Verschickungserlebnisse

Auf dieser Seite schreiben Mitmenschen ihre traumatischen Verschickungserlebnisse, die sie als Kind in Kinderkurheimen erlebt haben.

Diese Berichte dienen in erster Linie dazu das wir alle zusammen ein Zeitdokument erschaffen, das die Grausamkeiten und Misshandlungen von damals dokumentiert.

Durch die geschilderten Erlebnisse und der Preisgabe an die Öffentlichkeit wollen wir einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit gewinnen und unsere Schilderungen können nicht als “Einzelfall” dargestellt werden!

Die hier geschilderten Erlebnisse können auf Wunsch auch anonymisiert werden. D.h. ihr müsst keinen Realnamen preisgeben!
Eure Daten werden keinesfalls an Dritte ausgegeben!!! Sollte jemand mit euch Kontakt aufnehmen wollen, fragen wir bei euch zuerst an und geben die Kontaktdaten nur an euch weiter. Somit könnt ihr selbst entscheiden, ob ihr Kontakt aufnehmen wollt oder nicht.



Einen neuen Eintrag schreiben

 
 
 
 
 
 
 


 



 
 
 
 
Mit * gekennzeichnete Felder sind erforderlich.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Es ist möglich, dass dein Eintrag erst sichtbar ist, nachdem wir ihn überprüft haben.
Wir behalten uns vor, Einträge zu bearbeiten, zu löschen oder nicht zu veröffentlichen.
Anonym schrieb am 8. Dezember 2021
In den 60er Jahren war ich mehrfach für 6 Wochen in Kinderkurheimen. An den ersten Heimaufenthalt habe ich keine Erinnerung, da muss ich noch sehr klein gewesen sein. Von einem älteren Geschwister weiß ich, dass ich wohl schlimmes Heimweh hatte und nachts ins Bett gemacht habe. Zur Strafe wurde ich jede Nacht aus dem Bett geholt und eiskalt geduscht, danach musste ich mit dem Gesicht zur Wand stehen und durfte nicht zurück ins Bett.
Die späteren Heimerlebnisse, alle vermutlich noch im Kindergartenalter, erinnere ich bruchstückhaft: Essenszwang, Erbrochenes aufessen müssen, Bewegungs- und Toilettenverbot des nachts und beim Mittagessen mit Strafen ..., ausgegrenzt sein und völlig allein und verlassen in stockdüsteren riesigen Räumen schlafen, Todesängste, Angst, für immer von den Eltern abgeschoben zu sein ...
Am schlimmsten war es wohl, dass ich zuhause darüber nie sprechen konnte. Erinnere mich, dass ich einmal sprechen wollte, aber die Wortr mir im Hals stecken blieben. War ja noch sehr klein. Vermutlich wäre mir auch nicht geglaubt worden, jedenfalls musste ich immer wieder musste weg, weil die Erholung doch angeblich so gut tat und solch ein Luxus war. Die Heimnamen habe ich auch später großteils nicht rausbekommen, weil die Eltern alles total verdrängt haben und angeblich nichts mehr wussten. Leider haben auch die älteren Geschwister geschwiegen oder können sich kaum nicht an den Namen oder Ort der Heime erinnern. Ein riesiges, totales Trauma unserer Kindheit völlig weggedrängt!
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 4. Dezember 2021
Anfang Mai 1974 wurde ich zur Kinderkur in die Kneipp´sche Kinderheilstätte nach Bad Wörishofen geschickt, weil der Arzt meinte, dass ich unterernährt sei. Ich war gerade erst 9 Jahre alt geworden und es war die erste Reise ohne Eltern, daher hatte ich auch große Angst davor.
Viele Jahre hatte ich diesen Aufenthalt verdrängt, weil ich keine guten Erinnerungen daran hatte. Allerdings werde ich einige Situationen nie vergessen.
Wir wurden damals von Ordensschwestern empfangen und wurden in 8-Bett-Zimmern untergebracht. Das größte Highlight waren die Päckchen von Zuhause. Jeder durfte wohl pro Aufenthalt zwei bekommen. Die Süßigkeiten wurden dann an alle Kinder der Gruppe aufgeteilt und die Reste in einem Schrank verschlossen. Eines Tages haben wir mal bemerkt, dass jemand vergessen hatte den Schrank abzuschließen. Ein Mädchen, mit dem ich mich angefreundet hatte, und ich sind abends heimlich in den Gruppenraum geschlichen und haben aus meinem Päckchen für jeden einen Schokoriegel rausgenommen. Unter der Bettdecke haben wir die Schokolade dann gegessen, weil wir Angst hatten erwischt zu werden. Am nächsten Morgen war die Angst noch größer, denn wir hatten das Bettzeug mit der Schokolade beschmiert. Um zu verhindern, dass die „Straftat“ aufgedeckt wurde, schlug ich den anderen im Zimmer vor, dass wir unsere Betten selbst machen. Alle im Zimmer haben mitgemacht, aber als die Schwestern dann in den Schlafraum kamen, wollten sie wissen, warum wir die Betten gemacht haben. Wir haben gesagt, dass wir ihnen die Arbeit abnehmen wollten. Das überzeugt sie nicht und die Betten waren ihnen auch nicht gut genug gemacht. Also wurden die Flecken entdeckt und es gab eine Standpauke für mich und die Freundin. Das war aber noch nicht genug, denn kurze Zeit später stand das wöchentliche „Haarewaschen“ an. Wir haben uns dafür in einem Nebengebäude in die Schlange gestellt und nach und nach musste sich jedes Mädchen über eine Badewanne beugen. Als ich an der Reihe war, hat die Betreuerin Mary – diesen Namen werde ich auch nie vergessen – meine langen Haare äußerst brutal gewaschen und extra sehr heißes Wasser genommen. Ich weiß noch, dass ich geschrien habe wie am Spieß und sie hat nur gemeint, dass mir das ganz Recht geschieht. Vor allen anderen hat sie dann nochmals lauthals kundgetan, dass ich das Bett nachts mit Schokolade beschmiert habe.
Eines Tages hatte ein Mädchen Geburtstag. Nachmittags wurden Schokoküsse verteilt, jede von uns bekam drei Stück. Da es mir an diesem Tag nicht gut ging, habe ich eine Betreuerin gefragt, ob ich diese bis zum nächsten Tag an die Seite stellen kann. Sie hat es erlaubt und ich stellte den Teller auf ein kleines Regal im Speisesaal. Mitte in der Nacht schaute eine Schwester in unser Schafzimmer und fragte: „Wer hat seine Negerküsse nicht aufgegessen?“ Ich war völlig schlaftrunken und habe erst nicht geantwortet. Sie machte dann das Licht an und hat wieder gefragt. Daraufhin habe ich gesagt, dass ich es war. Ich wollte noch erklären, dass es abgesprochen war und mir nicht gut ist. Sie hat mir nicht zugehört und mich aus dem Bett in den eiskalten Speisesaal gezerrt. Ich saß dann im Schlafanzug vor dem Teller und musste mir alle drei Schokoküsse reinwürgen. Das hat ziemlich lange gedauert und als ich dann wieder ins Schlafzimmer zurückging habe ich mich im Flur erbrochen. Ich musste das Erbrochene dann selbst wegwischen und wurde dabei auch beschimpft.
