Verschickungserlebnisse

Auf dieser Seite schreiben Mitmenschen ihre traumatischen Verschickungserlebnisse, die sie als Kind in Kinderkurheimen erlebt haben.

Diese Berichte dienen in erster Linie dazu das wir alle zusammen ein Zeitdokument erschaffen, das die Grausamkeiten und Misshandlungen von damals dokumentiert.

Durch die geschilderten Erlebnisse und der Preisgabe an die Öffentlichkeit wollen wir einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit gewinnen und unsere Schilderungen können nicht als “Einzelfall” dargestellt werden!

Die hier geschilderten Erlebnisse können auf Wunsch auch anonymisiert werden. D.h. ihr müsst keinen Realnamen preisgeben!
Eure Daten werden keinesfalls an Dritte ausgegeben!!! Sollte jemand mit euch Kontakt aufnehmen wollen, fragen wir bei euch zuerst an und geben die Kontaktdaten nur an euch weiter. Somit könnt ihr selbst entscheiden, ob ihr Kontakt aufnehmen wollt oder nicht.



Einen neuen Eintrag schreiben

 
 
 
 
 
 
 


 



 
 
 
 
Mit * gekennzeichnete Felder sind erforderlich.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Es ist möglich, dass dein Eintrag erst sichtbar ist, nachdem wir ihn überprüft haben.
Wir behalten uns vor, Einträge zu bearbeiten, zu löschen oder nicht zu veröffentlichen.
191 Einträge
Maik H. aus 25421 Pinneberg schrieb am 16. Februar 2022 um 09:59
Ich bin im Internet auf die Seite „verschickungskind.de“ aufmerksam geworden. Ich hatte mich schon vor 20 Jahren mit den Erlebnissen auf der Insel Amrum auseinandergesetzt. Damals tat ich die Ereignisse als eine schlechte Lebenserfahrung ab, ich hatte einfach Pech gehabt. Heute jedoch habe ich meine Meinung darüber geändert.

2001 schrieb ich einen Teil meiner Erlebnisse auf:

- Ich sehe heute noch den Reisebus vor mir. Mutter, Stiefvater, meine Schwester und ich standen vor dem Bus. Meine Schwester und ich sollten einsteigen und meine Eltern blieben draußen. Ich weinte und weinte. Meine Schwester tröstete mich, aber nichts half. Dann fuhr der Bus ab, und ich dachte ich sehe meine Mutter nie wieder. Ich weinte fast die gesamte Fahrt. Ich war nicht zu beruhigen. Der lange Fußmarsch durch die Dünen zum Landheim konnte mir meinen Schmerz auch nicht nehmen. Dort angekommen wurden wir gleich in Gruppen eingeteilt. Frau Tannenberg war unsere Aufseherin. Sie war streng ohne menschliche Regung. Ein kalter Fisch wäre noch geschmeichelt. Sie teilte mich in einer Jungengruppe ein. Ich wollte unbedingt mit meiner Schwester zusammen bleiben. Ich weinte und weinte. Sofort wurde ich zum Gespött aller Kinder. Frau Tannenberg lachte mich aus, und nannte mich von da an „Mamasöhnchen“. Am ersten Abend weinte ich bis ich einschlief. Ich wollte nach Hause zu meiner Mutter. Ich hatte sehr starkes Heimweh. Die zweite Nacht weinte ich wieder und machte sogar ins Bett. Da riss bei Frau Tannenberg der Geduldsfaden. Sie ließ mich mit nassen Hosen in dem Bett liegen. Alle Jungen im Zimmer lachten mich aus. In der dritten Nacht weinte ich noch immer. Diesmal hatte Frau Tannenberg mich aus dem Schlafsaal geholt, mit der Schlafdecke unter dem Arm musste ich mich im Flur unter die Treppe stellen. Es gingen an diesen Abend mehrere Erzieher an mir vorbei, aber keiner beachtete mich. Ich stand dort bis Mitternacht oder länger, danach holte mich Frau Tannenberg am Ohr ziehend in mein Bett zurück. Ich weinte, bis ich erschöpft einschlief. Die vierte Nacht weinte ich wieder, und ich musste abermals auf den Flur. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange sich die Prozedur wiederholte. Meine Ohren waren bereits auf beiden Seiten weit eingerissen. Ich hatte gelernt auf dem Flur im Stehen zu schlafen. Zu meinem sechsten Geburtstag schickte mir meine Mutter ein großes Paket in das Landheim. Süßigkeiten und ein Brief von ihr waren darin verpackt. Das Paket war von Frau Tannenberg bereits geöffnet worden. Die Leckereien wurden an alle Kinder verteilt, den Brief durfte ich behalten. Meine Schwester las ihn mir vor, und ich war glücklich, wie nie zu vor auf Amrum. Nachmittags rief meine Mutter an, und ich konnte mit ihr reden. Dies war ein guter Tag auf Amrum. Eines Nachts, ich weinte wieder, kam Frau Tannenberg in den Schlafsaal. Ich wollte schon aufstehen und mit meiner Decke auf den Flur gehen. Doch sie fragte mich: „Möchtest du bei deiner Schwester schlafen?“ „Ja“, sagte ich überrascht. In dieser Nacht schob sie mein Bett in das Mädchenzimmer. Nachdem Frau Tannenberg verschwunden war, legte sich meine Schwester gleich zu mir. Ich weinte, dieses Mal vor Freude. Die alte Frau Tannenberg war merklich zurückhaltender zu mir, meine vereiterten Ohrläppchen konnten langsam heilen. Jeden Sonntag gingen wir in die Kirche. Für mich war das ungewohnt. Genau sechsmal besuchte ich die Kirche auf Amrum. Die Kirchengänge waren nicht schlecht, aber wohl, fühlte ich mich nicht, denn ich kannte keines der Lieder. Auf Amrum wurde viel gewandert. Einmal liefen alle Kinder und Erzieher von Amrum durch das Watt nach Föhr. Wir mussten durch viele Priele laufen, ein Priel war so tief, dass ich nicht alleine hindurch waten konnte. Ich war viel zu klein, ein Betreuer nahm mich auf die Schultern und trug mich hinüber. Dort angekommen warteten wir die Flut ab und fuhren mit dem Schiff zurück. Die Zeit auf Amrum ging sehr, sehr langsam zu Ende. -

Als ich die vielen Briefe der anderen Betroffenen las, kamen einige Erinnerungen wieder zurück. Der Mittagsschlaf. Wir mussten bewegungslos, mit geschlossen Augen, eine lange Zeit liegen. An die Essgewohnheiten kann ich mich nicht erinnern, nur dass ich Grießsuppe und Schokoladensuppe gerne gegessen habe.

Ich war Bettnässer. Mir ist heute nicht klar, ob ich es bereits war, oder dort wurde. Wir durften tatsächlich nachts nicht auf die Toilette. Da ich ein Vieltrinker war, dürfte für mich das nächtliche Toilettenverbot eine Qual gewesen sein. Richtig trocken wurde ich erst mit zehn oder elf Jahren. Woran ich mich aber noch gut erinnern kann, ich wurde immer wieder von Frau Tannenberg beschimpft und gedemütigt. An das Lachen der Kinder kann ich mich noch gut erinnern.

An den Namen Frau Tannenberg erinnere ich mich seit dem Aufenthalt auf Amrum. Vielleicht erinnert sich jemand auch an den Namen? Es kann aber auch sein, ich war damals fünf Jahre alt, wurde sechs, dass ich mir den Namen aus „Tante und Berg oder Berger“ zusammengereimt habe. Also auch Tanneberger, Tannnenberger, Tante Berg oder Tante Berger.

An das Heim kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich habe durch Recherche und Ausschlussverfahren das „Kindererholungsheim Lenzheim“ auf Amrum ermittelt. Zu dem Schluss bin ich gekommen, weil wir von der Fähre zu Fuß gelaufen sind. Der Ort Wittdün liegt direkt an der Fähre. In dem Ort gab es zwei Heime, das „DRK Kindererholungsheim“ und nicht weit weg vom Fähranleger das „Kindererholungsheim Lenzheim“. Wir sind zu Fuß in die Kirche gegangen. Zuerst dachte ich an das „DRK Kindererholungsheim“, weil die kleine Kirche direkt gegenüber lag. Aber ich kann mich erinnern, wir mussten ein Stück gehen. Dann habe ich im Internet nach Bildern gesucht und habe tatsächlich zwei Postkarten entdeckt, auf die auch der Flur mit der Treppe zu sehen ist. Genau dieser Flur war es, auf dem ich Nächte verbracht habe, in der Ecke unter der Treppe. Ich meine sogar, die rechte Tür war mein Schlafraum oder das meiner Schwester. Ein weiteres Foto zeigt den Speisesaal vom „Kindererholungsheim Lenzheim“. Meine Schwester hat mir bestätigt, dass sie den Raum kennt und auch den Flur. Beide Postkarten zeigen das „Kindererholungsheim Lenzheim“!

