Verschickungserlebnisse

Auf dieser Seite schreiben Mitmenschen ihre traumatischen Verschickungserlebnisse, die sie als Kind in Kinderkurheimen erlebt haben.

Diese Berichte dienen in erster Linie dazu das wir alle zusammen ein Zeitdokument erschaffen, das die Grausamkeiten und Misshandlungen von damals dokumentiert.

Durch die geschilderten Erlebnisse und der Preisgabe an die Öffentlichkeit wollen wir einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit gewinnen und unsere Schilderungen können nicht als “Einzelfall” dargestellt werden!

Die hier geschilderten Erlebnisse können auf Wunsch auch anonymisiert werden. D.h. ihr müsst keinen Realnamen preisgeben!
Eure Daten werden keinesfalls an Dritte ausgegeben!!! Sollte jemand mit euch Kontakt aufnehmen wollen, fragen wir bei euch zuerst an und geben die Kontaktdaten nur an euch weiter. Somit könnt ihr selbst entscheiden, ob ihr Kontakt aufnehmen wollt oder nicht.



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191 Einträge
Baldian Loth schrieb am 21. April 2022 um 14:49
Eine weitere Begebenheit zu dem Heim "Caritashaus Feldberg/Schw." fällt mir gerade noch ein.
Wie UNVERANTWORTLICH diese sog. "Kindertanten" handelten wird an folgendem Beispiel deutlich:
Wir gingen eines Nachmittags beim Spaziergang den sog. "Felsenweg" (vielleicht kennt jemand diesen Weg). Der Weg war nicht sehr breit, aber... direkt neben dem Weg herrschte akute Absturzgefahr (auf die auch ein Schild am Weg hin wies!) wo eine steile Felswand mehr als 100 Meter in die Tiefe ragte und unten war ein kleiner See (der "Feldsee").
Hier sieht man deutlich, wie unverantwortlich das Personal gewesen ist.
Zum Glück ist nichts paasiert, aber
man stelle sich vor, ein Kind wäre bei der Wanderung abgestürzt....
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Baldian Loth schrieb am 20. April 2022 um 15:30
Wie ich kürzlich in Erfahrung bringen konnte:
Der Amtsarzt der mich beim ersten Mal verschickt hatte, war von 1946...1961 Amtsarzt in einem Landkreis in Oberhessen. Vor seiner "Dienstzeit" war er Militärarzt. Das kann nur im sog. "Dritten Reich" gewesen sein. Folglich mußte er wohl "linientreuer" Nazi gewesen sein, sonst hätte er diesen Posten nicht bekommen.
Mir wurde gesagt, daß er mit Kindern überhaupt nicht umgehen konnte. Das hat man auch bei den Reihenuntersuchungen in den Schulen gemerkt... wie er die Kinder angeschrieen hatte - wie auf dem Kasernenhof. Ich konnte ihn nicht leiden - es war ein Schweinehund ! - und ich verzeihe ihm heute auch nicht, auch wenn ihn längst das Zeitliche gesegnet hat.
Es war der typische "Halbgott in weiß" !!
Wenn man all dies vorher weiß, wundert es einen nicht, wenn die Kinder dann Angst hatten vor dem Doktor, oder auch vor den Ärzten in den Verschickungsheimen. DIe können nicht besser gewesen sein. Wer weiß wieviel Alt-Nazis da noch ihr Unwesen trieben...
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Anonym schrieb am 20. April 2022 um 14:19
Ich war im Alter von 11 Jahren in Bad Sachsa in einem Heim an der Steinaer Straße. Am ehesten passt von der Topologie (Ortsauswärts mit weiteren Gebäuden, unter anderem ein Kinderheim für "Dauergäste", bergabwärts) das Haus Warteberg. Es könnte aber auch das Haus Bergfrieden gewesen sein.

Die Heimleiterin war damals eine korpulente Frau so um die 50. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich nicht im Kleinkindalter dort war.

Es gab keine direkte körperliche Gewalt der "Erzieherinnen", zumindest nicht bei uns älteren Jungen. Das Prinzip war mehr "Teile und herrsche". Beispiel: Ein Junge musste mittags den Sättigungsbrei wieder erbrechen. Ein Teil landete auf dem Teller, ein Teil auf dem Tisch und ein Teil auf dem Fußboden. Alle sollten solange sitzen bleiben, bis der Teller wieder leer gegessen war. Für das Saubermachen des Fußbodens wurde ein älterer halbstarker Junge ausgesucht, der das Säubern währenddessen erledigen sollte. Der obligatorische Mittagsschlaf fiel aus, dafür war die obligatorische Wanderung um den Ravensberg umso länger und härter. Dass der Junge, der das Essen verweigerte, von dem älteren Jungen mit anderen Mittätern dabei verprügelt wurde, wurde von den Erzieherinnen "ignoriert", d.h. gezielt gewollt.

Manchmal hörte man tagsüber kleiner Kinder aus dem Waschraum im Keller schreien. Nach den Schilderungen anderer "Kurgäste" hier weiß ich nun, weswegen.

In den ganzen 6 Wochen gab es keinen Schulunterricht. Der Tagesablauf war folgendermaßen:
Aufstehen, Anstehen, Frühstücken, Anziehen, Wandern, Anstehen, Mittag essen, erzwungener Mittagsschlaf (Bei 10 bis 14jährigen Jungen!), Wandern, Anstehen, Abend Essen, Frühes Schlafen gehen.

Das Essen war wortwörtlich zum Kotzen. Die hygienischen Zustände waren so schlecht, das ich mit einigen anderen Mitinsassen die Röteln bekam. Das hieß dann noch längere Bettruhe, aber man hatte Ruhe vor den Erzieherinnen, die mit dem Rest wanderten. Gelegentlich kam dann die Heimleiterin und sah nach dem Rechten. Sie tat etwas freundlicher. Das wird aber eine Fassade gewesen sein, denn letztendlich war sie verantwortlich dafür und machte damit ihr gutes Geschäft.

Ich hatte vieles von dem Erlebten lange verdrängt. Durch eine Reportage im TV kamen einige Erinnerungen wieder hoch.
Ich würde nicht behaupten, dass mich das nachhaltig traumatisiert hat. Die Konsequenzen waren ein Absacken der schulischen Leistungen danach und ein vorzeitiges Ende der Kindheit. Ich war nach der "Kur" einfach nur saumäßig wütend auf meine Mutter.