Ein weiteres schlimmes Erlebnis hatte ich in der Bastelstunde. Ich hatte meinen Kleber im Schrank vom Schlafraum vergessen. Eigentlich durften wir unser Bastelsachen nur im Bastelraum aufbewahren, aber da ich eine neue Tube Kleber gekauft hatte, wollte ich ihn nicht zu den anderen Sachen legen. Ich gab vor, dass ich nochmal zur Toilette musste. Das war auch keine gute Idee, denn es gab feste Toilettenzeiten. Vor der Bastelstunde mussten alle nochmal zur Toilette! Ich wurde ausgeschimpft, aber durfte gehen und holte dann heimlich meinen Kleber aus dem Schlafraum. Als ich zurück kam musste ich mich für zwei Stunden in die Ecke stellen und durfte mich nicht bewegen. Es war grauenhaft.
An einem Nachmittag sollten wir Briefe nach Hause schreiben. Ich habe nicht gewusst, dass Mary den Brief anschließend lesen wird. Ich habe meiner Mutter geschrieben, dass ich schreckliches Heimweh habe und sie mich abholen soll. Mary hat den Brief vor meinen Augen zerrissen. Ich musste einen neuen Brief schreiben. Das es mir gut geht und alles schön ist.
An das Essen kann ich mich nur noch dunkel erinnern, aber es war immer etwas mit vielen Kalorien. Im Speisesaal saß mir ein Mädchen gegenüber, dass abnehmen sollte. Sie bekam oft leckeren Salat. Wenn niemand hingesehen hat, haben wir unsere Teller getauscht. So konnte ich wenigstens ab und zu etwas essen, was ich mochte und das andere Mädchen hat sich über mein Essen gefreut.
Demütigend fand ich auch die Kneipp´schen Güsse. Wir wurden unten im kalten, gefliesten Keller mit eiskaltem Wasser aus Schläuchen abgespritzt – das war ja so gesund..
Als sich der Tag der Abfahrt näherte, wurde ein Mädchen aus unserem Zimmer krank. Ich glaube, sie hatte die Röteln. Das brachte die Abreise für unsere ganze Gruppe in Gefahr. Ich habe gebetet, dass ich nach Hause durfte, denn ich hätte es keinen Tag länger mehr dort ausgehalten. Ich kann schon behaupten, dass es die fürchterlichsten und längsten sechs Wochen meines Lebens waren.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 30. November 2021
Als ich 6 Jahre alt war, wurde ich für 6 Wochen nach Königsfeld im Schwarzwald zur sogenannten "Kinderkur" geschickt. Ich war ein sehr dünnes Kind und unser Hausarzt meinte, dass mir Luftveränderung guttäte und ich dort sicherlich aufgepäppelt würde. Meine Familie wohnte damals in einem kleinen Dorf mit nur 10 Häusern und schon der Gedanke daran, dass ich für 6 Wochen alleine von zu Hause wegsollte, war für mich ein echtes Grauen. Aber ob ich nun zeterte oder heulte, es nützte alles nichts. Meine Mutter brachte mich zum Bahnhof. Die Anreise war bereits organisiert und erfolgte mit anderen Kindern unter Betreuung im Zug. Bei unserer Ankunft am Abend gab es eine kurze Kennenlernrunde und das Essen war - wie fast immer
schrecklich. Wir mussten alles aufessen, sonst durften wir den Tisch nicht verlassen. Jeden Abend gab es Hagebuttentee, den ich hasste und trotzdem trinken musste. Bis heute wird mir übel, wenn ich Hagebuttentee nur rieche. Es herrschten strenge Sitten und natürlich "Zucht" und "Ordnung" Alles lief nach einem festen Tagesablauf ab. Aufstehen, waschen, Frühstück, Wanderung, "Kartenschreiben" an zu Hause (natürlich nur zensiert) Mittagessen, Ruhepause usw. alles zu festen Zeiten.
Vor 7 Uhr morgens durfte niemand reden oder sein Bett verlassen. Wenn doch, dann bekam man eine besondere Strafe. Die größeren Mädchen führten Aufsicht und mussten eine "Liste" mit den "Störenfrieden" führen, die dann der Heimleitung gemeldet wurden. Kurz nach meiner Ankunft in Königsfeld erkrankte ich an Roeteln und wurde daher für eine Woche auf die Isolierstation verfrachtet, damit ich die anderen Kinder nicht anstecken konnte. Diese Zeit bei strenger Bettruhe wollte einfach nicht vergehen und vor Heimweh wäre ich fast gestorben. Aber jeden Tag kam eine alte Ärztin, um mich zu untersuchen. Sie war dann auch der einzige Kontakt zur Außenwelt.
Ein Erlebnis ist mir ganz besonders im Gedächtnis geblieben:
Eines Nachts fiel ich aus meinem Bett (Schlafsaal mit ca. 10 Betten eng an eng) und kletterte aus Versehen in das Bett meiner Bett-Nachbarin. Die hatte Läuse und am nächsten Tag musste ich dann die komplette "Läuseprozedur" über mich ergehen lassen. Außerdem hatte ich vor 7 Uhr "geschwatzt" und stand somit auf der "schwarzen Liste".
Nach dem Mittagessen und der anschließenden Ruhepause auf der überdachten "Freiluft-Terrasse" erwartete mich dann "meine Strafe". Ein älteres Mädchen holte mich ab, um mich zur Heimleitung zu bringen. Auf dem Weg dorthin sagte ich (leider etwas zu laut) "Das macht mir gar nichts aus". Zu meinem Unglück hatte die Leiterin das gehört. Sie zog mir einen Turnschuh aus und gab mir damit kräftig was auf den Hosenboden. Danach musste ich 2 Stunden stocksteif mit den "Händen-hinter-dem-Kopf" auf einem Holzstuhl sitzen - natürlich unter Aufsicht - und durfte mich nicht bewegen.
Gegen Ende "der Kur" erkrankten einige Mädchen an Mumps und mussten länger bleiben. Ich war zum Glück schon wieder zu Hause, als die Krankheit bei mir ausbrach. Meine Familie war begeistert, dass ich Mumps-bedingt so wohlernährt aussah und ich war nur heilfroh endlich wieder zu Hause zu sein.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 23. November 2021