Ich habe mir Gedanken gemacht, inwieweit das Erlebnis auf meine spätere Entwicklung Einfluss genommen hat. Als ich damals nach Hause kam, glaubte meine Mutter mir nicht. Im Gegenteil, mein verändertes Verhalten empfand sie als Belastung. Eine Verbindung zwischen meinem Verhalten und der Erfahrung im „Kindererholungsheim“ verblasste von Jahr zu Jahr mehr. Bis ich irgendwann selber keinen Zusammenhang mehr sah. Ich war ein sehr unsicherer und misstrauischer Junge, Konflikte löste ich mit Jähzorn. Ich war introvertiert ,besonders fremden Menschen gegenüber und hasste Ungerechtigkeiten. Gruppen, wie zum Beispiel Sportvereine, mied ich. Die Angst zu versagen und ausgelacht zu werden, begleitete mich meine ganze Kindheit. Heute noch kann ich es schwer ertragen, wenn Kinder leiden müssen. Berichte von Missbrauchsopfern gehen mir unheimlich nahe. Lange habe ich die Ursachen dafür in der Familie gesucht. Aber mir ist klar geworden, die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Amrum und dem Leben danach. Ich bin überzeugt, die Erlebnisse in dem „Kindererholungsheim“ haben mein Leben nachhaltig, auf einer negativen Weise, beeinflusst.

Heute geht es mir gut und ich bin glücklich. Was ich mir wünschen würde, wäre eine öffentliche Aufarbeitung der schrecklichen Nazi-Erziehungsmethoden, die ja leider noch bis Anfang der Neunziger Standard waren. Außerdem wäre eine Entschuldigung der Träger und Jugendämter angebracht. Ärzte und Tanten, die noch leben und das System nachweislich unterstützt haben, sollten mit ihren Taten konfrontiert werden.


Maik
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 15. Februar 2022 um 21:57
Hallo, bin durch den Bericht im NDR auf die Seite gestoßen. War wegen tuberkulose im kinderkrankenhaus im borntal. Ich wurde gut behandelt, auf keinen Fall misshandelt. Ich bin als geheilt entlassen worden nach 1 3/4 Jahren und habe zum Glück nie wieder mit der schrecklichen Krankheit zu tun gehabt. Unser Chefarzt hiess dr. Wilhelm; die Schwestern judith, Renate sind noch in meinem Gedächtnis. Sie waren diakonissen. Ich hatte natürlich fürchterliches Heimweh. Das einzige schlimme war, dass wir nur zu bestimmten Zeiten auf die Toilette durften. Einige Kinder mussten auch mal erbrochenes aufessen. Ich habe eine Freundin von damals, wir treffen uns noch heute. Ihr ging es nicht ganz so gut. Aber sie ist auch wieder gesund geworden. Abends, wenn wir im Schlafsaal lagen, waren die Türen geöffnet und auf dem flur spielte uns schwester cilly mit ihrer Gitarre Lieder vor und sang dazu. Z.B. rosenstock,holderblühn oder guten Abend, gut Nacht. Meistens weinten wir uns dann in den Schlaf, aber da konnten die Schwestern nichts zu. Vielleicht kann sich jemand an die Zeit erinnern. Liebe grüsse.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Renate R. aus früher Kassel, heute Alfeld/Leine schrieb am 14. Februar 2022 um 16:17
Hallo, durch den Fernsehbeitrag im NDR über Verschickungskinder ist mir meine “Erholung” wieder sehr ins Bewusstsein gerufen worden. Ich war 1960 mit knapp 8 Jahren im Sommer für 6 Wochen in Wyk auf Föhr im Erholungsheim. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es das Charlottenburger Kinderheim war. Ich besitze noch ein Gruppenfoto, wo wir Kinder vor dem Gebäude mit 2 “Tanten” sitzen. Auch ich war dort totunglückich, hatte Heimweh und erinnere mich ganz besonders an das Frühstück: wir mussten Haferschleim aus tiefen Tellern essen. Ich mochte das nicht und durfte erst aufstehen, wenn ich den Teller leer gegessen hatte. Das habe ich aber meistens nicht geschafft. Manchmal hatte ich Glück, und eine nette “Tante” stellte meinen halbvollen Teller beim Abräumen einfach unter die anderen Teller. Aber oft habe ich mich auch auf meinen Teller erbrochen. Zum Glück musste ich das aber, wie ich von anderen hörte, nicht mehr essen. Bis heute schaffe ich es nicht gekochten Hafer in jeglicher Form runterzuschlucken.
Auch beim Mittagsschlaf wurden wir mit Holzlatschen auf den Po geschlagen, wenn wir flüsterten, weinten oder einfach nur die Augen auf hatten.
Vielleicht erinnert sich noch jemand daran, dass die Kinder, so wie ich, die kein Fleisch runterschlucken konnten,nach dem Mittagessen den ausgekauten Klumpen aus ihren Backen ins Klo gespuckt haben.
Auch die geschriebene Post, in der von Heimweh die Rede war, kam nie zu Hause an, weil wir die Briefe ja nicht zukleben durften.
Es war eine furchtbare Zeit, die ich keinem Kind wünsche. Übrigens waren meine Eltern sehr erschrocken als ich nach Hause kam und kein Gramm zugenommen hatte. Sie hatten ja keine Ahnung und dachten sie täten mir etwas Gutes.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 14. Februar 2022 um 09:47
Vom Jugendamt/Amtsarzt in Kassel als zu dünn eingestuft, also ab zur Erholung.
Alter: 9 Jahre, kam danach in die dritte Klasse
Zeitraum: Sommerferien 1963
Dauer: 6 Wochen
Hin und Rückfahrt im Sonderzug Stichwort: Hessenkinder !
Ort: 2252 St. Peter -Ording
Heim: lag einsam an Straße direkt hinter dem Deich, möglicherweise Kinderheim Ehlers, oder Weberhäuschen, leider keine genauen Nachweise, da keine Unterlagen mehr gefunden.

