Verschickungserlebnisse

Auf dieser Seite schreiben Mitmenschen ihre traumatischen Verschickungserlebnisse, die sie als Kind in Kinderkurheimen erlebt haben.

Diese Berichte dienen in erster Linie dazu das wir alle zusammen ein Zeitdokument erschaffen, das die Grausamkeiten und Misshandlungen von damals dokumentiert.

Durch die geschilderten Erlebnisse und der Preisgabe an die Öffentlichkeit wollen wir einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit gewinnen und unsere Schilderungen können nicht als “Einzelfall” dargestellt werden!

Die hier geschilderten Erlebnisse können auf Wunsch auch anonymisiert werden. D.h. ihr müsst keinen Realnamen preisgeben!
Eure Daten werden keinesfalls an Dritte ausgegeben!!! Sollte jemand mit euch Kontakt aufnehmen wollen, fragen wir bei euch zuerst an und geben die Kontaktdaten nur an euch weiter. Somit könnt ihr selbst entscheiden, ob ihr Kontakt aufnehmen wollt oder nicht.



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Irene Heimann aus Brixen/Italien schrieb am 16. März 2022
Als ich ca. 1958-1959 für 6 Wochen nach Weilmünster kam, war ich 7-8 Jahre alt.
Es war sehr befremdlich für mich und ich hatte ständig Angst vor den strengen Erzieherinnen, einige Kinder wurden grob misshandelt. Ich erinnere mich, dass ein Mädchen das ungenießbare Essen erbrach und das Erbrochene wiederholt aufessen musste.
Die Unterwäsche wurde nur selten gewechselt und abends musste man sie vor allen vorzeigen, ob sie beschmutzt war, wehe wenn ja.
Man wurde zum Essen gezwungen. Nachdem ich krank geworden war, habe ich das zugenommene Gewicht wieder verloren, auch das wurde kritisiert.
Den Inhalt der Päckchen von zu Hause teilten sich die Erzieherinnen unter sich auf. Inzwischen ist meine Erinnerung etwas verblasst. Ich weiß nur, dass ein Alptraum war.
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Andrea BAuer-Lecher aus REutlingen schrieb am 25. Februar 2022
Ich muss im Spätherbst des Jahres 1967 ins Allgäu verschickt worden sein, weil ich zu mager war.
Ich war auf alle Fälle über den Nikolaustag in der Verschickung, da ich, weil ich "nicht brav" war, nur eine leere Rute bekommen habe.
Ich war wenig zuvor erst eingeschult worden und konnte so gut wie noch nicht schreiben. Bis vor wenigen Jahren existierte eine Postkarte von mir, die nicht zu entziffern war. Leider hat meine Mutter diese inzwischen weggeschmissen. Ich erinnere mich an einen Brief, den ich diktieren sollte, und meine Angabe "ich habe Heimweh" wurde nicht geschrieben. Von diesem Brief weiß ich allerdings auch nicht, ob er jemals meine Eltern erreicht hat. Ich erinnere auch, dass andere Kinder ihre geschriebenen Briefe nach der Korrektur wieder zurück bekamen, weil sie "falsche Dinge" drin geschrieben hatten, wie z.b. Heimweh oder das Essen schmeckt nicht.
Ich weiß auch noch, dass wir Pakete von den Eltern erhalten haben, aber der Inhalt wurde sicher durchgesucht. Vom Nikolaus Paket habe ich dann nachträglich etwas erhalten.
Neben unserem Heim war ein Heim für adipöse Kinder, die uns über den Zaun hinweg um Essen angebettelt haben. Ich erinnere mich noch, das diese Kinder ihre Äpfel gegen unsere Nikolausschokolade eintauschen wollten.
Meine Mutter hat mich auf den Bahnhof in Reutlingen gebracht, von dort aus wurde ich dann mit dem Zug verschickt. Ich erinnere mich noch daran, dass mein Koffer nicht zusammen mit mir angekommen ist und ich zunächst einmal Notkleidung tragen musste, die mich angeekelt hat.
Ich meine mich auch zu erinnern, dass Schnee lag als wir ankamen, und es furchtbar kalt war.
Zur gleichen Zeit war ein Mädchen mit einer relativ frischen Blinddarmoperation mit mir untergebracht. Das weiß ich noch, weil sie einmal auf der Treppe nach oben in den Schlafsaal direkt vor mir zusammengebrochen oder gestolpert ist, und man mir die Schuld daran gegeben hat. Am Abend wurde mir daraufhin der nackte Hintern öffentlich versohlt.
Im Bett neben mir schlief eine Cordula, die "im Balett war" und mir deswegen immer ihren Fuß ins Gesicht gestreckt hat, weil sie Spagat konnte. Ich habe natürlich versucht mich zu wehren, und wurde wiederum bestraft....
Wenn ich an diese Zeit denke, habe ich nicht viel mehr, als die hier geschilderten Erinnerungen, aber ein Gefühl der Angst, des Ausgeliefert und Verlassen-seins legt sich wie ein dunkler Mantel über mich. Jedes Detai, das an die Oberfläche steigt löst Übelkeit und Trauer aus.
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Anonym schrieb am 20. Februar 2022
Im Jahr 1955 wurde ich als 13jährige in ein katholisches Kinderkurheim in Bad Sassendorf verschickt. Der Name des Heims ist mir nicht erinnerlich. Es wurde von katholischen Nonnen geführt. Ich selbst war protestantisch. Die Kinder befanden sich in einem Alter von ca. 6 bis 15 Jahren. Neben den Nonnen gab es noch 2 oder 3 Aufsichtspersonen, die Zivilkleidung trugen und offenbar keine Ordensschwestern waren. Am Tag unserer Ankunft wurde uns in einem großen Schlafsaal mit bestimmt 50 Betten jeweils ein Bett und ein Schrankfach zugewiesen. Wir mussten unsere Sachen in das Fach einräumen, wobei wir genau kontrolliert wurden. Es waren z.B. weder Fotografien von der Familie noch Bücher erlaubt, lediglich, was auf einer Liste stand, durfte eingeräumt werden, alles weitere wurde "in Verwahr" genommen. Am ersten Abend mussten wir alle neben unseren Betten im Nachthemd warten, bis wir einzeln aufgerufen wurden, um in einer abgeteilten Ecke des Schlafsaals unsere "Entlausung" über uns ergehen zu lassen. Manche der Kinder weinten hinter der mit Laken abgeteilten Ecke, einige kamen dann mit umwickelten Köpfen wieder heraus und waren den Blicken aller ausgesetzt. Die meisten von jenen weinten und schämten sich. Nach dieser Prozedur mussten alle Kinder auf dem Boden knieen, bis eine Litanei von Gebeten heruntergerasselt war, von denen mir als Protestantin nur „das Vater unser“ bekannt war. Als eine Schwester bemerkte, dass ich nicht laut mitbetete, wurde ich gerügt und aufgefordert, laut allein zu beten. Auf meine Erklärung, dass das "Gegrüßest seist du Maria" in der evangelischen Kirche nicht gebetet würde, wurde ich als gottlos geschimpft und aufgefordert, es auswendig zu lernen. Gleich am nächsten Tag wurde ich abgefragt und konnte es daher sagen. Es gab täglich vier Mahlzeiten, die wesentlich aus einem dicken Haferbrei bestanden. Nach einem zweiten Frühstück um 11 Uhr mussten alle Kinder - egal welchen Alters und ob müde oder nicht - wieder in den Schlafsaal und eine Stunde Ruhe halten. Sprechen oder Lesen war nicht erlaubt, zumal es auch nichts zu lesen gab. Die Teller mussten leergegessen werden; an jedem der langen Tische saß eine Nonne oder eine der Aufsichtspersonen und schaute, ob jemand versuchte, sein Essen der Nachbarin zuzuschieben, die mehr Appetit zu haben schien als man selbst. Das war verboten und wurde mit Strafe belegt: Bettruhe statt Spaziergang am Nachmittag. Als mehrere von uns diese Tatsachen nach Hause schrieben, (Briefe schreiben durften wir nur an bestimmten Tagen) wurden wir an jenem Abend aus dem Bett geholt und zur Oberin gebracht. Dort wurden wir als undankbar beschimpft und zwei oder drei Mädchen bekamen eine Sonderstrafe. Sie mussten eine Stunde neben ihrem Bett knieen und Abbitte tun für ihr sündiges Verhalten. Wir wussten jetzt also, dass unsere Briefe vor dem Absenden gelesen wurden und vermieden es, uns noch einmal zu beschweren. Diese sechs Wochen waren eine reine Psychofolter für mich. Vom Nudeln mit Haferbrei und den täglichen Liegekuren hatte ich an Gewicht zugenommen, aber ich erinnere mich, dass ich daheim in den ersten Tagen stundenlang durch die Wälder gelaufen bin, die den kleinen Ort im Sauerland umgaben, in dem ich damals lebte. Das hat meiner Seele gut getan. Meiner Mutter habe ich nicht viel vom Heim erzählt; sie war , wie viele Kriegswitwen damals, alleinerziehend und musste in einer Fabrik schwere Arbeit tun, um meine Schwester und mich durchzubringen. Und ich war ja wieder zu Hause und glücklich darüber. Meine sonstige Kindheit war aber trotz dieses Heimerlebnisses und der Armut im Nachkriegsdeutschland sehr schön,was ich auch meiner Mutter zu verdanken habe, die mit uns Kindern in der wenigen freien Zeit viele schöne Dinge unternahm.