Ich war vier Jahre alt und sollte 'aufgepäppelt' werden, an Gewicht zulegen, stabiler werden. Was anfangs als Ausflug begann, entwickelte sich zu einer schrecklichen Erinnerung. Das Essen war sehr speziell und an einem Mittag gab es Leber. Da ich als kleiner Mensch das nicht kannte, biss ich rein und es schmeckte mir nicht. Da ich es nicht aß, musste ich den ganzen Mittag alleine vor diesem Teller sitzen und sollte die Leber essen. Alle anderen Kinder machten einen Ausflug. Man lies mich alleine da sitzen und schaute gefühlt alle Stunde mal rein, ob der Teller leer ist. Man sagte mir, dass ich so lange da bleiben muss, bis ich das essen würde, auch wenn es über meinen Geburtstag hinweg geht. Das machte mir alles sehr viel Angst und dennoch konnte ich die Leber nicht essen. Als ich bis 16 Uhr nichts gegessen hatte, musste ich, bevor die anderen Kinder vom Ausflug zurück kamen, ins Bett gehen. Dieser Aufenthalt belastet mich noch immer. Es ist einfach schrecklich, was man als Kind erlebt und es bis ins Alter (bin schon 56) nicht mehr vergisst.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 22. November 2021
An vieles erinnere ich nicht mehr, aber einige Sachen fallen mir heute (68) ein. Ich war als Fünfjährige für sechs Wochen 1958 oder 59 zur Verschickung auf Amrum. Den Namen des Hauses weiß ich nicht mehr. Da ich keine Geschwister hatte, freute ich mich auf die anderen Kinder - und hatte eine spaßige Zeit. Ich wurde damals von zu Hause eh autoritär erzogen, kannte es nicht anders und konnte ich mich im Heim unterordnen.
Ich erinnere, dass das Essen wohl nur aus Eintopf bestand, am meisten hasste ich irgendeine Suppe (Milch?) mit Sago. Die glitschten und glubschten im Mund und guckten mich auf dem Teller so an. Aufessen musste ich sie m .M. nicht, aber bis heute mag ich kein Sago o.ä. Dass man nachts nicht auf Toilette durfte, erinnere ich auch, aber ob ich mich einnässte und Strafen bekam, nicht. Dunkel in Erinnerung ist, dass wir uns mit Augenschutzbrillen fast nackt um ein warmes Gerät (wie ich heute weiß, eine Höhensonne) bewegen mussten. Das fand ich damals ganz toll, es war ja kuschelig warm. Ungerecht fand ich und habe auch geweint, dass wir Süßigkeiten abgeben mussten, auch die von zu Hause geschickten. Dafür bekam man aber von den anderen was ab. M.E. gabs Süßes ein Mal die Woche und abgepackt für alle gleich. Ein Fest!
Der Waschraum bestand aus einem langen Becken mit vielen Wasserhähnen. Einmal schubste mich ein Mädchen, als ich aus dem Hahn trank. Ich verlor eine Ecke eines Schneidezahns. Meine Eltern wurden von den Tanten darüber informiert, aber zum Zahnarzt ging keiner mit mir. Die fehlende Ecke ist heute mit Füllung verdeckt, aber eine bleibende Erinnerung an die Zeit. Wir mussten viel barfuß wattlaufen, was am Anfang Spaß machte. Bis ich mir an einer Muschel den Fuß aufschnitt und ins Haus zurückgebracht wurde. Ich glaube, ein Arzt guckte sich die Wunde an, und ich bekam ein großes Pflaster und zum Trost was Süßes. Noch heute ist mir Wattwandern verhasst.
Das Schreiben von Postkarten an die Eltern übernahmen die Tanten, ich konnte ja noch nicht schreiben. Und ob Zensur ausgeübt wurde weiß ich nicht. Aber mir gefiel die Verschickung eh gut, was hätte ich Negatives mitteilen sollen. Ich hatte Freunde und Freundinnen, mit denen ich viel Spaß hatte. Nachts sind wir aus den Fenstern geklettert und fanden es abenteuerlich, im Dunkeln rumzustromern. Ich glaube, die Tanten haben uns nicht erwischt oder weggeguckt. Und außerdem konnte man sich draußen erleichtern.
Im Großen und Ganzen waren die sechs Wochen toll für mich. Ich konnte spielen, an der See wandern und toben. Am beeindruckendsten war eine Abendwanderung durch einen Wald, was für eine Fünfjährige ein großes Abenteuer war. An Zwang und Strafen kann ich mich nicht erinnern.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 20. November 2021
Erinnere mich noch genau daran:
Toilette wurde abends abgesperrt, habe auch einmal nachts in's Bett gemacht. Deshalb wurde ich dann am nächsten Morgen vor allen anderen Kindern ausgeschimpft und in selbigem Bett mit der Decke über dem Kopf (wie bei Toten) aus dem Zimmer gefahren. Dürfte also nicht zu den anderen Kindern! Als ich auch noch an Mumps erkrankte, wurde ich in ein Zimmer gesperrt; man stellte mir eine Schüssel (für den Fall, dass ich mich übergeben würde) auf den Nachtisch. Habe mich auch übergeben müssen und musste neben der Schüssel mit dem Erbrochenem schlafen. Bin heute 62 Jahre alt, aber das vergesse ich nie!
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Martin M. aus Saarbrücken schrieb am 18. November 2021
Ich war 6 Wochen in der Asthma-Heil in der Kurfürstenstraße 26 in Bad Reichenhall von Mai - Juni 1967. Ich suche noch weitere Zeitzeugen, die auch sexuellen Missbrauch in diesem Haus durch Angestellte dieser Klinik und klinikfremden Personen erlitten haben. Ich habe einen Antrag nach dem OEG beim Landesamt für Soziales gestellt. Dazu brauche man weitere Zeitzeugen, um das uns zugeführte Leid beweisen zu können. Durch weitere Zeitzeugen wird eine Anerkennung nach dem OEG positiv beschieden. Ich spreche von schwerem wiederholtem sexuellem Missbrauch durch eine, zwei oder drei Tätern in einer Nacht mit anschließender Sedierung durch intravenöse Spritzungen, Körperverletzungen, Schlägen, Tritten, Fesselungen, Einsperren in eine Kiste, Drohungen mit dem Tod....
Weitere Einzelheiten finden Sie in meinen früheren Beiträgen. Auch beim Stadtarchiv Bad Reichenhall Herrn Dr. Johannes Lang findet man weitere Anhaltspunkte zu der Zeit. Die Kath. Jugendfürsorge hat damals dieses Haus mit dem Chefarzt Dr. Franz Braun geführt. Ich kann mich an weiter Jungen, die mit mir das Zimmer teilten oder mit mir am Tisch im Speisesaal saßen, erinnern.
Bitte melden Sie sich, dann könnten wir uns gemeinsam über die Heimortvernetzung austauschen .
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Tetzner Monika aus 35510 Butzbach schrieb am 15. November 2021
Wir fuhren – ich glaube am Freitag, 18.05.1956 - mit dem Zug ab Wetzlar. Auf den Böden zwischen den Bankreihen wurde Packpapier ausgebreitet, auf dem wir schlafen sollten.

