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“Verschickungskinder: Studie zu St. Peter Ording sieht keine Belege für systematische Gewalt”

Statement von Bruno Toussaint zu dem Bericht des NDR vom 11.10.2022

“Verschickungskinder: Studie zu St. Peter Ording sieht keine Belege für systematische Gewalt”

Der vom NDR ausgestrahlte Bericht über eine “Forschung” zu den mehr als 30 Kinderheilstätten auf St. Peter Ording sollte eigentlich Anlass sein, die bisherige Forschung zum Thema Kinderverschickung unter die Lupe zu nehmen. Das “wissenschaftliche” Verfahren, um das es hier geht, scheint letztlich ein Meisterwerk aus viel heißer Luft und Statistik zu sein, was im Grunde schon der Wahrheit des gesprochenen Wortes zuwiderläuft.

Zunächst jedoch zu meinen Gefühlen, als ich den Film sah: Ich war ziemlich schockiert, als ich erst nach einiger Zeit richtig erkannte, dass ältere Menschen hier offensichtlich als Testpersonen in einem kaum durchschaubaren und als Forschung getarnten Spiel benutzt werden, um alles, was sie an Gewalt erlebt hatten, zu relativieren.

https://www.ndr.de/home/schleswig-holstein/Verschickungskinder-Studie-sieht-keine-Belege-fuer-systematische-Gewalt,verschickungskinder160.html

Jetzt zum Hintergrund der hier angewandten wissenschaftlichen Methodik.

Zwei “Forscher”, ein Historiker und ein Soziologie, der jüngere davon höchst karriereorientiert, hatten Berichte aus nicht weniger als 30 Heimen in St. Peter Ording untersucht, rund 30 Personen befragt und gesamt über 400 Berichte ausgewertet. Dabei wendeten sie statistische Methoden an, die der erst 32 Jahre junge Dr. Hertz bereits in seiner Doktorarbeit über die Nazi-Affinität evangelischer Pfarrer und so genannter Widerstandskämpfer erfolg-reich eingesetzt hatte, um deren oft versteckte nationalistische Gesinnung nachzuweisen. Damals gelang es ihm, ihren Ruf als Kämpfer gegen den NS-Geist gründlich zu widerlegen. Dafür kann man ihn nur beglückwünschen.

Als eifriger Jungwissenschaftler mit passender Brille stürzte er sich nun darauf, das Trendthema Verschickung mit Hilfe seiner “wissenschaftlichen” Methode der endgültigen Wahrheitsfindung gründlich aufzumischen. Ziel war es, die Wahrheit des gesprochenen Wortes – also die der Opfer – durch die Wahrheit der Statistik zu (z)ersetzen. Die Gemeinde St. Peter Ording stand seit längerem schon unter einem gewissen Druck und gemeinsam mit den zwei Wissenschaftlern der Uni Kiel beschlossen sie, die von den Opfern geschilderten Gewalttaten gleich in allen Heimen untersuchen zu lassen – im Grunde ein kaum seriös zu lösendes Unterfangen mit vielen Fragezeichen!

Nun zur Analyse der Methodik, soweit sie nachzuvollziehen ist. Allerdings sind meine Anfragen von den beiden Herren noch nicht beantwortet worden.

In der Studie werden nun Berichte über “offensichtliche” Gewalt, wie z. B. Schläge, genau erfasst, genauso auch die der Vergleichsgruppe, die tendenziell positiv berichtet. Das liegt in der Logik des Verfahrens und ist zunächst völlig legitim. Kritisch wird es jedoch, wenn die beiden Forscher eine Gewaltsystematik im Sinne von sich wieder-holenden Schemata und Mustern strikt verneinen, die sich aber in allen derartigen Heimen in oft hochgradig mechanischen und gleichgerichteten Abläufen durchgängig zeigten: oftmals Licht an/aus in der Nacht, Nacktheit beim Waschen, dann der Zwang, auf oft verschmutzte und beschissene Toiletten gehen zu müssen – bei offener Türe und Warteschlangen davor, auch Zwänge und strengste Kontrolle im Speisesaal, oder Lethargie in dunklen Wintern, etc. Eine Analyse dieser oft versteckten und systemischen Gewalt findet aber gar nicht erst statt.