Stichworte zu Erlebnissen:
- Zweck der „Kur“: Kinder sollten „gemästet“ werden. Bei mir Foto vor „Kur“ schlank, danach aufgedunsen!
- Essen: schlecht, man wurde gezwungen aufzuessen, besonders die Vorspeise „rote Beete sauer eingelegt mit Kümmel“ (aus der Dose) und undefinierbare Suppe (Grünkern oder ähnlich) mit Geschmack, der Brechreiz auslöste.
Einmal Rote Beete in Teller erbrochen.
Vor angekündigtem Leckerbissen von Pfannkuchen gab es erstmal eine extra große Portion dieser roten Beete aus der Dose, die aufgegessen werden musste, bevor es Pfannkuchen gab.
- Briefe an die Eltern: wurden vorgelesen und zensiert, über den Text z.B. „hatte Dünnschiss“ wurde man vor allen Leuten durch Vorlesen bloßgestellt und ausgelacht!
- Post von den Eltern : wurde vorenthalten. Mein Vater hatte mir versprochen jede Woche die neueste Micky Maus zu schicken. Nichts kam, ich war enttäuscht und glaubte meine Eltern hätten mich vergessen. Andere bekamen Süßigkeiten von Ihren Eltern geschickt. Ich traute mich nicht darum bei meinen Eltern zu bitten. Wenn ich auch die versprochene MM nicht bekomme, was soll ich dann nach Süßigkeiten fragen.
Überraschung: als wir das Heim am Abreisetag verlassen wollten bekam ich die sechs Heftchen kommentarlos in die Hand gedrückt. Mein Zorn war unendlich, aber wenigstens die Rückfahrt hatte ich ausreichend Lektüre.
- Allgemeiner Umgang: wie bei der Grundausbildung beim Bund. Die saubere Wäsche wurde einem zugeworfen. Wenn man nicht schnell genug reagierte wurde man ausgelacht.
- Bibliothek: es gab ein paar Bücher, die in einem schlechten Zustand waren, völlig zerlesen und mit fehlenden Seiten, also nicht zu verwenden.
- Heimweh: nächtelang geweint und großes Heimweh (Einzelkind).
- Fazit: Behandlung und Verpflegung schlimmer als bei der Grundausbildung der Bundeswehr. Für sensible Kinder eine Katastrophe. Mit dem Unterschied, dass ich da schon zwanzig war und nicht neun. Außerdem konnte man am Wochenende nach Hause und man konnte telefonieren!
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 13. Februar 2022 um 15:45
Hatte eine schwere Rippenfellentzündung und bin mit TBC dort gewesen.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 8. Februar 2022 um 22:16
Suche Menschen, die dort in den 1960ern waren und mir darüber berichten können wie es dort war.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 2. Februar 2022 um 22:45
Ich weiß nicht, ob das angegebene Jahr stimmt. Ich weiß nur, dass ich schon lesen und schreiben konnte, also im zweiten oder dritten Schuljahr war. Ich war nach den damaligen Vorstellungen zu dünn und wurde zum Aufpäppeln verschickt. Da in Cuxhaven auch die Mutter meiner Patentante lebte, hatten meine Eltern keine Bedenken, mich dorthin zu schicken. Ich war mit Mädchen unterschiedlichen Alters zusammen. Wir schliefen gemeinsam in einem großen Schlafsaal und da ein Mädchen nachts immer ins Bett gemacht hat, wurde das allen morgens erzählt. Bei den Ausflügen an den Strand mussten wir paarweise uns an den Händen halten. Ich musste immer Hand in Hand mit einem Mädchen gehen, das ich überhaupt nicht mochte. Als mir meine Eltern zu Ostern ein kleines Paket mit Ostereiern geschickt hatten, bekam ich diese nicht. Das Paket wurde vielmehr mit an den Strand mitgenommen und der Inhalt von der Erzieherin in die Luft geworfen. Die Ostereier bekam das Kind, das sie gefangen hat. Ich habe nichts bekommen, da ich zu klein war, um sie aus der Luft zu fangen. Ich habe mitbekommen, dass meine Briefe, in denen ich mich über das Heim beschwert habe, abgefangen wurden und nicht bei meinen Eltern ankamen. Da meine Eltern mir reichlich Briefmarken mitgegeben hatten, habe ich dann auf einem Ausflug einen Brief an meine Eltern selbst in den Postkasten eingesteckt. Ich wurde dann umgehend abgeholt. Meine Mutter war entsetzt, wie ich mich verändert hatte. Mein Großvater, Rechtsanwalt, war so entsetzt von meinen Berichten, dass er vorschlug, juristisch gegen das Heim vorzugehen. Das lehnten meine Eltern ab, wahrscheinlich um mich nicht weiter zu belasten. Meine erste Klassenfahrt in der vierten Klasse war eine Katastrophe und auch später habe ich jede Reise ohne meine Familie möglichst vermieden. Wenn ich an diese Zeit zurück denke, läuft es mir immer noch kalt den Rücken herunter.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Gerd Boge schrieb am 2. Februar 2022 um 14:55
Ich vermute dass es sich um das oben genannte Kinderheim handelt, weil meine Eltern evangelisch waren. Ich war sieben Jahre alt als ich dorthin verschickt wurde weil ich in der Schule auffällig war abwesend und teilnahmslos. Mein Vater meinte man müsste mich an die See schicken das wäre das beste. Dieses Heim war für mich ein Desaster, weil ich von anderen Jungen sexuell missbrauchte misshandelt worden bin. Ich kann mich nur an eine Heimleiterin bzw. eine Betreuerin erinnern, die sich aber nicht gekümmert hat. Diese Jungen haben auch mein Spielzeug, das mir meine Eltern geschickt haben geklaut und kaputt gemacht. Ich habe bisher über diese Erlebnisse mit noch niemandem gesprochen weil sie mich mein Leben lang begleiten und ich versucht habe sie zu verdrängen. Falls es jemand interessiert: ich habe auch noch ein Foto von der Gruppe und kann darauf noch immer die Übeltäter identifizieren.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 29. Januar 2022 um 13:28
Wenn man als Neuling in ein Kinderheim kommt, dann wollen die einen Frischling erstmal testen.
Wie hoch ist sein Frustpotential, kann er sich wehren, ist er cool genug. Naja. Wie sieht ein Tag im Kinderheim aus? Es ist wahrscheinlich nicht Gang und Gäbe gewesen, aber du wirst um 6 Uhr geweckt, kalt/warm abgeduscht und musst dich ganz schnell anziehenum zum Frühstück zugehen. Haferflocken mit Milch und Apfelmuß das gab es jeden Morgen.
Um 7 Uhr ging´s dann in die Schule und gegen 13 Uhr wieder zurück. In den ersten Schuljahren dachte ich es sei alles in Ordnung dort, dachte ich. Du kommst ins Kinderheim zurück, bringst deine Schulsachen in den Tagesraum und setzt dich an den Tisch für´s Mittagessen. Wenn man dort neu ist gibt es dort so eine Art Rangfolge.
Kinder bis 9 oder 10 machen Mittagsschlaf nach dem Essen.
Kinder ab 10 mussten dort nach Mittagessen und Hausaufgaben auch noch hausintern an verschiedenen Arbeitsprojekten teilnehmen.
Und wehe man ist nicht zum Familenkreis vor den Essenszeiten erschienen, dann bekam man als Strafe auch nicht zu essen. Ich frage mich ernsthaft was das Tanzen und Ausführen eurehtmietischer Figuren zur Selbstfindung beitragen sollte? 9 Jahre war ich dort.
Am Anfang waren Sie sehr streng mit uns. Im ersten Jahr durfte man garnicht nach Hause in den Ferienzeiten und musste an dem Frezeitangebot des Heimes teilnehmen
(Reisen nach Locarno, Reise in die Französische Schweiz Mothier haut pierre) gut man konnte dort biken gehen oder wandern mit Aufsichtsperson natürlich.
Insgesamt war ich wohl 3x dort. Im zweiten Jahr konnte man dann schon Mal entweder im Sommer oder im Winter nach Hause. Wobei ich doch in sehr traurige und verheulte Gesichter mancher Kinder schauen musste, dessen Eltern sie aus welchem Grund auch immer nicht abholen konnten.
Wäre mein Elternhaus nicht so zerüttet gewesen, so hätte ich aus Solidarität ein Kind dessen Eltern nicht gekommen wären mitgenommen. Ich weiß garnicht ob die Eltern wissen, was Sie dem Kind, Ihrem Kind damit angetan haben. Dann ging ja wieder die Schule los und ich bin mittlerweile in der Rangliste aufgestiegen. Vom Mittelstock kam ich dann in ein Aussenzimmer im Erdgeschoß, wo ich mit 3 Personen in eim Zimmer schlafen sollte. Ja schlafen das ging nicht.
Geschlagen haben sie mich, geknebelt, Kippen mir auf der Hand und Kleidung ausgedrückt. Ich bin immer total verschlafen in die Schule gekommen, weil mich meine Mitbewohner auf das Übelste gemoppt haben. So musste ich mich auch schon halb nackt auf die Bank des Schulwegese setzen und jemanden die Schuhe sauberlecken. In der Schule konnte ich auch nur Teilerfolge verbuchen. Mein Bioreferat für das ich eine 2 bekommen habe. Auch im Sportunterricht wo meistens Fussball gespielt wurde und man mich weil ich wohl ziemlich unsportlich war man mich ins Tor verfrachtet hat.

Wofür ich mich aber am meisten geschämt habe war das ich ein mich als Mädchen verkleiden musste und ich mich vor der gesammelten Mannschaft voll zum Affen machen lassen musste. Nun bin während dieser Zeit auch im Kinderheim wieder mal umgezogen und kam vom Zimmer im Erdgeschoss in den 2.Stock im Hinterzimmer. Wenn du in diesem Haus nicht gespurt hast, bekam man sogar Ausgangssperre. Zu einem Konzert auf das ich mich sehr gefreut habe durfte ich aus Verhaltensgründen leider nicht gehen während die anderen die mich doch gerne wie mein Kumpel den ich von dort kenne und wir heute noch in Kontakt stehen (35 Jahre) kennen wir uns jetzt hätte dabei haben wollen.