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amant20025 aus Wuppertal- Elberfeld schrieb am 20. Februar 2022
Ich , Carina , war damals 4-5 Jahre und wurde verschickt, weil ich so dünn war.
Am Frühstückstisch fing es schon an, wir mussten alles aufessen was aufgetischt war. Man musste das essen, was für einen auf dem Teller angerichtet wurde.Egal ob man dies mochte oder nicht.
Das Mittagsessen musste auch komplett aufgegessen werden, tat man dies nicht, musste man solange sitzen bleiben , bis der Teller leer war. Dauerte es zu lange, bekam man den Teller mit dem Mittagsessen zur nächsten Mahlzeit wieder serviert.
Abendb rot musste ebenfalls vollständig aufgegessen werden. Meine Tischnachbarin , sie war älter, behielt Essen im Mund,was sie nicht mochte, meldete sich um
Pipi machen zu müssen und spuckte dies dann im WC aus. Wurde sie erwischt, gab es Strafen.
Ich musste einmal zum Abendbrot einen Rollmops essen , den ich überhaupt nicht mochte. Den habe ich in der Nacht erbrochen ins Bett und eine grosse,schlanke,junge, blonde mit Kurzhaarschnitt
-die immer forsch und ungehalten war - riss mich aus dem Bett und schimpfte mit mir. Ich war starr vor Schreck.Ich musste wegen des Essens öfters in der Ecke lange stehen, weil ich das Essen nicht mochte bzw.auch nicht aussuchen durfte.
Frl. Schiele, eine rundliche Dame mit Brille, war als einzige liebevoll , die aber unter der jüngeren Frau zu leiden hatte. Frl.Schiele hat immer versucht liebevollen Ausgleich zu finden, was die jüngere Frau unterband.
Viele Dinge von damals habe ich verdrängt, es war für mich ein Albtraum.
Folgen: Kuren bis heute versucht abzulehnen aus Angst, ich komme wieder in solche Situationen.
Einmal gelang mir dies nicht, ich musste 5 Wochen zur Kur und mir ging es bis zum Antritt der Kur sehr, sehr schlecht wegen der Erfahrungen in Simmersfeld.
Bis heute esse ich kein Brot, keine Butter, Margarine, Wurst,Fisch , weil ich mich davor ekel, ich kann es nicht mal riechen seit Simmersfeld.
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Thorsten Schütte aus Sala / Schweden schrieb am 19. Februar 2022
Leider kann ich mich nicht an den Namen des Heimes erinnern. Bin 57 geboren und habe dort 6 Wochen im Spätsommer 65 durchlitten.
Strenge Tanten, Schläge mit Stock wenn man nicht während der Mittagsruhe mucksmäuschenstill war. Durst wegen zu wenig zu Trinken, schlechtes Essen und wohl viel woran ich mich nicht explixit erinnere aber aus meinen späteren Problemen Schlüsse ziehe:
Esse schnell – Weil ich seit der Kur kaltgewordenes Essen hasse
Paruresis – wohl wegen Toilettenbeschränkungen
Parkinson – ein erster Knacks im Dopaminsystem durch im Heim verabreichte Neuroleptika?
Ich war also 6 Wochen in einen Heim (Ziegelbau, unbekannter Träger) im August/September 65 auf Langeoog. Zu dem unten Gesagten kann ich noch hinzufügen dass ich mich an sauergewordene Milch, synthetisch aussehenden und schmeckenden Pudding und Durst erinnere, der trieb mich Nachts aufs Klo um aus dem Hahn zu trinken. Kann mich an Strand, Wanderungen und Besuch auf einem Seenotrettungsboot erinnern. Hin und zurück von und nach Kassel mit der Bahn und Betreuerinnen.
Seit Langeoog habe ich, auch noch als Erwachsener, grosse Probleme mit Heimweh gehabt.
Es beunruhigt mich von der häufigen Verabreichung von Beruhigungsmitteln, Neuroleptika, zu lesen.
Ich bekam viel später erst die Diagnose Aspergers Syndrom und dann nach einer neuen Krise auch ADHS, die Medizin dafür (Concerta) trieb mich in eine Psychose die zu drei Wochen stationärer Behandlung mit u a Elektroschocks führte. Das Neuroleptikum gegen die Psychose, Olanzapin, löste Parkinsonsymtome aus die nach dem Absetzen teilweise verschwanden, aber dann als ”richtiger” Parkinson zurückkamen. ADHS habe ich wohl nie gehabt, die Symptome kamen von frühen Stadien des Parkinson.
Man müsste mal untesuchten ob Verschickungskinder bei neuropsychiatrischen Diagnosen, Parkinson, Alzheimer, MS, ALS usw überrepresentiert sind und ob das Spätfolgen die Medizinierung mit Neuroleptika sind!
Ich wurde wegen häufiger Bronchitis an die See geschickt, das hat zwar gegen die Bronchitis geholfen, aber zu welchem Preis! ☹
Ein Jahr nach Langeoog war ich auf der Waldschule der AWO in Kassel, das war eine Tageskolonie und gefiel mir gut, wohl Sozis statt Nazis… 😉
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Anonym schrieb am 19. Februar 2022
Meine Mutter musste wohl selbst in Kur und unser Vater wusste wohl nicht wohin mit mir(damals 8) und meinem kleinen Bruder(damals 5).Also wurde einfach beschlossen das wir beiden zusammen in Kinderverschickung kommen sollen.Und dabei waren wir beide kerngesund!Wie das ging und wie meine Eltern das damals durchgesetzt hatten,keine Ahnung.Also musste unsere Mutter erst mal unsere ganze Kleidung mit Bügelschildchen versehen und einzeln von Hand beschriften.Dann alles in unsere Koffer gepackt und je eine Inventarliste ausgefüllt und dazu gelegt.Wir bekamen nicht wirklich viel Wäsche mit da unsere Mutter wohl dachte es würde dort regelmässig Wäsche gewaschen,ein fataler Irrtum wie sich später noch herausstellen sollte.Also bekamen wir jeder noch eine kleine Plastiktrinkflasche um den Hals,die fasste aber gerade mal 250 ml und war schnell leer…Und ab zum Bahnhof mit uns.An einen herzlichen Abschied kann ich mich nicht erinnern,Hauptsache wir waren endlich weg,so fühlte es sich für uns beiden an.Die gefühlt ewig lange Zugfahrt war begleitet von Durst da unsere Flaschen längst leer waren und wir Durstig und hungrig waren,aber es gab nichts zu tinken im Zug,auch nicht für die anderen Kinder.Angekommen wurden wir sofort getrennt und der Gebäudeteil wo mein Brüderchen untergbracht wurde war für mich unerreichbar und sogar im Aussenbereich durch eine hohe Mauer von unserem getrennt.Es gab im Aussenbereich eine Art Spielplatz,sogar mit einem schönen grossen Karusell aber auf diesen durften wir nie.Der Tag war ja streng getaktet,Aufstehen selbst ankleiden,Frühstücken,wobei ich mich an keinerlei Essenszwang erinnern kann und auch nicht an ekelerregende Speisen.Nur das es nur zu den Mahlzeiten etwas zu trinken gab,meisten Hagebuttentee.Also hatten wir sehr oft grossen Durst den wir heimlich auf dem WC am Handwaschbecken versuchten zu stillen.Dann mussten wir alle Anwendungen mitmachen,zB in riesige Holzwannen setzen die bis zum Hals mit heissen Solewasser gefüllt waren,ich hatte oft Angst darin zu ertrinken.Dann täglich Kneippgüsse wo wir einfach mal mit einem Schlauch und eiskaltem Wasser abgespritzt wurden,das war sehr unangenehm und die Käte tat weh.Aber die ausführenden Nonnen meinten immer nur das sei alles gesund und würde die Durchblutung födern.Bei Erwachsenen mag das ja angehen aber bei kleinen Kindern??Dann mussten wir täglich zu den Salinen(Gradierwerke) laufen und die Tanten befahlen und tieg einzuatmen denn die Salzluft wäre gesund.Einmal mussten wir in einen Raum in den alles vernebelt wurde und es hiess wieder wir sollen tief einatmen das sei gesunder Salznebel.Uns machte das Angst in so einem dicht vernebelten Raum sein zu