Die 6 Wochen sind aber ein verlorener Teil meiner Jugend.
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Andreas schrieb am 16. April 2022 um 13:21
Nachtrag:
Auszug aus aus den AGB des Heimes.
Kinderkurheim St. Josef
Stationsberg 32
Telefon: 2716
Höhe: 340 m
Träger: Missionsschwestern vom Kostbaren Blut e.V.
Betten: 160
Aufnahme: Knaben und Mädchen von 4-14, ganzjährig, kath.; nicht aufgenommen werden Bettnässer, infektiöse Kinder, Kinder mit Hauterkrankungen
Preis: DM 8.-
Kurmittel: Solebäder, Trinkkuren, Gurgeln, Inhalationen, Heilgymnastik, Liegekuren, Bürstenbäder, Höhensonne, Leberschonkost
Ärztliche Behandlung durch Facharzt für Kinderkrankheiten
Indikation: Chronische Erkrankungen der Atemorgane, abklingende Hilusdrüsentuber kulose, Magen-, Darm-, Kreislaufstörungen, Neuropathien, Anämien, Erschöpfung, Milieuschäden, Haltungsschwächen, lymphatische Diathesen, Hepatopathien
Gegenanzeige: Asthma
Kindergärtnerin, Jugendleiterin; Spielwiese, Planschbecken, Bastelzimmer, Wanderungen; Mindestaufenthalt 6 Wochen: ruhige, sonnige Lage.
Quelle: verschickungskinder.de

Es ist vermutlich so, dass ich erst nach der Kur zum Bettnässer wurde, weil die Anstalt keine Bettnässer aufnahm. Meine Mutter schweigt zu den Vorfällen und warum ich dorthin abgeschoben wurde... 🙁
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Anonym schrieb am 15. April 2022 um 20:34
Schwarzes Loch. Seit Jahrzehnten. Eine alte Postkarte ist das einzige Zeugnis, daß ich überhaupt"dort war" - in irgendeinem Kinderkurheim der BEK oder DAK, in 1972 oder 1973 (da war ich 10/11 und meine Schwester 8/9). Diese Postkarte habe ich in eigener Schrift erstellt, das weiß ich; aber der Inhalt, die Worte : das war nicht ich.
Meine Mutter verweigert sich (noch lebt sie....); wir wären dorthin geschickt worden, damit sie in Ruhe den Umzug (nach der Scheidung) vollziehen konnte. Mehr kommt nicht von ihr, Unterlagen alle nicht mehr vorhanden.
Aber dieses tumbe, diffuse und erbärmliche Gefühl von Verlassen sein, heimatlos, entrissen (meine Schwester, 2 Jahre jünger, war zur selben Zeit in einem anderen Kinderkurheim im Allgäu) und vor allem KEINERLEI Erinnerungen zu haben - das ist das Schlimmste !!!!!
Ich fahre in ein paar Tagen nach Borkum, zufällig. Spurensuche sinnlos und dennoch wüsste ich gerne, WO ich da eigentlich für 6 unendlich lange Wochen gewesen bin - mit all den Anderen, von denen ich per Zufall gelesen habe. War noch jemand dort um diese Zeit und kann berichten ???
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Andreas schrieb am 14. April 2022 um 14:02
Hallo an alle "Kurkinder".

Ich musste im Jahre 1971 als 6-jähriger Junge aufgrund von Einnässen und Untergewicht in die Kuranstalt.
Ich weiß noch, dass ich damals von Zuhause mit einem VW-Bus (T2) vermutlich eingesammelt wurde.
Als der Bus vor dem Haus stand und meine Mutter mich dorthin begleitete, fing ich an jämmerlich zu weinen.
Mein Weinen war so extrem, dass der Bus nicht abfahren konnte.
Ich verstand nicht, warum ich alleine von der Mutter getrennt, mitgenommen werden sollte.
Erst nach längerem heulen und betteln nicht mitfahren zu müssen, fuhr der Bus los.

Dort angekommen wurden wir aus dem Bus genommen und an die Heimleiterin abgegeben.
Wir mussten übles "Heilwasser" trinken und bevor das Glas nicht leergetrunken war, gab es kein Essen. Das konnte schon den ganzen Tag dauern. Nachts wurden wir im Schlafsaal eingesperrt und wehe dem der ins Bett gemacht hatte.
Ich weinte 6 Wochen und 2 Tage dauerfaft jeden Tag, jede Minute und jede Sekunde und konnte deswegen kaum an "Freizeitveranstaltungen" (auf den Kurspielplatz und auf dem Kurgelände rumlaufen), teilnehmen.
Deshalb musste ich die meiste Zeit im Heim bleiben.
Ich fragte ununterbrochen, warum ich hier sein muss und wann ich wieder zurück zu meine Mama kommen werde.
Eine Antwort darauf gab es nicht.
Ich wusste nicht, was 6 Wochen bedeutet, wie lange 6 Wochen dauern und so glaubte ich niemals mehr zurück zu kommen.
Weil ich nicht lesen und schreiben konnte, durfte ich mehrmals mit meiner Mutter telefonieren und fragte immer mit Tränen in den Augen, wann sie mich den abholen kommt. Eine Antwort darauf bekam ich nicht.

An Details der Verschleppung kann ich mich heute nicht mehr errinnern. Im meinem Kopf ist aber hängen geblieben, dass die Duschtante reges Interesse an meinen Genitalien hatte und nach dem Ausziehen mehrmals daran heimlich herumgespielt hatte.

Nach einer unvorstellbar langen Zeit , wurde ich wieder zuhause abgegeben. Mein Vater war nicht da und meine Mutter zeigte keine Gefühle sich zu freuen, dass ich wieder zurück war. Nicht mal ein Geschenk habe ich bekommen.
Ab diesem Zeizpunkt war ich ein anderes Kind.
Ich machte jede Nacht mehrmals ins Bett und meine Mutter war auch ab und an genervt, nachts öfter aufzustehen , um mich trocken zu legen.
Dieser Kuraufenthalt hat mich mein Leben lang geprägt. Ich bin heute, nach 51 Jahren, wieder in Psychotherapie und habe nie ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern aufbauen können.
In der Schule war ich immer der Angsthase und hatte immer panische Angst, wenn ich vom Lehrer drangenommen wurde.
Die Klassenfahrten mit Übernachtungen waren für mich grauenhaft.
Ich hatte ca. 40 Jahre lang danach kein Selbstwertgefühl und war gegen jeden und alles sehr skeptisch und zurückhaltend.
Heute leide ich unter psychischer Hypertonie und muss jeden Tag Tabletten dagegen nehmen...

