Verschickungserlebnisse

Auf dieser Seite schreiben Mitmenschen ihre traumatischen Verschickungserlebnisse, die sie als Kind in Kinderkurheimen erlebt haben.

Diese Berichte dienen in erster Linie dazu das wir alle zusammen ein Zeitdokument erschaffen, das die Grausamkeiten und Misshandlungen von damals dokumentiert.

Durch die geschilderten Erlebnisse und der Preisgabe an die Öffentlichkeit wollen wir einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit gewinnen und unsere Schilderungen können nicht als “Einzelfall” dargestellt werden!

Die hier geschilderten Erlebnisse können auf Wunsch auch anonymisiert werden. D.h. ihr müsst keinen Realnamen preisgeben!
Eure Daten werden keinesfalls an Dritte ausgegeben!!! Sollte jemand mit euch Kontakt aufnehmen wollen, fragen wir bei euch zuerst an und geben die Kontaktdaten nur an euch weiter. Somit könnt ihr selbst entscheiden, ob ihr Kontakt aufnehmen wollt oder nicht.



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Anonym schrieb am 19. März 2022
Jahrelang hatte ich alle Erinnerungen an eine der schlimmsten Zeiten meines Lebens verdrängt. Erst durch die Berichte in den letzten Jahren ist mir klargeworden, dass ich keineswegs allein war mit meinem Erleben und dass das ganze einen Namen hat: „Verschickungskind“. Mit den Veröffentlichungen, die ich gehört und gelesen habe, kamen auch bei mir die Erinnerungen wieder. Und als ich das alte Bild des Caritashauses Feldberg auf einer Internetseite entdeckt habe, empfand ich Enge im Brustkorb, Gefühle, kaum und nur unter Schmerzen atmen zu können.
Ja, auch ich war ein "Verschickungskind" im Caritashaus auf dem Feldberg. Es war 1965, ich war gerade 6 Jahre alt geworden und lebte in Hessen. Nach einer Keuchhusteninfektion kam ich nicht mehr richtig auf die Beine und wurde deshalb vom zuständigen Gesundheitsamt dorthin geschickt - meine Eltern wollten mich zwar nicht gehen lassen, konnten sich aber gegen die von ihnen als "Anordnung" empfundene Verschickung nicht wehren. Am Bahnhof in Frankfurt wurde ich ihnen weggenommen, bekam einen Zettel umgehängt und wurde in einen Zug Richtung Schwarzwald gesetzt. Noch nie war ich zuvor von meiner Familie getrennt gewesen.
Im Heim erlebte ich dann das, was hier schon wiederholt berichtet wurde: einem schrecklichen System ausgeliefert sein, Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühle. Auch 1965 wurde ein sehr strenges Regime geführt, alle Teller mussten leer gegessen werden, auch ich habe erlebt, dass andere Kinder Erbrochenes wieder essen mussten. Bei Tisch durfte nicht gesprochen werden, sonst gab es Strafen. Baden (ich glaube, das fand ein- oder zweimal wöchentlich statt) war ein Albtraum: im Keller gab es einen eiskalten Baderaum. Wir mussten in Reih und Glied anstehen, standen wartend auf den kalten Fliesen, zu diesem Zeitpunkt schon nur noch spärlich gekleidet, und froren entsetzlich. Wenn wir dann endlich an der Reihe waren, wurden wir mit kaltem Wasser abgesprüht und gewaschen. Weinen war nicht gewünscht, zog ebenfalls Sanktionen nach sich. Also lernte ich sehr schnell, mich möglichst unauffällig und ruhig zu verhalten, nicht zu widersprechen, Tränen herunterzuschlucken.
Damals gab es im Heim eine "Tante", die anders war, die Wärme und Zuneigung ausstrahlte und uns manchmal sogar tröstete. Wir liebten sie sehr. Etwa nach der Hälfte meines Aufenthaltes verließ sie das Caritashaus. Sie durfte sich nicht einmal von uns verabschiede. Es gelang ihr aber noch, uns zu sagen, dass sie es in diesem Haus einfach nicht mehr aushalte und deshalb gehe. Sie weinte und wir versuchten heimlich, ihr aus dem geschlossenen Fenster noch zuzuwinken. An diesem Tag weinten wir praktisch alle und die im Haus verbliebenen "Tanten" waren noch biestiger als sonst, verteilten fleißig Strafen für alles und nichts.
Besonders schlimm war für mich, dass ich noch nicht schreiben konnte. Und so musste ich einer der Erzieherinnen an dem Tag, an dem die Postkarten an die Eltern geschrieben wurden, meinen Text diktieren. Da ich einfach gar nichts sagte, legte sie mir letztendlich die Worte, die auf dieser Karte standen, in den Mund: „mir geht es sehr gut. Im Schwarzwald gibt es viele Bäume...“. Dazu muss man wissen: meine Mutter stammt selbst aus dem Schwarzwald und wir haben oft ihre Verwandten dort besucht. Dass der Schwarzwald viele Bäume hat, wußten sowohl sie als auch ich sehr gut und es hätte nicht auf dieser Karte stehen müssen. Viel später hat mir meine Mutter erzählt, dass sie in dem Moment, als sie die Karte gesehen hat, wusste, dass es mir nicht gut geht. Sie hat wohl mit meinem Vater überlegt, ob sie einfach losfahren und mich dort herausholen sollten, haben dies aber dann nicht gewagt.
Von meiner Lieblingstante Dora, die wohl auch ahnte, dass es mir schlecht ging, erhielt ich ein Paket mit einer schönen Karte und Süßigkeiten geschickt. Als die Post verteilt wurde, erhielt aber ein anderes Mädchen, das zufällig den gleichen Namen wie ich trug, dieses Paket. Ich wusste sofort, dass es eigentlich mir gehörte und meldete mich deshalb. Auch die „andere Gabi“ hat dann sehr schnell gesagt, dass sie gar keine Tante Dora habe. Die Süßigkeiten wurden dann aber an alle verteilt und weil ich mich beschwert hatte, erhielt ich nichts davon. Wenigstens ließen sie mir die Karte, die ich zwar nicht lesen konnte, die ich aber wie einen Schatz hütete - eine Verbindung nach zu Hause.
Nach meiner Rückkehr haben sich meine Eltern beim Jugendamt unserer Stadt beschwert: in meinem Koffer fanden sie zwei Drittel meiner mitgegebenen Kleider noch unbenutzt, dafür waren zwei Unterhosen und ein Waschlappen so verschmutzt und vergammelt, dass sie diese nicht einmal mehr gewaschen, sondern weggeworfen haben. Auch über die sonstigen Verhältnisse, die ich ihnen geschildert habe, haben sie berichtet. Von der Ärztin des Gesundheitsamtes seien sie aber rasch mit den Worten: "das kann nicht sein, dort ist alles in Ordnung" abgewiesen worden.
Ich habe diese Zeit überstanden - geprägt hat sie mich aber sehr wohl. Viele meiner Verhaltensmuster und Bewältigungsstrategien, von denen ich einige so gern ablegen würde, sind wohl in diesem Lebensabschnitt entstanden.
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