Meine Eltern hatten mir eine warme Mütze und einen Schal mitgegeben, weil ich oft unter Bronchialerkrankungen litt. Die warmen Sachen wurden mir weggenommen und an andere Kinder verteilt, da ich ein Popelin-Mäntelchen mit weiter Kapuze besaß. Das sollte für mich reichen. Der Erfolg war, dass ich mich sofort erkältete.

Es war nicht erlaubt, nachts auf die Toilette zu gehen. Wer das Bett einnässte, musste zur Strafe im kalten Treppenhaus nur im Nachthemd auf einer Stufe stehen. Ich erinnere, dass dort ein anderes Kind stand, das ein Betttuch umgehängt hatte. Für mich sah das aus wie ein Geist, und ich hatte große Angst.

Spielzeug wurde uns zugeteilt. Wenn wir lieber mit etwas anderem gespielt hätten, wurden wir bestraft oder bekamen Ohrfeigen.

Im Keller gab es ein Bad mit mehreren Badewannen. Einmal pro Woche setzte man immer zwei Kinder in eine Badewanne und überließ es uns (ich war damals 5 Jahre alt), uns zu waschen. Der Erfolg war, dass ich nach 6 Wochen völlig verdreckt nachhause kam.

Was auf den Teller kam, musste aufgegessen werden. Wenn Kinder auf den Teller erbrachen und das Erbrochene auf die Teller anderer Kinder spritzte, mussten wir trotzdem aufessen. Ich erinnere, dass das Erbrochene vom Teller des Kindes, das erbrochen hatte, abgekratzt wurde, ein neuer Schlag Essen darauf kam und das Kind dies aufessen musste.

Es gab im Speisesaal eine oben abgerundete Tür, die zu einer Art Kellerverlies führte. Dort wurden Kinder bei völliger Dunkelheit eingesperrt, die etwas "verbrochen" hatten.

Meine Eltern hatten mir eine Postkarte mit „Mecki“, den ich sehr liebte, geschickt. Sie wurde anderen Kindern geschenkt, die keine Post erhalten hatten.

Nach meiner Rückkehr nachhause wich ich meiner Mutter nicht mehr vom Rockzipfel. Ich erinnere, dass ich eine Nacht bei Tante und Onkel und meinen Cousinen übernachten sollte, wo ich davor immer gerne gewesen war. Ich habe abends so lange geweint, bis meine Eltern mich wieder abholten.