Froh war ich als wir uns ein Praktikum von der Schule aussuchen mussten, ich bin dann bei der deutschen Post untergekommen , wo ich dann mit dem Briefträger unterwegs war. Wenn ich zu der Zeit schon einen Führerschein gehabt hätte , hätte ich dort fest arbeiten können. Wenn man wie ich und die anderen einen riesen Cocktail an Pillen schlucken mussten (Wileda) ist man auch nicht mehr Herr seiner Sinne. Deswegen habe ich mit zwei Jungs auch sexuell etwas gehabt, für das ich von der Heimleitung auch zur Rede gestellt wurde. Es ging davor immer gut und wir konnten diese Dinge auch immer geheim halten, doch irgendeiner hat sich verplabbert und dann kam es leider raus. Hängolin (auch Hängulin o. Ä.) bezeichnet ein nicht näher beschriebenes Anaphrodisiakum oder Beruhigungsmittel, welches angeblich der Verpflegung männlicher Soldaten, Gefängnisinsassen oder Internatsbewohner beigemischt wurde, um deren Libido und/oder Erektionsfähigkeit zu senken.
Das bekam ich als Tee. In meiner Zeit dort oben habe ich auch erfahren das es z.B. bei einem Mädchen zur Schwangerschaft gekommen ist, als ein Junge was mit ihr hatte. Nun war ich fast 18 und meine endgültige Abreise stand vor mir. Wie sollte es jetzt weitergehen fragte ich mich, ich hatte ja keine Perspektive.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Ewald Bittner aus Bielefeld schrieb am 25. Januar 2022 um 16:15
Es muss um 1960 gewesen sein, als das Gesundheitsamt Lünen meinen Eltern für mich eine Kinderkur im tiefsten Schwarzwald anbot. Für vier oder sechs Wochen ging es nach Bad Herrenalb. Dort sollte ich mich verrußten Ruhrpott erholen und endlich was auf die Rippen bekommen. Es muss nach eigenen Recherchen das Kinderheim Landhaus Isolde gewesen sein, das heute nicht mehr existiert. Und ich kann mich heute - inzwischen bin ich 73 Jahre alt - an nichts mehr aus dieser Zeit erinnern, außer an Backpfeifen bei nicht eingehaltener Nachtruhe und an die wöchentlichen Briefe an meine Eltern mit dem Text: "Ich habe wieder zugenommen".
Wer war ebenfalls dort mit mir vielleicht oder früher bzw. später.
Wer ist an einem Erfahrungsaustausch interessiert?
Über Reaktionen würde ich mich sehr freuen.
Herzliche Grüße aus Bielefeld
Ewald Bittner
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 23. Januar 2022 um 18:51
Insgesamt war ich 2 x Mitte der 1970er Jahre als Verschickungskind auf Juist im Kinderkurheim „Schwalbennest“, jeweils für 4 Wochen in den Sommerferien NRW. Das erste Mal muss kurz vor meiner Einschulung gewesen sein, ich weiß, dass ich weder lesen noch schreiben konnte. Das 2 x im 1. oder 2. Schuljahr. Leider habe ich keine durchgängigen Erinnerungen an diese Aufenthalte, vielmehr habe ich Situationen und Bilder im Kopf, die ich zeitlich jedoch nicht zuordnen kann.

Ankunft:
Meine Eltern und ich erreichen das Schwalbennest. Ich ahne, dass sie mich nun dort abgeben werden und weine bitterlich, meine Mutter hält mich auf dem Arm und übergibt mich weinend an eine - aus meiner Sicht - ältere Frau (vermutlich die damalige Heimleiterin Erika P.?). Ich rufe meinen Eltern nach: „Ihr kommt doch mit...?“ Sie antworten: „Ja, wir kommen mit.“
Sie taten es – nicht. Ich sehe sie die nächsten 4 Wochen nicht wieder.
(Ich mache meinen Eltern im Nachhinein keinen Vorwurf. Es war in den 1970er Jahren „in“ die Kinder an die See zu schicken, sie wollten sicher nur mein Bestes. Auch dass sie mich in dieser emotionalen Extremsituation angelogen haben, mache ich ihnen nicht zum Vorwurf, sie waren bestimmt dem strengen Regime der Heimleitung ebenfalls machtlos gegenüber. Leider leben meine Eltern nicht mehr, zum Thema „Juist“ habe ich sie nie befragt und wir haben es nicht aufarbeiten können.)

Kleidung:
Für meine große Reise bekomme ich etliches an neuer, schicker Kleidung. 'Kombinationen' aus Sommerkleidchen und kurze Hosen mit passendem T- Shirts; jedes einzelne Kleidungsstück versieht meine Mutter in mühevollen Näharbeit mit Namensschildchen. Im Heim bestimmen die Erzieherinnen was jedes Kind trägt und nehmen keine Rücksicht auf die Wünsche der Kinder. Ich bin empört, dass ich nicht selbst meine tägliche Kleidung aussuchen darf.

Schlafsäle:
Ein Schlafsaal für Mädchen mit 8-10 (oder mehr?) Metallbetten, es ist dort karg, kalt und ungemütlich.... Ich erinnere den täglichen Mittagsschlaf (mit 5 oder 6 Jahren bzw. älter!) und die abendliche erzwungene Nachtruhe. Es darf nicht mehr gesprochen oder geflüstert geschweige denn gelacht werden. Ich weine mich allabendlich in den Schlaf auf tränennassem Kopfkissen...

Toiletten/ Bäder:
Die Toiletten lassen sich nicht abschliessen. Eine überaus peinliche und erniedrigende Angelegenheit, insbesondere beim Erledigen des „großen Geschäfts“. Ebenso unangenehm ist das gemeinschaftliche Duschen. In meiner Nacktheit schäme ich mich sehr vor den anderen Mädchen sowie vor den Erzieherinnen und fühle mich schutzlos und irgendwie ausgeliefert.

Mahlzeiten:
Ein großer, holzvertäfelter Speisesaal, zu irgendeiner Mahlzeit gibt es im Wechsel: Milchreis mit Zimt, Griesbrei oder Haferschleim, Samstags nachmittags etwas besonderes: Brötchen mit viel zu süßer, stückiger, bräunlicher 'Erdbeermarmelade' (ich liebe Erdbeeren aber bis heute verabscheue ich Erdbeermarmelade, sowie Griesbrei). Vage erinnere ich mich daran, dass gegessen werden muss, was auf den Tisch kommt.

Wanderungen:
In Zweierreihen laufen, besser gesagt, marschieren wir (ein Hut, ein Stock, ein …. und vorwärts, rückwärts, seitswärts...) in endlosen Wanderungen um den Hammersee oder Richtung Wattenmeer, seltener den steilen, jedoch kurzen Weg über die Dünen zum Strand.
Einmal baue ich etwas abseits der Gruppe eine 'Sandburg' (ein Loch im Sand mit einem Wall ringsherum), lege mich flach auf den Rücken hinein, so dass mich niemand sehen kann und wünsche mir mit dem großen Niveaballon davonzufliegen...

Strafe:
Gabi hat etwas verbrochen (ich weiss wirklich nicht mehr was) und steht nachts zur Strafe mit nackten Füßen, nur mit dem Nachthemd bekleidet, in dem kalten Hausflur mit dem Gesicht zur Wand und muss beide Arme waagerecht hochhalten... gefühlt stundenlang.

Post von Zuhause:
Es erreichen mich während meines Aufenthalts mehrere Pakete von zuhause mit Süßigkeiten, die jedoch die Erzieherinnen unter den Kindern aufteilen. Auch darüber bin ich sehr empört, mein Sozialgefühl ist noch nicht besonders ausgeprägt, darüber hinaus emfinde ich es als Eindringen in meine Privatsphäre - heute würde man sagen übergriffig - dass „meine Post“ einfach ohne meine Einwilligung verteilt wird.

Ankerplatz:
Vor dem Haus steht ein 'Schiffsmast' mit Fähnchen und Wimpeln sowie ein Steuerrad mit einem nachempfundenen Schiffsbug. Hier finden regelrechte 'Aufmärsche' statt. Alle Kinder stehen im Kreis, singen Seemannslieder oder Lieder aus der Mundorgel, spielen 'der Pumpssack geht um'.
Hier ist Heimleiter Gerd P. in seinem Element.

Versteck:
Die für die Nordseeinseln so typischen Heckenrosen reichen auf der Dünenseite bis an die niedrige Mauer zum Hof des Schwalbennests heran. Dort unter den Büschen habe ich ein Geheimversteck eingerichtet um meine Schätze (Muscheln, Steine) vor Diebstahl oder Zerstörung durch die größeren Kindern zu schützen. In unbeobachteten Momenten hocke ich hier und weine vor Heimweh.