Gleichzeitig verneint sie völlig zu Recht eine dahinter stehende “Ideologie”, wohl im Sinne der von A. Röhl oft zitierten Nazi-Orientierung und/oder Herkunft des Personals. Zugleich verneint sie Fälle von sexueller Gewalt, was ein wenig verwundert, da solche Vorfälle in einer Vielzahl von Heimen stattfanden – gerade hier werden Muster und sogar „Rote Linien“ der Distanzierung des oft überforderten Personals sichtbar. Sexuelle Vorfälle macht die Studie des Nachwuchswissenschaftlers Dr. Hertz und von Prof. Graeff jedoch an der Klassifikation von Fürsorgeheimen fest, was so nicht stimmig ist. Die “Probanden” wurden also offensichtlich mit der Methodik dieser Billigstudie über die Heime in St. Peter-Ording überfahren. Es gab auch bereits erste Rückmeldungen von Betroffenen. Bedauerlicherweise sitzen jedoch alle, die Opfer als auch die “Täterorganisation”, im selben Boot.

Die Studie steuert damit auf ein immer größeres Dilemma zu, denn ihr Anspruch auf “Wissenschaftlichkeit” lässt die Aussagen immer unflexibler und starrer erscheinen. Auch im Vergleich zu den “Fakten” aus den Akten, samt positiver und negativer Aussagen ehemaliger Mitarbeiter, ergibt sich so eine immer größere Streuung von statistischen Aussagen, die zunächst sachlich scheinen, aber letztlich keinen vertieften Blick auf das tatsächliche Geschehen in den Heimen vermitteln. Was also fehlt, ist eine vergleichende Zusammenschau aus verschiedenen Perspektiven, um die historischen Betriebsabläufe – mit ihren oft verheerenden Auswirkungen auf die Kinder – zumindest in einem repräsentativen Heim in einer kontinuierlichen Querschnittsstudie darstellen zu können.

Ich vermute also, dass die beiden Wissenschaftler durch die bisherige mediale Dauerpräsenz von immergleichen sozialpädagogischen “Fakten” über Gewalt, wie Erbrochenes essen müssen oder Sack über’m Kopf und gleiche Filmtrailer, letztlich dazu verleitet wurden, einen völlig falschen Ansatz ihres Forschungsmodells zu wählen. Ihre Studie scheint so verblüffend perplex zu sein, dass sie reale und eigentlich schon längst bekannte Tatsachen verschleiert, nur um am Ende wieder behaupten zu können, dass die nachgewiesenen Fakten keine statistischen Aussagen über ein reales historisches Handlungsspektrum zuließen. Die Methodik dieser Art “Forschung” wirkt damit konfus und überzeugt nicht, aber zur kritischen Auseinandersetzung sind die beiden bisher nicht bereit.

Eine Anregung für die Neufassung der Studie in St. Peter Ording.

Was also andere Wissenschaftler schon längst und reihenweise über den historischen Kontext der Verschickung ausgesagt haben, interessiert die beiden Kieler nicht – sie ignorieren es einfach! Mit anderen Worten: Der eisige Atem der Wissenschaft wehte über den Betroffenen und niemand hat es wirklich bemerkt. Der Tenor der Studie klingt zudem – im Hinblick auf die Opfer – in allen Punkten relativierend, so dass die Gemeinde St. Peter Ording von ihrer Aufsichtspflicht gegenüber den zahlreichen ehemaligen Heimbetreibern weitgehend entlastet scheint.

Es macht also wenig Sinn, wenn eine Gemeinde mit einer so hohen Zahl von Heimen eine Studie in Auftrag gibt, die die Aspekte der Gewalt verschleiert und relativiert und gleichzeitig noch “kostengünstig” sein soll. Ideal wäre aber eine Studie, die den wirtschaftlichen Aufschwung von St. Peter Ording in der Nachkriegszeit anhand der “Totalen Institution” beschreibt, einschließlich der Folgen für die massenhaft angekarrten Kinder. Eine derartige Studie zur “Äußeren Gewalt” könnte nämlich mit anderen Studien zu einer Gesamtanalyse verbunden werden.

Man kann also nur hoffen, dass zum Trendthema Verschickung jetzt nicht noch ein neuer Trend Einzug hält und sich jede Gemeinde mit früheren Heimen genötigt sieht, solche engstirnigen Studien nach scheinbar gesicherten wissenschaftlichen Methoden in Auftrag zu geben: „um die Wahrheit zu finden”. Das führt nur zu neuen Märkten, wo Gelder, Karrieren und Bücher generiert werden, aber die Betroffenen und Opfer letztlich außen vor bleiben.