Viele herzliche Grüße an alle, die auch sowas mitmachen mussten!
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Anonym schrieb am 8. April 2022 um 19:20
Ich konnte wegen körperlicher Mängel im Alter von 6 Jahren nicht eingeschult werden und wurde zur Erholung nach Schalksmühle geschickt. Ich werde nie vergessen wie unmenschlich und herzlos da mit Kinder umgegangen wurde.Wer z.B sein Mittagessen nicht auf gegessen hat musste sitzenbleiben bis der Teller leer war, selbst erbrochenes musste gegessen werden. Wer im Schlafraum Unsinn machte musste ohne Decke im Flur nachts auf einer Holzbank ohne Decke schlafen.Es war der reinste Horror und ich habe oft vor lauter Heimweh geweint und nicht schlafen können.Von Zuneigung und Verständnis seitens des Personals keine Spur.
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Baldian Loth schrieb am 28. März 2022 um 23:39
Liebe MitLEIDENDE !

Ich habe diese Seiten zufällig entdeckt, als ich in YouTube Berichte des SWR und des NDR über "Verschickungskinder" gesehen habe. Ich habe darauf hin mal näher im www recherchiert und bin auf das Forum hier gestoßen.
Nachdem ich einige Erlebnispostings gelesen habe - ich bin ja selbst betroffen als "Verschickungskind" - kann ich nur sagen:
Es ist kaum zu glauben, daß es in unserem demokratisch regierten Land noch lange Zeit solche "Heime" gab - oder sollte man besser sagen: "Kinder-KZ's" - mit derart despotischer, sadistischer und verbrecherischer Gesinnung !
Was geht nur in einem Menschen vor, der andere Menschen - dazu noch die wehrlosesten, nämlich KINDER in solch schrecklicher Weise drangsaliert???
Solche Menschen müssen doch ein krankes Hirn haben !! Haben sie etwa Minderwertigkeitskomplexe die sie verdrängen wollen?
Haben sie aus der Nazi-Zeit nichts gelernt?
Die Berichte der betroffenen hier sind erschütternd! Man glaubt direkt, es würden KZ-Überlebende berichten !
Nur schade, daß heute viele von diesen Verbrechern - ja man muß sie so nennen - nicht mehr leben und daß viele Taten juristisch verjährt sind.
Ich denke daß viele die hier schreiben heute eher den Mut fassen, über ihre Erlebnisse zu berichten, auch angesichts der Tatsache, daß die ganzen Mißbrauchsskandale der Kirchen BEIDER Konfessionen immer mehr ans Tageslicht kommen.
Hoffentlich landen noch viele Täter/-inner da wo sie hingehören: Im Gefängnis !
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Baldian Loth schrieb am 28. März 2022 um 20:08
Ich war in dem o.g. Zeitraum auch als "Verschickungskind" in diesem als "Erholungsheim" deklarierten Heim. Es war keine Erholung sondern ein 6-wöchiger Horrortrip! Für jeden "Furz" den man lies mußte man die Gruppen"tante" fragen ob man auf's Klo gehen darf. Was soll sowas? Nachts war Toilettengang verboten. Vor lauter Langweile wußten die Gruppen"tanten" nicht wohin sie mit uns am Nachmittag spazieren gehen sollten. Mindestens 90% der ganzen "Kur" liefen wir die selbe Wegstrecke.
Das Essen war ein Fraß, den man eher Schweinen vorsetzen konnte als uns Kindern.
Mir ist dieses Heim in äußerst schlechter Erinnerung. Ich nannte es als ich wieder zu Hause war, "Klein Auschwitz"...!
Mich würde mal interessieren, ob der damalige Heimleiter Nazi-Vergangenheit hatte.
Ich vermute fast, daß in vielen Heimen dieser Art die Leitung eine solch unrühmliche Vergangenheit hatte. Wundern würde mich das nicht.
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Anonym schrieb am 21. März 2022 um 10:10
Ich war zur Erholung nach Bischofsried verschickt worden, da ich in keinem guten psychischen Zustand war, während einer Scheidungskrise meiner Eltern. Mein Vater tyrannisierte die ganze Familie und war sehr gewalttätig. In dem Heim war ich sechs Wochen, eine gefühlte Ewigkeit, da ich noch kein Gefühl für Zeiträume hatte. Ich war sehr in mich zurückgezogen und fühlte mich dort isoliert. Es gab strenge Regeln. So musste jeden Tag drei Stunden Mittagsschlaf gemacht werden, ob wir müde waren oder nicht spielte keine Rolle. Störte ein Kind wurde es vom Essen ausgeschlossen oder wurde ins Gemeinschaftsbad eingesperrt. Das galt auch für die Nacht. So habe ich mehrere Nächte im Bad in meinem Nachthemd verbracht. Einmal aß ich Kinderzahnpasta mit Beerengeschmack, davon wurde mir natürlich schlecht. Das meiste habe ich vergessen, es sind nur einzelne Erlebnisse die durchbrechen. Schläge waren für mich normal, das kannte ich aus dem Elternhaus. Von daher kann ich nicht sagen, ob es auch Ohrfeigen o.ä. gegeben hat. Ich hätte mich nicht darüber gewundert, sondern bin davon ausgegangen, dass das zur Erziehung von Kindern dazugehört. Ich weiß nur noch von dem nagenden Heimweh und dass ich dort keinen Trost fand. Meine Mutter beschrieb mich als verstört, als ich wieder nach Hause kam und andere Mütter berichteten ebenfalls von den Erlebnissen der Kinder. Das Heim wurde daraufhin geschlossen
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Anonym schrieb am 19. März 2022 um 11:33
Jahrelang hatte ich alle Erinnerungen an eine der schlimmsten Zeiten meines Lebens verdrängt. Erst durch die Berichte in den letzten Jahren ist mir klargeworden, dass ich keineswegs allein war mit meinem Erleben und dass das ganze einen Namen hat: „Verschickungskind“. Mit den Veröffentlichungen, die ich gehört und gelesen habe, kamen auch bei mir die Erinnerungen wieder. Und als ich das alte Bild des Caritashauses Feldberg auf einer Internetseite entdeckt habe, empfand ich Enge im Brustkorb, Gefühle, kaum und nur unter Schmerzen atmen zu können.