In meiner Erinnerung kann ich weder physische noch sexualisierte Gewalt finden. Ich wurde nicht geschlagen, nicht in dunkle Keller oder Räume gesperrt oder gar missbraucht. Auch kann ich mich nicht erinnern erbrochen zu haben und dieses wieder aufessen zu müssen. Jedoch muss ich feststellen, dass ich die seelische Kälte und Lieblosigkeit, das Fremdbestimmtsein, die ganze Atmosphäre, welche im Heim herrschte, als psychische Gewalt empfunden habe. So etwas kannte ich von zuhause nicht, ich bin sehr liebevoll und behütet aufgewachsen.
Mein übermächtigstes Gefühl war das des unendlich großen Heimwehs. Die Aufenthalte auf Juist waren alles andere als Erholung und Urlaub für mich, sie fühlten sich an wie in einem Gefangenenlager. Die Nachwirkungen reichten bis in mein Erwachsenenalter hinein: Ich bin als Kind oder Jugendliche danach nie mehr alleine verreist bspw. mit den Pfadfindern, der KjG oder ins Zeltlager. Erst im Studium nahm ich als junge Erwachsene mit Anfang 20 an Exkusionen teil.

In den hier geschilderten, teilweise sehr erschütternden Erlebnisberichten lese ich, dass es etliche ehemalige Verschickungskinder viel schlimmer erwischt hat als mich, vielen ist unglaublich großes Unrecht widerfahren. Umso wichtiger ist es, dass diese Unrechtstaten Schutzbefohlenen gegenüber endlich ans Licht kommen und die Betroffenen die angemessene Aufarbeitung und Entschädigung erfahren, die ihnen gebührt.

Das Schwalbennest ist kurze Zeit nach meinem letzten Aufenthalt geschlossen worden, ein Kindergarten zog anschliessend Ende der 1970er dort ein. Im Jahr 2018 ist es (zu Recht!) abgerissen worden, ein unglückseliger Ort, der viel Kinderleid verursacht hat...
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Christoph Kaup aus 74343 Sachsenheim schrieb am 19. Januar 2022 um 21:05
Ich war mit gerade 7 Jahren über 5 Wochen in diesem Kinderheim. Wir hatten abends 3 Minuten Zeit uns zu waschen. Jeden Tag gab es ca. 1,5 Stunden Mittagsschlaf. In meinem Schlafsaal waren 3 sadistische ältere Jungen, die alle Kinder zwangen, sich während des Mittagsschlafs nicht zu bewegen. Ich habe einmal die Zehen bewegt, darauf schlugen sie mit einem Bügel mehrmals auf meine Beine. Es gab einen lernbehinderten Jungen, der besondes gequält wurde. Er musste während jeden Mittagsschlaf zig Kniebeugen machen, bis er nicht mehr konnte. Die Erzieherinnen praktizierten "Gruppenkeile". Mindestens einmal wurde ein Kind während eines Spaziergangs von den Erzieherinnen über einen Balken gelegt und festgehalten. Alle Kinder der Gruppe (32 Kinder) mussten ihm mit einem Bügel einen Schlag auf den Hintern geben. Wir wussten nicht, was er eigentlich getan hatte. Zum Glück hatte ich Mitleid und habe nur sehr leicht geschlagen. Es gab zum Frühstück oft angebrannte Kakaosuppe, zum Mittagessen halb gekochte Kartoffeln und zum Abendessen angebrannte Tomatensuppe oder Ähnliches. Wir mussten aufessen, sonst durften wir nicht aufstehen. Beschwerdebriefe an die Eltern wurden von den Erzieherinnen vor allen Kindern vorgelesen und zerrissen. Einmal in der Woche musste man vor einem großen Regal antreten und bekam eine neue Unterhose und ein neues Unterhemd. Die Erzieherinnen nahmen die Hände wie in einem Schraubstock und schnitten die Nägel. Meine Mutter hat sich nach meiner Heimkehr bei der Organisation, ein privater Träger beschwert. Die Erlebnisse hatten schwere Traumatisierungen zur Folge. Ich habe ein Foto von der Gruppe und den Erzieherinnen.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 19. Januar 2022 um 17:36
Ich war 1964 als 7jähriger 6 Wochen zur Kindererholung im Adolfinenheim in Borkum.
Auf der Hinfahrt von Köln war ich noch frohen Mutes, weil mein 6 Jahre älterer
Bruder vorher schon in Borkum zur Kindererholung war und nichts negatives
erzählt hatte. --- er war aber nicht im Adolfinenheim, er war im “Kinderkurheim
Santa Maria“ .
Ich kann auch nichts positives vom Adolfinenheim berichten, das Essen war
“ungewöhnlich“ , (bähhh)
Milchsuppe in allen Variationen und auch oft zerkochten Kochfisch ; bis heute hab‘
ich ein Grauen vor beidem…..
Beim Essen durfte man nicht aufstehen, auch nicht zur Toilette. Wenn sich einer
der Kinder dann am Tisch übergeben hatte, musste er das unter Zwang wieder in
sich „reinstopfen“. –Aufessen musste man sowieso, sonst gab‘ Ohrfeigen--
An zwei Namen der Betreuerinnen kann ich mich noch erinnern, “Tante Eva“ , sie war schon etwas älter und lief fast immer mit Mundorgel/Gesangbuch durchs Haus.
Dann “Tante Ute“ , noch relativ jung, sie hatte eine sadistische Freude daran, wegen
unbedeutender Nichtigkeiten kleinen Jungs den nackten Po zu versohlen.
Alle anderen mussten sich dann umdrehen, wer erwischt wurde, dass er dorthin schaute,
war das nächste Opfer.
Nach 5 Wochen wurden wir untersucht und gewogen, ich hatte nicht zugenommen, was
dort ja das oberste Ziel war ; im Gegenteil ich hatte ein halbes Pfund abgenommen.
Man “drohte“ mir 4 Wochen Nachkur an, weil ich nicht zugenommen hatte.
Die nächsten Nächte hab‘ ich nicht geschlafen, nur geweint. -Und beim
Essen dann, trotz Ekel, versucht, so viel wie möglich in mich reinzustopfen, um zuzunehmen.
Bin dann zum Glück ohne Nachkur nach 6 Wochen nach Hause gekommen.
Nach der Rückkehr konnte ich mich über die Zeit in Borkum bei meinen Eltern
leider auch nicht beklagen, sie waren zwar liebevolle fürsorgliche Eltern aber noch vom
“alten Schlag“ mit der Einstellung “ein bisschen Zucht und Ordnung hat noch niemandem
geschadet“.

Ich war danach noch 2 mal in Kindererholung , in Bayern.

1966 in Bühl/Alpsee im “Jugendkurheim St.Michael“,
das war OK, wir wurden ordentlich behandelt und das Essen war OK,
es war Sommer und wir durften oft im Alpsee baden/schwimmen gehen.