müssen.Dann nach dem Mittagessen wurden 2 Stunden Mittagsschlaf erzwungen,müder oder nicht-egal! Alle Nachtwäsche anziehen und in die Betten und es hatte Ruhe zu herrschen!Wer nicht ruhig war wurde sofort rausgeholt und musste mit nackten Füssen draussen im Flur mit dem Gesicht zur Wand stehen,eine gefühlte Ewigkeit lang.Unsere Wäsche wurde nur alle 2 Wochen gewaschen ! So mussten wir jeden Tag immer das selbe anziehen,was dreckig war musste man eben auch anziehen,es wurde ja nicht gewaschen.Das war sooo beschämend,welches Kind mag schon in schmutzigen und stinkenden Sachen rumlaufen?Aber wir mussten,besonders ich wo ich eh recht wenige Stücke von Daheim mitbekommen hatte , musste sehr verwahrlost dort ausgesehen haben.Sehr schlimm war es abends,erst in der eiskalten Massendusche duschen und Punkt 7 Uhr mussten wir ab ins Bett.Und ab da hatte absolute Ruhe zu herrschen und wir durften nicht aufs Klo!Egal wie dringend es war-man liess uns nicht ,unter Androhung die ganze Nacht draussen im Flur an der Wand stehen zu müssen,traute sich bald niemand mehr auch nur daran zu denken.Einmal musste ich so dringend das es nicht mehr ging und ich überlegte wo ich Pipi machen könnte,da ich es auf keinen Fall im Bett machen wollte.Ich entschied mich für meinen Schrank und erleichtere mich darin auf meiner Schmutzwäsche! Welch beschämende Notlage sowas zu tun.Allerdings ging der Uringeruch bald auch auf meine noch saubere Kleidung über und andere Kinder verhöhnten mich weil ich eben nach Urin roch.Das beschämte mich noch mehr,das war so peinlich.Und es gab noch ein Problem,ich konnte mich nach dem grossen Geschäft nie richtig sauber machen,es war fast nie Klopapier da und das Klo war so ein riesen Ding,ich kam da kaum drauf und musste mich immer festhalten mit einer Hand.So sahen dann auch meine Höschen aus,dicke Spuren drin.Die wurden ausgerechnet am Tag vor der Abreise nach Hause entdeckt denn eine Tante packte mit uns die Koffer…Sie sah meine arg beschmutzten Höschen,hob diese vor allen anderen Leute hoch und zeigte sie herum.Seht mal hier was für ein Ferkel die doch ist-iihhhgittt nicht mal den Po abputzen tut sie ,aus lauter Faulheit! Ich weinte und weinte vor Scham und Verzweifelung-aber die Tante setze noch eins drauf und meinte ich müsste nun zur Strafe noch mal 6 Wochen bleiben.Da konnte ich mich nun gar nicht mehr beruhigen,ich habe nur noch geweint und es gab keinen Ausweg und keinen Trost.Erst als wir alle eingesammelt wurden zum Bus der zum Bahnhof fährt,merkte ich langsam das die Tante gelogen hatte und mich nur quälen wollte.Einmal gab es einen riesen Tumult,ein Junge hatte eine Platzwunde am Kopf und blutete ganz stark,da wurde mein kleiner Bruder beschuldigt ER habe mit seinen 5 Jahren einen grossen schweren Stein über die Mauer geworfen und den Jungen getroffen,verzweifelt kämpfte ich für ihn und erklärte den Tanten das er doch viel zu klein sei und seine Arme zu kurz seien um so einen Brocken über die Mauer werfen zu können,aber alles half nichts,weder meinen Tränen noch meine Worte.Er musste zur Strafe sofort ins Bett und durfte nichts essen bis zum nächsten Tag.Er konnte es nicht gewesen sein,rein körperlich schon nicht.War denen aber egal.Post war auch bei uns zensiert,es durfte nur schönes geschrieben werden,Post von daheim wurde stets geöffnet übergen,Päckchen bekamen mein Bruder und ich nie,null.Den anderen wurden ihre aber belassen und es wurden nicht einfach alles verteilt .Wir waren andere Kinder als wir endlich wieder zu Hause waren,aus fröhlichen,neugierigen verspielten Kindern wurden verängstigte Duckmäuser.Und auch zwischen mir und mein Bruder wurde das Verhältnis untereinander immer schlechter im Laufe der Zeit.Wir kämpften um alles,um Elternliebe,Spielzeug,Freunde.Ganz besonders um Süssigkeiten,die spielten seit der Rückkehr eine immer grössere Rolle denn die wurden Ersatz für Wärme und Liebe.Darum wurden wir dann immer dicker und dicker und die Zähne waren von Karies zerfressen.
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Anonym schrieb am 18. Februar 2022
Im Sommer 1966 haben mich meine Eltern, für eine Kinderverschickung in eine Jugendherberge im Bremer Umland, den Erziehern der Bremischen Evangelischen Kirche anvertraut.
Ich war damals 9 Jahre alt und noch nie von zu Hause fort gewesen. Bereits am ersten Abend hatte ich großes Heimweh und habe geweint. Da die Erzieherin vor dem Lichterlöschen gesagt hatte, niemand dürfe mehr sprechen oder das Bett verlassen, habe ich mich nicht getraut, mir ein Taschentuch zu suchen. Also habe ich meiner Bettnachbarin zugeflüstert, ob sie ein Taschentuch für mich hätte. Sofort wurde das Licht angeschaltet und die Erzieherin kam ins Zimmer gestürmt. Sie hatte offensichtlich noch in der offenen Tür gestanden und gelauscht. Sie hat mich am Arm gepackt und in den kalten Duschraum gezerrt. Dort hat sie mich mitten im Raum mit nackten Füßen auf den eisigkalten Fliesen alleine stehen lassen. Eine gefühlte Ewigkeit.
Ich weiß nicht mehr, wann und wie ich ins Bett zurückgekommen bin. Ich dachte nur, dass meine Füße niemals wieder warm werden würden.
Wenige Tage später hatte ich eine schwere Lungenentzündung. Meine Eltern haben mich abgeholt, aber ich war so traumatisiert, dass ich mich nicht einmal darüber freuen konnte. Sechs Wochen habe ich mit der Lungenentzündung im Bett gelegen, war völlig verstummt und wollte nicht mehr leben, war so tief beschämt, verletzt und gedemütigt - verwundet für mein ganzes Leben.
Diesen Schmerz, diese Not habe ich, nachdem ich den Film über Verschickungskinder im fernsehen gesehen habe, in einem Brief an die Bremische Evangelische Kirche zurückgegeben, die damals ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen ist, dafür zu sorgen, dass keine ihrer Kinderverschickungsbegleiterinnen die ihr anvertrauten Kinder mit solchen „Methoden“ bestraft und demütigt.
Seitdem ich es geschrieben und abgeschickt habe, geht es mir sehr viel besser, es ist als hätte ich es aus mir herausgelöst und es ist jetzt wieder dort, wo es hingehört, nämlich bei der Bremischen Evangelischen Kirche.
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Anonym schrieb am 17. Februar 2022
Ich glaube, dass ich so 10 Jahre alt war. Ich habe kaum Erinnerungen, habe aber mein Leben lang gesagt, dass ich meine Kinder nie verschicken würde. Ich sehe einen Schlafsaal, neben mir ein Geschwisterpaar-Junge und Mädchen - Dann einen langen Tisch im Speisesaal, ich musste einen Pudding aufessen, den ich eklig fand und weinte. Eine junge Erzieherin oder Referendariat hat den Pudding später heimlich entsorgt, ohne dass es die Leitung mitbekommen hat. Da enden all meine Erinnerungen... Aber habe das Gefühl, vieles verdrängt zu haben.
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Annemarie aus Köln schrieb am 16. Februar 2022
Es war die schrecklichste Zeit in meiner Kindheit. 6 Wochen, die nicht zu vergessen sind.
Vom Erbrochenen essen müssen, über Schläge und nicht beachten der Schamgrenzen, bis hin zum nicht bekommener Post von den Eltern.
Ich habe Seife gegessen mit der Hoffnung, dass ich, wenn es mir nicht mehr gut geht, nachhause geschickt würde. Ich landete nur auf der "Krankenstation". Die Hölle! Ich war 6 Jahre!
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Maik H. aus 25421 Pinneberg schrieb am 16. Februar 2022
Ich bin im Internet auf die Seite „verschickungskind.de“ aufmerksam geworden. Ich hatte mich schon vor 20 Jahren mit den Erlebnissen auf der Insel Amrum auseinandergesetzt. Damals tat ich die Ereignisse als eine schlechte Lebenserfahrung ab, ich hatte einfach Pech gehabt. Heute jedoch habe ich meine Meinung darüber geändert.

