an der See. Ich erinnere mich an den Schlafsaal für Jungen, dass ein Junge mal auf seinem Bett stand und ein Lustiges Taschenbuch von mir zerriss und dass abends einen „Klaps“ auf den Po bekam, wer noch redete. Auch dass Fieber rektal gemessen wurde man uns am Ende der 6 Wochen drohte, bei erhöhter Temperatuf noch länger bleiben zu müssen. Auch weiß ich noch, dass wir Texte für Postkarten nach Hause von einer Tafel abschreiben mussten, es ekeligen Griesbrei und Pudding mit Haut buchstäblich bis zum Erbrechen gab und ich mal Eimer mit Marmelade aus der Küche geholt habe. Ich hatte mich mit meinem Bettnachbarn angefreundet, ,der dann auch mit mir im Zug zurück nach Bremen war. An seinen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Ach ja - mitgebrachte Comics wurden zu Beginn weggenommen und in eine „Bücherei“ für alle gesteckt, Süßigkeiten wurden uns ebenfalls weggenommen. An körperliche „Misshandlungen“ kann ich mich nicht erinnern. Auch nicht an irgendwelche Behandlungen. Wir waren aber viel draußen und ich erinnere mich, dass mein „Kumpel“ und ich kleinere Zimmer in einem anderen Gebäude sahen und annahmen, dass dort Mädchen untergebracht waren. Ich würde wirklich gern herausfinden, wo ich damals war. Ein Freund von früher erzählte mir jetzt, dass er in Mittelberg war. Könnte sein, dass das auch „mein“ Heim war. Aber es gab ja noch mehr Heime, in die Kinder von Bremen aus verschickt wurden.
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Gerhard Kleine aus Dortmund schrieb am 27. November 2022 um 19:47
Hallo liebe Betroffene und Mitgelittene "Kurgäste",

für mich stellen sich diese 6 Wochen als durchgehende Abfolge von Ängsten dar: nur nicht negativ auffallen um nicht in den Focus der heimleitenden Fr. Selter zu gelangen. Als 12jähriger Junge gehörte ich zwar schon zu den älteren "Semestern", trotzdem muß ich einräumen daß traumatische Erinnerungen noch lange anhielten.
Abgesehen von Backpfeifen und nächtlichem Flurstehen wegen mangelnder Bettruhe habe ich physische Gewalt zwar nicht wahrgenommen, ein Beispiel psychischer Unmöglichkeit möchte ich jedoch nicht verschweigen: Ein kleines, zartes, etwa 6-7 jähriges Mädchen namens Eva wurde mindestens zweimal in dieser Zeit wegen Bettnässens aufgrund Heimwehs öffentlich zusammengebrüllt. Das gesamte Haus hat diese Vorgänge mit anhören können.
Was die "Anwendungen" anbelangt, so beschränkten sich diese auf tägliches mehrstündiges Wandern. Sicherlich vom gesundheitlichem Standpunkt nichts gegeneinzuwenden. Problematisch war jedoch, daß diese regelmäßig durch unbewohntes Waldgebiet stattfanden und die Patienten 6 Wochen lang kein weiteres menschliches Wesen zu Gesicht bekamen.
Zur Verpflegung gibt es wenig zu sagen. Morgens obiglatorischer Haferbrei mit Marmeladenknäckebrot. Mittags meist genießbare Eintopfgerichte mit Speisequark, nachmittags Hagebuttentee und Knäckebrot. Am Abend belegte Schnitten. Wer zuhause nicht verwöhnt wurde, konnte hier nicht klagen.
Kontakt zu den Angehörigen wurde weitgehend unterbunden. Besuche nicht gestattet, Paketzusendung nur einmal in diesen 6 Wochen (Nikolaus) durchgelassen.
Ausgehende Post an einer zentralen Stelle gesammelt und von dort an den Postbeamten weitergeleitet. Eine Zensur somit naheliegend, aber nicht beweisbar.