Im Gegensatz dazu eine Vergleichsstudie über ein einzelnes repräsentatives Kurheim, die auf den ersten Blick zunächst völlig unwissenschaftlich erscheint.

Genau diese Gewaltaspekte der „Totalen Institution“ im Sinne von Goffmann und die qualitative Bewertung von Heilmethoden sind nun in der vom Landtag in Hannover beantragten Kurzfassung der Petition zum Seehospiz mittels längerer Interviews mit Wissenschaftlern und aufwändiger Recherchen zum Begriff Sedierung prägnant herausgearbeitet worden. Lesen Sie auch die Kommentare zum Schluss des Textes zum Thema Neuroleptika.

https://verschickungskind.de/petition-mit-der-nummer-03291-88-18-an-den-landtag-niedersachsen/
https://verschickungskind.de/neuroleptika-im-naturheilbetrieb-seehospiz-auf-norderney/

Im verlinkten Podcast des BR sprechen Nonnen über die “wirtschaftlichen Nöte”, die sie gehabt hätten, wenn die Kinder nicht auf Teufel komm raus zugenommen hätten – was nur mit zweckentfremdeten Antihistaminika u. ä. zu machen ist. Diese Tendenz zur “Unterwerfung” der Kinder in der gleichgeschalteten Masse scheint auch einer der Kernpunkte zum Verständnis des Systems der “Verschickung” zu sein. Man kann auch von systemischer und struktureller Gewalt sprechen, die alles Lebendige massiv durchdringt – all dies gilt auch für St. Peter Ording!

Dagegen wirkt der Ansatz der Forscher, nur eher positive und negative Aussagen von Opfern und ehemaligen Mitarbeitern sowie “Fakten” aus Archiven statistisch zusammenzuführen, und den Rest zu leugnen, allzu grotesk. Dazu muss St. Peter Ording sich den Vorwurf gefallen lassen, dass das Forschungsprojekt auf größtmöglichem Mangel an Empathie gegenüber Betroffenen aufbaut und gar nicht klar ist, was überhaupt das Ziel der Aktion ist.

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Bettina Boehm
14. November 2022 21:15

Ich war in St. Peter Ording und kann mich an so viele Details erinnern, die mich heute noch begleiten Bin jetzt fast 60 und war ca 1970 dort.

Bruno Toussaint
Bruno Toussaint
Reply to  Bettina Boehm
14. November 2022 23:03

Die Frage ist, liebe Bettina, welche übergeordneten Entmündigungen oder Formen der Ungerechtigkeit dich durch dein Leben begleitet haben. Fast jeder hat schon seine “Details” besungen. Aber welches dieser Details hat eine so grundlegende Bedeutung, dass es eine allgemeine Ungerechtigkeit beschreiben würde, die für alle gilt? Versuche dies zu beschreiben und trenne sie von Deiner subjektiven Sphäre. Damit hättest Du auch eine politische Aussage getroffen.

Bruno Toussaint
Bruno Toussaint
4. November 2022 02:55

Alles in allem war dies eine sehr fragwürdige Aktion der Kieler Universität: Menschen, die man fast schon als Opfer bezeichnen könnte, wurden als Testpersonen benutzt, ihre Erlebnisse wurden in ein Raster aus mehr positiver oder negativer Bewertung eingetragen, und somit wurde die Mithaftung der Gemeinde St. Peter Ording zu den Geschehnissen relativiert, ebenso jede weitere Aussage über erlittene Gewalt relativiert. Aber was mich noch mehr wundert, ist, dass die Leute sich das alles gefallen lassen und niemand dagegen protestiert hat. 

Irgendetwas muss an dem ganzen Hype um die Aufarbeitung der Verschickung falsch sein, denn keiner der Betroffenen, von denen angeblich bis zu 10 Millionen in der Vergangenheit verschickt wurden, stellt heutzutage politische Forderungen und keiner formuliert von sich aus, worin seine persönliche Entrechtung in dieser Zeit eigentlich bestand.

Wenn man aber so passiv ist, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Politik einen Bogen um die Ereignisse macht. Insofern nutzt es auch nichts, dass die Leute jeden Tag auf der rechten Seite in der Rubrik Verschickungserlebnisse ihre persönlichen Berichte oder Gesuche reinschreiben, als wäre das ein Poesiealbum.

Wie dem auch sei, dass ist mein persönlicher Kommentar zu meinem eigenen Statement über die St. Peter Ording-Studie, über die sich außer mir niemand aufzuregen scheint.