Im Gegensatz zu anderen Betroffenen kann ich sagen, dass ich die traumatischen Erlebnisse in Bad Reichenhall irgendwann verarbeitet habe. Allerdings kann ich im Rückblick nicht verstehen, warum meine und andere Eltern nichts unternommen haben, um die Missstände aufzudecken.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 12. November 2021
Ich erinnere mich noch als wäre es heute daran, wie grausam mit uns/mir umgegangen wurde. Die Süßigkeiten, die meine Eltern mir mitgegeben hatten, wurden direkt konfisziert und wurden nie mehr gesehen. Ich war 5 Jahre alt. Essen, was man nicht mochte musste gegessen werden, egal wie lange das dauerte. Ich saß gefühlt Stunden allein mit den Aufsichten im Speisesaal. Die Aufsichten wechselten sich ab, bis sie mir das Essen in den Mund stopften. Unser Schlafsaal befand sich ganz oben und die Toilette wurde abends abgesperrt. Ich musste mich übergeben und brach vor die Toilettentür. Ich durfte deshalb am nächsten Tag bis zum Abend nicht den Schlafsaal verlassen. Da ich auch nach dem Verschluss der Toilette noch mal auf das Klo musste und das nicht möglich nässte ich über Nacht ins Bett. Und ich musste wieder bis zum Abend im Bett bleiben. Meine Mutter hatte an all meine Kleidung Namensetiketten angebracht, aber die Aufsicht stellte sich jeden Morgen an die Wand, an der ein Kleiderschrank stand und holte immer Anziehsachen von mir heraus und fragte wer die denn anziehen mochte. Ich musste als Kleinste immer einen schweren Karton tragen, in dem sich Essen und Trinken befand, wenn Ausflüge unternommen wurden, oder wenn wir Obst ernten mussten. Ich durfte nur einmal die Woche gewaschen werden und man schlug mich, weil meine Unterhose gelb vom Urin war. Ich bekam aber nicht tägliche frische Unterwäsche, nur einmal in der Woche wurde meine Unterwäsche gewechselt. Die Aufsicht stellte mich vor den anderen deshalb bloß. Als ich heim kam, stank ich erbärmlich nach Urin und kam gleich in die Badewanne und war sehr wund. Man stahl mir meine Himbeerzahnpasta. Ich bekam in den sechs Wochen eine Karte mit einem Sandmann von meinem Bruder. Ich bat darum, dass man sie mir vorlas, daraufhin sagte man mir, ich sollte mir wen suchen, der die Karte vorliest. Ich hatte viel später mit meinen Eltern darüber gesprochen, dass ich nur eine Karte von Ihnen erhalten hatte. Meine Eltern sagten mir, dass sie und mein Bruder fast täglich mir Karten geschickt hätten. Habe diese leider nie erhalten Am letzten Tag gab es eine Kutschfahrt. Ich wollte nicht mit, musste aber. Wir konnten uns jeder ein kleines Souvenir aussuchen, auch das wollte ich nicht musste aber. Ich suchte mir einen Fernseher aus, wenn man durchsah und auf einen Knopf drückte kam ein anderes Bild. Ich stellte es abends auf meinen Nachttisch und morgens war er weg. Ich bin nun schon 61 Jahre alt, aber diese grausame Zeit werde ich nie vergessen und kann da auch echt niemanden vergeben!!!
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 12. November 2021
Ich bin im Frühjahr 1963 mit 6 Jahren dort zur Verschickung mit meiner drei Jahre älteren Schwester gewesen. Ich bin sehr froh, dass wir damals keine Misshandlungen erlebt haben. Als ich mir einmal nicht die Haare waschen lassen wollte, musste ich deshalb den Tisch decken. Das habe ich als sehr gute Alternative empfunden. Das Heimweh hat mir allerdings sehr zu schaffen gemacht. Ich bin in meinem Leben nicht mehr zu einer Kinder- oder Jugendfreizeit gefahren oder später zu einer Kur gewesen.
Ich wünsche allen, die schlimme Erlebnisse hatten, dass sie diese noch aufarbeiten können.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Uwe Dittrich aus Dannstadt-Schauernheim schrieb am 10. November 2021
Hallo,
schreckliche Erfahrungen, die offenbar viele bei der Kinderverschickung durchmachen musten. Nur: Gibt es statistische Auswertungen, wie viele Kinder betroffen waren ? In meinem persönlichen Fall (mit 8 Jahren 6 Wochen Kinderheim Luginsland im Bonndorf) war es zwar eine heimwehreiche, aber durch schöne Erinnerungen geprägte Zeit. Viele Wanderungen, viele Spiele, nette "Tanten", weniger Strenge als daheim. Ist das die Ausnahme gewesen ?
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 10. November 2021
In St. Goarshausen wurde ausgestiegen, auf Vollzähligkeit überprüft und zu zwei Bussen gebracht, die uns nach kurzer Zeit zum Jagdhaus Dr. Stäckel brachten, das mitten im Wald stand, mit einem Vorbau, der als Esssaal fungierte. Uns wurden die Zimmer, Betten und Spinde zugeteilt und wir wurden aufgefordert, letztere mit unsrer Kleidung zu befüllen. Danach kamen wir im Esssal zusammen, wo wir Kakao, Kuchen Wasser bekamen und uns die Hausregeln erklärt wurden. Dann gings zum Spielen in den angrenzenden Garten und danach ins Bett. Dass die erste Nacht, weit von Zuhause, nach langer Fahrt, unter fremden Kindern und in fremden Betten aufregend sein würde und wir lange nicht in den Schlaf fanden, war allen bewußt.

Am darauffolgenden Morgen wurden uns nach dem Frühstück nochmals die Hausregeln vorgelesen. Dabei wurde großer Wert darauf gelegt, dass wir, ob beim Mittagsschlaf oder nach Zubettgehen, nicht mehr zur Toilette dürften. Wir sollten schlafen und nicht andere wecken. Die gelang mir innerhalb der sechs Wochen nur ein paar Mal. Die Toilette hatte ein Fenster, durch die Tageslicht schien. In der Toilettentür war ein Milchglasfenster, das die Erzieher mittags mit einen Handtuch abhingen. Ging als jemand außer der Reihe zur Toilette, fiel es herunter und beleuchtete den Flur. Nebenan, im Esssaal spielten die Erziehr Karten und so wurde schnell ersichtlich, wer sich nicht an die Regeln hielt.

Ich selbst wurde mehrfach ermahnt. Dann wurden härtere Maßnahmen ergriffen. Man wartete bis ich fertig war und zog mich an den Ohren wieder in den Schlafsaal. Die nächste Steigerung war das Absperren der Toilette. Dann versuchte ich, aus dem Fenster zu urinieren, wobei ich erwischt wurde, da ich durchs Öffnen des Fensters Licht in den Schlafsaal brachte. Wieder wurde ich an den Ohren gezogen, diesmal wurden sie angeknickt. Als ich mich, da alles verboten oder versperrt war, einnäßte und wegen des Urins nicht in mein Bett zurückkonnte, schlupfte ich bei einem Kind unter die warme Decke, das einen festen Schlaf hatte.

Morgens dann wurde das Malheur bemerkt und ich mußte den ganzen Tag auf der Eckbank liegen, neben mir die Karten spielenden Erzieher, um meinen fehlenden Schlaf nachzuholen, wie es hieß. Als die anderen Kinder von ihrem Ausflug wiederkamen, hießen sie die Erzieher rings um mich aufstellen und meine „Schandtat“ wurde öffentlich gemacht. Dann forderten die Erzieher alle Kinder auf, mich auszulachen. Ich versuchte mich unter dem Tischtuch zu verstecken und fing aus Scham und Hilflosigkeit an zu weinen. Ein einziges Mädchen kam unter den Tisch zu mir gekrochen und versuchte mich zu trösten. Ab diesem Tag wurde ich wegen kleinster Vergehen an den Ohren gezogen, bis sie am Ansatz bluteten. Sei es wegen Essen, das mir nicht schmeckte, Geschirr, das ich nicht wegräumte, Heimweh äußerte oder meiner Vorstellung von Ordnung im Kleiderschrank. Auch sprach man von mir im Kreis der Erzieher nur vom Pisser aus München.