Auswechseln der Kleidungsstücke problematisch, da kein Zugriff der Gäste möglich. Am Ankunftstag wurde bereits eine Garnitur für die Rückfahrt zurückgelegt. Und ich bin wirklich sicher, das dazwischen nur ein weiterer Kleidungswechseltermin (einschließlich Unterwäsche) stattgefunden hat.
In Sachen Personal geht meine Kritik alleine an eine Person: Frau Selter. Die wenigen aushelfenden Personen haben bei mir keine negativen Eindrücke hinterlassen. Erwähnen möchte ich noch eine ständig anwesende Erzieherin (Name vergessen). Etwa Mitte 20, dunkelhaarig und recht hübsch. Wahrscheinlich zur Familie gehörend. Diese Person hat mich durch ihre mitfühlende Art diesen Aufenthalt wirklich erträglich er gemacht.
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Bettina Boehm aus Frankfurt schrieb am 14. November 2022 um 21:03
War mit meiner kleineren Schwester in Freudenstadt. Wurden getrennt und durften in den 6 Wochen uns so gut wie gar nicht sehen. Bekam 1 Päckchen von Mama mit Süßigkeiten geschickt (war das Highlight nach dem Mittagessen, wenn wir alle dasaßen und hofften das auch ein Brief oder Päckchen für einen selbst dabei war) und musste den Inhalt mit den 3 anderen Mädchen im Zimmer teilen. Sonst wurde mir alles abgenommen! Ich erinnere ich nur an das strenge Regime und das ich meine jüngere Schwester sehen wollte. Einmal habe ich mich übergeben müssen. Aus lauter Angst vor Ärger hab ich es wieder aufgeleckt. Dann kam die Nachtwache und hat vor allen mich bloß gestellt.
War auch in St. Peter Ording……jeden Morgen und Abend Grütze!!!!! Und wehe du hast nicht aufgegessen
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Anonym schrieb am 14. November 2022 um 20:15
Als Jahrgang 1961 habe ich weitere Erlebnisse zu den damaligen Erziehungsmethoden zu ergänzen. Eben habe ich einen Bericht in der Hessenschau zum Thema:Verschickung gesehen und bei mir kamen alle Erinnerungen, die über 50 Jahre her sind wieder, als wären sie heute geschehen.
Im Kindergarten musste man die gesamte Portion aufessen. Wenn man es nicht mochte oder erbrach wurde ich in den Keller gebracht und durfte erst wieder raus, wenn ich es heruntergewürgt hatte. Zu trinken gab es auch kaum etwas. Meine Eltern fanden das damals nicht schlimm und es hörte erst auf als ich in die Grundschule kam. Mein Klassenlehrer mochte mich nicht und er verteilte immer Ohrfeigen wenn man etwas falsch gemacht hatte. Ab und zu kam ich mit einer geschwollenen Backe zurück. Das Züchtigungsverbot für Lehrer wurde erst 1976 eingeführt.
Leider ist das nicht zum Thema „Verschickungskinder“, aber es ergänzt das Thema Kinderrechte in den 60 ger Jahren.
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Anonym schrieb am 12. November 2022 um 17:17
Ich kann den veröffentlichten Bericht voll bestätigen.
1959 war ich im Winter dort. Ich war 7 Jahre alt. Essenszwang bis zum Erbrechen traf jeden mindestens 1mal. Das Erbrochene musste aufgegessen werden.
Kinder wie ich mit Untergewicht, die nicht zunahmen, wurden zur doppelten Essensration gezwungen.
Niemand hat sich dort erholt. Geschenkpakete von zuhause wurden an alle verteilt. Bis auf eine waren alle "Tanten"richtige Horrorfiguren. Selbstverständlich wurde die ausgehende Post zensiert.
Zuhause hat mir niemand geglaubt.

Trotz dieser Vorfälle hat mich als Halbweisen die katholische Kirche mit ihrer Macht als "Wohltat" zu einer weiteren Kur nach Hamburg Poppenbüttel gezwungen. Auf Ausflügen wurde dort marschiert wie beim Militär. Erst mit 15 Jahren konnte ich weiteres erfolgreich abwehren.