1971 war ich in Murnau/Staffelsee im “Jugendkurheim Hochried“ ,
das war auch OK, wir wurden gut behandelt und das Essen war gut.
Es war ein strammer kalter Winter mit sehr viel Schnee, wir sind fast jeden
Tag Schlitten gefahren, -- für ein Stadtkind aus Köln ein Traum--!
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Kritzler schrieb am 19. Januar 2022 um 12:13
Ich war dort als 5 / 6 jähriger - Ich kann mich noch heute an viele Dinge dort erinnern. Es war in jeder Beziehung lieblos, freudlos etc. Es war dort extrem
streng. Obwohl ich neben einer Lungen TBC Erkrankung auch noch oft starke Magen / Darm Beschwerden hatte, durfte ich nachts nicht aufstehen um evtl zur Toilette zu gehen ! Folglich habe ich 2 x nachts in die Hose gemacht. Zur Strafe durfte ich am nächsten Tag nicht mit zum Strandspaziergang !!!
Danach hatte ICH die Erlaubnis nachts aufzustehen.
Nach diesen Vorfällen ‚ hatte ich es dort noch schwerer. Uli Kritzler
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Heinz Cosse aus 48485 Neuenkirchen schrieb am 18. Januar 2022 um 09:42
Ich habe keine guten Erinnerungen an dieses Heim (Haus 2), in dem ich im Frühjahr 1958 für 5 Monate untergebracht war, weil ich einen “Schatten auf der Lunge” hatte. Auch zwei weitere gute Bekannte waren in dem Heim für längere Zeit untergebracht, die ebenfalls meine Erinnerungen stützen.
Wir können uns noch gut erinnern, dass Kinder, die erbrochen hatten, dieses wieder essen mussten.
Mir wurden Pappmanschetten angelegt, weil ich mal in der “Nase gebohrt” hatte.
Bei der Entlassung wurden mir sämtliche Spielzeuge und Bücher abgenommen, weil diese infektiös sein konnten.
Nach 5 Monaten hat meine Mutter mich auf eigene Verantwortung “herausgeholt”.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 18. Januar 2022 um 01:41
Im Alter von 6 Jahren erkrankte ich schwer an Keuchhusten und wurde zur Erholung alleine in das Hochgebirgs-Kinderheim Haldenhöhe nach Hirschegg im Kleinwalsertal verschickt.
Ich war in einem Zimmer mit ca. 6 Kindern untergebracht. Gegessen wurde gemeinsam in einem Essensraum und mittags mussten wir auf der Terrasse, im Winter mit Decken warm und fest eingepackt, ruhig liegen und eine kalte, süße, rote Flüssigkeit trinken. Ich weiß bis heute nicht was das war. Tagsüber durfte ich an einem Kinder-Skikurs teilnehmen. Das fand ich alles zunächst viel schöner als bei meinen Eltern, denn zuhause gab es sehr oft Streit und ich wurde geschlagen, angeschrien oder in der Toilette eingesperrt. Im Kinderheim war erst einmal alles freundlich und neu. Das änderte sich aber schon bald. Ein Kind hatte im Schlaf ein großes "Geschäft" ins Bett gemacht und es stank fürchterlich. Das Bett des Kindes und sogar die Wand war voll verschmiert. Es herrschte eine große Aufregung und Anspannung im ganzen Haus. Den ganzen Tag war mir übel und mein Bauch verkrampfte sich. Trotzdem sollte ich auch an diesem Tag alles aufessen und mittags gab es auch noch gekochten Fisch, an dem die blausilbrige Haut noch dran war. Ich wollte das nicht essen, weil ich alles nur noch eklig empfand. Bei dem Fischgeruch wurde mir noch mehr übel, aber die Betreuerin zwang mich zum Essen...Suppe, Fisch mit Kartoffeln und als Nachtisch Rote Grütze. Das rieche ich noch heute, wenn ich mich daran erinnere. Natürlich ging das nicht gut und ich musste mich übergeben. Fast jeden Tag gab es irgendeinen Zwischenfall mit Aufregung und ich lebte in Angst oder Anspannung...wie zuhause auch. Die Mahlzeiten wurden meist zur Qual für mich und ich war froh, wenn ich in Ruhe gelassen wurde auf der Winter-Terrasse mit dem roten Getränk.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Fieke aus Bremen schrieb am 17. Januar 2022 um 22:30
IIch wurde mit gerade 6 Jahren ins Adolfinenheim verschickt, um für die Einschulung ins Winterkurzschuljahr "aufgepäppelt" zu werden. Ich habe diese Zeit in grausamer Erinnerung. Niemand war da, mich bei meinem entsetzlichen Heimweh zu trösten. Zuwendung bekam ich keine - ich erinnere mich daran, dass ich mich morgens zum Kämmen in die Reihe stellte und von der Erzieherin nur ein verächtliches "ach du mit deinen 5 Haaren" zu hören bekam. Ich hab's heute noch im Ohr. Für alle möglichen "Vergehen" musste ich am helllichten Tag zur Strafe ins
Bett und durfte noch nicht mal meine Puppe, das einzig vertraute, was ich hatte, mitnehmen. Ich sehe sie noch auf der Fensterbank sitzen. Die Betten waren mit durchgelegenen dünnen Matratzen ausgestattet. Viele meiner Zimmergenossinnen haben eingenässt, mir ist es nur einmal passiert, was ich irgendwie vertuschen konnte. Das Essen war grauenhaft. Wie oft habe ich in einem düsteren Essensraum vor vollen Tellern mit süßlicher Milchsuppe, in der Nudeln schwammen, sitzen müssen, bis ich sie irgendwie heruntergewürgt habe. Noch heute wird mir beim Geruch von warmer Milch schlecht. Ich kann mich daran erinnern, dass es mal eine Kugel Vanilleeis zum Nachtisch gab, das war ein absolutes Highlight. An Spiele mit anderen Kindern oder Basteleien habe ich keine Erinnerung. Irgendwie sehe ich mich immer nur herumstehen oder -sitzen. Ob wir oft an den Strand gegangen sind? Ich weiß es nicht...
Eine der Erzieherinnen hieß Tante Barbara. Sie betreute eine Jungengruppe und ich habe einmal gesehen, dass die Jungs abends gesungen haben und einen Becher Tee zu trinken bekamen. So etwas gab es bei uns Mädchen nicht.
Als endlich die verordneten 6 Wochen herum waren, erkrankte ich an Windpocken und musste noch 2 Wochen länger bleiben. Auf der Krankenstation war es etwas besser, ich glaube, es waren nur vier Betten in einem Zimmer. Außerdem gab es hier etwas Spielzeug und wir durften Weißbrot essen. Ich bekam während meiner Windpockenzeit einmal ein Paket von meinen Eltern, darin befanden sich nur 2 selbstgenähte Blusen "aus kühlendem Stoff". Keine Schokolade, kein Bonbon, keine Kleinigkeit zum Spielen, über das sich ein 6-jähriges Mädchen gefreut hätte... Das war eben von vornherein verboten und die Eltern hielten sich, autoritätshörig wie sie waren, daran. Das habe ich ihnen irgendwie übel genommen. Als diese ganz Zeit überstanden war, gingen wir in einen Andenkenladen und ich habe einen drehbaren Leuchtturm, eine große Muschel und einen stinkenden Seestern ausgesucht.
Ich war nie ganz sicher, ob ich auf Borkum tatsächlich im Adolfinenheim gewesen bin, bis ich vor einigen Jahren ein paar Tage im November auf der Insel verbracht habe, um mein Trauma zu verarbeiten. Im kleinen Heimatmuseum ließ man mir sehr viel Zeit, viele Ordner über dieses Heim zu durchforsten. Anhand der Fotos war mich mir dann ganz sicher, dass ich im Adolfinenheim war.
Das Haus existierte schon lange nicht mehr, das Grundstück wurde zu einem Teil mit einem Kindergarten bebaut. Da dort die Freiwillige Feuerwehr einen Bau plante, wurde neben dem Kindergarten das ganze Grundstück ausgebaggert. Schutt und Scherben des alten Adolfinenheims kamen wieder zu Vorschein und ein Stück einer gelben Waschsaal-Fliese ging als "Trophäe" mit nach Hause.... Nach Borkum werde ich sicher nie wieder zurückkehren.
Ich bin interessiert an Erinnerungen von LeidensgenossInnen, die vielleicht auch Mitte der 60er Jahre ins Adolfinenheim verschickt wurden.
Gräßlich, was man damals uns Kindern angetan hat.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 15. Januar 2022 um 18:43
Ich war 1979 in Wenningstedt über das BSW.
Suche eine Esther die mit mir ab München dort hin fuhr.
Zu diesem Zeitraum war ich zarte 5 Jahre
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Stephanie aus Remagen schrieb am 11. Januar 2022 um 20:17
Hallo, ich war ca 1970/72 mit meinem Bruder in Onstmettingen. Wir waren etwa 8 bzw 10 Jahre alt, und der Veranstalter war die Arbeiterwohlfahrt.
Ich kann mich nicht an Schläge oder so erinnern, aber was ich noch genau weiß, ist, dass man unsere Pakete aus der Heimat vorenthielt. Sogar die 5 Mark, die uns die Eltern mühsam für uns als Taschengeld verschickt hatten, verschwand!
Die Leiterin trank TriTop, und wir durften zusehen! Naja, es gab aber auch für mich unvergessliche, schöne Erinnerungen...
Leider gab es nie einen Austausch mit den anderen Kindern, aber vllt finde ich ja hier liebe Mitbewohner von damals wieder...
Liebe Grüße
Stephanie
... Diese Metabox ein-/ausblenden.
Anonym schrieb am 7. Januar 2022 um 18:21
6 Wochen im "Haus Sonnenschein" der Caritas
Erinnerung an eine Kinderkur auf der Insel Langeoog im Jahr 1963

1: Damalige Gegebenheiten

Im Sommer 1963 war ich 10 Jahre alt, besuchte seit den Osterferien die 5. Klasse des Knabengymnasiums Josephinum in Hildesheim und wurde für die Länge der kompletten Sommerferien in eine von der Caritas angebotene Kinderkur nach Langeoog geschickt.

Ich galt für den damaligen Zeitgeschmack als zu dünn und sollte mal so richtig aufgepäppelt werden. Meine Mutter hatte sich wahrscheinlich etwas zu oft anhören müssen, dass ihr kleiner Junge wohl zu Hause nicht genug zu essen kriegte.
Wenn ich heute Fotos von mir aus meiner Grundschulzeit sehe, finde ich mich zwar schlank, aber doch eher so, wie ein gesundes Kind in dem Alter aussehen sollte.