Ja, auch ich war ein "Verschickungskind" im Caritashaus auf dem Feldberg. Es war 1965, ich war gerade 6 Jahre alt geworden und lebte in Hessen. Nach einer Keuchhusteninfektion kam ich nicht mehr richtig auf die Beine und wurde deshalb vom zuständigen Gesundheitsamt dorthin geschickt - meine Eltern wollten mich zwar nicht gehen lassen, konnten sich aber gegen die von ihnen als "Anordnung" empfundene Verschickung nicht wehren. Am Bahnhof in Frankfurt wurde ich ihnen weggenommen, bekam einen Zettel umgehängt und wurde in einen Zug Richtung Schwarzwald gesetzt. Noch nie war ich zuvor von meiner Familie getrennt gewesen.
Im Heim erlebte ich dann das, was hier schon wiederholt berichtet wurde: einem schrecklichen System ausgeliefert sein, Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühle. Auch 1965 wurde ein sehr strenges Regime geführt, alle Teller mussten leer gegessen werden, auch ich habe erlebt, dass andere Kinder Erbrochenes wieder essen mussten. Bei Tisch durfte nicht gesprochen werden, sonst gab es Strafen. Baden (ich glaube, das fand ein- oder zweimal wöchentlich statt) war ein Albtraum: im Keller gab es einen eiskalten Baderaum. Wir mussten in Reih und Glied anstehen, standen wartend auf den kalten Fliesen, zu diesem Zeitpunkt schon nur noch spärlich gekleidet, und froren entsetzlich. Wenn wir dann endlich an der Reihe waren, wurden wir mit kaltem Wasser abgesprüht und gewaschen. Weinen war nicht gewünscht, zog ebenfalls Sanktionen nach sich. Also lernte ich sehr schnell, mich möglichst unauffällig und ruhig zu verhalten, nicht zu widersprechen, Tränen herunterzuschlucken.
Damals gab es im Heim eine "Tante", die anders war, die Wärme und Zuneigung ausstrahlte und uns manchmal sogar tröstete. Wir liebten sie sehr. Etwa nach der Hälfte meines Aufenthaltes verließ sie das Caritashaus. Sie durfte sich nicht einmal von uns verabschiede. Es gelang ihr aber noch, uns zu sagen, dass sie es in diesem Haus einfach nicht mehr aushalte und deshalb gehe. Sie weinte und wir versuchten heimlich, ihr aus dem geschlossenen Fenster noch zuzuwinken. An diesem Tag weinten wir praktisch alle und die im Haus verbliebenen "Tanten" waren noch biestiger als sonst, verteilten fleißig Strafen für alles und nichts.
Besonders schlimm war für mich, dass ich noch nicht schreiben konnte. Und so musste ich einer der Erzieherinnen an dem Tag, an dem die Postkarten an die Eltern geschrieben wurden, meinen Text diktieren. Da ich einfach gar nichts sagte, legte sie mir letztendlich die Worte, die auf dieser Karte standen, in den Mund: „mir geht es sehr gut. Im Schwarzwald gibt es viele Bäume...“. Dazu muss man wissen: meine Mutter stammt selbst aus dem Schwarzwald und wir haben oft ihre Verwandten dort besucht. Dass der Schwarzwald viele Bäume hat, wußten sowohl sie als auch ich sehr gut und es hätte nicht auf dieser Karte stehen müssen. Viel später hat mir meine Mutter erzählt, dass sie in dem Moment, als sie die Karte gesehen hat, wusste, dass es mir nicht gut geht. Sie hat wohl mit meinem Vater überlegt, ob sie einfach losfahren und mich dort herausholen sollten, haben dies aber dann nicht gewagt.
Von meiner Lieblingstante Dora, die wohl auch ahnte, dass es mir schlecht ging, erhielt ich ein Paket mit einer schönen Karte und Süßigkeiten geschickt. Als die Post verteilt wurde, erhielt aber ein anderes Mädchen, das zufällig den gleichen Namen wie ich trug, dieses Paket. Ich wusste sofort, dass es eigentlich mir gehörte und meldete mich deshalb. Auch die „andere Gabi“ hat dann sehr schnell gesagt, dass sie gar keine Tante Dora habe. Die Süßigkeiten wurden dann aber an alle verteilt und weil ich mich beschwert hatte, erhielt ich nichts davon. Wenigstens ließen sie mir die Karte, die ich zwar nicht lesen konnte, die ich aber wie einen Schatz hütete - eine Verbindung nach zu Hause.
Nach meiner Rückkehr haben sich meine Eltern beim Jugendamt unserer Stadt beschwert: in meinem Koffer fanden sie zwei Drittel meiner mitgegebenen Kleider noch unbenutzt, dafür waren zwei Unterhosen und ein Waschlappen so verschmutzt und vergammelt, dass sie diese nicht einmal mehr gewaschen, sondern weggeworfen haben. Auch über die sonstigen Verhältnisse, die ich ihnen geschildert habe, haben sie berichtet. Von der Ärztin des Gesundheitsamtes seien sie aber rasch mit den Worten: "das kann nicht sein, dort ist alles in Ordnung" abgewiesen worden.
Ich habe diese Zeit überstanden - geprägt hat sie mich aber sehr wohl. Viele meiner Verhaltensmuster und Bewältigungsstrategien, von denen ich einige so gern ablegen würde, sind wohl in diesem Lebensabschnitt entstanden.
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Irene Heimann aus Brixen/Italien schrieb am 16. März 2022 um 13:45
Als ich ca. 1958-1959 für 6 Wochen nach Weilmünster kam, war ich 7-8 Jahre alt.
Es war sehr befremdlich für mich und ich hatte ständig Angst vor den strengen Erzieherinnen, einige Kinder wurden grob misshandelt. Ich erinnere mich, dass ein Mädchen das ungenießbare Essen erbrach und das Erbrochene wiederholt aufessen musste.
Die Unterwäsche wurde nur selten gewechselt und abends musste man sie vor allen vorzeigen, ob sie beschmutzt war, wehe wenn ja.