Ich kann mich erinnern, dass einer meiner Tischnachbarn seinen Zitronenpudding nicht essen wollte. Er wurde dazu gezwungen. Daraufhin erbrach er sich und mußte dann das Erbrochene essen. Wir schauten dabei zu und kämpften gegen unsere Übelkeit. Heimweh war auch ein großer gemeinsamer Leidfaktor und wer weinte, wurde ebenfalls an den Pranger gestellt, mit der Aussicht, sowieso nicht wegzukönnen. Mitten im Wald in diesem einsamen Haus war es uns allen bewußt, dass wir ausharren mußten.

Dann durften wir auf ein nahes Volksfest und kauften uns von unserem spärlichen Taschengeld Süßigkeiten, Krimskrams oder Postkarten. Diese sollten wir an unsere Eltern schreiben. Dabei wurde darauf geachtet, dass wir nur positive Sachen schrieben. Wie setzten auf ein DIN A4-Blatt also einen Text auf und gaben ihn zur Korrektur. Übrig bleiben Floskeln und Schönwetterbeschreibungen. Diese mußten wir dann sooft schreiben, bis den Erziehern auch die Handschrift gefiel. Die Briefmarken kauften wir auch den Erziehern ab, die Postkarten wurden von ihnen versandt.

Als das Ganze in die fünfte Woche ging, wurde bei mir das Ohrziehen eingestellt, ich wurde sogar besonders betreut, indem man mir immer Salbe darauf gab. Vertuschung war angesagt. Die Erzieher waren betont freundlicher und uns wurde gesagt, dass wir in der Zeit dort viel gelernt hätten und wir gereift wären. Ich hatte keine Ahnung, was sie damit meinten.