2001 schrieb ich einen Teil meiner Erlebnisse auf:

- Ich sehe heute noch den Reisebus vor mir. Mutter, Stiefvater, meine Schwester und ich standen vor dem Bus. Meine Schwester und ich sollten einsteigen und meine Eltern blieben draußen. Ich weinte und weinte. Meine Schwester tröstete mich, aber nichts half. Dann fuhr der Bus ab, und ich dachte ich sehe meine Mutter nie wieder. Ich weinte fast die gesamte Fahrt. Ich war nicht zu beruhigen. Der lange Fußmarsch durch die Dünen zum Landheim konnte mir meinen Schmerz auch nicht nehmen. Dort angekommen wurden wir gleich in Gruppen eingeteilt. Frau Tannenberg war unsere Aufseherin. Sie war streng ohne menschliche Regung. Ein kalter Fisch wäre noch geschmeichelt. Sie teilte mich in einer Jungengruppe ein. Ich wollte unbedingt mit meiner Schwester zusammen bleiben. Ich weinte und weinte. Sofort wurde ich zum Gespött aller Kinder. Frau Tannenberg lachte mich aus, und nannte mich von da an „Mamasöhnchen“. Am ersten Abend weinte ich bis ich einschlief. Ich wollte nach Hause zu meiner Mutter. Ich hatte sehr starkes Heimweh. Die zweite Nacht weinte ich wieder und machte sogar ins Bett. Da riss bei Frau Tannenberg der Geduldsfaden. Sie ließ mich mit nassen Hosen in dem Bett liegen. Alle Jungen im Zimmer lachten mich aus. In der dritten Nacht weinte ich noch immer. Diesmal hatte Frau Tannenberg mich aus dem Schlafsaal geholt, mit der Schlafdecke unter dem Arm musste ich mich im Flur unter die Treppe stellen. Es gingen an diesen Abend mehrere Erzieher an mir vorbei, aber keiner beachtete mich. Ich stand dort bis Mitternacht oder länger, danach holte mich Frau Tannenberg am Ohr ziehend in mein Bett zurück. Ich weinte, bis ich erschöpft einschlief. Die vierte Nacht weinte ich wieder, und ich musste abermals auf den Flur. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange sich die Prozedur wiederholte. Meine Ohren waren bereits auf beiden Seiten weit eingerissen. Ich hatte gelernt auf dem Flur im Stehen zu schlafen. Zu meinem sechsten Geburtstag schickte mir meine Mutter ein großes Paket in das Landheim. Süßigkeiten und ein Brief von ihr waren darin verpackt. Das Paket war von Frau Tannenberg bereits geöffnet worden. Die Leckereien wurden an alle Kinder verteilt, den Brief durfte ich behalten. Meine Schwester las ihn mir vor, und ich war glücklich, wie nie zu vor auf Amrum. Nachmittags rief meine Mutter an, und ich konnte mit ihr reden. Dies war ein guter Tag auf Amrum. Eines Nachts, ich weinte wieder, kam Frau Tannenberg in den Schlafsaal. Ich wollte schon aufstehen und mit meiner Decke auf den Flur gehen. Doch sie fragte mich: „Möchtest du bei deiner Schwester schlafen?“ „Ja“, sagte ich überrascht. In dieser Nacht schob sie mein Bett in das Mädchenzimmer. Nachdem Frau Tannenberg verschwunden war, legte sich meine Schwester gleich zu mir. Ich weinte, dieses Mal vor Freude. Die alte Frau Tannenberg war merklich zurückhaltender zu mir, meine vereiterten Ohrläppchen konnten langsam heilen. Jeden Sonntag gingen wir in die Kirche. Für mich war das ungewohnt. Genau sechsmal besuchte ich die Kirche auf Amrum. Die Kirchengänge waren nicht schlecht, aber wohl, fühlte ich mich nicht, denn ich kannte keines der Lieder. Auf Amrum wurde viel gewandert. Einmal liefen alle Kinder und Erzieher von Amrum durch das Watt nach Föhr. Wir mussten durch viele Priele laufen, ein Priel war so tief, dass ich nicht alleine hindurch waten konnte. Ich war viel zu klein, ein Betreuer nahm mich auf die Schultern und trug mich hinüber. Dort angekommen warteten wir die Flut ab und fuhren mit dem Schiff zurück. Die Zeit auf Amrum ging sehr, sehr langsam zu Ende. -

Als ich die vielen Briefe der anderen Betroffenen las, kamen einige Erinnerungen wieder zurück. Der Mittagsschlaf. Wir mussten bewegungslos, mit geschlossen Augen, eine lange Zeit liegen. An die Essgewohnheiten kann ich mich nicht erinnern, nur dass ich Grießsuppe und Schokoladensuppe gerne gegessen habe.