Man wurde zum Essen gezwungen. Nachdem ich krank geworden war, habe ich das zugenommene Gewicht wieder verloren, auch das wurde kritisiert.
Den Inhalt der Päckchen von zu Hause teilten sich die Erzieherinnen unter sich auf. Inzwischen ist meine Erinnerung etwas verblasst. Ich weiß nur, dass ein Alptraum war.
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Andrea BAuer-Lecher aus REutlingen schrieb am 25. Februar 2022 um 12:59
Ich muss im Spätherbst des Jahres 1967 ins Allgäu verschickt worden sein, weil ich zu mager war.
Ich war auf alle Fälle über den Nikolaustag in der Verschickung, da ich, weil ich "nicht brav" war, nur eine leere Rute bekommen habe.
Ich war wenig zuvor erst eingeschult worden und konnte so gut wie noch nicht schreiben. Bis vor wenigen Jahren existierte eine Postkarte von mir, die nicht zu entziffern war. Leider hat meine Mutter diese inzwischen weggeschmissen. Ich erinnere mich an einen Brief, den ich diktieren sollte, und meine Angabe "ich habe Heimweh" wurde nicht geschrieben. Von diesem Brief weiß ich allerdings auch nicht, ob er jemals meine Eltern erreicht hat. Ich erinnere auch, dass andere Kinder ihre geschriebenen Briefe nach der Korrektur wieder zurück bekamen, weil sie "falsche Dinge" drin geschrieben hatten, wie z.b. Heimweh oder das Essen schmeckt nicht.
Ich weiß auch noch, dass wir Pakete von den Eltern erhalten haben, aber der Inhalt wurde sicher durchgesucht. Vom Nikolaus Paket habe ich dann nachträglich etwas erhalten.
Neben unserem Heim war ein Heim für adipöse Kinder, die uns über den Zaun hinweg um Essen angebettelt haben. Ich erinnere mich noch, das diese Kinder ihre Äpfel gegen unsere Nikolausschokolade eintauschen wollten.
Meine Mutter hat mich auf den Bahnhof in Reutlingen gebracht, von dort aus wurde ich dann mit dem Zug verschickt. Ich erinnere mich noch daran, dass mein Koffer nicht zusammen mit mir angekommen ist und ich zunächst einmal Notkleidung tragen musste, die mich angeekelt hat.
Ich meine mich auch zu erinnern, dass Schnee lag als wir ankamen, und es furchtbar kalt war.
Zur gleichen Zeit war ein Mädchen mit einer relativ frischen Blinddarmoperation mit mir untergebracht. Das weiß ich noch, weil sie einmal auf der Treppe nach oben in den Schlafsaal direkt vor mir zusammengebrochen oder gestolpert ist, und man mir die Schuld daran gegeben hat. Am Abend wurde mir daraufhin der nackte Hintern öffentlich versohlt.
Im Bett neben mir schlief eine Cordula, die "im Balett war" und mir deswegen immer ihren Fuß ins Gesicht gestreckt hat, weil sie Spagat konnte. Ich habe natürlich versucht mich zu wehren, und wurde wiederum bestraft....
Wenn ich an diese Zeit denke, habe ich nicht viel mehr, als die hier geschilderten Erinnerungen, aber ein Gefühl der Angst, des Ausgeliefert und Verlassen-seins legt sich wie ein dunkler Mantel über mich. Jedes Detai, das an die Oberfläche steigt löst Übelkeit und Trauer aus.
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Anonym schrieb am 20. Februar 2022 um 18:49
Im Jahr 1955 wurde ich als 13jährige in ein katholisches Kinderkurheim in Bad Sassendorf verschickt. Der Name des Heims ist mir nicht erinnerlich. Es wurde von katholischen Nonnen geführt. Ich selbst war protestantisch. Die Kinder befanden sich in einem Alter von ca. 6 bis 15 Jahren. Neben den Nonnen gab es noch 2 oder 3 Aufsichtspersonen, die Zivilkleidung trugen und offenbar keine Ordensschwestern waren. Am Tag unserer Ankunft wurde uns in einem großen Schlafsaal mit bestimmt 50 Betten jeweils ein Bett und ein Schrankfach zugewiesen. Wir mussten unsere Sachen in das Fach einräumen, wobei wir genau kontrolliert wurden. Es waren z.B. weder Fotografien von der Familie noch Bücher erlaubt, lediglich, was auf einer Liste stand, durfte eingeräumt werden, alles weitere wurde "in Verwahr" genommen. Am ersten Abend mussten wir alle neben unseren Betten im Nachthemd warten, bis wir einzeln aufgerufen wurden, um in einer abgeteilten Ecke des Schlafsaals unsere "Entlausung" über uns ergehen zu lassen. Manche der Kinder weinten hinter der mit Laken abgeteilten Ecke, einige kamen dann mit umwickelten Köpfen wieder heraus und waren den Blicken aller ausgesetzt. Die meisten von jenen weinten und schämten sich. Nach dieser Prozedur mussten alle Kinder auf dem Boden knieen, bis eine Litanei von Gebeten heruntergerasselt war, von denen mir als Protestantin nur „das Vater unser“ bekannt war. Als eine Schwester bemerkte, dass ich nicht laut mitbetete, wurde ich gerügt und aufgefordert, laut allein zu beten. Auf meine Erklärung, dass das "Gegrüßest seist du Maria" in der evangelischen Kirche nicht gebetet würde, wurde ich als gottlos geschimpft und aufgefordert, es auswendig zu lernen. Gleich am nächsten Tag wurde ich abgefragt und konnte es daher sagen. Es gab täglich vier Mahlzeiten, die wesentlich aus einem dicken Haferbrei bestanden. Nach einem zweiten Frühstück um 11 Uhr mussten alle Kinder - egal welchen Alters und ob müde oder nicht - wieder in den Schlafsaal und eine Stunde Ruhe halten. Sprechen oder Lesen war nicht erlaubt, zumal es auch nichts zu lesen gab. Die Teller mussten leergegessen werden; an jedem der langen Tische saß eine Nonne oder eine der Aufsichtspersonen und schaute, ob jemand