Jedenfalls ging es für mich damals dann für 6 Wochen auf die Insel Langeoog, in die Obhut von Frauen, die wir "Tante..." oder meistens "Fräulein..." nannten und die für die Zeit der Kur für unser Wohl und das Erreichen des Kurziels, in meinem Fall "ordentlich zunehmen", verantwortlich waren.

Wir Jungen aus der Gruppe, der ich zugeordnet war, schliefen in mehreren 6-Bett Zimmern im Erdgeschoss des Hauses. Von unserem Flur aus erreichte man auch ein Gruppenzimmer, das Zimmer der für uns zuständigen Betreuerin und einen Abstellraum. Wo sich die Waschräume und Toiletten befanden, weiß ich heute nicht mehr.

In der ersten Etage über uns waren die Mädchen untergebracht.
Jungen und Mädchen waren so im Haus verteilt, dass wir, außer zum Essen in einem
Speisesaal, praktisch nie aufeinander trafen.

Heute kann ich mit dem großen Abstand von 59 Jahren nicht mehr mit Sicherheit sagen,
welche Atmosphäre und welcher Geist im "Haus Sonnenschein" herrschte.

In Erinnerung habe ich allerdings, dass sich praktisch alle der zeitgleich mit mir anwesenden Kinder wohl fühlten.

Ich kann mich nicht erinnern, dass es in den Gruppen irgendwelche Vorfälle gab, die ich damals als schlimme Übergriffe der Erziehenden und Betreuenden empfunden hätte und von denen ich heute noch wüsste.

Dazu muss ich aber sagen, dass viel von dem, was heute als übergriffig gilt, damals von vielen Kindern (so auch von mir) als ganz normale Erziehungsmaßnahme wahrgenommen wurde und wohl deshalb im Langzeitgedächtnis im Detail gar nicht abgespeichert ist.

Dazu zählten Maßnahmen wie:
- im Gruppenraum für 1 bis 2 Stunden in der Ecke stehen, wenn beim Reden während der
2-stündigen Mittagsruhe oder bei der Nachtruhe beim Reden mit Zimmergenossen
erwischt wurde
- der Zwang beim Mittagessen aufzuessen, auch wenn man satt war oder das Essen nicht
mochte
- von Gemeinschaftsveranstaltungen schon aus nichtigem Anlass ausgeschlossen werde

2: Erzieherinnen

An Namen der im Heim tätigen Erzieherinnen kann ich mich, mit Ausnahme des Namens unserer Gruppenbetreuerin, nicht mehr erinnern.
Ich kann auch nicht mehr sagen, wie viele es waren.
Es fühlt sich allerdings so an, als seien es sehr viele und als seien sie allgegenwärtig gewesen.


Mit den Frauen des Betreuungspersonals, die andere Gruppen aus dem Heim leiteten, hatte man nur zu tun, wenn sie als "Wache" beim 2-stündigen Mittagsschlaf oder vor dem abendlichen Einschlafen durch Flure und Zimmer streiften. Streng achteten sie darauf, dass von uns niemand sprach.
Zuwiderhandlungen wurden in der Regel mit Ermahnungen, ganz häufig aber auch mit "In der Ecke stehen" im Gruppenraum bestraft.
Im schlechtesten Fall, konnten das dann schon einmal zwei Stunden werden. Eben die gesamte Länge der Mittagsruhe.

Genau erinnere ich mich noch an 2 Mitarbeiterinnen des Heims. Ich habe noch deutlich vor Augen, wie diese zwei Frauen aussahen. .

Da war einmal unsere Gruppenbetreuerin, "Fräulein Heidi S.". Eine junge Frau, die damals bestimmt noch keine 30 Jahre alt war.

Sie war für mich in den 6 Wochen die engste Bezugsperson. Sie war durchgängig für die tägliche Betreuung unserer Gruppe zuständig und wohnte in dem Betreuerinnenzimmer auf unserem Flur, genau am Gangende, dem Zimmer in dem ich anfangs schlief gegenüber.

Fräulein S. war anders, als all die anderen "Fräulein", an die ich mich erinnern kann.

Ich habe sie als immer freundlich und sehr lieb in Erinnerung.

In ihrer Rolle als Leiterin unserer Gruppe musste sie allerdings im Verlauf der 6 Wochen die von der Heimleitung mir gegenüber angeordneten Strafaktionen umsetzen. Und das tat sie konsequent.

Die zweite Frau an die ich mich genau erinnere war die Heimleiterin. Eine dunkelhaarige Frau, die ich damals als alt wahrnahm. Vielleicht war sie aber noch nicht einmal 40. Ihr Name ist mir entfallen.

Mit ihr hatte ich insgesamt dreimal zu tun. Und an diese Begegnungen erinnere ich mich noch ganz genau.

Ich wurde ihr "vorgeführt", sie redete dann auf mich ein und verkündete anschließend die Konsequenzen, die mein unartiges, böses Verhalten für mich haben sollte.
Dabei vermittelte sie mir vor allem, dass ich eigentlich "ein Klotz am Bein" des gesamten Heims sei, den man am liebsten nach Hause schicken würde. Aber das ginge ja nicht, denn dann würde mein böses Verhalten (weiter unten werde ich schildern, was jeweils passiert war) ja sogar noch belohnt.

Sie machte mich richtig klein und gab mir das Gefühl, Verständnis und Zuwendung nicht wert zu sein.

Das Schlimme war, dass ich damals glaubte, sie sagte das zu Recht.
Ich war sicher, dass mit mir etwas nicht stimmte.


3: 3 Vorfälle und ihre Konsequenzen für mich

Ich erinnere mich noch sehr genau an 3 Vorfälle und ihre Konsequenzen:

Der erste Vorfall

Wir waren an einem Donnerstag im Juni oder Juli 1963 angekommen.

Bereits nach 2 Tagen, am Samstag, wurde ich von heftigem Heimweh geplagt.

Ich weiß heute noch, wie es mich von der einen Sekunde zur anderen während des Mittagessens im Speisesaal überfiel.

Ein Gefühl, plötzlich nicht mehr in dem Speisesaal, sondern in und mit mir selbst in einer Gefühlsblase eingesperrt zu sein.
Ich fühlte mich plötzlich wie in Trance.
Übermächtig und beherrschend war die sofort eintretende Angst, dass ich meine Eltern und meinen Bruder nie wieder sehen würde. Die Angst, alle drei würden sterben, bevor ich wieder zu Hause sein würde.
Einer der an unserem Tisch sitzenden Betreuerinnen sagte ich, dass mir sehr übel und schwindelig sei.
Von Heimweh sagte ich nichts. Damals wusste ich wahrscheinlich noch nicht einmal, dass man meinen
Gefühlszustand "Heimweh" nannte.
Sie bemühte sich sehr um mich und brachte mich in den Schlafraum, der mir und 5 anderen Jungen 2 Tage vorher zugewiesen worden war.

Ich legte mich zu Bett und die Betreuerin ließ mich allein, ging sicherlich zum Essen zurück.

Es dauerte nur wenige Minuten und ich hatte den Entschluss gefasst wegzulaufen.

Ich zog mich an, steckte die zehn Mark Taschengeld, die ich für die 6 Wochen von meinen Eltern mitbekommen hatte, in die Hosentasche und kletterte aus dem ebenerdigen Fenster und machte mich auf den Weg zum Hafen.
Ich orientierte mich an den Gleisen der Inselbahn und fand den Anleger ohne große Probleme.

Als ich dann bei einem Schiffer eine Fahrkarte zum Festland kaufen wollte, fand mein Fluchtversuch ein rasches Ende. Ich sehe ihn heute noch vor mir stehen und sagen: "Wo bist du denn abgehauen?"

Ich lief sofort vor ihm weg. Den Steg entlang. Richtung Land zurück.

Und da stand schon Fräulein S. mit einem Fahrrad und "kassierte" mich wieder ein.

Auf ihrem Gepäckträger fuhr ich mit ihr zurück.

Die Konsequenzen aus dem ersten Vorfall

Im Heim angekommen wurde ich zur Heimleiterin gebracht.

Die hielt mir eine ordentliche Strafpredigt. Ich weiß noch genau, dass ich mich danach wie ein kleiner Verbrecher gefühlt habe. An irgendwelchen positiven Zuspruch kann ich mich erinnern.

Strafmaßnahmen gab es aber erst einmal nicht.