Ich war Bettnässer. Mir ist heute nicht klar, ob ich es bereits war, oder dort wurde. Wir durften tatsächlich nachts nicht auf die Toilette. Da ich ein Vieltrinker war, dürfte für mich das nächtliche Toilettenverbot eine Qual gewesen sein. Richtig trocken wurde ich erst mit zehn oder elf Jahren. Woran ich mich aber noch gut erinnern kann, ich wurde immer wieder von Frau Tannenberg beschimpft und gedemütigt. An das Lachen der Kinder kann ich mich noch gut erinnern.

An den Namen Frau Tannenberg erinnere ich mich seit dem Aufenthalt auf Amrum. Vielleicht erinnert sich jemand auch an den Namen? Es kann aber auch sein, ich war damals fünf Jahre alt, wurde sechs, dass ich mir den Namen aus „Tante und Berg oder Berger“ zusammengereimt habe. Also auch Tanneberger, Tannnenberger, Tante Berg oder Tante Berger.

An das Heim kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich habe durch Recherche und Ausschlussverfahren das „Kindererholungsheim Lenzheim“ auf Amrum ermittelt. Zu dem Schluss bin ich gekommen, weil wir von der Fähre zu Fuß gelaufen sind. Der Ort Wittdün liegt direkt an der Fähre. In dem Ort gab es zwei Heime, das „DRK Kindererholungsheim“ und nicht weit weg vom Fähranleger das „Kindererholungsheim Lenzheim“. Wir sind zu Fuß in die Kirche gegangen. Zuerst dachte ich an das „DRK Kindererholungsheim“, weil die kleine Kirche direkt gegenüber lag. Aber ich kann mich erinnern, wir mussten ein Stück gehen. Dann habe ich im Internet nach Bildern gesucht und habe tatsächlich zwei Postkarten entdeckt, auf die auch der Flur mit der Treppe zu sehen ist. Genau dieser Flur war es, auf dem ich Nächte verbracht habe, in der Ecke unter der Treppe. Ich meine sogar, die rechte Tür war mein Schlafraum oder das meiner Schwester. Ein weiteres Foto zeigt den Speisesaal vom „Kindererholungsheim Lenzheim“. Meine Schwester hat mir bestätigt, dass sie den Raum kennt und auch den Flur. Beide Postkarten zeigen das „Kindererholungsheim Lenzheim“!

Ich habe mir Gedanken gemacht, inwieweit das Erlebnis auf meine spätere Entwicklung Einfluss genommen hat. Als ich damals nach Hause kam, glaubte meine Mutter mir nicht. Im Gegenteil, mein verändertes Verhalten empfand sie als Belastung. Eine Verbindung zwischen meinem Verhalten und der Erfahrung im „Kindererholungsheim“ verblasste von Jahr zu Jahr mehr. Bis ich irgendwann selber keinen Zusammenhang mehr sah. Ich war ein sehr unsicherer und misstrauischer Junge, Konflikte löste ich mit Jähzorn. Ich war introvertiert ,besonders fremden Menschen gegenüber und hasste Ungerechtigkeiten. Gruppen, wie zum Beispiel Sportvereine, mied ich. Die Angst zu versagen und ausgelacht zu werden, begleitete mich meine ganze Kindheit. Heute noch kann ich es schwer ertragen, wenn Kinder leiden müssen. Berichte von Missbrauchsopfern gehen mir unheimlich nahe. Lange habe ich die Ursachen dafür in der Familie gesucht. Aber mir ist klar geworden, die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Amrum und dem Leben danach. Ich bin überzeugt, die Erlebnisse in dem „Kindererholungsheim“ haben mein Leben nachhaltig, auf einer negativen Weise, beeinflusst.

Heute geht es mir gut und ich bin glücklich. Was ich mir wünschen würde, wäre eine öffentliche Aufarbeitung der schrecklichen Nazi-Erziehungsmethoden, die ja leider noch bis Anfang der Neunziger Standard waren. Außerdem wäre eine Entschuldigung der Träger und Jugendämter angebracht. Ärzte und Tanten, die noch leben und das System nachweislich unterstützt haben, sollten mit ihren Taten konfrontiert werden.


Maik
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Anonym schrieb am 15. Februar 2022
Hallo, bin durch den Bericht im NDR auf die Seite gestoßen. War wegen tuberkulose im kinderkrankenhaus im borntal. Ich wurde gut behandelt, auf keinen Fall misshandelt. Ich bin als geheilt entlassen worden nach 1 3/4 Jahren und habe zum Glück nie wieder mit der schrecklichen Krankheit zu tun gehabt. Unser Chefarzt hiess dr. Wilhelm; die Schwestern judith, Renate sind noch in meinem Gedächtnis. Sie waren diakonissen. Ich hatte natürlich fürchterliches Heimweh. Das einzige schlimme war, dass wir nur zu bestimmten Zeiten auf die Toilette durften. Einige Kinder mussten auch mal erbrochenes aufessen. Ich habe eine Freundin von damals, wir treffen uns noch heute. Ihr ging es nicht ganz so gut. Aber sie ist auch wieder gesund geworden. Abends, wenn wir im Schlafsaal lagen, waren die Türen geöffnet und auf dem flur spielte uns schwester cilly mit ihrer Gitarre Lieder vor und sang dazu. Z.B. rosenstock,holderblühn oder guten Abend, gut Nacht. Meistens weinten wir uns dann in den Schlaf, aber da konnten die Schwestern nichts zu. Vielleicht kann sich jemand an die Zeit erinnern. Liebe grüsse.
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Renate R. aus früher Kassel, heute Alfeld/Leine schrieb am 14. Februar 2022
Hallo, durch den Fernsehbeitrag im NDR über Verschickungskinder ist mir meine “Erholung” wieder sehr ins Bewusstsein gerufen worden. Ich war 1960 mit knapp 8 Jahren im Sommer für 6 Wochen in Wyk auf Föhr im Erholungsheim. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es das Charlottenburger Kinderheim war. Ich besitze noch ein Gruppenfoto, wo wir Kinder vor dem Gebäude mit 2 “Tanten” sitzen. Auch ich war dort totunglückich, hatte Heimweh und erinnere mich ganz besonders an das Frühstück: wir mussten Haferschleim aus tiefen Tellern essen. Ich mochte das nicht und durfte erst aufstehen, wenn ich den Teller leer gegessen hatte. Das habe ich aber meistens nicht geschafft. Manchmal hatte ich Glück, und eine nette “Tante” stellte meinen halbvollen Teller beim Abräumen einfach unter die anderen Teller. Aber oft habe ich mich auch auf meinen Teller erbrochen. Zum Glück musste ich das aber, wie ich von anderen hörte, nicht mehr essen. Bis heute schaffe ich es nicht gekochten Hafer in jeglicher Form runterzuschlucken.
Auch beim Mittagsschlaf wurden wir mit Holzlatschen auf den Po geschlagen, wenn wir flüsterten, weinten oder einfach nur die Augen auf hatten.
Vielleicht erinnert sich noch jemand daran, dass die Kinder, so wie ich, die kein Fleisch runterschlucken konnten,nach dem Mittagessen den ausgekauten Klumpen aus ihren Backen ins Klo gespuckt haben.
Auch die geschriebene Post, in der von Heimweh die Rede war, kam nie zu Hause an, weil wir die Briefe ja nicht zukleben durften.
Es war eine furchtbare Zeit, die ich keinem Kind wünsche. Übrigens waren meine Eltern sehr erschrocken als ich nach Hause kam und kein Gramm zugenommen hatte. Sie hatten ja keine Ahnung und dachten sie täten mir etwas Gutes.
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Anonym schrieb am 14. Februar 2022
Vom Jugendamt/Amtsarzt in Kassel als zu dünn eingestuft, also ab zur Erholung.
Alter: 9 Jahre, kam danach in die dritte Klasse
Zeitraum: Sommerferien 1963
Dauer: 6 Wochen
Hin und Rückfahrt im Sonderzug Stichwort: Hessenkinder !
Ort: 2252 St. Peter -Ording
Heim: lag einsam an Straße direkt hinter dem Deich, möglicherweise Kinderheim Ehlers, oder Weberhäuschen, leider keine genauen Nachweise, da keine Unterlagen mehr gefunden.