versuchte, sein Essen der Nachbarin zuzuschieben, die mehr Appetit zu haben schien als man selbst. Das war verboten und wurde mit Strafe belegt: Bettruhe statt Spaziergang am Nachmittag. Als mehrere von uns diese Tatsachen nach Hause schrieben, (Briefe schreiben durften wir nur an bestimmten Tagen) wurden wir an jenem Abend aus dem Bett geholt und zur Oberin gebracht. Dort wurden wir als undankbar beschimpft und zwei oder drei Mädchen bekamen eine Sonderstrafe. Sie mussten eine Stunde neben ihrem Bett knieen und Abbitte tun für ihr sündiges Verhalten. Wir wussten jetzt also, dass unsere Briefe vor dem Absenden gelesen wurden und vermieden es, uns noch einmal zu beschweren. Diese sechs Wochen waren eine reine Psychofolter für mich. Vom Nudeln mit Haferbrei und den täglichen Liegekuren hatte ich an Gewicht zugenommen, aber ich erinnere mich, dass ich daheim in den ersten Tagen stundenlang durch die Wälder gelaufen bin, die den kleinen Ort im Sauerland umgaben, in dem ich damals lebte. Das hat meiner Seele gut getan. Meiner Mutter habe ich nicht viel vom Heim erzählt; sie war , wie viele Kriegswitwen damals, alleinerziehend und musste in einer Fabrik schwere Arbeit tun, um meine Schwester und mich durchzubringen. Und ich war ja wieder zu Hause und glücklich darüber. Meine sonstige Kindheit war aber trotz dieses Heimerlebnisses und der Armut im Nachkriegsdeutschland sehr schön,was ich auch meiner Mutter zu verdanken habe, die mit uns Kindern in der wenigen freien Zeit viele schöne Dinge unternahm.
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amant20025 aus Wuppertal- Elberfeld schrieb am 20. Februar 2022 um 15:50
Ich , Carina , war damals 4-5 Jahre und wurde verschickt, weil ich so dünn war.
Am Frühstückstisch fing es schon an, wir mussten alles aufessen was aufgetischt war. Man musste das essen, was für einen auf dem Teller angerichtet wurde.Egal ob man dies mochte oder nicht.
Das Mittagsessen musste auch komplett aufgegessen werden, tat man dies nicht, musste man solange sitzen bleiben , bis der Teller leer war. Dauerte es zu lange, bekam man den Teller mit dem Mittagsessen zur nächsten Mahlzeit wieder serviert.
Abendb rot musste ebenfalls vollständig aufgegessen werden. Meine Tischnachbarin , sie war älter, behielt Essen im Mund,was sie nicht mochte, meldete sich um
Pipi machen zu müssen und spuckte dies dann im WC aus. Wurde sie erwischt, gab es Strafen.
Ich musste einmal zum Abendbrot einen Rollmops essen , den ich überhaupt nicht mochte. Den habe ich in der Nacht erbrochen ins Bett und eine grosse,schlanke,junge, blonde mit Kurzhaarschnitt
-die immer forsch und ungehalten war - riss mich aus dem Bett und schimpfte mit mir. Ich war starr vor Schreck.Ich musste wegen des Essens öfters in der Ecke lange stehen, weil ich das Essen nicht mochte bzw.auch nicht aussuchen durfte.
Frl. Schiele, eine rundliche Dame mit Brille, war als einzige liebevoll , die aber unter der jüngeren Frau zu leiden hatte. Frl.Schiele hat immer versucht liebevollen Ausgleich zu finden, was die jüngere Frau unterband.
Viele Dinge von damals habe ich verdrängt, es war für mich ein Albtraum.
Folgen: Kuren bis heute versucht abzulehnen aus Angst, ich komme wieder in solche Situationen.
Einmal gelang mir dies nicht, ich musste 5 Wochen zur Kur und mir ging es bis zum Antritt der Kur sehr, sehr schlecht wegen der Erfahrungen in Simmersfeld.
Bis heute esse ich kein Brot, keine Butter, Margarine, Wurst,Fisch , weil ich mich davor ekel, ich kann es nicht mal riechen seit Simmersfeld.
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Thorsten Schütte aus Sala / Schweden schrieb am 19. Februar 2022 um 21:52
Leider kann ich mich nicht an den Namen des Heimes erinnern. Bin 57 geboren und habe dort 6 Wochen im Spätsommer 65 durchlitten.
Strenge Tanten, Schläge mit Stock wenn man nicht während der Mittagsruhe mucksmäuschenstill war. Durst wegen zu wenig zu Trinken, schlechtes Essen und wohl viel woran ich mich nicht explixit erinnere aber aus meinen späteren Problemen Schlüsse ziehe:
Esse schnell – Weil ich seit der Kur kaltgewordenes Essen hasse
Paruresis – wohl wegen Toilettenbeschränkungen
Parkinson – ein erster Knacks im Dopaminsystem durch im Heim verabreichte Neuroleptika?
Ich war also 6 Wochen in einen Heim (Ziegelbau, unbekannter Träger) im August/September 65 auf Langeoog. Zu dem unten Gesagten kann ich noch hinzufügen dass ich mich an sauergewordene Milch, synthetisch aussehenden und schmeckenden Pudding und Durst erinnere, der trieb mich Nachts aufs Klo um aus dem Hahn zu trinken. Kann mich an Strand, Wanderungen und Besuch auf einem Seenotrettungsboot erinnern. Hin und zurück von und nach Kassel mit der Bahn und Betreuerinnen.
Seit Langeoog habe ich, auch noch als Erwachsener, grosse Probleme mit Heimweh gehabt.
Es beunruhigt mich von der häufigen Verabreichung von Beruhigungsmitteln, Neuroleptika, zu lesen.
Ich bekam viel später erst die Diagnose Aspergers Syndrom und dann nach einer neuen Krise auch ADHS, die Medizin dafür (Concerta) trieb mich in eine Psychose die zu drei Wochen stationärer Behandlung mit u a Elektroschocks führte. Das Neuroleptikum gegen die Psychose, Olanzapin, löste Parkinsonsymtome aus die nach dem Absetzen teilweise verschwanden, aber dann als ”richtiger” Parkinson zurückkamen. ADHS habe ich wohl nie gehabt, die Symptome kamen von frühen Stadien des Parkinson.