Der Tag der Abreise war nochmals spannend, denn wir packten und fanden überall verteilt unter den Betten und hinter den Schränken, Kleidung, die wir versteckt hatten, damit man nicht sehen konnte, wer sich wieder eingenässt hatte.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 9. November 2021
6 Wochen Schwarzwald und noch heute ein Trauma davon!
Ich war nur am weinen vor Heimweh meine Briefe wurden gelesen und ich musste bei der Heimleiterin antanzen die mir dann drohte das meine Eltern die komplette "Kur" bezahlen müssten wenn sie mich abholen würden. und das wollten sie auch ihnen wurde gedroht! Gemeinschafts Duschen wie von Katharina beschrieben einfach erniedrigend,Zahnpasta wurde von der Erzieherin verteilt. Einmal in der Woche ich glaube auch es war Sonntags für drei Minuten mit Mama und Papa reden oben auf dem Speicher.Die Post bekam man nur wenn man in der Spur ging.
Auf dem Speicher musste auch der Mittagsschlaf gehalten werden auf dem Boden.....6 Wochen die Endlos erschienen und eigentlich für die Katz mir ging es danach schlechter als vorher! Was man sich dabei gedacht hat? Der Nutzen der "Kinderkur" war für die Katz !
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
reinhard schrieb am 7. November 2021
Soweit ich mich erinnere waren es Ordensschwester die uns betreuten. Morgens wurden alle Kinder mit ein und demselben Kamm gekämmt. Einmal mochte ich den Rosenkohl Mittags nicht essen. Ich habe lange in den Teller geheult bis eine Küchenfrau mich erlöste und in den Schlafsaal schickte, wo die Anderen schon lange waren. Während der Kur wurde ich krank.
Mandelentzündung. So krank mit 40 Fieber kam ich nach Hause. Der Hausarzt spritzte Penicillin und erkannte, dass mein Kopf voller Läuse war.
Diese 6 Wochen werde ich nie vergessen. Sollten der Kräftigung vor der Einschulung dienen.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 7. November 2021
Hallo, tja, wie soll ich anfangen....ich wurde mit 5 Jahren zur Kur geschickt. Wegen meiner Bronchitis. Unter einer Kinderkur verstehe ich was anderes. Es war mehr Drill. Mittagsschlaf,ob man wollte oder nicht, alles musste aufgegessen werden, ob man wollte oder nicht, ob man es mochte oder nicht. Man wurde angeschrien und musste solange am Tisch sitzen bleiben bis aufgegessen war.Ich musste mein Erbrochenes selbst aufwischen...das kam sehr oft vor weil es immer das gleiche zu Essen gab,vor allem Nachmittags. Auch bei den anderen Kindern sah es nicht besser aus. Alles war lieblos, ich habe mich nicht einen Tag sicher und wohl gefühlt. Bin krank geworden,niemand da,war sehr viel alleine im Bett ,es hat sich kaum jemand um mich gekümmert. Man hatte Angst etwas zu sagen,und wenn dann wurde man am Arm gepackt,ins Zimmer gebracht.Also, absolut keine gute Erinnerungen an diesem Ort.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 3. November 2021
Ich war grade 3 Jahre alt und im April/Mai 1959 sechs Wochen dort. Ich dachte, ich würde nie wieder nach Hause kommen und meine Mutter niemals wieder sehen. Meine frühesten Erinnerungen habe ich an die lieblose und gewalttätige Behandlung dort. Zum Beispiel kalt abgeduscht werden. Anschreien. Zwangsmittagsschlaf. Allein gelassen werden etc. Ich erinnere mich auch an das Gefühl, des totalen Ausgeliefert Seins. Ich war ja erst drei Jahre alt und habe Details verdrängt. Als ich als Erwachsene einmal nach Spiekeroog fuhr, wurde mir das ganze Ausmaß meines Traumas klar. Mir wurde schon mulmig bei der Schiffart entlang der Insel bis zum Hafen, als ich die Silhouette der Insel sah. Im Hafen kamen die Erinnerungen an die Inselbahn, die es 1959 noch gegeben hatte und im Ort stand Ich unvermittelt vor der Stranddistel und habe sie sofort erkannt. Mir wurde schlecht. Ich musste mich an Ort und Stelle spontan übergeben und hatte Durchfall und musste weinen. Mein Körper hatte alles abgespeichert.
Bei meinem Aufenthalt 1959, als kleines Kind wäre ich dort ausserdem fast gestorben. Ein Trauma bis heute (66 Jahre alt) ist, dass ich über das Wattenmeer nach Hause zu meiner Mutter laufen wollte. Denn ich sah das Festland auf der anderen Seite. Es hat wohl niemand bemerkt, dass ich ins Vorland gelaufen war. Ich war aber zu klein und blieb irgendwo im Schlick stecken und drohte zu ertrinken. Es war auch sehr kalt und ich völlig durchnässt und verdreckt. So lag ich da. Die Möven kreisten über mir und schrien. Sie haben mich auch vollgekackt. Aber sie waren wahrscheinlich meine Rettung, denn durch ihr Schreien wurden Leute aus dem Heim wohl aufmerksam, dass dort etwas nicht stimmte. Ich vermute, dass ich so wohl wieder gefunden und vor dem Tod bewahrt wurde. Auf einmal war da lautes Gekreische und Geschrei von Menschen. Ich wurde hochgerissen und ausgeschimpft. Dann weggetragen, ausgezogenen und unter die kalte Dusche.
Um dieses Erlebnis zu bewältigen habe ich in meinem Leben viel Traumatherapie machen müssen.
Mich würde interessieren, ob es noch jemand gibt, der 1959 dort war und genauere Erinnerung hat. Vielleicht sogar im Frühjahr?
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 31. Oktober 2021
Hallöchen allen Betroffenen,als mehrfach Betroffene möchte ich von dem berichten, über meine Erfahrungen als Erzieherin in Kurheimen an der Nord und Ostsee. Diese beiden Heime kommen auch hier vor, jedoch ganz minimal. Von einem Beitrag war ich erschrocken, dass selbst 1982 Vorfälle dieser Art haben.
Die Häuser gehörten zu einer religiösen Gemeinschaft. Ich selbst war 11 Jahre als Mitglied in dieser Gemeinschaft. Als junges Mitglied war ich in beiden Häusern tätig. In beiden Häusern herrschte der gleiche Stil. Die Gestaltung der Häuser : Eisenbetten auch als Etagenbetten, so gestellt dass jeweils ein Hocker dazwischen passte und das in grossen Saaelen, sowie auch die Waschräume. Die Duschen erinnerten mich immer an ein Konzentrationslager, einfach erdrückend. Der Tag selbst hatte eine straffe Ordnung. Die Gruppenstärke belief sich oft auf 20- 22 Kinder, bei den Jüngeren mit Praktikantin und bei den Älteren sehr oft nicht. Der Tag für die Kinder begann um 7.30 zusammen im Waschraum, dann Frühstück vor und nach den Mahlzeiten beten, für manche Kinder befremdlich, aber das war als christlicher Träger und Gemeinschaft Pflicht. Je nach Wetterlage Aufenthalt Strand. 12.00 Mittagessen, dieses wurde von uns verteilt, durch meine eigene Erfahrung müssten die Kinder dass was sie nicht möchten essen. Danach Mittagsruhe bis 14.30 da musste es Mucksmäuschen still sein. Wer lesen konnte dürfte das. Oft habe ich selbst vorgelesen, allerdings benötigten wir von der Gemeinschaft auch die Zeit um unsere geistlichen Pflichten zu erledigen. Die Wache wurde geteilt mit einer Mitschwestern ohne pädagogischen Hintergrund und ganz oft mit Angst vor der Wache hatten, dem nicht gewachsen zu sein. Manchmal wer Pech hatte, hatte gleich zwei Gruppen zu bewachen. Um den Ganzen entgegen zu wirken, habe ich die Mittagsruhe oft ausfallen lassen und haben die Zeit dazu verbracht, die Gegend zu erkunden. Dazu haben wir dann unsere Kaffeebrote und etwas zu trinken mit genommen. 18.00 Uhr gab es Abendbrot, dazu waren leider die Brote schon fertig belegt. Man kam in den Gruppenraum und roch schon welcher Belag sich auf dem Brot befand. 