Stichworte zu Erlebnissen:
- Zweck der „Kur“: Kinder sollten „gemästet“ werden. Bei mir Foto vor „Kur“ schlank, danach aufgedunsen!
- Essen: schlecht, man wurde gezwungen aufzuessen, besonders die Vorspeise „rote Beete sauer eingelegt mit Kümmel“ (aus der Dose) und undefinierbare Suppe (Grünkern oder ähnlich) mit Geschmack, der Brechreiz auslöste.
Einmal Rote Beete in Teller erbrochen.
Vor angekündigtem Leckerbissen von Pfannkuchen gab es erstmal eine extra große Portion dieser roten Beete aus der Dose, die aufgegessen werden musste, bevor es Pfannkuchen gab.
- Briefe an die Eltern: wurden vorgelesen und zensiert, über den Text z.B. „hatte Dünnschiss“ wurde man vor allen Leuten durch Vorlesen bloßgestellt und ausgelacht!
- Post von den Eltern : wurde vorenthalten. Mein Vater hatte mir versprochen jede Woche die neueste Micky Maus zu schicken. Nichts kam, ich war enttäuscht und glaubte meine Eltern hätten mich vergessen. Andere bekamen Süßigkeiten von Ihren Eltern geschickt. Ich traute mich nicht darum bei meinen Eltern zu bitten. Wenn ich auch die versprochene MM nicht bekomme, was soll ich dann nach Süßigkeiten fragen.
Überraschung: als wir das Heim am Abreisetag verlassen wollten bekam ich die sechs Heftchen kommentarlos in die Hand gedrückt. Mein Zorn war unendlich, aber wenigstens die Rückfahrt hatte ich ausreichend Lektüre.
- Allgemeiner Umgang: wie bei der Grundausbildung beim Bund. Die saubere Wäsche wurde einem zugeworfen. Wenn man nicht schnell genug reagierte wurde man ausgelacht.
- Bibliothek: es gab ein paar Bücher, die in einem schlechten Zustand waren, völlig zerlesen und mit fehlenden Seiten, also nicht zu verwenden.
- Heimweh: nächtelang geweint und großes Heimweh (Einzelkind).
- Fazit: Behandlung und Verpflegung schlimmer als bei der Grundausbildung der Bundeswehr. Für sensible Kinder eine Katastrophe. Mit dem Unterschied, dass ich da schon zwanzig war und nicht neun. Außerdem konnte man am Wochenende nach Hause und man konnte telefonieren!
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Anonym schrieb am 13. Februar 2022
Hatte eine schwere Rippenfellentzündung und bin mit TBC dort gewesen.
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Anonym schrieb am 8. Februar 2022
Suche Menschen, die dort in den 1960ern waren und mir darüber berichten können wie es dort war.
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Anonym schrieb am 2. Februar 2022
Ich weiß nicht, ob das angegebene Jahr stimmt. Ich weiß nur, dass ich schon lesen und schreiben konnte, also im zweiten oder dritten Schuljahr war. Ich war nach den damaligen Vorstellungen zu dünn und wurde zum Aufpäppeln verschickt. Da in Cuxhaven auch die Mutter meiner Patentante lebte, hatten meine Eltern keine Bedenken, mich dorthin zu schicken. Ich war mit Mädchen unterschiedlichen Alters zusammen. Wir schliefen gemeinsam in einem großen Schlafsaal und da ein Mädchen nachts immer ins Bett gemacht hat, wurde das allen morgens erzählt. Bei den Ausflügen an den Strand mussten wir paarweise uns an den Händen halten. Ich musste immer Hand in Hand mit einem Mädchen gehen, das ich überhaupt nicht mochte. Als mir meine Eltern zu Ostern ein kleines Paket mit Ostereiern geschickt hatten, bekam ich diese nicht. Das Paket wurde vielmehr mit an den Strand mitgenommen und der Inhalt von der Erzieherin in die Luft geworfen. Die Ostereier bekam das Kind, das sie gefangen hat. Ich habe nichts bekommen, da ich zu klein war, um sie aus der Luft zu fangen. Ich habe mitbekommen, dass meine Briefe, in denen ich mich über das Heim beschwert habe, abgefangen wurden und nicht bei meinen Eltern ankamen. Da meine Eltern mir reichlich Briefmarken mitgegeben hatten, habe ich dann auf einem Ausflug einen Brief an meine Eltern selbst in den Postkasten eingesteckt. Ich wurde dann umgehend abgeholt. Meine Mutter war entsetzt, wie ich mich verändert hatte. Mein Großvater, Rechtsanwalt, war so entsetzt von meinen Berichten, dass er vorschlug, juristisch gegen das Heim vorzugehen. Das lehnten meine Eltern ab, wahrscheinlich um mich nicht weiter zu belasten. Meine erste Klassenfahrt in der vierten Klasse war eine Katastrophe und auch später habe ich jede Reise ohne meine Familie möglichst vermieden. Wenn ich an diese Zeit zurück denke, läuft es mir immer noch kalt den Rücken herunter.
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Gerd Boge schrieb am 2. Februar 2022
Ich vermute dass es sich um das oben genannte Kinderheim handelt, weil meine Eltern evangelisch waren. Ich war sieben Jahre alt als ich dorthin verschickt wurde weil ich in der Schule auffällig war abwesend und teilnahmslos. Mein Vater meinte man müsste mich an die See schicken das wäre das beste. Dieses Heim war für mich ein Desaster, weil ich von anderen Jungen sexuell missbrauchte misshandelt worden bin. Ich kann mich nur an eine Heimleiterin bzw. eine Betreuerin erinnern, die sich aber nicht gekümmert hat. Diese Jungen haben auch mein Spielzeug, das mir meine Eltern geschickt haben geklaut und kaputt gemacht. Ich habe bisher über diese Erlebnisse mit noch niemandem gesprochen weil sie mich mein Leben lang begleiten und ich versucht habe sie zu verdrängen. Falls es jemand interessiert: ich habe auch noch ein Foto von der Gruppe und kann darauf noch immer die Übeltäter identifizieren.
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Anonym schrieb am 29. Januar 2022
Wenn man als Neuling in ein Kinderheim kommt, dann wollen die einen Frischling erstmal testen.
Wie hoch ist sein Frustpotential, kann er sich wehren, ist er cool genug. Naja. Wie sieht ein Tag im Kinderheim aus? Es ist wahrscheinlich nicht Gang und Gäbe gewesen, aber du wirst um 6 Uhr geweckt, kalt/warm abgeduscht und musst dich ganz schnell anziehenum zum Frühstück zugehen. Haferflocken mit Milch und Apfelmuß das gab es jeden Morgen.
Um 7 Uhr ging´s dann in die Schule und gegen 13 Uhr wieder zurück. In den ersten Schuljahren dachte ich es sei alles in Ordnung dort, dachte ich. Du kommst ins Kinderheim zurück, bringst deine Schulsachen in den Tagesraum und setzt dich an den Tisch für´s Mittagessen. Wenn man dort neu ist gibt es dort so eine Art Rangfolge.
Kinder bis 9 oder 10 machen Mittagsschlaf nach dem Essen.
Kinder ab 10 mussten dort nach Mittagessen und Hausaufgaben auch noch hausintern an verschiedenen Arbeitsprojekten teilnehmen.
Und wehe man ist nicht zum Familenkreis vor den Essenszeiten erschienen, dann bekam man als Strafe auch nicht zu essen. Ich frage mich ernsthaft was das Tanzen und Ausführen eurehtmietischer Figuren zur Selbstfindung beitragen sollte? 9 Jahre war ich dort.
Am Anfang waren Sie sehr streng mit uns. Im ersten Jahr durfte man garnicht nach Hause in den Ferienzeiten und musste an dem Frezeitangebot des Heimes teilnehmen
(Reisen nach Locarno, Reise in die Französische Schweiz Mothier haut pierre) gut man konnte dort biken gehen oder wandern mit Aufsichtsperson natürlich.
Insgesamt war ich wohl 3x dort. Im zweiten Jahr konnte man dann schon Mal entweder im Sommer oder im Winter nach Hause. Wobei ich doch in sehr traurige und verheulte Gesichter mancher Kinder schauen musste, dessen Eltern sie aus welchem Grund auch immer nicht abholen konnten.
Wäre mein Elternhaus nicht so zerüttet gewesen, so hätte ich aus Solidarität ein Kind dessen Eltern nicht gekommen wären mitgenommen. Ich weiß garnicht ob die Eltern wissen, was Sie dem Kind, Ihrem Kind damit angetan haben. Dann ging ja wieder die Schule los und ich bin mittlerweile in der Rangliste aufgestiegen. Vom Mittelstock kam ich dann in ein Aussenzimmer im Erdgeschoß, wo ich mit 3 Personen in eim Zimmer schlafen sollte. Ja schlafen das ging nicht.
Geschlagen haben sie mich, geknebelt, Kippen mir auf der Hand und Kleidung ausgedrückt. Ich bin immer total verschlafen in die Schule gekommen, weil mich meine Mitbewohner auf das Übelste gemoppt haben. So musste ich mich auch schon halb nackt auf die Bank des Schulwegese setzen und jemanden die Schuhe sauberlecken. In der Schule konnte ich auch nur Teilerfolge verbuchen. Mein Bioreferat für das ich eine 2 bekommen habe. Auch im Sportunterricht wo meistens Fussball gespielt wurde und man mich weil ich wohl ziemlich unsportlich war man mich ins Tor verfrachtet hat.