Man müsste mal untesuchten ob Verschickungskinder bei neuropsychiatrischen Diagnosen, Parkinson, Alzheimer, MS, ALS usw überrepresentiert sind und ob das Spätfolgen die Medizinierung mit Neuroleptika sind!
Ich wurde wegen häufiger Bronchitis an die See geschickt, das hat zwar gegen die Bronchitis geholfen, aber zu welchem Preis! ☹
Ein Jahr nach Langeoog war ich auf der Waldschule der AWO in Kassel, das war eine Tageskolonie und gefiel mir gut, wohl Sozis statt Nazis… 😉
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Anonym schrieb am 19. Februar 2022 um 19:16
Meine Mutter musste wohl selbst in Kur und unser Vater wusste wohl nicht wohin mit mir(damals 8) und meinem kleinen Bruder(damals 5).Also wurde einfach beschlossen das wir beiden zusammen in Kinderverschickung kommen sollen.Und dabei waren wir beide kerngesund!Wie das ging und wie meine Eltern das damals durchgesetzt hatten,keine Ahnung.Also musste unsere Mutter erst mal unsere ganze Kleidung mit Bügelschildchen versehen und einzeln von Hand beschriften.Dann alles in unsere Koffer gepackt und je eine Inventarliste ausgefüllt und dazu gelegt.Wir bekamen nicht wirklich viel Wäsche mit da unsere Mutter wohl dachte es würde dort regelmässig Wäsche gewaschen,ein fataler Irrtum wie sich später noch herausstellen sollte.Also bekamen wir jeder noch eine kleine Plastiktrinkflasche um den Hals,die fasste aber gerade mal 250 ml und war schnell leer…Und ab zum Bahnhof mit uns.An einen herzlichen Abschied kann ich mich nicht erinnern,Hauptsache wir waren endlich weg,so fühlte es sich für uns beiden an.Die gefühlt ewig lange Zugfahrt war begleitet von Durst da unsere Flaschen längst leer waren und wir Durstig und hungrig waren,aber es gab nichts zu tinken im Zug,auch nicht für die anderen Kinder.Angekommen wurden wir sofort getrennt und der Gebäudeteil wo mein Brüderchen untergbracht wurde war für mich unerreichbar und sogar im Aussenbereich durch eine hohe Mauer von unserem getrennt.Es gab im Aussenbereich eine Art Spielplatz,sogar mit einem schönen grossen Karusell aber auf diesen durften wir nie.Der Tag war ja streng getaktet,Aufstehen selbst ankleiden,Frühstücken,wobei ich mich an keinerlei Essenszwang erinnern kann und auch nicht an ekelerregende Speisen.Nur das es nur zu den Mahlzeiten etwas zu trinken gab,meisten Hagebuttentee.Also hatten wir sehr oft grossen Durst den wir heimlich auf dem WC am Handwaschbecken versuchten zu stillen.Dann mussten wir alle Anwendungen mitmachen,zB in riesige Holzwannen setzen die bis zum Hals mit heissen Solewasser gefüllt waren,ich hatte oft Angst darin zu ertrinken.Dann täglich Kneippgüsse wo wir einfach mal mit einem Schlauch und eiskaltem Wasser abgespritzt wurden,das war sehr unangenehm und die Käte tat weh.Aber die ausführenden Nonnen meinten immer nur das sei alles gesund und würde die Durchblutung födern.Bei Erwachsenen mag das ja angehen aber bei kleinen Kindern??Dann mussten wir täglich zu den Salinen(Gradierwerke) laufen und die Tanten befahlen und tieg einzuatmen denn die Salzluft wäre gesund.Einmal mussten wir in einen Raum in den alles vernebelt wurde und es hiess wieder wir sollen tief einatmen das sei gesunder Salznebel.Uns machte das Angst in so einem dicht vernebelten Raum sein zu müssen.Dann nach dem Mittagessen wurden 2 Stunden Mittagsschlaf erzwungen,müder oder nicht-egal! Alle Nachtwäsche anziehen und in die Betten und es hatte Ruhe zu herrschen!Wer nicht ruhig war wurde sofort rausgeholt und musste mit nackten Füssen draussen im Flur mit dem Gesicht zur Wand stehen,eine gefühlte Ewigkeit lang.Unsere Wäsche wurde nur alle 2 Wochen gewaschen ! So mussten wir jeden Tag immer das selbe anziehen,was dreckig war musste man eben auch anziehen,es wurde ja nicht gewaschen.Das war sooo beschämend,welches Kind mag schon in schmutzigen und stinkenden Sachen rumlaufen?Aber wir mussten,besonders ich wo ich eh recht wenige Stücke von Daheim mitbekommen hatte , musste sehr verwahrlost dort ausgesehen haben.Sehr schlimm war es abends,erst in der eiskalten Massendusche duschen und Punkt 7 Uhr mussten wir ab ins Bett.Und ab da hatte absolute Ruhe zu herrschen und wir durften nicht aufs Klo!Egal wie dringend es war-man liess uns nicht ,unter Androhung die ganze Nacht draussen im Flur an der Wand stehen zu müssen,traute sich bald niemand mehr auch nur daran zu denken.Einmal musste ich so dringend das es nicht mehr ging und ich überlegte wo ich Pipi machen könnte,da ich es auf keinen Fall im Bett machen wollte.Ich entschied mich für meinen Schrank und erleichtere mich darin auf meiner Schmutzwäsche! Welch beschämende Notlage sowas zu tun.Allerdings ging der Uringeruch bald auch auf meine noch saubere Kleidung über und andere Kinder verhöhnten mich weil ich eben nach Urin roch.Das beschämte mich noch mehr,das war so peinlich.Und es gab noch ein Problem,ich konnte mich nach dem grossen Geschäft nie richtig sauber machen,es war fast nie Klopapier da und das Klo war so ein riesen Ding,ich kam da kaum drauf und musste mich immer festhalten mit einer Hand.So sahen dann auch meine Höschen aus,dicke Spuren drin.Die wurden ausgerechnet am Tag vor der Abreise nach Hause entdeckt denn eine Tante packte mit uns die Koffer…Sie sah meine arg beschmutzten Höschen,hob