Bis heute habe ich keine Jugendherberge mehr freiwillig betreten.
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hansjoachim aus wetzlar schrieb am 9. November 2022 um 02:16
Wenn man nicht aus sah wie Rotbäckchen (Kugelrund war sehr Gesund!) wurde man zur Kur geschickt .Ich war 1964 in Bad Orb im Wichern Haus zur Kur. Es ging mit dem Sammelzug von Butzbach über Gelnhausen und Wächtersbach nach Bad Orb. Ich hatte fürchterliche Heimweh. Ich erinnere mich an einen Berg mit einem Kreuz den man aus dem Fenster sehen konnte. Das Essen war fürchterlich . Ich erbrach meine Kohlpampe in den Teller und bekam sie wieder ein gelöffelt . Mir wird heute noch schlecht wenn ich gekochten Kohl rieche! Es waren Kinder aus ganz Deutschland dort. Das war eine Tortur. Ich war froh als es vorüber war. Zu genommen habe kein Gramm .Meine Vorbilder (Die mit den dicken Wangen) wiegen heute 170 Kilo
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Ursul Ruth Meyer aus Bremen schrieb am 5. November 2022 um 23:27
Ich war sechs Wochen mit meiner Zwillingsschwester im "Hamburger Kinderheim" St. Johann in Nienburg, Strandstr.4, 1966. Wir waren neun Jahre alt. Zur Ankunft wurden uns alle persönlichen Habseligkeiten (Bücher, Kuscheltier, Süßigkeiten) ohne Erklärung weggenommen. Wir durften nicht sprechen, mussten alles, was uns vorgesetzt wurde essen, auch Erbrochenes, Aufsichtspersonen standen an den langen Tischen. Nachts, bei Schreien wegen Alpträumen, wurde ich ins Bad geführt, kalt geduscht und lang dort gelassen. Wir mussten Sonntags einen langen Weg zur Kirche gehen und in kaltem Gemäuer stehen, bis das letzte Kind seinen Glauben an Gott aufgegeben hatte. Karten nachhause wurden zensiert, sobald ein Kind schrieb: holt mich aus der Hölle nach Hause. Viele Kinder lernten stumm zu weinen, ein einziges Wort über immerwährendes Heimweh war tabu. Irgendwann konnte ich mir nicht mehr vorstellen, jemals nachhause zu kommen, und ich war nicht die einzige, die sich in der krankenstation in Quarantäne nach der Trennung von meiner Schwester versucht hat, sich das Leben zu nehmen.
Die Kälte, Grausamkeit und Verlogenheit des Aufsichtspersonals ließ mich irgendwann vermuten in einem Vernichtungslager zu sein.
Einmal richtete eine Aufsicht die Frage an mich:"Was hast du?" Und ich antwortete schließlich:"Nichts".
Unsere Eltern wussten nicht, wohin wir verbracht worden sind. Viele Monate nach unserer Heimkehr, sprachen wir bruchstückhaft von unseren entsetzlichen Erlebnissen. Unsere Eltern waren fassungslos.. ,
Aber niemand wurde angezeigt oder zur Rechenschaft gezogen wegen Folter und anderer Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
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Michael Müller aus Mheer schrieb am 31. Oktober 2022 um 10:35
ich bin auf diese Seite gestossen und weiss, dass ich auf Borkum war und auf Amrum. Ich denke, Mitte der 60er Jahre. Schwarzes Loch hat jemand geschrieben, so geht es mir auch. Kaum Erinnerungen. Ich war zu dünn und sollte zunehmen. Ganz viel Heimweh, weinen., diffuses Gefühl von verlassen sein, hat jemand geschrieben, ja. Und ich sehe ein Schlüsselloch ( dahinter ist es hell). Keine Ahnung, ich glaube ich bin geschlafwandelt. Und bis heute einen Ekel vor Milch und Milchreis. Jetzt weiss ich woher. Das ist ja schon mal was. Ich versuche mehr herauszufinden.
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