Wofür ich mich aber am meisten geschämt habe war das ich ein mich als Mädchen verkleiden musste und ich mich vor der gesammelten Mannschaft voll zum Affen machen lassen musste. Nun bin während dieser Zeit auch im Kinderheim wieder mal umgezogen und kam vom Zimmer im Erdgeschoss in den 2.Stock im Hinterzimmer. Wenn du in diesem Haus nicht gespurt hast, bekam man sogar Ausgangssperre. Zu einem Konzert auf das ich mich sehr gefreut habe durfte ich aus Verhaltensgründen leider nicht gehen während die anderen die mich doch gerne wie mein Kumpel den ich von dort kenne und wir heute noch in Kontakt stehen (35 Jahre) kennen wir uns jetzt hätte dabei haben wollen.

Froh war ich als wir uns ein Praktikum von der Schule aussuchen mussten, ich bin dann bei der deutschen Post untergekommen , wo ich dann mit dem Briefträger unterwegs war. Wenn ich zu der Zeit schon einen Führerschein gehabt hätte , hätte ich dort fest arbeiten können. Wenn man wie ich und die anderen einen riesen Cocktail an Pillen schlucken mussten (Wileda) ist man auch nicht mehr Herr seiner Sinne. Deswegen habe ich mit zwei Jungs auch sexuell etwas gehabt, für das ich von der Heimleitung auch zur Rede gestellt wurde. Es ging davor immer gut und wir konnten diese Dinge auch immer geheim halten, doch irgendeiner hat sich verplabbert und dann kam es leider raus. Hängolin (auch Hängulin o. Ä.) bezeichnet ein nicht näher beschriebenes Anaphrodisiakum oder Beruhigungsmittel, welches angeblich der Verpflegung männlicher Soldaten, Gefängnisinsassen oder Internatsbewohner beigemischt wurde, um deren Libido und/oder Erektionsfähigkeit zu senken.
Das bekam ich als Tee. In meiner Zeit dort oben habe ich auch erfahren das es z.B. bei einem Mädchen zur Schwangerschaft gekommen ist, als ein Junge was mit ihr hatte. Nun war ich fast 18 und meine endgültige Abreise stand vor mir. Wie sollte es jetzt weitergehen fragte ich mich, ich hatte ja keine Perspektive.
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Ewald Bittner aus Bielefeld schrieb am 25. Januar 2022
Es muss um 1960 gewesen sein, als das Gesundheitsamt Lünen meinen Eltern für mich eine Kinderkur im tiefsten Schwarzwald anbot. Für vier oder sechs Wochen ging es nach Bad Herrenalb. Dort sollte ich mich verrußten Ruhrpott erholen und endlich was auf die Rippen bekommen. Es muss nach eigenen Recherchen das Kinderheim Landhaus Isolde gewesen sein, das heute nicht mehr existiert. Und ich kann mich heute - inzwischen bin ich 73 Jahre alt - an nichts mehr aus dieser Zeit erinnern, außer an Backpfeifen bei nicht eingehaltener Nachtruhe und an die wöchentlichen Briefe an meine Eltern mit dem Text: "Ich habe wieder zugenommen".
Wer war ebenfalls dort mit mir vielleicht oder früher bzw. später.
Wer ist an einem Erfahrungsaustausch interessiert?
Über Reaktionen würde ich mich sehr freuen.
Herzliche Grüße aus Bielefeld
Ewald Bittner
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Anonym schrieb am 23. Januar 2022
Insgesamt war ich 2 x Mitte der 1970er Jahre als Verschickungskind auf Juist im Kinderkurheim „Schwalbennest“, jeweils für 4 Wochen in den Sommerferien NRW. Das erste Mal muss kurz vor meiner Einschulung gewesen sein, ich weiß, dass ich weder lesen noch schreiben konnte. Das 2 x im 1. oder 2. Schuljahr. Leider habe ich keine durchgängigen Erinnerungen an diese Aufenthalte, vielmehr habe ich Situationen und Bilder im Kopf, die ich zeitlich jedoch nicht zuordnen kann.