diese vor allen anderen Leute hoch und zeigte sie herum.Seht mal hier was für ein Ferkel die doch ist-iihhhgittt nicht mal den Po abputzen tut sie ,aus lauter Faulheit! Ich weinte und weinte vor Scham und Verzweifelung-aber die Tante setze noch eins drauf und meinte ich müsste nun zur Strafe noch mal 6 Wochen bleiben.Da konnte ich mich nun gar nicht mehr beruhigen,ich habe nur noch geweint und es gab keinen Ausweg und keinen Trost.Erst als wir alle eingesammelt wurden zum Bus der zum Bahnhof fährt,merkte ich langsam das die Tante gelogen hatte und mich nur quälen wollte.Einmal gab es einen riesen Tumult,ein Junge hatte eine Platzwunde am Kopf und blutete ganz stark,da wurde mein kleiner Bruder beschuldigt ER habe mit seinen 5 Jahren einen grossen schweren Stein über die Mauer geworfen und den Jungen getroffen,verzweifelt kämpfte ich für ihn und erklärte den Tanten das er doch viel zu klein sei und seine Arme zu kurz seien um so einen Brocken über die Mauer werfen zu können,aber alles half nichts,weder meinen Tränen noch meine Worte.Er musste zur Strafe sofort ins Bett und durfte nichts essen bis zum nächsten Tag.Er konnte es nicht gewesen sein,rein körperlich schon nicht.War denen aber egal.Post war auch bei uns zensiert,es durfte nur schönes geschrieben werden,Post von daheim wurde stets geöffnet übergen,Päckchen bekamen mein Bruder und ich nie,null.Den anderen wurden ihre aber belassen und es wurden nicht einfach alles verteilt .Wir waren andere Kinder als wir endlich wieder zu Hause waren,aus fröhlichen,neugierigen verspielten Kindern wurden verängstigte Duckmäuser.Und auch zwischen mir und mein Bruder wurde das Verhältnis untereinander immer schlechter im Laufe der Zeit.Wir kämpften um alles,um Elternliebe,Spielzeug,Freunde.Ganz besonders um Süssigkeiten,die spielten seit der Rückkehr eine immer grössere Rolle denn die wurden Ersatz für Wärme und Liebe.Darum wurden wir dann immer dicker und dicker und die Zähne waren von Karies zerfressen.
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Anonym schrieb am 18. Februar 2022 um 15:23
Im Sommer 1966 haben mich meine Eltern, für eine Kinderverschickung in eine Jugendherberge im Bremer Umland, den Erziehern der Bremischen Evangelischen Kirche anvertraut.
Ich war damals 9 Jahre alt und noch nie von zu Hause fort gewesen. Bereits am ersten Abend hatte ich großes Heimweh und habe geweint. Da die Erzieherin vor dem Lichterlöschen gesagt hatte, niemand dürfe mehr sprechen oder das Bett verlassen, habe ich mich nicht getraut, mir ein Taschentuch zu suchen. Also habe ich meiner Bettnachbarin zugeflüstert, ob sie ein Taschentuch für mich hätte. Sofort wurde das Licht angeschaltet und die Erzieherin kam ins Zimmer gestürmt. Sie hatte offensichtlich noch in der offenen Tür gestanden und gelauscht. Sie hat mich am Arm gepackt und in den kalten Duschraum gezerrt. Dort hat sie mich mitten im Raum mit nackten Füßen auf den eisigkalten Fliesen alleine stehen lassen. Eine gefühlte Ewigkeit.
Ich weiß nicht mehr, wann und wie ich ins Bett zurückgekommen bin. Ich dachte nur, dass meine Füße niemals wieder warm werden würden.
Wenige Tage später hatte ich eine schwere Lungenentzündung. Meine Eltern haben mich abgeholt, aber ich war so traumatisiert, dass ich mich nicht einmal darüber freuen konnte. Sechs Wochen habe ich mit der Lungenentzündung im Bett gelegen, war völlig verstummt und wollte nicht mehr leben, war so tief beschämt, verletzt und gedemütigt - verwundet für mein ganzes Leben.
Diesen Schmerz, diese Not habe ich, nachdem ich den Film über Verschickungskinder im fernsehen gesehen habe, in einem Brief an die Bremische Evangelische Kirche zurückgegeben, die damals ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen ist, dafür zu sorgen, dass keine ihrer Kinderverschickungsbegleiterinnen die ihr anvertrauten Kinder mit solchen „Methoden“ bestraft und demütigt.
Seitdem ich es geschrieben und abgeschickt habe, geht es mir sehr viel besser, es ist als hätte ich es aus mir herausgelöst und es ist jetzt wieder dort, wo es hingehört, nämlich bei der Bremischen Evangelischen Kirche.
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Anonym schrieb am 17. Februar 2022 um 14:51
Ich glaube, dass ich so 10 Jahre alt war. Ich habe kaum Erinnerungen, habe aber mein Leben lang gesagt, dass ich meine Kinder nie verschicken würde. Ich sehe einen Schlafsaal, neben mir ein Geschwisterpaar-Junge und Mädchen - Dann einen langen Tisch im Speisesaal, ich musste einen Pudding aufessen, den ich eklig fand und weinte. Eine junge Erzieherin oder Referendariat hat den Pudding später heimlich entsorgt, ohne dass es die Leitung mitbekommen hat. Da enden all meine Erinnerungen... Aber habe das Gefühl, vieles verdrängt zu haben.
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Annemarie aus Köln schrieb am 16. Februar 2022 um 14:14
Es war die schrecklichste Zeit in meiner Kindheit. 6 Wochen, die nicht zu vergessen sind.
Vom Erbrochenen essen müssen, über Schläge und nicht beachten der Schamgrenzen, bis hin zum nicht bekommener Post von den Eltern.
Ich habe Seife gegessen mit der Hoffnung, dass ich, wenn es mir nicht mehr gut geht, nachhause geschickt würde. Ich landete nur auf der "Krankenstation". Die Hölle! Ich war 6 Jahre!
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