Man passte nun aber genau auf mich auf. Solch eine Aktion sollte mir nicht noch einmal in den Sinn kommen!


Der zweite Vorfall

Am ersten Montag des Aufenthalts, also nur 2 Tage nach meinem "Fluchtversuch" durften wir dann vormittags Briefe nach Hause schreiben.

Das war für mich die erste Gelegenheit, meinen Eltern mitzuteilen, wie es um mich stand.
Das Heimweh bestand mit gleicher Heftigkeit wie zur ersten Sekunde.

Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals schrieb. Aber sicher weiß ich noch, dass mein Brief von vorne bis hinten ein Betteln war, doch sofort nach Hause geholt zu werden.

Dass mein Brief vom Betreuungspersonal gelesen und zensiert werden würde, war mir überhaupt nicht klar.

Die Konsequenzen aus dem zweiten Vorfall

Am Nachmittag wurde ich dann erneut zur Heimleiterin gerufen.

Dieses Mal verängstigte sie mich richtig. Ich sehe sie heute noch vor mir:

Ich glaubte doch wohl nicht, dass Sie das Gejammer von einer "Memme" wie mir an meine Eltern weiterschicken würde. Die müssten sich ja dann für mich schämen.

Sie erklärte mir, dass ein Kind wie ich, dass erst wegläuft und dann auch noch solch einen Brief schreibt,
ja wirklich böse und ganz hinterlistig sei.

Dann wurde mir aufgetragen, einen völlig neuen Brief zu schreiben. Und darin solle ich meinen Eltern gefälligst schreiben, dass es mir gut ginge. Sonst würde auch der gar nicht erst abgeschickt.

Das traf mich wie ein Schlag: Der Kontakt zu meinen Eltern war ja jetzt völlig abgeschnitten. Ich würde ihnen erst in mehr als 5 Wochen, in fast 40 Tagen mitteilen können, wie schlecht es mir ging.

Ich fühlte mich allein auf der Welt und dem Heimpersonal völlig ausgeliefert.

Dabei glaubte ich, diese lange Zeit gar nicht überstehen zu können. Denn zu meinen dunklen Gedanken
gesellte sich sofort ein Gefühl vollkommener körperlicher Schwäche.

Dazu kamen mir Zweifel an der Haltung meiner Eltern.

Mein Gedanken waren: "Würden deine Eltern dich überhaupt verstehen? Würden sie dir helfen, wenn sie wüssten wie schlecht es dir geht? Oder würden sie sich vielleicht sogar wirklich für dich schämen?

Natürlich schrieb ich dann mit dem Zwang im Nacken einen neuen Brief.
Von dessen Inhalt und Zustandekommen weiß ich aber heute gar nichts mehr.
Nicht einmal wann oder an welchem Ort im Kurheim ich ihn geschrieben habe.

Die vor mir liegende Zeit auf der Insel kam mir unendlich vor. Das würde ich nicht aushalten, glaubte ich.


Der dritte Vorfall

Am folgenden Sonntag, also dem zweiten Sonntag des geplanten Aufenthalts, ergriff ich erneut die Initiative.
Wir waren vom Heim aus mit allen Gruppen zum Besuch eines Gottesdienstes zur ziemlich in der Mitte der Inselortschaft liegenden Kirche gewandert.

Ich weiß es heute nicht mehr, aber ich bin mir doch ziemlich sicher, dass ich nach dem Vorfall mit der Briefzensur ständig nach einer neue Möglichkeit zur "Flucht" gesucht hatte.

Diese bot mir jetzt unser Kirchenbesuch.

Als wir mit unseren Gruppen die Kirche betraten, entstand durch die Enge im Eingang eine für die Betreuerinnen wohl ziemlich unübersichtliche Situation.
So konnte ich mich gleich im hinteren Bereich des Gebäudes unter die anderen Gläubigen mit ihren Kinder mischen, während die Aufmerksamkeit unserer Betreuerinnen den Kurkindern galt, die durch den Mittelgang auf vordere Plätze geführt wurden.

Nachdem alle Platz genommen hatten, war die Kirche voll und niemand hatte mein Ausscheren aus der Gruppe bemerkt.
Als dann der Gottesdienst begann, konnte ich die Kirche durch den Hinterausgang verlassen. Dabei fühlte ich mich von niemandem beachtet oder gar beobachtet. Aller Aufmerksamkeit war ja Richtung Altar gerichtet.

Sofort lief ich, wie schon eine Woche zuvor, zum Hafen.

Meine Abwesenheit würde frühestens nach dem Gottesdienst bemerkt werden. Ich hätte also etwas zeitlichen Vorsprung, dachte ich.

Am Hafen angekommen, suchte ich zuerst nach einem Boot mit dem ich selbst zum scheinbar greifbar nahe liegenden Festland rudern könnte. Die vorhandenen Boote waren alle zu groß.

Hätte ich ein kleines Ruderboot, von der Art wie ich Ruderboote damals von kleinen Ausflugsseen her kannte, gefunden, wäre die ganze Geschichte möglicherweise böse ausgegangen.

So ging ich trotz der schlechten Erfahrung, die ich eine Woche zuvor gemacht hatte, wieder auf den Steg, um zu versuchen, vielleicht von einem anderen "Schipper" auf einem der Passagierschiffe mitgenommen zu werden.

Aber ich war kaum auf dem Steg, da trafen schon 2 Betreuerinnen auf ihren Fahrrädern ein und auch meine zweite "Flucht" war zu Ende.

Die Konsequenzen aus dem dritten Vorfall

Wieder ging es sofort zur Heimleiterin.

Die machte mich erst verbal ganz klein und sprach dann eine harte Strafe aus:

Im Schlaftrakt, am Flur von dem aus wir unsere Schlafräume erreichten, gab es einen kleinen Abstellraum.

Da passten so gerade ein Bett und ein Nachtschrank hinein. Es gab keine richtigen Fenster, sondern nur zwei Oberlichter. Die aber mit Klarglas versehen waren, so dass man den Himmel und die Wolken unverzerrt sehen konnte.

In diesem Zimmer musste ich von nun an auf unbestimmte Zeit mittags und nachts schlafen. Die Tür wurde zu den Ruhezeiten zwar nicht verschlossen, aber grundsätzlich geschlossen.

Ich weiß heute nicht mehr, wie viele Tage ich dort von allen anderen Kindern abgesondert verbringen musste. Es sind aber so viele gewesen, dass sie in meiner Erinnerung ganz schwer wiegen.

Am schlimmsten waren in dieser Zeit für mich die jeweils 2 Stunden Mittagsruhe, in denen ich grundsätzlich nie schlafen konnte.
Sie kamen mir jeden Tag aufs Neue wie eine Ewigkeit vor und mein Heimweh bohrte besonders in mir.
Noch heute kann ich mich genau daran erinnern, wie ich mittags im Bett liegend durch die Oberlichter den Wolkenzug beobachtet habe.

Während es in den Gruppenräumen Vorhängegardinen gab, waren vor den Oberlichtern im Abstellraum keine angebracht.
Im Zimmer war es also zur abendlichen Schlafenszeit immer sehr hell.
So fiel mir auch abends das Einschlafen schwer. Oft lag ich lange wach, von meinem Heimweh gequält.

Täglich graute mir vor den Ruhezeiten.

Irgendwann durfte ich dann wieder in einem Gruppenschlafraum schlafen.



4: Was ich noch schreiben möchte

Für die Erzieherinnen im "Haus Sonnenschein" war ich als kleiner Junge, der die Energie aufbrachte zweimal wegzulaufen, sicher ein großes Problem.
Aber ich war ein 10-jähriges Kind.
Wie konnte man das über einen Zeitraum von 40 Tagen in großer seelischer Not so mit sich allein lassen?

In meiner Erinnerung habe ich die 5 bis 6 Wochen wie in Trance gelebt.
Ich fühlte mich wie in einer Blase.

Als ich 1963 nach Hause kam, habe ich meinen Eltern nichts von meinen "Fluchten" und deren Folgen erzählt.
Sie sollten ja nicht wissen, was für ein Schwächling und wie böse ich war.

Erst viele Jahre später habe ich meinen Eltern von den Ereignissen während der Kur berichtet.
Sie waren wie vor den Kopf gestoßen und versicherten mir, nicht das Geringste über meine Nöte erfahren zu haben.
Im Gegenteil: Von der Caritas hatten sie sogar nach Kurende eine Art Protokoll, in dem mir ein guter Kurerfolg und eine Gewichtszunahme von 3kg attestiert wurden, erhalten.
... Diese Metabox ein-/ausblenden.

Aufrufe: 41665