Ankunft:
Meine Eltern und ich erreichen das Schwalbennest. Ich ahne, dass sie mich nun dort abgeben werden und weine bitterlich, meine Mutter hält mich auf dem Arm und übergibt mich weinend an eine - aus meiner Sicht - ältere Frau (vermutlich die damalige Heimleiterin Erika P.?). Ich rufe meinen Eltern nach: „Ihr kommt doch mit...?“ Sie antworten: „Ja, wir kommen mit.“
Sie taten es – nicht. Ich sehe sie die nächsten 4 Wochen nicht wieder.
(Ich mache meinen Eltern im Nachhinein keinen Vorwurf. Es war in den 1970er Jahren „in“ die Kinder an die See zu schicken, sie wollten sicher nur mein Bestes. Auch dass sie mich in dieser emotionalen Extremsituation angelogen haben, mache ich ihnen nicht zum Vorwurf, sie waren bestimmt dem strengen Regime der Heimleitung ebenfalls machtlos gegenüber. Leider leben meine Eltern nicht mehr, zum Thema „Juist“ habe ich sie nie befragt und wir haben es nicht aufarbeiten können.)

Kleidung:
Für meine große Reise bekomme ich etliches an neuer, schicker Kleidung. 'Kombinationen' aus Sommerkleidchen und kurze Hosen mit passendem T- Shirts; jedes einzelne Kleidungsstück versieht meine Mutter in mühevollen Näharbeit mit Namensschildchen. Im Heim bestimmen die Erzieherinnen was jedes Kind trägt und nehmen keine Rücksicht auf die Wünsche der Kinder. Ich bin empört, dass ich nicht selbst meine tägliche Kleidung aussuchen darf.

Schlafsäle:
Ein Schlafsaal für Mädchen mit 8-10 (oder mehr?) Metallbetten, es ist dort karg, kalt und ungemütlich.... Ich erinnere den täglichen Mittagsschlaf (mit 5 oder 6 Jahren bzw. älter!) und die abendliche erzwungene Nachtruhe. Es darf nicht mehr gesprochen oder geflüstert geschweige denn gelacht werden. Ich weine mich allabendlich in den Schlaf auf tränennassem Kopfkissen...

Toiletten/ Bäder:
Die Toiletten lassen sich nicht abschliessen. Eine überaus peinliche und erniedrigende Angelegenheit, insbesondere beim Erledigen des „großen Geschäfts“. Ebenso unangenehm ist das gemeinschaftliche Duschen. In meiner Nacktheit schäme ich mich sehr vor den anderen Mädchen sowie vor den Erzieherinnen und fühle mich schutzlos und irgendwie ausgeliefert.

Mahlzeiten:
Ein großer, holzvertäfelter Speisesaal, zu irgendeiner Mahlzeit gibt es im Wechsel: Milchreis mit Zimt, Griesbrei oder Haferschleim, Samstags nachmittags etwas besonderes: Brötchen mit viel zu süßer, stückiger, bräunlicher 'Erdbeermarmelade' (ich liebe Erdbeeren aber bis heute verabscheue ich Erdbeermarmelade, sowie Griesbrei). Vage erinnere ich mich daran, dass gegessen werden muss, was auf den Tisch kommt.

Wanderungen:
In Zweierreihen laufen, besser gesagt, marschieren wir (ein Hut, ein Stock, ein …. und vorwärts, rückwärts, seitswärts...) in endlosen Wanderungen um den Hammersee oder Richtung Wattenmeer, seltener den steilen, jedoch kurzen Weg über die Dünen zum Strand.
Einmal baue ich etwas abseits der Gruppe eine 'Sandburg' (ein Loch im Sand mit einem Wall ringsherum), lege mich flach auf den Rücken hinein, so dass mich niemand sehen kann und wünsche mir mit dem großen Niveaballon davonzufliegen...

Strafe:
Gabi hat etwas verbrochen (ich weiss wirklich nicht mehr was) und steht nachts zur Strafe mit nackten Füßen, nur mit dem Nachthemd bekleidet, in dem kalten Hausflur mit dem Gesicht zur Wand und muss beide Arme waagerecht hochhalten... gefühlt stundenlang.

Post von Zuhause:
Es erreichen mich während meines Aufenthalts mehrere Pakete von zuhause mit Süßigkeiten, die jedoch die Erzieherinnen unter den Kindern aufteilen. Auch darüber bin ich sehr empört, mein Sozialgefühl ist noch nicht besonders ausgeprägt, darüber hinaus emfinde ich es als Eindringen in meine Privatsphäre - heute würde man sagen übergriffig - dass „meine Post“ einfach ohne meine Einwilligung verteilt wird.

Ankerplatz:
Vor dem Haus steht ein 'Schiffsmast' mit Fähnchen und Wimpeln sowie ein Steuerrad mit einem nachempfundenen Schiffsbug. Hier finden regelrechte 'Aufmärsche' statt. Alle Kinder stehen im Kreis, singen Seemannslieder oder Lieder aus der Mundorgel, spielen 'der Pumpssack geht um'.
Hier ist Heimleiter Gerd P. in seinem Element.

Versteck:
Die für die Nordseeinseln so typischen Heckenrosen reichen auf der Dünenseite bis an die niedrige Mauer zum Hof des Schwalbennests heran. Dort unter den Büschen habe ich ein Geheimversteck eingerichtet um meine Schätze (Muscheln, Steine) vor Diebstahl oder Zerstörung durch die größeren Kindern zu schützen. In unbeobachteten Momenten hocke ich hier und weine vor Heimweh.

In meiner Erinnerung kann ich weder physische noch sexualisierte Gewalt finden. Ich wurde nicht geschlagen, nicht in dunkle Keller oder Räume gesperrt oder gar missbraucht. Auch kann ich mich nicht erinnern erbrochen zu haben und dieses wieder aufessen zu müssen. Jedoch muss ich feststellen, dass ich die seelische Kälte und Lieblosigkeit, das Fremdbestimmtsein, die ganze Atmosphäre, welche im Heim herrschte, als psychische Gewalt empfunden habe. So etwas kannte ich von zuhause nicht, ich bin sehr liebevoll und behütet aufgewachsen.
Mein übermächtigstes Gefühl war das des unendlich großen Heimwehs. Die Aufenthalte auf Juist waren alles andere als Erholung und Urlaub für mich, sie fühlten sich an wie in einem Gefangenenlager. Die Nachwirkungen reichten bis in mein Erwachsenenalter hinein: Ich bin als Kind oder Jugendliche danach nie mehr alleine verreist bspw. mit den Pfadfindern, der KjG oder ins Zeltlager. Erst im Studium nahm ich als junge Erwachsene mit Anfang 20 an Exkusionen teil.

In den hier geschilderten, teilweise sehr erschütternden Erlebnisberichten lese ich, dass es etliche ehemalige Verschickungskinder viel schlimmer erwischt hat als mich, vielen ist unglaublich großes Unrecht widerfahren. Umso wichtiger ist es, dass diese Unrechtstaten Schutzbefohlenen gegenüber endlich ans Licht kommen und die Betroffenen die angemessene Aufarbeitung und Entschädigung erfahren, die ihnen gebührt.

Das Schwalbennest ist kurze Zeit nach meinem letzten Aufenthalt geschlossen worden, ein Kindergarten zog anschliessend Ende der 1970er dort ein. Im Jahr 2018 ist es (zu Recht!) abgerissen worden, ein unglückseliger Ort, der viel Kinderleid verursacht hat...
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