19.30 hieße es ab in den Waschraum, Toilettengang und ins Bett. Als Abschluss noch ein Abendgebet und dann würde so lange vorgelesen, bis auch das letzte Kind schlief. Für uns war das stets ein langer Tag, der schon um 5.30 begann und abends oft bis 22.00 - 23.00 ging. Wir als Mitglieder bekamen nur einen freien Tag in der Woche, die Angestellten zwei. Jeden Sonntag kamen alle Gruppen zusammen und zeigten etwas zu einem bestimmten Thema. Einmal in der Woche traf der Besuch zum Wellenbad zu, bei der Anzahl der Kinder kein leichtes Unterfangen, besonders in der Hochsaison. Insgesamt bei so einer grossen Anzahl der Kinder bedurfte es ein straffes Konzept in den ersten Tagen. Es waren oft Kinder aus sozial geschädigten Familien dabei, die schon mal für ziemlich viel Wirbel sorgen können. Wichtig in den ersten Tagen, zu erfahren wie Grenzen sind. Bei der Vertretung kann es dann auch mal aus dem Ruder fallen. Bei einer Ablösung haben meine Jungs sechs Jahre alt die Stuhllehnen mit den Schneidezähnen abgeschabt, oder oben an der Decke kleben die Heringsschwänze usw. Das Essen selbst war nicht immer unbedingt Kindgerecht, aber das ist so, wenn der Karten schon lang eingefahren ist. Bevor ich nach 11 Jahren die Gemeinschaft verlassen habe, war es endlich soweit, dass die Kinder ihre Brote selbst schmieren durften, das war dann wesentlich entspannter. Und zum Schluss nicht vergessen jedes Kind bringt seine eigene Geschichte mit, das bei der Besetzung dem gerecht werden ist wirklich schwierig. Hiermit gruesse ich alle die es lesen werden
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Janine aus Berlin schrieb am 30. Oktober 2021
Ich bin erst vor Kurzen über die Reportage Verschickungskinder "gestolpert". Auch wenn ich wahrscheinlich Jemand bin der ziemlich spät in der DDR verschickt wurde, habe auch ich bruchstückhafte Erinnerungen. Bis jetzt war mir natürlich nicht bewusst das auch ich so ein Verschickungskind war.
Ich habe im Laufe meines Lebens immer mal wieder so die ein oder andere Erinnerung gehabt.
Meine Mutter sagte, ich war wegen meinen Bronchien dort.
Meine Erinnerungen...
Man saß am Frühstückstisch u d man wurde gefragt ob man schon zur Toilette war (Stuhlgang) Wenn man dies verneinte wurde man mit etwas Toilettenpapier zum WC geschickt. Es gab jeden Morgen Brot, was drauf war, leider keine Ahnung mehr. Man musste zu jeder Mahlzeit Alles aufessen, auch Kinder die bereits erbrochen hatten mussten weiter essen.
Dieser gruselige Schlafsaal begleitet mich noch heute...
Wenn man ins Bett gemacht hat wurde man sofort ins Bad gebracht und mit einem Schlauch abgespritzt. Ich hab es gehasst. Dann gab es einmal die Woche eine Art Therapie. Wir Kinder mussten uns obenrum ausziehen und sich mit den anderen Kindern in eine Reihe setzen. Jedes Kind hatte eine Massagebürste, die reichte man dem Kind was hinter einem saß und dann mussten wir uns gegenseitig den Rücken "bürsten". Danach mussten wir uns komplett ausziehen und wir wurden begutachtet, was sehr unangenehm genehm war. Ich meine auch mich dran zu erinnern, dass wir abgetastet wurden. Briefe und Karten wurden nicht vorgelesen (ich war 5J) sondern mir nur ausgeteilt. Ich war ein sehr ruhiges u schüchternes Kind, aber man hat mich immer drangsaliert. Ich musste am Tisch beim Essen stehen, mit dem Gesicht zur Wand stehen..etc...Ich kann mich auch nicht an einen einzigen schönen Moment erinnern.
Eigentlich nur das ich viel im Bett ruhig liegen musste, dann die Essenssituationen und das die "Tanten" mich irgendwie immer pikanten.
Meine Tochter ist heute 5Jahre, so wie ich damals. Ich könnte sie nicht alleine zur Kur schicken. Ich glaube, auch wenn es vor meiner Zeit viel Schlimmer war, hab ich trotzdem diese Erinnerungen nach dieser Zeit immer wieder im Hinterkopf. Und diese Erinnerungen sind sehr bedrückend.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 29. Oktober 2021
Ich bin durch den Fernsehbericht aufmerksam geworden. War zweimal in Verschickung. Ich erinnere mich nur an ganz wenig, aber an Demütigung vor dem ganzen Saal. Und daran, dass man nackt zur Untersuchung erscheinen musste. Und an absoluten Gehorsam. Ich konnte nie darüber sprechen. Der Unterschied zur Erziehung im Elternhaus war zu gering! Man hätte mir nicht geglaubt. Erst jetzt merke ich, dass das meine ganze Persönlichkeit geprägt hat und bis heute nachwirkt. Eine ererbte Schwerhörigkeit machte mich zusätzlich selbstunsicher. Ich war das „behinderte“ Kind und niemand sprach darüber. Zusätzlich wurde in unserer Familie nur über die Menschen und nicht „mit“ den Menschen gesprochen. Ich würde mich gern hier einbringen und an der Aufarbeitung mitwirken.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Christiane aus Brilon schrieb am 29. Oktober 2021
Ich wurde mit 9 Jahren zur "Kur" für 6 Wochen nach Bad Wörishofen in die Kneipp'sche Kinderheilstätte geschickt,als Ersatz für meine große Schwester. Vor lauter Freude und Aufregung bin ich in den Zug gesprungen, habe sogar vergessen, mich von meiner Mutter zu verabschieden.
Nach einer langen Zugreise wurde ich in der Kinderheilstätte von einer Nonne begrüßt .Sie fragte mich etwas, ich mußte 3mal nachfragen,ich habe sie wegen ihres bayerischen Dialektes nicht verstanden und weiß bis heute nicht, was sie von mir wissen wollte.Sie machte sich nicht einmal die Mühe,dann auf Hochdeutsch mit mir zu sprechen.
Was dann alles passierte ist in Vergessenheit geraten oder hat sich ganz tief in meinem Inneren vergraben. Durch die Berichte anderer Betroffener ist bruchstückweise einiges wieder in Erinnerung gekommen.
Ich weiß, das auch wir nachts absolutes Toilettenverbot hatten.Trotzdem bin ich eines Nachts aufgestanden und zur Toilette geschlichen. Ich hatte Glück, niemand hat mich erwischt.
Auch mußte der Teller immer leer gegessen werden,man blieb so lange davor sitzen,bis man es geschafft hatte.Zum Glück musste ich nie erbrechen.Ich sehe mich noch vor einem Teller mit rohem Fisch in Aspik sitzen,wie hat es mich geekelt,ich esse das bis heute nicht.
Schläge habe ich auch bekommen, weiß aber nicht warum.Und jeden Abend musste man die Hose runterlassen,da bekam man dann ein Fieberthermometer in den Hintern geschoben, das war nicht immer angenehm.
Briefe und Postkarten durften nur positiv geschrieben werden, Pakete,die ich von zu Hause erhielt,waren geöffnet,Süßigkeiten entwendet und nicht mehr wiedergesehen.
Die Kinderheilstätte hatte ein Klassenzimmer mit Lehrer,eigentlich hatte ich ja Ferien, musste aber trotzdem zum Unterricht. Ich fand das sehr ungerecht. In diesem Jahr fielen meine Sommerferien aus.
Wider zu Hause, habe ich bis vor kurzem nicht über meine Kur gesprochen,ich habe das Erlebte als "normal"empfunden.Bis ich auf den Bericht der Verschickungskinder gestoßen bin,dank meiner großen Schwester, die ihre Kur an der Nordsee verbrachte und keine negativen Erlebnisse hatte.Bis heute bin ich ein eher schweigsamer Mensch,habe vieles über mich ergehen lassen. Jetzt, mit über 50Jahren habe ich gemerkt,wie viele Menschen mich manipuliert und ausgenutzt haben.Ich lasse mir das nicht mehr gefallen.Dank meiner großartigen Familie werde ich das auch schaffen. Niemand sollte solche Erfahrungen in seinem Leben machen müssen,vor allem nicht das kostbarste Gut das wir haben,unsere Kinder!
... Diese Metabox ein-/ausblenden.

Aufrufe: 33781